Mercedes C63 AMG im Test

So breit, so gut

Foto: Hans-Dieter Seufert 26 Bilder

Der bollernde, 457 PS starke 6,2-Liter-V8 macht aus dem neuen Mercedes C 63 AMG zwar keinen Sportwagen, aber eine enorm potente Limousine.

Rein ins Eck, rum das Ding, schalten, kuppeln, bremsen. Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung, wieder selbst verantwortlich sein statt per elektronische Fangleine gesichert? Nicht doch, liebe Quertreiber und Spätbremser.

Das hier ist schließlich kein 1000-Kilo-Spielzeug eines Kitcar-Herstellers, sondern eine ausgewachsene Mittelklasse-Limousine. Noch dazu von Mercedes, wenngleich mit dicken Backen, vier Endrohren, üppigem Spoilerwerk und den üblichen Insignien der Tuner-Zunft. Wohin man auch schaut: von der optischen Zurückhaltung einer serienmäßigen C-Klasse keine Spur.

Die verlängerte Frontpartie mit den gierig aufgerissenen Nüstern kauert tief über dem Asphalt, die 18-Zoll-Aluräder (19 Zoll als Option) quellen fast aus den Radhäusern, und die beiden Powerdomes auf der Motorhaube würzen das Ganze mit einer Prise Flügeltürer-Romantik.

So viel Exhibitionismus muss wohl sein für den stärksten Serienmotor, der je in dieser Klasse zum Einsatz kam. Nach 3,6 und 4,3 sowie 5,4 Liter Hubraum ist nun auch das kleinste AMG-Modell reif für jenen 6,2-Liter-V8, den die hauseigene Sport-Dependance erstmals völlig in Eigenregie entwickelt hat und seit 2005 in die größeren Baureihen bis hin zum schweren Offroader ML 63 einbaut.

Dass er hier nur mit 457 statt sonst 481, 510 oder 525 PS antritt, lässt sich angesichts des geringeren Wagengewichts leicht verschmerzen. Immerhin liegt die Leistung nur knapp unter der des DTM-Renntourenwagens (470 PS), aber deutlich über dem, was die Rivalen Audi RS4 und BMW M3 (420 PS) vorweisen können. Vierhundertsiebenundfünfzig PS in einer Familienkutsche. Wahnsinn.

Wer sich da nicht selbst mentale Fesseln anlegt, bekommt sie von der Staatsgewalt noch vor dem nächsten Ortsausgangsschild ums Handgelenk. Dabei resultiert die Überlegenheit der Großkolbenmaschine vor allem aus ihrem üppigen Volumen. Zwischen 2000 und 6250 Umdrehungen pro Minute pressen mindestens 500 Newtonmeter das Hirn in den Hinterkopf, der Drehmoment-Gipfel von 600 Nm wird bei 5000/min erreicht.

Angesichts dieser Wucht in wirklich jedem Bereich verliert selbst die Tatsache an Bedeutung, dass sich die V8-Sportmotoren von Audi und BMW in lichtere Drehzahlhöhen schwingen. Spätestens wenn man das AMGTriebwerk in Aktion erlebt, sind kleinliche Zahlenvergleiche wie weggeblasen. Beim beherzten Tritt auf das Gaspedal reißt die Drehmomentwelle den 1,8-Tonner wie ein Tsunami davon, untermalt vom Soundtrack aus Grollen und Trompeten, der sich zu einem zornigen Hämmern steigert.

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In gerade mal 4,7 (M3: 4,9) Sekunden werden dir die Arme von null auf 100 km/h gezogen, nach weiteren 10,9 Sekunden fällt die 200er-Marke, und wenn die Elektronik nicht bei Tempo 250 einen Riegel vorschöbe, wären sogar 300 drin. In der Sport-Stellung zoomt die serienmäßige Automatik mit um 30 Prozent verkürzten Schaltzeiten blitzschnell durch die sieben Fahrstufen, unterstützt jeden Beschleunigungswunsch durch spontanes Zurückschalten mit wolllüstigen Zwischengas-Einlagen.


Wer trotzdem Herr der Dinge bleiben oder auf kurvigen Pisten konzentriert schnell fahren möchte, kann per Drucktaste den manuellen Modus aktivieren und über Lenkradpaddel eingreifen. Nur freie Autobahnen lassen sich damit nicht herbeizaubern. Also dort lieber das Comfort-Programm einlegen, die jederzeit abrufbaren Kraftreserven in der Hinterhand halten und die Wandlerautomatik unauffällig und weich ihren Job machen lassen.

Bei Autobahntempo spielt sogar die Federung ganz manierlich mit. Sie ist naturgemäß ziemlich straff und absorbiert Bodenwellen vor allem bei Langsamfahrt hart und trocken, versetzt den Aufbau aber nicht in lästige Vertikalbewegungen. Da auch Wind- und Abrollgeräusche gut gedämmt sind, bleibt zumindest ein Rest des mercedestypischen Reisekomforts erhalten.

Hut ab vor der AMG-Truppe, zumal beim C 63 Sportlichkeit ganz oben im Lastenheft stand. Um dem BMW M3 in puncto Handling endlich Paroli zu bieten, waren selbst tiefe Eingriffe in Fahrwerk und Elektronik nicht tabu. Die Maßnahmen reichen von der völlig neu entwickelten, deutlich steiferen Dreilenker- Vorderachse mit 35 Millimeter größerer Spurweite über eine stark modifizierte Hinterachse bis hin zur eigenständigen ESP-Abstimmung mit drei Stufen, die per Drucktaste im Cockpit aktiviert werden.

Zwischen der feinfühligen, aber konservativen Basis-Auslegung und der kompletten Abschaltung für abgesperrte Pisten bietet der Sport-Modus einen straßentauglichen Kompromiss, mit dem sich das dynamische Talent des C 63 optimal ausnutzen lässt.

Spätere Brems- und Motoreingriffe erlauben dem Könner größere Kurvengeschwindigkeiten und Driftwinkel, erst beim Bremsen tritt das ESP wieder voll in Aktion. Dabei sorgen das gutmütige, leicht übersteuernde Fahrverhalten und die exzellente Verzögerung für extrem hohe Sicherheitsreserven.

Überhaupt sollten alle Landstraßen die Felder respektieren und in vielen Bögen und Haken durchs Land führen, damit wir viel am Lenkrad drehen müssen und die Trägheit der Masse alle 100 Meter am Körper zerrt, während der Wagen so unbeeindruckt seiner Linie folgt, als laufe er auf Schienen.

Erst in der Pylonengasse macht sich das hohe Gewicht auf der Vorderachse (970 kg) bemerkbar: Beim Slalom werden die Lenkeinschläge größer, Zielgenauigkeit und Rückmeldung lassen etwas nach. So gefühlsecht und intuitiv wie ein Sportwagen kann ein 1,8-Tonner eben nicht sein, doch für eine alltagstaugliche Limousine kommt ihm der ab April sogar als Kombi lieferbare C 63 verblüffend nah.

Leider gilt das auch für Verbrauch (Testmittel 15,7 Liter/100 km), Zuladung (397 kg) und Serienausstattung, die für mindestens 67 235 Euro ruhig etwas großzügiger ausfallen dürfte. Vielleicht hilft es ja, dass die geordnete Kraft dieses Ausnahmewagens nicht nur das Laub von den Straßen, sondern auch solche unliebsamen Gedanken aus den Köpfen fegt.

Fazit

Temperament, Antriebskultur und Fahreigenschaften machen den C 63 AMG zu einer alltagstauglichen Ausnahme-Limousine – allerdings mit Komfortschwächen, geringer Zuladung und hohem Verbrauch.

Technische Daten
Mercedes C 63 AMG
Grundpreis 69.972 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4725 x 1795 x 1438 mm
KofferraumvolumenVDA 475 l
Hubraum / Motor 6208 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 336 kW / 457 PS bei 6800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 4,7 s
Verbrauch 13,4 l/100 km
Testverbrauch 15,7 l/100 km
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