Mercedes E 63 AMG gegen BMW M5

Power-Braten

Foto: Hans-Dieter Seufert 38 Bilder

Power macht lustig, vor allem, wenn dabei auch das sportliche Temperament nicht zu kurz kommt. Genau da verspricht der neue Mercedes E 63 AMG Fortschritte. Aber kann er dem BMW M5 das Wasser reichen?

Sechs-drei klingt schon mal gut. Lang ist’s her, aber wenn diese Zahlenkombination auf einem Mercedes prangt, dann strömt automatisch der Geist der Vergangenheit aus der Flasche. 1968 transferierte man nämlich kurzerhand den titanischen, 6,3 Liter großen V8 aus dem 600 in den vergleichsweise zierlichen 300 SEL – für die ansonsten so seriösen Ingenieure in Untertürkheim ein geradezu frivoles Unterfangen. Der Rest ist Geschichte: Das bürgerliche Gefährt, einem Taxi nicht unähnlich, beschleunigte plötzlich mit den Ferrari dieser Welt um die Wette. Selbst auto motor und sport, dem Hurra-Journalismus ansonsten eher abgeneigt, war begeistert: „Wenn ihn auch nicht jeder kaufen kann – bauen sollte man ihn auf jeden Fall.“

Nun baut ihn Mercedes erneut, den Sechs-drei, wenngleich natürlich in zeitgemäßer Ausführung. Wie sehr der Fortschritt in den letzten 38 Jahren wütete, lässt sich schon an der Leistung ablesen: Statt 250 PS erzeugen die acht Zylinder heute mehr als das Doppelte, genau gesagt 514 PS. Dass das Auto heute kleiner, aber zugleich 130 Kilogramm schwerer ist, kann man angesichts dieser Entwicklung leicht verschmerzen. So haben sich die Zeiten also geändert, wobei verschärfend hinzukommt, dass ein Nachfolger mit weniger PS eigentlich gar nicht erst anzutreten braucht. Schließlich steht die Neufassung des Monster-Mercedes namens E 63 AMG im Gegensatz zum Urahn nicht mehr allein auf weiter Flur: Megamotorisierte Limousinen im Allerweltsgewand sind längst fester Bestandteil der Autolandschaft. Als Leuchtturm fungiert hier seit Jahren der M5 von BMW, dessen jüngste Version mit 507 PS heller strahlt denn je – für Mercedes schon immer ein Dorn im Auge.

Im Sportlichkeitswettstreit, wo Autos dieses Genres heute glänzen müssen, erntete bislang stets BMW die Lorbeeren. Deshalb Sechs-drei: Der 6,3-Liter unter der Haube der aufgefrischten E-Klasse ist nicht nur ganz neu, sondern auch ganz anders als der bisherige PS-Krösus der Baureihe (E 55 AMG). Statt auf die Kraft des Kompressors setzt er auf mehr Hubraum und mehr Drehzahl, Letzteres üblicherweise ein Garant für sportliche Tugenden. 7500 Touren sind nun im Bereich des Möglichen – nicht von schlechten Eltern für einen Großkolben-V8, wenngleich immer noch zivil im Vergleich zum M5. Dessen Fünfliter-Zehnzylinder dreht bekanntlich 8200/min. Aber man ist ja nicht kleinlich, schon gar nicht, wenn man die neue AMG-Maschine erst mal in Aktion erlebt.

Es genügt, den Fuß aufs Gaspedal zu stellen, und jeder Gedanke an Drehzahlen löst sich binnen kurzem in einer nicht enden wollenden Leistungswelle auf. Sie schwemmt den E 63 ganz einfach weg, so als sei dieser 1,9-Tonnen-Dampfer aus Papier. Da spielt es auch keine Rolle, dass im Drehmoment die Zahlen bröckelten – statt vormals 700 Nm bei 2650/min müssen nun 630 Nm bei 5200/min genügen (siehe Spotlight). Der gefühlte Unterschied: Wo der alte Kompressor-V8 mit der Wucht des Vorschlaghammers zu Werk ging, erlebt man die Kraft nun als reißenden Fluss – überall, übermächtig, fast schon surreal.

Auch sportlich? In Anbetracht des hier gebotenen Vortriebs sind die hohen Drehzahlen eigentlich Nebensache. Tatsache ist jedoch, dass die rauen Töne, die der V8 im Drehzahlorbit von sich gibt, das Vordringen in diesen Bereich nicht besonders erstrebenswert macht. Ganz anders der Zehnzylinder des M5, dessen Kurbelwelle sich anscheinend gar nicht schnell genug drehen kann. Bei 7000/min, wo der Mercedes-Motor bereits leichte Ermüdungserscheinungen zeigt, legt das BMW-Pendant erst richtig los, und selbst beim Erreichen des Begrenzers gibt sich der Kurzhuber keinerlei Blößen. Dafür fehlen dem BMW die fetten Kraftreserven weiter unten – der Nachteil des kleineren Hubraums, immerhin versüßt durch geradezu seismographische Reaktionen auf die Fußbewegungen des Fahrers. Die Beschallung der Insassen unterstreicht den Kontrast: energisches Trommeln im E 63, kräftiges Trompeten dagegen im M5 – unterschiedlicher können sich zwei Triebwerke derselben Leistungsklasse kaum geben. Welches macht mehr an? Keine Frage: Wenige Achtzylinder beeindrucken so stark wie der des Mercedes, aber es ist der V10 von BMW, der uns begeistert. Die Hochstimmung vermag auch die M5-eigene SMGSchaltung nicht dauerhaft zu trüben. Sieben Gänge lassen sich hier ohne Kupplungspedal per Paddel am Lenkrad sortieren, wobei fünf verschiedene Schaltgeschwindigkeiten zur Auswahl stehen.

Wer sich konzentriert und beim Gangwechsel etwas mit dem Gasfuß kooperiert, dem gelingt das auch ohne störende Schaltrucke. Es ändert freilich nichts daran, dass die etwas langsamere, aber deutlich komfortablere Siebengang-Automatik des Mercedes abseits der Rennstrecke, im wirklichen Leben also, den Vorzug verdient – um so mehr, als der E 63 ebenfalls mit den sportiven Schalt paddeln aufwartet und ein M-Programm unerwünschte Schaltvorgänge verhindert.

Die Qual der Wahl endet für den M5-Fahrer freilich nicht beim Getriebe. 20 Programme (Schaltung, Motor, Dämpfer, ESP) münden in 279 Wahlmöglichkeiten (siehe Heft 3/2005). Aber auch im E 63 muss man sich erst mal entscheiden, unter anderem zwischen drei Dämpferkennlinien. Die am wenigsten harte bietet hier wie dort den besten Kompromiss und verhindert keineswegs, dass der Mercedes auch bei betont sportlicher Handhabung erstaunliche Fähigkeiten beweist.

Wer das untersteuernde, elektronisch kastrierte Monstrum erwartet, wird jedenfalls angenehm enttäuscht: Der E 63 lenkt freudig ein, lässt sich dabei auch mit dem Gaspedal etwas nachhelfen und bleibt in schnellen Wechselkurven stramm auf Kurs. Noch mehr überrascht aber der Komfort. Sportlichkeit geht also auch ohne Härte – da liefert der luftgefederte Benz den besten Beweis. BMW folgt da schon eher der klassischen Lehre: Das Schluckvermögen der Federung ist schnell überfordert, speziell langhubige Bodenwellen lassen einen bisweilen heftig zusammenzucken. Vor allem aus diesem Grund greift man für längere Reisen denn auch lieber zum Mercedes-Schlüssel. Geht es hingegen um die Freude am Schnellsein, dann ist es der M5, der in dieser Klasse noch immer den besten Platz bietet. Handlichkeit und Agilität sind für eine 1,8-Tonnen-Limousine exemplarisch. Die Richtung wechselt der BMW behände wie eine Stubenfliege, während der 100 Kilogramm gewichtigere Mercedes im direkten Vergleich schon eher an ein größeres Insekt erinnert. Die leichtgängige, zielgenaue Lenkung, das feinnervigere Fahrwerk, aber auch periphere Details wie die sportlichere Sitzposition summieren sich hier zu einem klaren Vorsprung.

Die Väter des neuen Sechs-drei braucht diese Feststellung freilich nicht sonderlich zu grämen. Mehr Sportlichkeit hin oder her: Der neue Motor ist ein Glanzstück, das Auto ein Hammer, und für den täglichen Genuss ist ein E 63 eindeutig bekömmlicher als ein M5. Deshalb sammelt er in diesem Vergleich ja auch ein paar Punkte mehr.

Fazit

1. Mercedes E 63 AMG
510 Punkte

Die Kraft des neuen V8-Motors ist atemberaubend. Aber auch sonst fehlt es der AMG-Version nicht an sportlicher Dynamik. Lobenswert: Der Komfort kommt nicht zu kurz - ein Allroundtalent also.

2. BMW M5
503 Punkte

Sein V10 ist durchzugsschwächer, begeistert aber als reinrassiger Sportmotor. Auch im Handling ist der M5 der Sportlichere. An das Getriebe muss man sich aber gewöhnen, und der Komfort ist bescheiden.

Technische Daten
BMW M5 Mercedes E 63 AMG
Grundpreis 94.700 € 99.187 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4855 x 1846 x 1469 mm 4881 x 1822 x 1465 mm
KofferraumvolumenVDA 500 l 530 l
Hubraum / Motor 4999 cm³ / 10-Zylinder 6208 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 373 kW / 507 PS bei 7750 U/min 378 kW / 514 PS bei 6800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h
0-100 km/h 4,7 s 4,9 s
Verbrauch 14,4 l/100 km 14,4 l/100 km
Testverbrauch 16,6 l/100 km 16,5 l/100 km
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