Mercedes CL 600 im Test

Stille Macht

Foto: Foto: Hans-Dieter Seufert 20 Bilder

Was wäre die Mercedes S-Klasse ohne eine Coupé-Version? Erst jetzt ist die Modellpalette wieder komplett: Mit dem CL 600 trifft die subtile Eleganz des großen Zweitürers auf die brachiale Kraft von 517 PS.

Die vornehmere S-Klasse hat zwei Türen, so viel steht für viele Mercedes-Liebhaber fest. Entspannter Wohlstand lässt sich kaum wirksamer betonen als mit einem Coupé auf S-Klasse-Basis, selbst wenn es offiziell CL heißt: Wer es fährt, braucht keine Limousine, weil er reich genug ist, die staatstragende Aura des Viertürers zu ignorieren. Er besitzt auch keinen SL, weil Eile längst nicht mehr zum Lebensentwurf gehört.

Die Coupés, das zeigt die Geschichte, halten sich zudem fast unbegrenzt frisch. Wer eines hat, kann einfach warten, bis es vom Neuwagen zum Youngtimer reift und sich dann in einen Klassiker verwandelt. Es gibt keinen großen Mercedes- Zweitürer, dem das bisher nicht gelungen wäre. Ihre unaufgeregte Eleganz ist es, die sie seit jeher zu Sonderfällen macht, und der aktuelle CL gehört schon auf den ersten Blick dazu: Mit dem Schwung seines Dachpavillons, den durchgehenden seitlichen Fensterflächen sowie der großzügigen Verwendung von Edelholz, Leder und verchromtem Metall fügt er sich nahtlos in die Ahnengalerie ein.

Wie alle seine Vorgänger ist er so teuer wie eine Immobilie, lässt sich jedoch selbst in der Topversion noch mühelos aufwerten: Obwohl ein CL 600 immerhin 149 640 Euro kostet, wollen bei seiner Bestellung Details wie etwa Abstandsregel- Tempomat mit Pre-Safe-Bremsfunktion (1891 Euro), Nachtsichtassistent (1740 Euro) und Rückfahrkamera (957 Euro) gesondert angekreuzt werden.

Beim Testwagen fehlt die optionale Kamera im Kofferraumdeckel, zu der auch eine Einparkführung gehört (siehe Spotlight Seite 24) – die Option ist erst ab Dezember zu haben. Trotz dieses Mankos fühlt sich der Benutzer eines CL 600 schnell wie jemand, den nicht mehr viel mit der Normalität des Alltags verbindet.

Kaum eine Tätigkeit, bei der er nicht unterstützt wird: Leise surrend zieht sich die Tür ins Schloss, wenn sie der CL-Benutzer zu lasch zugeworfen hat, und der Kofferraumdeckel schließt – selbstverständlich – auf Knopfdruck. Die Pre-Safe-Bremse würde, sobald sich der Fahrer reaktionsfrei auf ein Hindernis zubewegt, selbsttätig mit 40 Prozent der möglichen Kraft verzögern. Zum Rundum-glücklich-Paket des CL 600 gehören die formidablen Multikontur-Sitze: Sie verfügen über vier Massagefunktionen und stellen mit aufblasbaren Wangen den optimalen Seitenhalt in Kurven sicher.

Sehr fein, so viel Fürsorge: Aber fast alle diese Features gibt es auch in der Limousine. Das exzellente Finish des CL lässt ebenfalls keine Unterschiede spürbar werden, zumal sich das Layout der Armaturenanlage ähnelt. Eine echte CL-Spezialität ist dagegen das fast schon nostalgische Gefühl, ein Kingsize-Coupé ohne B-Säulen zu bewegen.

Es bietet bei voll versenkten Seitenscheiben das selten gewordene Vergnügen, geschlossen und gleichzeitig offen zu fahren, geschützt und doch dem Fahrtwind ausgesetzt. Es ist das gleiche feine Fächeln, wie es einst die amerikanischen Hardtop-Coupés der fünfziger Jahre boten oder auch jener große Mercedes-Zweitürer mit dem Kürzel W 111, den viele Fans für das schönste Coupé aller Zeiten halten.

Zu den praktischen Einschränkungen des Coupéfahrens zählt dagegen, dass Fondpassagiere möglichst kleiner als 1,70 Meter sein sollten. Nicht, dass es sich auf den hinteren Sesseln schlecht aushalten ließe: Es sitzt sich dort so behaglich wie in einem klassischen Loungechair. Nur bleibt kaum Fußraum übrig, wenn vorne ein Erwachsener mit durchschnittlichem Körpermaß sitzt. Und während sich der Weg in den Fond noch kommod anfühlt, ist das Verlassen des Coupés mehr ein Fall für Kunstturner.

Zudem ist der CL-Kofferraum 70 Liter kleiner als das Gepäckabteil der S-Klasse, er besitzt mit 490 Liter Inhalt aber noch immer ein stattliches Format. Zu den Vorzügen des Zweitürers zählt, dass es praktische Features wie eine Durchladeöffnung zum Innenraum sowie geräumige Staumöglichkeiten unter dem Kofferraumboden anbietet.

Und manche Familienvans haben weniger Ablagefächer an Bord als der CL. Das Talent zur großen Reise scheitert, wie in seinen Kreisen üblich, nicht am Antrieb. Das gilt speziell für den Zwölfzylinder im CL 600: Er arbeitet auch in der Langversion S 600 und unterstützt die Freude des Wiedersehens mit 830 Newtonmetern maximalen Drehmoments, die bei 1800 Umdrehungen fällig werden.

Der 517-PS-Maniac schiebt und schiebt und schiebt, als gäbe es kein Morgen. Er belächelt die Physik, er lässt Autobahnsteigungen flach werden und selbst abgeklärte Copiloten wie irre in sich hineinkichern. Er schiebt kurz vor der 250er- Marke immer noch und arbeitet bis zum elektronischen Abriegeln nur wenig lauter als kurz zuvor auf dem Parkplatz: Da war er noch nicht ganz warm, und sein Leerlauffauchen klang nach einem etwas weiter entfernten Sportboot.

In Zahlen: Für den Weg von null auf 100 km/h nimmt er sich 4,8 Sekunden Zeit. Das sind zwei Zehntel mehr als die Werksangabe, aber auch exakt der Beschleunigungswert eines Porsche Carrera S. 15 Sekunden vergehen, bis der CL 600 die 200-km/h-Marke erreicht hat: Es dauert in der Praxis länger, die Massagefunktion der Sitze vom ersten Modus („langsam und schwach“) in die vierte Stufe („schnell und stark“) zu schalten. Er beschleunigt wie ein Sportwagen, ohne einer sein zu wollen: ein weiterer wichtiger Wesenszug, den alle großen Mercedes-Coupés gemeinsam hatten.

Wobei es unter den Zwölfzylindern bisher keines gab, das sich auf der auto motor und sport-Normrunde mit einem Minimalverbrauch von 9,6 Liter Super Plus auf 100 Kilometer zufrieden gegeben hätte. Sicher, es darf auch doppelt so viel Kraftstoff sein, sobald sich der CL-Fahrer von der ungewohnten Gelenkigkeit des Großwagens befeuern lässt. Das ist schnell passiert, denn wie die S-Klasse fühlt sich das Coupé nicht nach 2,2-Tonner an, sondern mehr nach gehobener Mittelklasse.

Das spontane Einlenken des CL trägt dazu ebenso bei wie die Arbeit des aktiven ABC-Fahrwerks, das Karosseriebewegungen beinahe vollkommen eliminiert. Und im Vergleich zum S 600 profitiert das schnell bewegte Coupé noch von seinem 21 Zentimeter kürzeren Radstand. Der Komfort leidet darunter nicht: Ähnlich wie die Limousine vermittelt der CL 600 den Eindruck, als hätten weite Teile des deutschen Autobahnnetzes über Nacht alle Fugen und Furchen abgelegt.

Nur vereinzelt scheint es für Coupé-Fahrer noch ein paar Gullydeckel und Frostaufbrüche zu geben. Man spürt sie vor allem im Stadtverkehr, und wahrscheinlich ist das gut so: Es könnte einem Perfektionscrack wie dem CL 600 womöglich noch gelingen, einem den Glauben an das Schlechte zu nehmen.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • –hochwertiges Finish –großzügiges Platzangebot vorn – reisetauglicher Kofferraum – sehr viele Ablagen
  • –als Viersitzer nur sehr bedingt geeignet –nach hinten unübersichtlich
Fahrkomfort
  • –hoher Gesamtkomfort –ausgezeichnete Federungseigenschaften –sehr niedriges Geräuschniveau –hervorragende Sitze mit zahlreichen Komfortfunktionen
Antrieb
  • –erstklassige Fahrleistungen –harmonisch abgestimmte Fünfstufen-Automatik
  • –durchschnittliche Reichweite
Fahreigenschaften
  • –hohe Fahrsicherheit –agiles Handling –präzise Lenkung
  • –Traktionsschwächen
Sicherheit
  • –sehr gute Bremswirkung –umfassende Sicherheitsausstattung
Kosten
  • –umfangreiche Ausstattung
  • –sehr hohes Kostenniveau
Umwelt
  • –hoher Verbrauch

Fazit

Die Quadratur des Kreises: Sehr sportliche Fahrleistungen, ausgezeichneter Komfort, agiles Handling und uneingeschränkte Alltagstauglichkeit sprechen für die Investition von rund 150.000 Euro.

Technische Daten
Mercedes CL 600
Grundpreis 161.483 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 5065 x 1871 x 1419 mm
KofferraumvolumenVDA 490 l
Hubraum / Motor 5513 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 380 kW / 517 PS bei 5000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 4,8 s
Verbrauch 14,3 l/100 km
Testverbrauch 17,2 l/100 km
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