Mercedes GL 420 CDI im Test

Ship, Ship, Hurra

Foto: Hans-Dieter Seufert 14 Bilder

In erster Linie für die Amerikaner gedacht ist der Mercedes GL. Aber mit einem wirtschaftlichen Diesel erschließt sich auch den Europäern der Luxus des Dickschiffs.

Kennen Sie Packard? Nein, nicht die längst verblichene Automarke. Vance Packard, der vor einem halben Jahrhundert den aufsehenerregenden Bestseller „Die geheimen Verführer“ schrieb. Sie sind heute noch so aktuell wie damals. Diese „hidden persuaders“ suggerieren uns Bedürfnisse, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie haben.

Der Gedanke an einen fünf Meter langen, über 2,5 Tonnen schweren und gut 300 PS starken Geländewagen wäre vor wenigen Jahren absurd erschienen. Zumindest in Europa. In den USA gelten andere Gesetze. Dort bröckelt die Faszination des Begriffs „full size“ auch angesichts kletternder Zahlen an den Tankstellen nur zögernd. Der neue Mercedes GL, der sich mit dem ganzen Nachdruck seiner fülligen Statur in das von Cadillac Escalade und Lincoln Navigator geprägte Segment drängt, verzeichnet seinen Hersteller froh stimmende Verkaufszahlen. Jetzt gibt es den GL auch bei uns, wobei zunächst Entwarnung an alle Fans des klassischen G-Modells gegeben werden soll.

Der Ur-G, kantig, starrachsig und im Gelände unwiderstehlich, dankt noch lange nicht ab. Alles, was der Mercedes-Baukasten bietet, von den neuen Sechs- und Achtzylindermotoren bis hin zur Siebengang- Automatik, wird im G Einzug halten. Der GL bedeutet nicht die Fortsetzung des G mit anderen Mitteln. Er ist aus grundsätzlich anderem Holz geschnitzt als der knorrige Opa und spricht Kunden an, die am liebsten alles in einem wollen. Das Platzangebot und den Komfort einer Luxus-Limousine, das Durchsetzungsvermögen eines echten Offroaders und dazu noch den Gutsherren-Auftritt, den einst der Range Rover kreierte. Eine S-Klasse mit Allradantrieb tut es da nicht. Was das Gelände angeht: Wer im GL sitzt, könnte, wenn er wollte.

Denn fast alles, was zum erfolgreichen Wühlen und Klettern gehört, ist an Bord: per Drehknopf schaltbare 100-Prozent- Sperren für das zentrale und das Hinterachsdifferenzial, dazu ein zweistufiges Verteilergetriebe. Es verkürzt bei Bedarf die Übersetzung um den Faktor 2,93 und ermöglicht das von kräftigem Drehmoment unterstützte Kriechen über Hindernisse, welches den bekennenden Offroad-Fahrer auszeichnet. An ein von einem solchen Könner bewegtes G-Modell wird der GL trotzdem nicht herankommen, nicht nur weil er in Serienform sportliche Sommerreifen besitzt.

Die wirklich kompromisslose Stock-und-Stein-Technik fehlt ihm, weil sie die Straßeneigenschaften beeinträchtigt oder nur von Profis effektiv genutzt werden kann. Starrachsen, auf dem Gebiet der Verschränkung unerreicht, gibt es ebenso wenig wie eine das Lenkverhalten störende Vorderachssperre.

Klare Sache also: Der GL ist im Gelände besser als Konkurrenten, bei denen die Betonung auf der Straßen- Dynamik liegt. Und er kann auf der Straße weit mehr als das aufrechte Völkchen der in erster Linie fürs Gelände konzipierten Allesüberwinder. Wenn der Fahrer Asphalt unter die mächtigen 19-Zoll-Räder nimmt, macht dies vor allem der Komfort deutlich. Die serienmäßige Luftfederung (siehe auch Spotlight Seite 23) beweist das Schluckvermögen eines Pariser Clochards. Vor allem, wenn die Wähltaste Komfort zeigt. Selbst kurze, hochfrequente Bodenwellen, die für das Auslösen lästiger Stuckerbewegungen bestens geeignet sind, lassen den Aufbau in Ruhe. Die generös dimensionierten Reifen mit einer Breite von 275 Millimetern, die selbst im 55er-Querschnitt noch freudig federnde Flanken aufweisen, tragen ihren Teil dazu bei. Lange Bodenwellen, auf der Autobahn häufig anzutreffen, wiegt der Mercedes ebenfalls sanft aus, wobei am ausgezeichneten Reisekomfort auch die bestens geformten Sitze beteiligt sind.

Die Bank im Fond hat keinesfalls stiefmütterlichen Charakter – hier fühlen sich zwei Personen sehr gut untergebracht. Drei nebeneinander haben es selbst in einem so großen Auto nicht wirklich bequem. Für weiter gehende Transportbedürfnisse gibt es einen gewaltigen, wegen der hohen Ladekante naturgemäß aber nicht spielerisch zu beladenden Kofferraum. Und – gegen Aufpreis – eine dritte Sitzreihe, die sich auf Knopfdruck aus dem Boden erhebt und noch einmal zwei Personen Platz bietet. Es ist alles praktisch gestaltet im GL. Das Abwandeln des Kofferraums je nach Platzbedarf geht ohne großen Kraftaufwand vor sich, die übrige Bedienung ist gekennzeichnet vom Verzicht auf Computerspiele. Dahinter steckt offensichtlich der Gedanke, dass die betuchte Ami-Kundschaft dergleichen nicht schätzt. In diesem Mercedes wird der Fahrer nur in Ausnahmefällen zur Bedienungsanleitung greifen müssen. Das Bestreben, einen tendenziell eher konservativen Großtransporter auf die Räder zu stellen, unterstreicht der Fahrcharakter.

Der GL hat nichts mit Crossover am Hut. Seine Entwickler verzichteten weise darauf, einem 2,5- Tonner Sportlichkeit auf Kosten des Komforts einzubläuen. So stellt sich automatisch eine zügige, aber doch sehr gelassene Fahrweise ein. Wer partout darauf besteht, um die Kurven zu wetzen, wird feststellen, dass das leicht untersteuernd ausgelegte, auch bei groben Lastwechseln und abrupten Lenkmanövern eindeutig definierte Eigenlenkverhalten keine Probleme macht – zumal ein wohl abgestimmtes ESP zur Verfügung steht, das mit konsequentem Eingriff der Sicherheit Priorität einräumt.

Der GL kann sehr wohl schnell um die Ecken pfeilen, und er kann, speziell gemessen am teilweise noch fragwürdigen Standard der Big-SUV-Gesellschaft, wirkungsvoll und ausdauernd bremsen. Aber die forcierte Gangart macht keinen Spaß. Dass Gewicht und Größe schnellen Richtungswechseln Grenzen setzen, wissen wir nicht erst seit der Titanic. Die weiche Federung lässt den Aufbau wanken. Die Sicherheit hat darunter nicht zu leiden – höchstens die Passagiere, die mit Fug und Recht darauf hinweisen, dass sie in der gepflegten GL-Kabine einen ebensolchen Transport wünschen. Zu dem passt trefflich die hier getestete Motorisierung, der vier Liter große Turbodiesel-Achtzylinder. Leistung? Genügend. Drehmoment? Mehr als genügend. Dazu kommt der ruhige, geschmeidige Lauf, der auch aus dem normalerweise sehr niedrigen Drehzahlniveau resultiert.

Unterstützt wird der Bullenmotor durch die Siebengang- Automatik, die der wichtigsten Tugend der selbst schaltenden Getriebe huldigt: Man nimmt ihre Tätigkeit kaum wahr. Eine sehr komfortable Antriebseinheit also, ein Luxus, der natürlich auch bezahlt sein will. 13,6 Liter/100 Kilometer schluckt der GL im Testmittel, was angesichts des Gebotenen angemessen erscheint. Sie können sich das leisten? Tun Sie es, und erzählen Sie später Ihren staunenden Enkeln, was uns Vergnügen gemacht hat in einer Zeit, die wir dann als die des billigen Öls bezeichnen werden.

Fazit

Allein schon die auf den US-Markt zugeschnittene Größe des GL schränkt seine Alltagstauglichkeit ein. Am besten ist er als geräumiger, sehr komfortabler Cruiser auf der Autobahn aufgehoben.

Technische Daten
Mercedes GL 420 CDI
Grundpreis 85.442 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 5088 x 1920 x 1840 mm
KofferraumvolumenVDA 620 bis 2300 l
Hubraum / Motor 3996 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 225 kW / 306 PS bei 3600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 230 km/h
0-100 km/h 8,3 s
Verbrauch 11,6 l/100 km
Testverbrauch 13,6 l/100 km
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