Mercedes SL 350 im Test

Facecar

Foto: Hans-Dieter Seufert 27 Bilder

Facelift für den Mercedes SL. Kann der kräftig aufgefrischte Sechszylinder-Sportmotor mit 316 PS im SL 350 halten, was der grimmige Gesichtsausdruck verspricht?

Man glaubt es kaum, aber so steht es grün auf weiß in den Fahrzeugpapieren: Der Mercedes SL ist eine Kabrio/Limousine. Typisch Amtsdeutsch, denn das war der Zweisitzer noch nie. Ein Roadster – wie ihn Mercedes nennt – aber auch nicht, denn mit Raub einen vom Schlage eines Morgan oder Triumph TR 3 hat der aktuelle SL etwa so viel gemeinsam wie ein iPod Touch mit einem Walkman von 1979.

Kompletten Artikel kaufen
Einzeltest Mercedes SL 350
Sie erhalten den kompletten Artikel (inkl. PDF, 4 Seiten)
1,99 €
Jetzt kaufen

Und von SL wie super leicht hat sich Mercedes schon lange verabschiedet, wie der jüngste SL 350 mit üppigen 1,8 Tonnen eindrücklich beweist. Da kommt die Leistungsspritze für den 3,5-Liter-V6 geraderecht, wobei die Mercedes-Techniker zu bewährten Mitteln griffen: Erhöhung der Verdichtung, geänderte Nockenwellen, überarbeiteter Ansaugtrakt und Feinarbeit am Zylinderkopf. Das Resultat sind 44 zusätzliche PS, das maximale Drehmoment von 360 Nm fällt bei 4.900/min an. Der alte 3,5-Liter-V6 musste seine Kurbelwelle für 350 Nm lediglich gemächliche 2.400/min rotieren lassen. Ist der Neue deshalb eine Drehorgel ohne Kick von unten raus?

V6 schiebt gut voran

Auf den Punch eines V8 wartet man vergebens, aber ein Mangel an Kraft herrscht im SL 350 nicht. Ein Druck aufs Gaspedal, und der SL schiebt standesgemäß voran, begleitet von einer verhalten metallisch klingenden Fanfare aus den beiden Endrohren. Obwohl der Testwagen die Werksangabe für den Standard-Sprint von null auf 100 km/h um eine halbe Sekunde verfehlt, wirkt der SL bei dieser Übung, die er in 6,7 Sekunden absolviert, keinesfalls müde. Was zum einen daran liegt, dass der Motor sämig und mühelos an Drehzahl zulegt, und zum anderen, dass Siebenstufen-Automatik und V6 miteinander harmonieren. Es kommt nur sehr selten vor, dass nicht automatisch der passende Gang eingelegt ist.

Die Schaltpaddel für 297 Euro wird man nur auf sehr eng gewundenen Straßen bemühen oder wenn man aktiv den vernehmlich brotzelnden Zwischengasstoßauslösen möchte, für den die Motorsteuerung beim Herunterschalten sorgt. Im Testmittel inhaliert der V6 12,2 L/100 km, auf der zurückhaltend gefahrenen Normrunde braucht der Zweisitzer gar nur 8,4 L/100 km – da sage noch einer, dass alle Sportler trinksüchtig wären.

Mercedes-Trumpf: der Komfort

Ein gelungener Motor allein macht freilich noch keinen Sportwagen aus, doch bei Lenkung und Fahrwerk waren zur Modellpflege nur moderate Eingriffe nötig. Komfort und verbindliche Anbindung an die Straße gingen beim SL seit seiner Vorstellung 2001 Hand in Hand. Tatsächlich lässt sich der Federungskomfort mit dem einer großen Limousine vergleichen. Einschränkungen bringen kleine Rippen und Dellen in der Straßenoberfläche, dann sprechen die Dämpfer etwas steif an. Lange Wellen schluckt er dagegen souverän. Erfreulicherweise geht die Geschmeidigkeit nicht mit Torkeln und Wiegen einher – selbst dann nicht, wenn der Wagen wie im Test auf das ABC-Fahrwerk verzichtet. Sicher, so spielerisch und präzise wie ein Lotus lässt sich der SL nicht um die Ecken werfen, aber der Fahrspaß ist erheblich.

Dazu trägt die neue Direktlenkung (178 Euro)einen großen Teil bei. Ihre Zahnstange weist eine variable Übersetzung auf, was ihr um die Mittellage die Nervosität nimmt – das kommt dem Geradeauslauf zugute. Hat man das Lenkrad allerdings mehr als fünf Grad eingeschlagen, wird das System sehr direkt. Das fördert wiederum die Handlichkeit und hilft, den SL-Hüftspeck zu kaschieren. Der ist traditionell auch eine Folge der soliden Verarbeitung.

Airscarf und Windschott kosten extra

Denn der massive SL bleibt unter allen Umständen steif wie eine Eisenbahnschiene. Klappern oder Knackengehören definitiv nicht zu seinen Lebens-Äußerungen. Säuseln dagegen schon, wenn man den Airscarf für 595Euro ordert. Dieser Nackenföhn, bestehend aus dezent summenden Lüftern und einem Heizelement, sitzt in der Kopfstütze und bemüht sich um angenehme Temperaturen im Genick der Passagiere – mercedestypisch in drei Stufen einstellbar. Kleinere Zeitgenossen berichten von einer wohltuenden Wirkung, ab 1,90 Meter Körpergröße wird dagegen lediglich der Jackenkragen temperiert. Immerhin schützt das Windschott (428 Euro) vor frostiger Zugluft.

Ist das 1.130 Euro teure Harman Kardon-Soundsystem an Bord, lässt sich ein akustischer Sturm entfachen. Raumklang mit verblüffender Auflösung ist garantiert. Für mehr Unterhaltung und Information sorgt das Comand-System für 2.332 Euro mit Navigationsgerät. Die Routenwahl gelingt präzise, Staus werden frühzeitig angezeigt und alternative Routenschnell berechnet. Einen Dreh-Drück-Steller wie in der S-Klasse gibt es nicht, das SL-Comand wird über Knöpfe rundum den hoch auflösenden Monitor bedient. Oder über die gut funktionierende Sprachbedienung. Überhaupt macht es der SL seinen Passagieren leicht, mit ihm umzugehen und ihn zu schätzen.

Verarbeitung und Bremsen überzeugen

Bei der Verarbeitung gibt es nichts zu bekritteln. Die Aluminium-Zierteile wirken extrem hochwertig und liebevoll eingepasst, die Kunststoffteilestehen hier nicht zurück – dieses übersichtlich gestaltete Armaturenbrett schaut man gern an. Die Sitzposition lässt sich auf unterschiedlichste Staturen einstellen, Komfortsitze mit Heizung und Belüftung (1.226 Euro) schmeichelndem Rücken und bieten ausreichend Seitenhalt. Werkstatt Teil- lieber Volllederbezüge möchte, muss allerdings mindestens 1.035 Euro ausgeben.

Die elektrohydraulische SBC-Bremse ist hingegen weiterhin serienmäßig an Bord und mittlerweile nicht mehr von einer reinhydraulischen Anlage zu unterscheiden. Bremsleistung und Standfestigkeit überzeugen ebenfalls. Nach all dem Lob gibt es, neben der Preispolitik, ein paar Punkte zu kritisieren.

Die Übersichtlichkeit ist vor allem bei geschlossenem Dach eher dürftig, der Platz hinter den Sitzen als Ablage schlecht nutzbar. Und dann sind da noch diese halbstarken Beulen in der Motorhaube, die übrigens bei den wirklich starken AMG-Versionen nicht zu finden sind. Tatsächlich haben sie keine Funktion. Sie geben dem SL einen Mehr-Schein-als-Sein-Auftritt. Nötig hat er ihn nicht.

Umfrage
Mercedes SL: Ein gelungenes Facelift?
Ergebnis anzeigen

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • -sehr große Steifigkeit -hohe Verarbeitungsqualität -einfache Bedienung -gutes Platzangebot für die Passagiere
  • -eingeschränkte Übersichtlichkeit
Antrieb
  • -drehfreudiger und sehr kultivierter Motor -gute Fahrleistung -passend abgestimmte, schnell schaltende Siebenstufen-Automatik
  • -Drehmomentschwäche bei niedriger Tourenzahl
Fahrkomfort
  • -sehr bequeme Sitze -niedrige Windgeräusche -ausgewogene Federung -gute Klimatisierung
Fahreigenschaften
  • -gute Handlichkeit -präzise Direktlenkung -sicheres Kurvenverhalten -stabiler Geradeauslauf
Sicherheit
  • -wirksame, standfeste Bremsen -umfangreiche Sicherheitsausstattung
Kosten
  • -gute Wertstabilität -günstige Haftpflichteinstufung
  • -hoher Kaufpreis -bescheidene Grundausstattung -nur zwei Jahre Garantie
Umwelt
  • -angemessener Verbrauch

Fazit

Die Modellpflege macht aus dem SL kein neues, aber ein noch besseres Auto. Beispielhafte Verarbeitung, großer Komfort, erstaunliche Handlichkeit und ein kraftvoller Antrieb waren schon immer seine Stärken.

Technische Daten
Mercedes SL 350
Grundpreis 89.250 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4562 x 1820 x 1317 mm
KofferraumvolumenVDA 339 l
Hubraum / Motor 3498 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 232 kW / 316 PS bei 6500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 6,7 s
Verbrauch 9,9 l/100 km
Testverbrauch 12,4 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Top Aktuell Suzuki Jimny 1.5 Allgrip, Exterieur Suzuki Jimny (2018) im Test Rodel-Diplom in den Alpen
Beliebte Artikel Mercedes SL 500 im Test Airwürden Mercedes SL 65 AMG im Test Power-Kraut
Gebrauchtwagen Angebote
Anzeige
Sportwagen Jaguar Land Rover Fahrdynamik Advertorial Auf Knopfdruck: Sport Mehr Fahrspaß durch Technik Porsche 911 (992) Cabrio Erlkönig Erlkönig Porsche 911 Cabrio (992) Offener Elfer startet 2019
Allrad Toyota RAV 4 2018 New York Sitzrobe Toyota RAV4 (2018) SUV-Neuauflage ab 29.990 Euro Porsche Macan, Facelift 2019 Porsche Macan (2019) Facelift Scharfes Heck, starke Motoren
Oldtimer & Youngtimer Porsche 911 (996) Carrera Coupe Porsche 911 (996) Kaufberatung Probleme des Schnäppchen-Elfer Aston Martin Heritage EV Concept Aston Martin Heritage EV Concept Elektroantrieb für Klassiker
Promobil Hymer B-MC I 580 Hymer B-Klasse MC I 580 Test Neues Konzept, neue Epoche? Weihnachtskalender 2018 Tür 15 Mitmachen und gewinnen Nighthawk von ROLLPLAY
CARAVANING Deichselschloss Diebstahlschutz für Caravans Deichselschlösser und Co Weihnachtskalender 2018 Tür 15 Mitmachen und gewinnen Nighthawk von ROLLPLAY