Mercedes E 500 gegen BMW 550i

Brücken-Köpfe

Foto: Hans-Dieter Seufert 23 Bilder

Abgesehen von ihren Sport-Derivaten markieren diese V8-Limousinen die Spitze ihrer Klasse. Ein Duell mit Tradition, das in der Neuauflage mit BMW 550i und Mercedes E 500 einen hohen Reiz verspricht.

Nicht weniger als 2200 Teile haben die Mercedes-Ingenieure anlässlich der aktuellen Modellpflege der gerade vier Jahre alten E-Klasse erneuert oder weiterentwickelt. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: War die E-Klasse denn zuvor ein schlechtes Auto?

Nicht wirklich, denn ihre Gene waren bis zuletzt gut genug, um die Konkurrenz in wichtigen Kriterien das Fürchten zu lehren. Aber ihre schlechte Zuverlässigkeit, die zahlreichen technischen und elektronischen Probleme haben ihr Image und den guten Ruf der Marke nachhaltig beschädigt. Die Folge: Erzivale BMW konnte mit dem Fünfer in den letzten Monaten im Verkauf an der E-Klasse vorbeistürmen.

Die überarbeitete Baureihe soll diese Scharte wieder auswetzen und verprellte Kunden zurückerobern. Unter anderem mit zahlreichen passiven Sicherheitszugaben wie dem aus der SKlasse bekannten Pre-Safe: Es schließt Seitenfenster und Schiebedach, rückt die Vordersitze in eine optimale Position für den Crash und strafft die Gurte, wenn die Sensoren einen kritischen Fahrzustand mit Abfluggefahr oder eine Panikbremsung (blinkende Bremsleuchten) melden. So wird – im schlimmsten Fall – das Verletzungsrisiko verringert. Dazu tragen auch die ebenfalls serienmäßigen Neck-Pro-Kopfstützen an den Vordersitzen bei (siehe auch Spotlight).

Sie rücken beim Heckaufprall in Sekundenbruchteilen nach vorne, um das Schleudertrauma-Risiko zu reduzieren. Dieses Sicherheits-Aufgebot verdient Beachtung, keine Frage. Unverständlich bleibt allerdings, dass sich Mercedes andere Helfer wie Isofix-Halterung (58 Euro) und Reifendruckkontrolle (342) extra bezahlen lässt. Das führt dazu, dass der E 500 für sein Sicherheitspaket letztlich nur einen Punkt mehr erhält als der 550i. Ähnlich dicht Kopf an Kopf liegen die beiden Kontrahenten auch bei den übrigen Kriterien des Karosseriekapitels. Ein Wettstreit auf hohem Niveau mit kleinen, feinen Unterschieden, die das Pendel nur wenig ausschlagen lassen. So spricht etwa die serienmäßige Lederausstattung für den 550i ( Mercedes 1920 Euro Aufpreis), das ein wenig bessere Raumgefühl für den E 500. Beide erfüllen mit guter Verarbeitungsqualität und feiner Material-Anmutung hohe Ansprüche. Die Gestaltung des Interieurs blieb bei der E-Klasse von bahnbrechenden Neuerungen weit gehend verschont.

Das ist auch gut so, denn man findet sich hier auf Anhieb bestens zurecht. Die Anwesenheit zahlreicher Tasten rund um den Bildschirm des Comand-Systems stört überhaupt nicht, weil es sich fast ebenso einfach bedienen lässt wie die Klimaautomatik und die mustergültigen Schiebeknöpfe für die elektrische Sitzverstellung in der Türtafel. Sein kühler, moderner Einrichtungsstil prägt den BMW ebenso wie der i-Drive-Knopf auf der Mittelkonsole.

Die immer wieder aufs Neue Eingewöhnung und Nachdenken erfordernde Bedienung dieses Dreh- Drück-Stellers verlangt mehr Konzentration, als einem lieb ist. Sie lenkt ähnlich intensiv vom Verkehrsgeschehen ab wie das Hantieren mit einem Handy.

Das gilt auch für die Betätigung der beim Fahren uneinsehbaren, seitlich am Sitz angebrachten Verstellknöpfe, die man allerdings nur selten aktivieren muss. Die Sitze werden dank ausgezeichneter Profilierung, straffer Polsterung und vielfältiger Verstellmöglichkeiten fast allen Staturen gerecht.

Sie bieten im BMW wie im Mercedes festen Halt auf kurvenreichen Pisten und hohen Langstreckenkomfort, wobei Rücksitzpassagiere im E 500 noch eine Idee bequemer untergebracht sind. Entspannter als im BMW reisen sie hier ohnehin, weil das Fahrwerk des Mercedes viel komfortabler abgestimmt ist. Das ist nicht nur ein Verdienst der im E 500 serienmäßigen Luftfederung, sondern gilt erfahrungsgemäß auch für die schwächeren Typen mit herkömmlichen Stahlfedern. Vor allem auf kleinen Unebenheiten brilliert die sanft ansprechende Federung mit vorbildlichem Schluckvermögen und sorgt dafür, dass der Mercedes seine Insassen stets sehr behutsam über schlechte Wegstrecken trägt.

Der BMW ist hier permanent in Bewegung. Seine straffer abgestimmte Federung filtert Fahrbahnstöße in weit geringerem Maß und teilt zudem auf längeren Wellen gelegentlich von hinten abrupte Stöße aus. Auch bei langsamer Fahrt rollt der BMW wesentlich steifbeiniger und etwas geräuschvoller ab als der Mercedes. Dass die traditionelle Rollenverteilung nach wie vor ihre Gültigkeit hat, bestätigt der 550i auch mit seinem sportlicheren Fahrverhalten.

Er umrundet Biegungen einen Tick neutraler als der E 500, eilt behänder durch Wechselkurven und lässt sich mit seiner leichtgängigen, zielgenauen Lenkung sehr präzise dirigieren. Obgleich der Mercedes jetzt mit um zehn Prozent direkter übersetzter Lenkung und Zuganschlagfedern zur Wankreduzierung antritt, kann er da nicht ganz mithalten. Er wirkt agiler als sein Vorgänger und lenkt spontaner ein, untersteuert aber stärker als der BMW und mimt mit seiner größeren Behäbigkeit den schweren Wagen. Allerdings sind die Differenzen gering und offenbaren sich nur bei schneller Gangart. Hier stört dann auch das weiche Mercedes-Pedalgefühl beim harten Verzögern, das keinen definierten Druckpunkt bietet. Im Zuge der extrem teuren Umstellung von der problembehafteten elektrischen zurück zur rein hydraulischen Bremse hätte man diese markentypische Schwäche gleich ausmerzen können – eine verpasste Chance.

Motorisch hat Mercedes den E 500 anlässlich des Facelifts kräftig aufgerüstet. Sein V8 hat nun 5,5 Liter Hubraum und vier Ventile pro Zylinder (vorher drei). Mit 388 PS und 530 Newtonmeter übertrifft er die Maschine seines Konkurrenten (367 PS, 490 Nm) in der Leistungsausbeute klar. Während Mercedes bei der Typenbezeichnung tiefstapelt, suggeriert BMW ein zu hohes Hubvolumen: Der V8 aus Bayern hat in Wirklichkeit nur 4,8 Liter Hubraum. Das bringt ihn nicht ernsthaft ins Hintertreffen. Denn die Wimpernschläge an Zeitdifferenzen, die der 550i in den Beschleunigungs-Disziplinen auf den E 500 einbüßt, bleiben im alltäglichen Umgang völlig belanglos. Das gilt im Prinzip aber auch für die spontanere Leistungsentfaltung und das bessere Drehvermögen, das der im oberen Bereich kernig klingende kleine wiederum dem größeren V8 voraushat. Auch im Verbrauch, der in Anbetracht der Sportwagen-Fahrleistungen mit rund 14 Litern als angemessen gelten darf, nehmen sich die beiden nichts.

Für den deutlichsten Unterschied im Antriebsbereich sorgen die Wandlerautomaten mit sechs (BMW) und sieben Vorwärtsgängen. Vorbildlich in Schaltkomfort, Auslegung und Übersetzung ist immer noch das Mercedes-Getriebe, das sehr gut mit dem unaufgeregten Gebaren des bärenstarken V8 harmoniert.

Die Automatik des BMW reagiert schneller aufs Gas, schaltet häufiger und erweckt stets den Eindruck, dass ihr eine sportlichere, hochtourige Gangart des Fahrers eigentlich viel lieber wäre. Die damit verbundene Neigung zu einer gewissen Hektik schmälert ein wenig das Vergnügen an souveräner Fortbewegung. Jammern auf höchstem Niveau? Für wahr.

Der E 500 entscheidet dieses Duell trotz sehr hoher Festkosten für sich. Er ist der ausgewogenere der beiden großen Wagen. Im Windschatten klebt der 550i – die Empfehlung für sportliche Naturen.

Fazit

1. Mercedes E 500
529 Punkte

Der stärkere Achtzylinder und die direktere Lenkung machen den E 500 noch dynamischer, als er ohnehin schon war. Eine Reiselimousine mit ausgezeichneten Federungsqualitäten und sehr hohem Antriebskomfort.

2. BMW 550i
523 Punkte

Der 550i steht dem E 500 kaum nach, rückt aber seine sportlichen Qualitäten klar in den Vordergrund. Agilität und Temperament sind seine herausragenden Stärken, der Komfort kommt ein wenig zu kurz.

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Technische Daten
BMW 550i Mercedes E 500 Elegance
Grundpreis 64.219 € 65.450 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4841 x 1846 x 1468 mm 4856 x 1822 x 1465 mm
KofferraumvolumenVDA 520 l 530 l
Hubraum / Motor 4799 cm³ / 8-Zylinder 5461 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 270 kW / 367 PS bei 6300 U/min 285 kW / 388 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h
0-100 km/h 5,8 s 5,4 s
Verbrauch 10,8 l/100 km 11,4 l/100 km
Testverbrauch 14,4 l/100 km 13,9 l/100 km
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