Mercedes ML 270 CDI im Test

Starke M-Motion. 100 000 Kilometer mal auf, mal neben dem Asphalt

Mercedes ML 270 CDI

Die M-Klasse eroberte für Mercedes gleich zweifach neues Terrain: Erstens entsteht sie  berwiegend in den USA, zweitens ist sie das erste Sport Utility Vehicle mit Stern. Der Dauertest klärt, wie es um den Mercedes ML 270 CDI qualitativ bestellt ist.

Die beiden Kennbuchstaben auf der Heckklappe können durchaus als Programm verstanden werden: ML lässt sich zum Beispiel als Abkürzung für „Macht Laune“ lesen, aber auch „Mag Landausflüge“, „Marschiert lässig“ oder „Munterer Laufbursche“ träfe den Kern. Die M-Klasse platzierte Mercedes im März 1998 jedenfalls im Schwarzen auf der Kunden- Zielscheibe.

In Deutschland entschieden sich im Jahr 2001 schon 17 300 Abnehmer für das Sport Utility Vehicle, das überwiegend in den USA gebaut wird, dessen Diesel-Versionen für Europa aber aus dem steirischen Graz stammen. Und da vier von fünf M-Klasse-Modellen heute mit Selbstzündern bestückt sind, gelten die Mercedes-SUV als legitime Brüder des grimmigen Geländegängers vom Typ G, der ja ebenfalls in der Steiermark montiert wird.

Ein SUV ist die Fortsetzung des Autofahrens mit anderen Mitteln, wenn aller Asphalt am Ende ist. Die hochbeinigen, robusten, geräumigen und meist mit Allradantrieb ausgerüsteten Freizeit- Fahrzeuge geben auch da noch nicht auf, wo etwa eine Furt im Fluss mangels Brücke zu durchwaten ist; wo ein weiter Sandstrand den Surfer noch von der Wasserkante trennt oder dort, wo die Absprungschanze des Drachenfliegers erst von fern in Sicht kommt. Die M-Klasse zieht unverzagt, auch wenn der Pferdeanhänger bis zur Achse eingesunken in der feuchten Wiese steht, und wo die Olympia- Jolle darauf wartet, auf einer algenglitschigen Slip-Rampe samt Trailer an Land gehievt zu werden. SUV sind die Autos für den Abenteurer im Menschen.

Das Problem: Wenn sie ihren Möglichkeiten entsprechend genutzt werden, unterliegen sie einem verschärften Verschleiß-Profil. Sand, Wasser, Schnee und Schlaglöcher wechseln sich mit langen Passagen auf normaler Straßenoberfläche ab, und ein Leserbrief von Ronny Cropfeld aus Israel berichtet sogar von geborstenen Stoßdämpfern und gebrochenen Türschlössern. Ein Dauertest über 100 000 Kilometer ist mit so einem Geländegänger also ein spannendes Unternehmen.

Der ML 270 CDI mit seinem 163 PS starken Diesel meldete sich im Juli des Jahres 2000 in der Redaktion zum Dienst. Zwei Jahre später hat er seinen Auftrag erfüllt: 112 000 Kilometer stehen jetzt auf dem Zähler, und noch immer beginnt S-NB 1118 jeden Arbeitstag mit fröhlichem Nageln. Sein optischer Zustand bekommt die Note gut; die Erfahrungen einiger Leser mit mangelnder Lack-Qualität blieben der Redaktion erspart. Im Winter möchte er zwar gerne etwas länger vorgeglüht werden, und auch die Heizung profitiert nicht eben von der geringen Abwärme des Diesels; an Sommerabenden entlässt er seine Passagiere aber nach wie vor aus einem angenehm klimatisierten, gut vorzeigbaren Ambiente. Und das kollegiale Miteinander fördert er sowieso.

Während Test-Redakteur Wolfgang König Knarr- und Klappergeräusche monierte, und dahinter zum Beispiel Karosserieverwindungen vermutet, attestieren die Test-Spezialisten Otto Rupp und Andreas Lucyk dem Dauertest-Objekt nach 100 000 Kilometern noch einen stabilen mechanischen Allgemeinzustand.

Die Diskussion in der Redaktion spiegelt in einigen Phasen exakt die Haltung zur M-Klasse in der Leserschaft wider, und die Zuschriften auf Seite 62 geben über das Haupt-Problem des ML klar Auskunft. Leser J. Lampe von der Nato-C3-Agency in Den Haag zerreißt da seinen ML wegen lästiger Verarbeitungsmängel in der Luft, beendet seinen Brief aber damit, dass er den Wagen „sehr gern“ fährt.

Genauso geteilt sieht die Redaktion nach zwei Jahren den ML: ein konstruktiv sehr gelungenes Auto, dessen Finish aber nicht mit den gewohnten Maßstäben der Mercedes- Qualität gemessen werden darf. Überforderte Bedienelemente, klappernde Türen, undicht herum lümmelnde Türgummis und im Alter wackelige Sitze gehören bei anderen Mercedes-Modellen nicht auf die laufzeit-bedingte Siechtums-Liste. Bei der M-Klasse stören sie den sonst so positiven Gesamteindruck zumindest an der Oberfläche erheblich.

Die redaktionsinterne Plus- und Minus-Liste verzeichnet im Detail als Pluspunkte: kräftiger, drehmomentstarker Motor, der bei Reisegeschwindigkeit (140 bis 150 km/h) nicht unangenehm laut wird; sehr sparsam für das hohe Gewicht, denn der Gesamt-Testverbrauch beträgt nur 11,1 Liter Diesel pro 100 Kilometer; der ML 270 CDI ist dazu ein toller Zugwagen mit 3365 Kilogramm Anhängelast; sein Automatikgetriebe erntete Lob, seine im Grunde zu weiche Wandler-Abstimmung überbrückt aber die leichte Anfahrschwäche; gute Sitzposition, denn der ML ist auch auf langen Strecken sehr bequem.

Die Summe seiner Vorzüge qualifiziert ihn als idealen Reisewagen, der sich schnell (bei Testende mit immerhin 186 km/h) und entspannt fahren lässt; gute Übersicht durch hohe Sitzposition; übersichtlich angeordnete Bedienelemente; viel Stauraum und ausreichende Ablagen; große, einklappbare Außenspiegel; wirksame, zweistufige Sitzheizung; ebene Ladefläche bei umgeklappter Sitzbanklehne; gute Geländeeigenschaften; angenehme Türgriffe, und dann noch die hohe Zuladung von 670 Kilogramm. Wo so viel Licht ist, entsteht auch Schatten. Dazu gehören nach Meinung der Redaktion: teigiges Pedalgefühl bei der Bremse und zu schwach ausgelegte Bremsscheiben (dieser Mangel wurde erst bei der Modellpflege im September 2001 behoben, als auch die kleineren Modelle die Bremsanlage der großen V8-Typen erhielten); nervende Klappergeräusche; das Interieur wirkt optisch nicht sehr hochwertig; Minuspunkte für die Lenkung – zu indirekt, zu wenig Rückstellmoment. Die Innenverkleidungen leiden unter ihren zu empfindlichen Oberflächen, was eine Parallele zur Kleidung der Passagiere darstellt: Beim Ein- und Aussteigen wischen Hosen, Röcke und Mäntel unbeabsichtigt Teile der Karosserie sauber. Der Tank lässt sich nur schwer vollständig befüllen: Nach dem ersten Abschalten der Zapfpistole gluckern schlückchenweise noch bis zu fünf Liter nach.

Schlechte Passungen bei Anbauteilen und große Spaltmaße schmälern den Qualitätseindruck insgesamt; im Fahrbetrieb gab über die gesamte Distanz der eingeschränkte Autobahnkomfort auf Querfugen Anlass zu kritischen Eintragungen im Fahrtenbuch.

Die Schalter der elektrischen Sitzverstellung lassen sich zudem durch ihre Position seitlich am Sitz schlecht bedienen. Der erfahrene Dauertest- Leser erkennt allerdings unter dem Strich: Ein wirklicher Killer-Kritikpunkt etwa des Kalibers „Hat in den Pyrenäen Motor und Getriebe verloren“ ist nicht dabei. Es waren mehr die kleinen Dinge im Auto-Leben, die Fürsorge verlangten. Bei Kilometerstand 40 178 wurden erstmals die Bremsbeläge vorn fällig, fast 18 000 Kilometer später die Bremsscheiben wegen Haarrissen. Gegen Ende des Dauertests setzte sich dann noch der Bremskolben vorne links fest. Die Ursache für den letzten Bremsdefekt blieb nicht lange im Verborgenen. Fest steht, dass die Staubmanschette Schaden nahm. Ob dies durch eine ESP-Fehlsteuerung (zu große Hitzeentwicklung) ausgelöst wurde, ist nicht mehr nachvollziehbar.

Das M-Klasse-System, mittels Bremsen-Eingriff einzelne Räder am Durchdrehen zu hindern, hat über den Dauertest hinweg sehr gut funktioniert. Weder ausgegl ühte Bremsscheiben noch mangelnde Traktion waren zu beklagen. Auch Leser aus der Schweiz loben zum Beispiel ausdrücklich die guten Winter- Eigenschaften der M-Klasse.

Auf der 100.000-Kilometer- Strecke blieben ferner die zentrale Schaltereinheit, das Einspritzventil des zweiten Zylinders und zum Schluss die Frontscheibe. Der Riss fiel zusammen mit dem Abschied von der Redaktion. Da sage noch einer, Autos würden keinen Trennungsschmerz kennen.

 

79.940 km
Die Schaltereinheit entspricht nicht dem von Mercedes erwarteten Qualitätsniveau. Nach knapp 80 000 Kilometern quittierte sie den korrekten Dienst-Austausch
 
91.656 km

Wegen Undichtigkeiten trat das Einspritzventil des zweiten Zylinders schon vor Ablauf des Dauertests den Weg zum Recycling-Hof an

95.912 km
Wegen einer undichten Staubmanschette setzte sich der Kolben bei der Bremszange vorne links fest. Tausch auch der Bremsbeläge

Seit dem 5. Oktober 2000 fahre ich einen ML 270 CDI. Ein hervorragendes Auto. Komfortabel, sicher, schnell, wirtschaftlich, gutes Handling. Ich habe bei jeder Fahrt Vergnügen. Bergauf rennt er, und bergab wird er mit Hilfe der perfekten Automatik gebremst. Ich kann ihn für das Repräsentieren, aber auch für alltägliche Touren benutzen und finde ihn distinguierter als andere Geländewagen.
Franz Roeloffzen, NL-7524 RH Enschede

Wir haben unseren ML 430 seit drei Jahren und sind sehr zufrieden mit dem Gebotenen: keine größeren Defekte, keine außerplanmäßigen Werkstattaufenthalte. Nervös klappernde Türkontakte der Zentralverriegelung wurden bei einer Routine-Inspektion ersetzt. Größter Kritikpunkt ist die Lackierung, die schon bei kleinsten Steinchen abblättert. Wenn das noch verbessert wird, ist unser nächstes Auto wieder ein ML.
Thomas Strack, USA-New York City
 
Nach langem, zum Schluss ungeduldigem Warten erhielt ich im Mai 1999 meinen ML 320. Mit Ausnahme des bereits bei 35 000 Kilometern nötigen Pneu-Ersatzes waren keinerlei Reparaturen nötig. Wegen der spartanischen Ausstattung kommt aber beim Fahren keine Freude auf. Dies gilt nicht für das Fahrverhalten auf schneebedeckter Fahrbahn. Das einfache Prinzip des Abbremsens durchdrehender Räder hat sich sehr bewährt: Selbst an einer steil ansteigenden Straße ist das Anfahren probemlos.
Peter Pollak, CH-4153 Reinach
 
Das ist ein echter Mercedes. Der Innenraum ist wie von der E-Klasse gewohnt übersichtlich, ergonomisch und komfortabel.
Einzig die Bremsen quietschen in kaltem Zustand ganz fürchterlich. Dieses Auto würde ich jederzeit wieder kaufen.
Mario Trepte, 0 1187 Dresden

Wenn Klappern zum Handwerk gehören soll, dann handelt es sich bei meinem ML um einen der besten Handwerker. Bereits bei der Übergabe meines Firmenwagens im April 2001 waren etliche Klapper-, Knarr- und Knistergeräusche aus nahezu allen Ecken und Enden des Fahrzeugs zu vernehmen. Trotzdem ich jeden Morgen in den Wagen steige und mich frage, was heute wieder kaputt geht, finde ich den Wagen im Großen und Ganzen klasse, auch wenn das ein wenig masochistisch klingt. Ferry Franz, 50667 Köln
 
Fahre seit August 2000 einen ML 270 CDI mit Vollausstattung. Lieblos zusammengeschustert, Gummidichtungen auf LadaNiveau. Mechanisch allerdings keine Beanstandungen, hervorragende Wintertauglichkeit, fahre den Wagen sehr gern.
J. Lampe, Nato-Consultation, NL-Den Haag

Vor- und Nachteile

  • gute Fahrleistungen
  • sehr gutes Platzangebot
  • sehr variaber Innenraum dank asymmetrisch teilbarer Rückbank
  • unproblematischer, effektiver Bremseneingriff der Traktionskontrolle
  • Reduktionsgetriebe für den Offroad-Einsatz
  • sparsamer und drehmomentstarker Motor
  • akzeptables Handling und sichere Fahreigenschaften
  • sehr hoher Wiederverkaufswert
  • mit Dachbox (etwa für Skier) zu hoch für die meisten Parkgaragen
  • mäßige Heizleistung
  • hohes Gewicht, sehr weicher Drehmoment-Wandler
  • störende Verarbeitungsmängel im Innenraum
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Technische Daten
Mercedes ML 270 CDI
Grundpreis 40.356 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4587 x 1833 x 1776 mm
KofferraumvolumenVDA 633 bis 2020 l
Hubraum / Motor 2688 cm³ / 5-Zylinder
Leistung 120 kW / 163 PS bei 4200 U/min
Höchstgeschwindigkeit 186 km/h
Verbrauch 9,6 l/100 km
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