Mercedes SLK 200 Kompressor im Test

Der Wohlfühl-Roadster

Foto: Achim Hartmann

Die zweite Generation des Klappdach-Trendsetters verwöhnt mit noch höherem Offenfahr-Komfort. Die Basisversion wird von einem Zweiliter-Vierzylinder mit 163 PS angetrieben.

Kaschmir-Schals sind out. Den Hals  des SLK-Fahrers von Welt umschmeichelt  in dieser Saison nur  ein warmer Hauch. Ein Hauch, der  aus einem dreistufigen Nackenföhn in der  Kopfstütze strömt. Einer, der kühle Herbstabende  in laue Sommernächte verwandelt.  Ein Luftschal – Gipfel der Dekadenz?  Zumindest teuer wie ein Kaschmir-  Schal von Moshammer, denn der Luftschal  lässt sich im Mercedes nur inklusive beheizbarer  Ledersitze ordern. Macht 2018  Euro für den Luxus, auch im zeitigen Frühjahr  nackthalsig Cabrio zu fahren – ohne  einen steifen Nacken zu riskieren.  Den verhindert das neue Extra tatsächlich  und macht aus dem Schönwetter- einen  Allwetterfahrer. Harter Mann/taffe Frau auf  Knopfdruck, wo gibt es das sonst? Scheiben  hoch, Windschott montiert, Sitz- (342 Euro)  und Lenkradheizung (290 Euro) an, Luftschal  auf Stufe drei – und alles außer Regen  ist SLK-Wetter. Klar, beinharte Roadsterfahrer  rümpfen über diese Weicheier die  Nase; doch am Ende des Jahres werden die  Luftschal-Käufer die meisten Offenfahr-  Stunden vorweisen.

Der neue kleine Zweisitzer ist keine  Herausforderung für Bezwinger der Jahreszeiten  – in diesem Mercedes lässt man bezwingen.  Der SLK, das Zeitgeist-Cabrio.  Wird auf Knopfdruck zum Coupé. Bleibt  auf der Autobahn leise. Überfliegt Buckelpisten  klapperfrei. Verursacht keinen steifen  Nacken. Ruiniert nicht einmal die Frisur.  Ein Cabrio, das sogar Coupéfahrer zur  Sonne bekehren wird. Insofern ist der neue ein perfekter Nachkomme  des alten SLK. Den kauften seit  Herbst 1996 über 300 000 Offenfahrer in  40 Ländern. Die meisten wegen des elektrisch  betätigten Klappdaches samt Show-  Effekt an der roten Ampel.  Mercedes hat den Mechanismus noch  perfektioniert und um drei Sekunden beschleunigt.  Von null auf 100 Prozent offen in  nur noch 22 Sekunden. Dabei vollführt die  Heckscheibe während des Öffnens eine  Luftschraube, kuschelt sich an das Dach,  und beide verschwinden eng umschlungen  im Kofferraum. Unter den Turteltäubchen  bleiben nun 208 Liter (vorher 145) Raum  und damit genug Platz für Urlaubsgepäck.  Es sollen die Reisetaschen urbaner  Nachtschwärmer sein. Davon träumen die  Marketing-Strategen und wollen den angegrauten  Altersschnitt der Mercedes-Käufer  weiterhin verjüngt sehen.  So wie es der SLK vor acht Jahren begonnen  hat. Mit ihm fiel der Rock’n’Roll in  das Mercedes-Establishment ein. Ein wendiger  Zweisitzer, offen, sportlich, mehr dem  Spaß als dem Komfort verpflichtet.

Ein  SL-chen unterhalb des statushaltigen SL.  Für Jung-Dynamiker und schicke Frauen.  Und weil die damals wie heute noch aufs  Geld schauen müssen, lautet die Empfehlung:  SLK 200 Kompressor.  33 524 Euro kostet die Basisversion mit  163 PS und ist damit um den Wert eines  Kleinwagens billiger als der nächstgrößere  SLK 350.Aber 1276 Euro teurer als das  günstigste Vorgängermodell. Dafür sind  jetzt seitliche Kopfairbags, Multifunktionslenkrad  sowie 16-Zoll-Aluräder serienmäßig.  Und die Optik des hyperteuren SLRSupersportwagens.  SLK und SLR atmen durch eine ausgeprägte  Nase – Hommage an die Formel 1-  Silberpfeile. Die fahren zurzeit allerdings  Hohn und Spott statt WM-Punkte ein, was  Imageverlust statt -transfer bedeutet. Mit  DTM-Anleihen ließe sich mehr erreichen.  Kann man sich an der Nasen-Optik noch  reiben, so findet das 2004er-Cockpit auf  jeden Fall breite Zustimmung. Der Innenraum  ist frei von Revolutionen à la BMW.

Was im SLK lifestylig um die Insassen herum  fließt, wirkt pfiffig, ohne geckig zu sein. Massenkompatible Moderne. Mattschwarze Kunststoffe, weich gemacht  und edel vernarbt. So exzellent verarbeitet,  dass Leder entbehrlich ist. Dazu,  als Kontrast, silbrige Knöpfe und Armatureneinfassungen. Alles ergonomisch perfekt  um den Piloten drapiert.  Sitz- und Lenkradposition stimmen, selbst größere Insassen verspüren dank der  gewonnenen Zentimeter im Innenraum nicht  mehr das Gefühl der Enge, das im Vorgänger herrschte. Dennoch passt der Neue wie  ein Golfhandschuh, nicht wie ein Fäustling.  Die hohe Gürtellinie unterstützt den  Eindruck, mit dem Auto zu verwachsen. So  liebt es der aktive Pilot. Allenfalls hartgesottene  Offenfahrer empfinden das als  Eingemauertsein. Man sitzt eben auf der  Terrasse, nicht im Garten.

Auf Knopfdruck strömt der Sommer ins  Auto. Der Schalter zum automatischen  Dachöffnen sitzt hinter dem Schaltknüppel  und lässt sich nur bei stehendem Auto aktivieren;  er will während der Zeremonie gehalten  werden. Eine einfache Sache, ohne  Muskelkraft und vor allem ohne Persenning-  Gezerre. Müheloser kann Cabriofahren  nicht sein.  Eine Leichtigkeit überträgt sich auf den  SLK-Lenker, zumal der handliche Zweisitzer  dazu seinen Beitrag leistet. Er lässt sich  spielerisch und zielgenau dirigieren, ohne  nervös zu werden, und gibt dem Fahrer eine  hervorragende Rückmeldung.  Mehr noch als sein Vorgänger liefert der  neue SLK dosierte Wildheit, ist auf fordernden  Landstraßen mit Ernst bei der Sache.  Stets beherrschbar vermittelt er dabei das sichere  Gefühl der Geborgenheit. ESP greift  erst bei sehr hoher Querbeschleunigung  sanft und wirksam ein. Am meisten liebt das Cabrio den geschmeidigen  Fahrfluss. Dazu passt die Federung.  Sie arrangiert sich prima mit sämtlichen  Fahrzuständen. Obwohl der Testwagen  mit dem aufpreispflichtigen Sportfahrwerk  antritt, ist der Komfort sehr gut. Straffheit  erlaubt sich das Cabrio nur beim Dahinrollen  über kurzen Bodenwellen.  Angenehm äußert sich auch der Motor:  je nach Lastzustand zufrieden brummelnd  oder heiser röhrend. Emotionaler dürfte  noch kein Mercedes-Vierzylinder getönt  haben. Nur geschlossen, wenn das Dach den  komponierten Auspuffton dämpft, überwiegt  der Singsang des Kompressors.  Man muss ihn ertragen, lässt der Lader  doch den 1,8 Liter kleinen Vierzylinder wie  einen Großen wirken. 240 Nm Drehmoment  – das stemmen sonst nur 2,5-Liter-  Triebwerke. Vor allem bei mittleren Drehzahlen  schiebt der Reihenmotor saftig an.

Die Frage „Reicht denn der Basismotor?“  lässt sich klar beantworten: „Ja.“  Er teilt nicht einmal die Unart aufgeladener  Triebwerke, viel zu verbrauchen.  9,1 Liter Superbenzin sind es im Testmittel  auf 100 Kilometer. Wer niedertourig cruist,  kommt sogar mit etwa sieben Litern aus.  An der Drehfreude ließe sich dagegen  noch feilen. Es fehlt die Gier eines Sportmotors;  der 1,8-Liter scheut zu sehr den  Begrenzer. Aktiv ist er nur im mittleren  Bereich, darüber träge.  Den richtigen Weg haben die Ingenieure  dagegen bei der Schaltbarkeit des Sechsgang-  Getriebes eingeschlagen. Zwar erreicht  die SLK-Box beim schnellen Gassenwechsel  immer noch nicht die BMW-Präzision.  Doch Besseres gab es von Mercedes  bislang nicht.  Das Lob überwiegt eindeutig und macht  den neuen Basis-SLK zur Kaufempfehlung.  Ein zweisitziges Cabrio, das praktisch alles  kann, Schnellfahren und Bummeln, offen  wie geschlossen. Das sich bis hin zu passenden  Kofferraumtaschen für teures Geld zum  Luxus-Gefährt hochrüsten lässt und nach  der Ausfahrt das zufriedene Sättigungsgefühl  eines Fünf-Gänge-Menüs hinterlässt.  Ist das dekadent?  Und wenn schon.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • hochwertige Materialien sehr gute Verarbeitung hohe Verwindungssteifigkeit ausreichender Kofferraum umfangreiche Extras
Fahrkomfort
  • guter Gesamtkomfort bequeme und stützende Sitze niedrige Geräuschkulisse hoher Offenfahrkomfort
Antrieb
  • kräftiges Durchzugsvermögen gute Fahrleistungen schöner Auspuffton
  • eingeschränkte Drehfreude leichtes Schaltruckeln
Fahreigenschaften
  • hohe Fahrsicherheit agile Fahrwerksabstimmung sehr gute Handlichkeit gute Traktion
Sicherheit
  • gute Sicherheitsausstattung standfeste Bremsen
Umwelt
  • schadstoffarm nach Euro 4 angemessener Verbrauch
Kosten
  • noch akzeptabler Preis lange Inspektionsintervalle
  • hohe Vollkasko-Prämie keine Garantie, nur Gewährleistung

Fazit

Mercedes ist fast ein Tausendsassa geglückt. Der SLK ist offen wie geschlossen komfortabel, inspirierend agil und gleichzeitig ein angenehmer und gut verarbeiteter Cruiser. Leichte Schwächen leistet er sich nur im Antrieb.

Technische Daten
Mercedes SLK 200 Kompressor
Grundpreis 35.938 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4082 x 1777 x 1296 mm
KofferraumvolumenVDA 300 l
Hubraum / Motor 1796 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 120 kW / 163 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 230 km/h
0-100 km/h 8,3 s
Verbrauch 8,7 l/100 km
Testverbrauch 9,1 l/100 km
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