Mercedes SLR Roadster im Test

Auf in den Dampf

Foto: Hans-Dieter Seufert 36 Bilder

Spontan losgetretene 780 Nm geben im Dragster-Cabrio Rauchzeichen. Der Geruch von verbranntem Geld? Der Mercedes SLR McLaren Roadster kostet eine halbe Million Euro. Viel Kohle für Kohlenstoff.

Tacho: 330 km/h. Verdeck: offen. Haarpracht und Flimmerhärchen ringen um Halt. Dann ein Schlag auf den Arm, ein Knall – und auf dem Armaturenbrett liegt das Kunststoff-Windschott. Der Sog hat es aus der Verankerung gelöst und durch den Innenraum geschleudert. Beharrlich stemmte es sich gegen den Sturm und verlor schließlich doch gegen die Naturgewalt. Der Mercedes SLR McLaren Roadster entfesselt sie bis in kaum vorstellbare Bereiche. Offen über 300 km/h – doch die Verwirbelungen ähneln denen von Hardcore-Roadstern bei halbem Tempo, rütteln wegen der tiefen Sitzposition am Kopf und nicht am Rumpf. Sofern die Seitenscheiben hochgefahren sind; andernfalls tobt eine Windhose durchs Cockpit.

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Einzeltest Mercedes SLR McLaren Roadster
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Auch geschlossen bleiben die 332 km/h Spitze kein theoretischer Wert. Dank Aluminium-Einlage bläht sich das Stoffdach nicht zur bremsenden Baseball-Kappe auf; geöffnet schließt diese Verstärkung das Verdeckpaket nach oben als Persenning ab. Verliert der SLR sein festes Dach, schwindet auch der Rennwagen-Druck, der sein Image belastet. Zerrissen zwischen der Alltags-Garantie von Mercedes und dem Performance-Diktat von McLaren, ist das Coupé am Streben nach Reputation gescheitert. Während die Straße dem Brutalo zujubelt, wendet sich die Rennstrecke kopfschüttelnd ab – er ist zu groß, zu schwer, zu unsensibel.

Mercedes SLR wechselt endgültig ins Showgeschäft

Ein Ende als Café-Racer vor Augen, folgt jetzt die Charakterwandlung: Der Mercedes SLR McLaren verlässt die Welt voller G-Force-Attacke, wird zum Flügeltürer mit Stoffverdeck, wechselt endgültig ins Showgeschäft. Jenseits der Rennstrecke sonnt sich der Kohlefaser- Einbaum im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Foto-Handys klicken, bannen die langgemorphte Motorhaube auf die Speicherchips.

Die Einbaulage seines Achtzylinders macht den SLR zum Stretch-SL: Auf Höhe der überzeichneten Lufteinlässe sitzt der Motor zwischen Vorderachse und Armaturenbrett. Der Zweisitzer steht für eine Realität jenseits des Fassbaren. Seine Eckdaten entstammen der Traumwelt: ab 493.850 Euro, 5,4-Liter- V8 mit Kompressor, 626 PS, 780 Nm, null auf 100 km/h in 3,8 Sekunden. Vergleichbar allenfalls mit einem Pagani Zonda Roadster F.

Dach auf zum Test

Die rechte Hand löst die Verriegelung am Scheibenrahmen, wechselt auf einen verdeckten Knopf hinter dem Handbremshebel: Automatisiert falten sich die Elemente zusammen, nach zehn Sekunden erhellt Licht den Innenraum. Es riecht nach Mercedes und nicht nach Millionen. Rund ums Lenkrad nehmen Stern-Spürnasen Großserien-Witterung auf, registrieren aber auch die überdurchschnittliche Verarbeitung und reichlich kohlefaserverstärkten Kunststoff, den High-Tech-Werkstoff des Monocoque. Und doch wiegt der SLR so viel wie drei Formel 1-Rennwagen. Zündung an, die Benzinpumpe gurrt.

Der rechte Daumen klappt ein Gitter auf dem Getriebe-Wählhebel hoch, drückt den rot leuchtenden Startknopf – und der V8 wummert im Beat der Alt-Rapper Run-D.M.C. Zunächst trägt der Wind jeglichen Drang nach forcierter Fortbewegung hinaus. Renn-Atmosphäre? Schon wenige Gewöhnungs-Kilometer normalisieren den SLR beinahe zum SL. Wären da nicht die härtere Federung (keine Verstellung) sowie die Beifallsbekundungen – sogar Motorradfahrer recken den Daumen – und der vibrierende Drang des Achtzylinders. Akustischer Vergleich zum McLaren-Coupé? Im Roadster ist Loudness aktiv. Über die hohe Seitenlinie schwappt der Sound direkt ins Ohr, zwei Sidepipes links und rechts hinter den Vorderrädern werden zum Stethoskop bis tief in die acht Brennkammern.

Kaffee-Fahren im Cabrio entspannt, keine Frage; doch die Neugier muss die 626 PS erspüren. Am Ende eines Autobahn- Tunnels erfüllt der rechte Fuß willfährig das Verlangen. Über das linke der beiden Paddel am Lenkrad schaltet man zwei Stufen der Fünfgang-Automatik zurück, der Motor sammelt sich, dann schiebt der Kompressor sirrend jede Selbstbeherrschung beiseite. Eben quoll noch tiefes Grunzen aus dem Auspuff, jetzt schreddert der Achtzylinder wie aus dem Inneren eines riesigen Häckslers. Der unvorbereiteten Beifahrerin wird schwummrig, nach jedem Schaltvorgang streckt ihr der beschleunigte Kopf erneut die Bandscheiben lang, sortiert die Wirbel, die der unbequeme Schalensitz verschoben hat. Bis der unerbittlich ausgedehnte Schub erst weit jenseits der 250 km/h nachlässt. Längs-Dynamik für Gourmands mit Verständnis für Trinker; nutzt man den SLR  als Dragster, gurgelt er bis zu 22,8 Liter auf 100 km durch die Ansaugkanäle.

Und die Querdynamik-Feinschmecker?

Sie beschweren sich über die Nervosität: Die optionalen 19-Zöller hasten von einer Längsrille zur nächsten, aus der Mittellage spricht die Lenkung zunächst verzögert, dann hyperaktiv an. Beim Fahren im Grenzbereich stochert man im Trüben: Rückmeldung beschränkt sich auf gereiztes Rütteln, die Platzierung des Bugs bleibt ebenso im Ungefähren wie die Dosierung der SBC-Keramikbremse. Ihr Potenzial dagegen ist gewaltig, zusätzlich hilft der automatisch ausfahrende Heckspoiler bei starker Verzögerung als Luftbremse.

Präzisions-Zirkeleien fordern ideale Rennstrecken-Bedingungen, breite und glatte Straßen, sowie frische Vorderreifen, die der Untersteuerneigung ihre kalte Schulter zeigen. Bei abgeschalteter Fahrhilfe pendelt das Kurveneingangs-Untersteuern im Scheitelpunkt ins Gegenteil, wenn unter Last das unbeherrschte Drehmoment die Hinterachse überrumpelt – auf nasser Fahrbahn können die 780 Nm sogar das aktivierte ESP überraschen. Mit der unharmonischen Lenkung muss präzises Abfangen trainiert werden. Das Dynamik-Plus des SLR gegenüber dem halb so teuren Konzernbruder SL 65 AMG fließt nicht von alleine auf die Straße – Zehntelsekunden wollen hart errungen werden. Doch selbst dann spielt der McLaren nicht in einer anderen Liga, sondern allenfalls am oberen Ende der Tabelle.

Der Preis dagegen ist Champions League statt Deutscher Meisterschaft. Eine Krankheit verhindert bessere Leistung: Bewusstseinsspaltung. Der Jedermann-Anspruch des Mercedes passt nicht zum Rennwagen-Versprechen eines McLaren, eine Wandlerautomatik nicht zum Supersportler, 1,8 Tonnen nicht zu Performance, eine Stretch-Karosserie nicht zu Serpentinen. Streng genommen überstrahlt der SLR den AMG-SL nur in einer Disziplin: auf den Dragstrips dieser Welt. Möge die Show mit ihm sein.

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Vor- und Nachteile

Karosserie
  • sehr steife Karosserie
  • saubere Verarbeitung
  • einfache Bedienung
  • schnell öffnendes Verdeck
  • beschwerlicher Einstieg
  • unzureichende Übersichtlichkeit
Antrieb
  • gewaltiger Vortrieb
  • weich schaltende Automatik
  • deutlich spürbare Vibrationen
  • verzögertes Motoransprechen
Fahrkomfort
  • ausreichender Federungskomfort
  • gute Klimatisierung
  • hoher Offenfahr-Komfort
  • unbequeme Schalensitze
  • eingeschränkter Antriebskomfort
  • schabendes Bremsgeräusch
  • lautes und hartes Abrollen
Fahreigenschaften
  • hohe Alltagstauglichkeit
  • stabiler Geradeauslauf
  • gute Handlichkeit
  • Traktionsmängel
  • unharmonische Lenkung
  • unbefriedigender Geradeauslauf
Sicherheit
  • standfeste Keramikbremsen
  • umfangreiche Sicherheitsausstattung
  • ungenügende ESP-Regelung bei Nässe
Kosten
  • voraussichtlich wertstabil
  • exorbitant hoher Preis
  • voraussichtlich sehr hohe Unterhaltskosten
Umwelt
  • sehr hoher Verbrauch

Fazit

Als Roadster wird der SLR zum Cabrio-Dragster. Die Längsdynamik erregt Schwindel, die Form Aufsehen. Und der Offenfahrspaß reicht bis über 300 km/h. Doch zum Supersportwagen fehlt ihm Gefühl.

Technische Daten
Mercedes SLR McLaren Roadster
Grundpreis 493.850 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4656 x 1908 x 1281 mm
KofferraumvolumenVDA 204 l
Hubraum / Motor 5439 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 460 kW / 626 PS bei 6500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 332 km/h
0-100 km/h 3,8 s
Verbrauch 14,5 l/100 km
Testverbrauch 17,8 l/100 km
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