Bentley Continental GT Speed und Mercedes CL 65 AMG

Zwei V12-Biturbo-Coupés im Vergleichstest

Foto: Hans-Dieter Seufert 51 Bilder

Um sich von den gewöhnlichen Coupé-Geschwistern mit Biturbo-V12 abzusetzen, legen Mercedes CL 65 AMG und Bentley Continental GT Speed ein nochmals schärferes Tempo vor. 

Ganz ehrlich, wir haben kurz drüber nachgedacht: auto motor und sport mit Sound-CD auf dem Titel. Gelohnt hätte es sich. Aufnahmeort Gardasee, Gardesana Occidentale. Ein güldener Vorfrühlingsmittag, eine Horde Tunnel - und zwei gut aufgelegte Tenöre. Zwölfzylindrig, hubraumstark, atemtrainiert. Bentley Continental GT Speed und Mercedes CL 65 AMG.

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Doppeltest Bentley Continental GT Speed, Mercedes CL 65 AMG
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Langsam rollen sie ins schwarze Felsloch und legen dann los. Bedrohlich grollend baut sich der Sechsliter des Bentley auf, bläht die imaginären Backen, schnappt mit den Auspuffklappen. Zupft beim Gasgeben rabenschwarzen Groll-Bass und rollt beim Lastwechsel ein Gurgel-Tremolo. Turbolader als Klangverderber? Nicht hier, die Lader verstecken sich akustisch, der 72-Grad-W12 stampft und schmatzt wie die Edel-Ausgabe eines V8-Saugers. Erst bei höheren Drehzahlen und Geschwindigkeiten verschwimmt sein Donnerhall in der Unschärfe der Gaswechsel. Beim Mercedes CL 65 AMG ist es umgekehrt. In den Drehzahlniederungen noch multizylindrig, vielstimmig und kleinmaschig, wechselt sein Klangteppich über flauschige Mitten in zornige Höhen. Und erst der Vortrieb: Bevor man den Namen des Über-AMG in Ruhe ausgesprochen hat, steht die Tachonadel jenseits 100 und der Mund Mitreisender offen.

Der V12 im Mercedes emittiert Drehmoment im emotionsarm-kontinuierlichen Stil einer Elektrolokomotive, allerdings mit einer Vehemenz, als ob die Lok gerade von der Klippe gesprungen wäre. Kaum zu glauben, dass im 60-Grad- Block Luft und Benzin entflammt werden, die Schmiedekolben mit bis zu 15 Meter pro Sekunde auf und ab flitzen, an jedem Totpunkt jäh gebremst werden. 1.000 Newtonmeter liefert der V12 maximal, 570 davon quasi mit der Leerlaufdüse ab 1.000/min. Drei Ventile, doppelte Zündung, 1,2 bar Ladedruck, ein Staunen. Und bei Vollgas der massive Einsatz der Traktionskontrolle, die wirkt, als ob man einem Sprinter eine Plastiktüte über den Kopf zieht.

Bentley Continental GT Speed: 610 PS und 750 Nm

Anders der Bentley. Er springt dank Allradantrieb ansatzlos aus den Blöcken, rammt seine 20-Zöller in den Asphalt, wertet die 610 PS und 750 Newtonmeter dank Torsen-Differenzial effektiver aus als der CL. Zumindest solange der Mercedes vorwiegend mit Schlupfen beschäftigt ist. Sobald er kann, wie er will, zeigt er dem Bentley beim Geradeaussprint, was geht, beschleunigt bis zum 250-km/h-Interruptus, ohne dass der Fünfstufenautomat nennenswert in Erscheinung träte. Und umsorgt seine Insassen selbst bei solchen Geschwindigkeiten mit der dezenten Souveränität einer erfahrenen Sekretärin.

Um die 50, strenger Blick, schmale Lippen, Kostüm. Eine, die ihrem Chef Lästigkeiten ebenso gekonnt vom Leib hält wie der CL. Damit der Kopf frei bleibt für Wichtiges beim Über-Land-Strömen, entkoppelt von nervendem Windrauschen oder fehlerhaften Straßenoberflächen. Das aktive ABC-Fahrwerk lässt nur die notwendige Rückmeldung zu, den Rest erledigt die clevere Hydraulik, die Wanken ebenso nachhaltig killt wie Seitenneigung. Um die von der Querbeschleunigung gepackte Körpermasse kümmern sich ergreifend seufzende, aufblasbare Sitzwangen. Selbst auf den Ledersesseln im Fond geht es reisetauglich zu. Feines Leder: Da wabert doch gleich eine intensive Wolke aus dem Bentley-Salon.

Der Bentley Continental GT Speed umhüllt Gäste rundum mit feiner Tierhaut inklusive Stepp-Sitzflächen und perforiertem Glattleder-Dachhimmel. Während die Schuhsohlen abwechselnd in Hochflor tauchen oder auf Metallpedale treten, forschen Finger und Augen nach Indizien, um von der Maximalpunktzahl in der Kategorie Verarbeitung abzuweichen. Sie bleiben erfolglos. Egal, ob man auf die wie aus dem Vollen gemeißelten Brüstungen klopft, an Tasten nestelt oder die griffigmetallenen Regler dreht: Satter geht das kaum. Selbst die aus VW Phaeton und Co bekannten Lenkradhebel rasten hier noch definierter. Höhlen-Instrumente und wohlplatzierte Dekors im Edelstahl- Look setzen weitere Akzente. Und wer erst einmal alle Register der Organ Stops genannten Lüftungsregler gezogen und an den kugelförmigen Düsen (Bulls Eye) gedreht hat, der möchte angesichts dieser Verquickung von Historie und Mechanik sowieso nicht mehr umsteigen.

Mercedes CL 65 AMG mit exzessiver Elektronik-Armada

Nicht einmal in den AMG, der mit spitzenklassig verarbeitetem Leder, Holz und Metall sowie einer exzessiven Elektronik-Armada über Radar-Abstandsregler bis hin zum Bildschirm- Tacho mit Nachtsichtfunktion wirbt. Aber - die Sekretärin, Sie wissen schon. Zum Rotweintrinken bei Kerzenschein sucht man sich halt lieber ein Gegenüber mit vollen Lippen, blitzenden Augen und feurigem Akzent. Jemanden wie den Bentley. Nicht nur wegen seiner 326 km/h Höchstgeschwindigkeit, sondern auch aufgrund seines agilen Wesens.

Die leichtgängigpräzise Lenkung und das gegenüber dem Standard-GT überarbeitete Fahrwerk (direkt angebundene Längsträger, Aluminium-Achsschenkel, steifere Stabis, modifizierte Luftfederung inklusive Karosserie-Tieferlegung) kaschieren gefühlsmäßig mindestens 500 der insgesamt 2.320 Kilogramm. Von leichten Lastwechselreaktionen motiviert, schwingt er um Landstraßenkurven und durch den Pylonen-Dschungel. Luftfederung und verstellbare Adaptiv-Dämpfer halten dabei intensive Zwiesprache mit dem Untergrund, ohne dass Dissonanzen den verbindlichen Eindruck der in die körpergerecht geschnittenen Massagesitze gekuschelten Insassen trüben würden.

So muss sich der Mercedes unter kniffligen Bedingungen fahrdynamisch zwar kurz hinten anstellen, findet in offenerem Terrain jedoch sofort wieder Anschluss. Er kompensiert unbändigen Handling-Willen durch abgeklärte Ruhe und ein Talent für weite Bögen, abgesichert durch ein schnell und fein regelndes ESP, das Erfahrungen mit dem Grenzbereich nicht zur Grenzbereichs- Erfahrung macht. Wirklich im Grenzbereich lavieren die Kosten beider Coupé-Potentaten. Aber ein, zwei Gasstöße und ein tiefer Lungenzug Interieur-Aroma dürften Interessenten darüber hinweghelfen.

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Fazit

1. Bentley Continental GT Speed
453 Punkte

Ein Bentley-Boy wie aus dem Bilderbuch: schnell, schick, selbstbewusst. Begeisternde Verarbeitung und agiles Handling plus Allrad-Traktion lassen Schwächen wie laute Windgeräusche, angestaubtes Infotainment und hohen Verbrauch verblassen.

2. Mercedes CL 65 AMG
499 Punkte

Unvorstellbar kräftig, zuvorkommend und ausgefeilt bis in die Details seines Elektronik- Angebots, beschreibt der Über-AMG die Grenzen des Machbaren. Zumindest aus Technik-Sicht, denn Fahrerherzen trifft der Bentley zuverlässiger.

Technische Daten
Bentley Continental GT Speed Coupé 6.0 W12 4WD Mercedes CL 65 AMG
Grundpreis 205.751 € 226.100 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4804 x 1916 x 1380 mm 5084 x 1871 x 1419 mm
KofferraumvolumenVDA 370 l 490 l
Hubraum / Motor 5998 cm³ / 12-Zylinder 5980 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 449 kW / 610 PS bei 6000 U/min 450 kW / 612 PS bei 4800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 326 km/h 250 km/h
0-100 km/h 4,5 s 4,4 s
Verbrauch 16,6 l/100 km 14,8 l/100 km
Testverbrauch 19,3 l/100 km 17,6 l/100 km
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