Mercedes SLK 230 Kompressor

Zwei Autos in einem, nämlich Cabrio und Coupé – das war eines der Entwicklungsziele beim neuen Mercedes SLK. Nun kommt der Silberpfeil auf die Straße. Kann er die hohen Erwartungen erfüllen? Im Test: die Kompressor-Version.

Oft wird der Tester, unterwegs mit automobilen Fabelwesen wie der neuesten Mercedes-Errungenschaft, nach der Höchstgeschwindigkeit gefragt. Doch diesmal ist alles anders. Nicht nur Motorradfahrer auf ultraschnellen Kawasakis tatschen ihre lederummantelten Soziusbräute, um sie en passant schnell auf den flachen Vier-Meter-Keil aufmerksam zu machen. Auch die Frage-und-Antwort-Viertelstunde an der Tankstelle hat ihre neue Qualität. Nicht wie schnell lautet die Frage, sondern: Wie funktioniert das Vario-Dach?


Es gibt, mit rasch zunehmender Menschentraube, zwei Antworten. Die erste, eilige lautet: sehr gut und auch sehr schnell, 25 Sekunden. Die zweite ist die, auf die im Grunde alle, die des SLK ansichtig werden, mit angehaltenem Atem warten. Es ist die Demo- Antwort, und sie ist so wortsparend, daß sie selbst im Trappistenkloster keine Aufregung verursachen würde. Handbremse ziehen, Schalthebel auf Leerlauf und nun die rote Zaubertaste zart nach hinten gerückt. Ein leises Sirren ertönt, die Seitenscheiben verschwinden, Deckel öffnen sich, der Entriegelungsmechanismus am Windschutzscheibenrahmen steigt ein in die Combo der elektrohydraulischen Heinzelmännchen. Das kurze Dach verschwindet im Kofferraum, der Deckel verschließt das Meisterstück ingeniösen Geistes. Eigentlich müßte jetzt ein Tusch ertönen.

Vor nicht allzu langer Zeit wäre man mit einer solchen Darbietung wegen Hexerei verbrannt worden. Heute, im Technik- Zeitalter, zollt die Menge dem Spektakel hohen Respekt. Der Dachmechanismus des SLK, der die Vorzüge des Coupés mit denen des Cabrios verbindet, ist die eigentliche Attraktion an diesem Auto. Wer hat das sonst? Niemand. Noch nicht einmal der große und doppelt so teure Bruder SL. Doch die Dinge von Menschenhand, und seien sie auch noch so findungsreich, haben auch ihre Schattenseiten. Beim SLK ist das konstruktionsbedingte Minus schnell ausgemacht. Weil die aufwendige Dachkonstruktion weit mehr Stauraum benötigt als das klassische Stoffdach, reduziert sich das Kofferraumvolumen von 350 Litern (Dach geschlossen) auf spärliche 145.

Daran ändert auch nichts die Tatsache, daß durch das Weglassen eines Reserverads und das notdürftige Ersetzen desselben durch ein Reifen-Reparaturset bereits zusätzlicher Raum geschaffen wurde. Die große Reise zu zweit läßt sich also in purer Offenfahrt schlecht planen.

Das Denkmodell ist ein anderes: geschlossen los, offen und gepäckarm ab Zielort. Die kleine Sommerabend-Tour ist ja ohnehin ohne Gepäckproblematik, ebenso könnte es die rasche Tour des Geschäftsreisenden sein. Er benutzt den SLK zumindest auf der Autobahn als Coupé, und dann können sogar die Musterkoffer mit.

Die Vorzüge des Systems sind ja nicht von der Hand zu weisen. Geringe Windgeräusche, keine Alterung gegenüber dem Faltverdeck, keine Chance dem Cabrio-Ripper. Und das Auf und Zu eine Angelegenheit von nicht einmal einer halben Minute. Der offene SLK wirkt durch die stark geneigte Frontscheibe zunächst ein wenig bedrückend im Kopfbereich. Doch der Eindruck schwindet in Fahrt, zumal Sitzposition und Windschutzscheibe die Zugluft bei hochgefahrenen Seitenscheiben auch ohne Windschott in erträglichen Grenzen halten. 180 km/h führen natürlich in jedem Fall zu einer Wischmop-Frisur, das kleine schwarze, serienmäßige Schott, das an ein verlorenes Stück Reizwäsche erinnert, glättet die Windwogen.

Nun ist sie da, die „thermische Behaglichkeit“, wie die Aerodynamik- Ingenieure diese Entwicklungsdisziplin beschreiben. Doch auch jenseits aller Winde stellt sich schon nach kurzem Umgang ein Gefühl großer Zufriedenheit ein. Nicht nur unterschwellig signalisiert der längenmäßig mit knapp vier Metern auf Golf-Niveau liegende SLK, daß hier in Sachen Insassen- Geborgenheit ein neues, nicht nur in dieser Preisklasse bislang unerreichtes Niveau erzielt wurde. Auch auf gröbsten Unebenheiten verliert der knapp über 1,3 Tonnen wiegende Kurz-SL nichts von seiner Verwindungssteifigkeit.

Die Karosserie, zu deren Sicherheitsausstattung unter anderem rohrverstärkte A-Säulen und stabile, mit Kunststoff umschäumte Überrollbügel gehören, zeigt niemals etwas von jenem Zittern und Schütteln, an das sich Cabriofahrer seit Generationen gewöhnt haben – sogar die Nutzer des großen SL. Ein – neben dem Porsche Carrera Cabrio – neuer Stabilitäts-Maßstab also, gepaart mit jener Interieur- Funktionalität, die sich bei Mercedes nicht auf Innovation, sondern auf Bewahren stützt. Schalter und Hebel sind an der richtigen Stelle, der seit Generationen vererbte Kombihebel befindet sich linker Hand, allein die Instrumentierung zeigt stilistisch Progressivität, die allerdings etwas aufgesetzt wirkt.

Der Styling- Gag mit dem betont alten Mercedes- Emblem im neuzeitlichen Airbag-Lederlenkrad signalisiert die Tradition in der Moderne. Botschaft: Wir wissen am längsten, wie man Sportwagen baut. Die Sitze lassen den mitunter peinlichen Rennsitz-Charakter mancher Sportwagen völlig vermissen. Sie bieten ausreichenden Halt, sind allerdings in der Lehne etwas umständlich zu verstellen. Im übrigen ist unverkennbar, daß die Ergonomie beim SLK stimmt. Man fühlt sich auf Anhieb wohl – nicht zuletzt auch wegen der vielen sinnvollen Ablagen. Wer den Kompressormotor des SLK startet, darf nicht auf die akustische Belebung alter Kompressor-Zeiten hoffen. Kein Gebrüll entfährt da der optisch mit Hutzen à la Ur-SL verfeinerten Motorhaube, sondern normales Vierzylinder-Brummen.

Die Kürze des Maschinenabteils machte Sechszylinder-Reihenmotoren unpraktikabel, die hohe Leistung des 2,3 Liter- Vierzylinders von 193 PS resultiert aus einer mechanischen Aufladung mittels Roots-Gebläse. Neben der Kürze des Aggregats hat diese Art Aufladung einen weiteren Vorzug: Sie liefert hohes Drehmoment schon bei niedriger Drehzahl. Zwischen 2500/min und 4800/min warten 280 Nm auf ihren Einsatz eindrucksvollen Fahrleistungen (null auf 100 km/h in 7,2 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 230 km/h) ebenfalls geliefert. Die Elastizitätswerte sind sehr gut – trotz insgesamt langer Übersetzung.

Wenn man so will, kann man dem 230 SLK-Triebwerk Jekyll-und-Hide-Charakter bescheinigen, einerseits ganz brav und ohne jegliche Aggressivität, andererseits so dynamisch, daß das Prädikat Sportwagen keine Übertreibung darstellt. Hinzu kommt als Freudenbringer das exakt und auf kurzen Wegen schaltbare Fünfganggetriebe, dessen Knauf die rechte Hand geradezu magisch anzuziehen scheint. Doch viel Schaltarbeit ist nicht nötig. Der bullige Vierzylinder hat leichtes Spiel und muß selten über 4000 Touren gedreht werden. Da trifft es sich gut, daß auch das Fahrwerk eine Art Doppler-Effekt auf die serienmäßigen 16 Zoll-Leichtmetallräder stellt. Denn genauso brav, wie sich der Motor üblicherweise bewegen läßt, genauso zivil und komfortbetont zeigt sich der SLK im Federungsverhalten. Mit seinem geschmeidigen Abrollen und dem guten Schluckvermögen werden Limousinen- Maßstäbe realisiert.

Was der SLK in Kurven zeigt, ist das Eindrucksvollste in der Mercedes-Hierarchie. Extreme Querbeschleunigungen, äußerst standfeste Bremsen und eine verblüffende Handlichkeit machen den jüngsten Mercedes zusammen mit seinen unspektakulären, aber nicht minder wichtigen Alltagseigenschaften zu einem Novum in der gesamten Sportwagenwelt. So bleibt in Anbetracht der Dachkonstruktion nur noch eines zu sagen: Hut ab.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • Qualitativ hochwertige Karosse mit sehr hoher Verwindungssteifigkeit, einfache Bedienung des Vario- Daches, übersichtliche Instrumente, praktische Ablagen, nur geringe Windgeräusche
  • Kleiner Tankinhalt, eingeschränkter Kofferraum bei Offenfahrt
Fahrkomfort
  • Für Sportwagenverhältnisse sehr guter Federungskomfort, bequeme Sitze mit ausreichendem Verstellbereich, sehr funktionelle Bedienung, gute Gesamtergonomie, geringe Betätigungskräfte
  • Lehnenverstellung der Sitze umständlich zu bedienen
Antrieb
  • Vierzylindermotor mit guter Laufkultur, gutes Durchzugsvermögen, kräftiges Ansprechen auf Gaspedalbewegungen, sehr hohe Fahrleistungen, auf die Leistungscharakteristik gut abgestuftes, exakt schaltbares Fünfganggetriebe
  • Bescheidenes Drehvermögen
Fahreigenschaften
  • Ungewöhnlich hohe Fahrsicherheit mit neutralem Kurvenverhalten, keine Lastwechselreaktionen, stabiler Geradeauslauf auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten, trotz sehr hohem Drehmoment gute Traktion, sehr gute Handlichkeit, wirkungsvolle, auch bei Belastung standfeste Bremsen
Sicherheit/Umwelt
  • Sehr hohe Sicherheitsausstattung mit zwei Airbags, Seitenaufprallschutz und Türversteifungen, integrierter Überrollschutz, Frontscheibenrahmen mit integriertem Stahlrohr, Sidebags auf Wunsch lieferbar, Verbrauch mit 10,7 Litern den Fahrleistungen angemessen
Kosten
  • Gutes Preis-Leistungs- Verhältnis, voraussichtlich sehr guter Wiederverkaufswert, dichtes Werkstattnetz, Wartungsanzeige im Display des Wegstreckenzählers, lange Inspektionsintervalle (30 000 km), günstige Kraftstoffkosten
  • Hohe Fest- und Unterhaltskosten
Technische Daten
Mercedes SLK 230 Kompressor
Grundpreis 31.163 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3995 x 1715 x 1289 mm
KofferraumvolumenVDA 348 l
Hubraum / Motor 2295 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 142 kW / 193 PS bei 5300 U/min
Höchstgeschwindigkeit 231 km/h
0-100 km/h 7,2 s
Verbrauch 9,3 l/100 km
Testverbrauch 10,7 l/100 km
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