Mercedes V 230 TD

Mit der neuen V-Klasse, einem Ableger des in Spanien produzierten Transporters Vito, schaltet sich Mercedes reichlich spät in den beständig wachsenden Van-Markt ein. Der Hang zur Größe macht erst vor dem Antrieb halt: Vorläufig sind ausschließlich Vierzylindermotoren lieferbar.

Der jüngste Beitrag zur bemannten Raumfahrt kommt nicht von der Deutschen Aerospace, sondern vom ältesten Teil des Daimler-Benz- Konzerns. Aus dem Erbgut von 110 Jahren Personenwagentradition und 100 Jahren Nutzfahrzeugbau entstand die erste Großraumlimousine von Mercedes – ein kantiger, mindestens zwei Tonnen schwerer Kubus, der auf Anhieb nicht in das nun straffe, schlanke und dynamische Erscheinungsbild des Unternehmens passen will. Daß die neue V-Klasse wie ein Transporter aussieht, ist we- der Zufall noch Willkür. Denn während andere Hersteller bei Nischenmodellen zumeist den Weg der Kooperation gehen, begrenzt Mercedes das finanzielle Risiko mit Anleihen im eigenen Haus.


Antrieb, Bodengruppe und Karosserie des Vans entsprechen weitgehend dem Anfang des Jahres eingeführten Vito, mit dem er auch gemeinsam von den Bändern im spanischen Werk Vitoria läuft. Trotz seiner massigen Erscheinung bewegt sich der Neuling mit seinen Abmessungen im Rahmen der Konkurrenten. Ein VW Sharan mißt nur vier Zentimeter weniger, der Opel Sintra sogar einen Zentimeter mehr in der Außenlänge, womit die V-Klasse (4,66 Meter) problemlos in jede normale Garage paßt. Auch die üppige Höhe (1,84 Meter), die neben der steilen Frontpartie und der Kastenform des Hecks für gute Platzverhältnisse sorgt, steht dem nicht im Wege.

Vielmehr schafft sie innen ein Raumgefühl, mit dem nur der ebenfalls auf einem Transporter basierende VW Caravelle konkurrieren kann. Wie in diesem betreten die Passagiere den Fond durch eine große Schiebetür auf der rechten Seite, eine zusätzliche Tür links kostet 1207 Mark Aufpreis. Dort finden sie vier komfortable Einzelsessel, jeweils mit Armlehnen und integrierten Automatikgurten versehen, sowie reichlich Bewegungsfreiheit vor. Für 1552 Mark extra ist ein weiterer Sitz lieferbar. Wahre Größe zeigt der neue Raumgleiter bei der Vielseitigkeit. Gehören umklappbare und herausnehmbare Sitze noch zu den üblichen Kunststückchen, so erlaubt der Mercedes auch eine vis-à-vis-Anordnung. In Verbindung mit dem – außer beim Grundmodell Trend – serienmäßigen Klapptisch kann man dann im Fond konferieren oder eine Spielrunde abhalten.

Der besondere Gag im Fashion: Zwei Taschenspiele sind ebenso mit an Bord wie ein Regenschirm und zwei Kleiderbügel an den Rücksitzlehnen. Dahinter bleibt immer noch ein beachtlicher Stauraum von 581 (VW Caravelle 540, Sharan 256) Liter Volumen, der nach Entfernen der Bestuhlung bis auf 4564 Liter wächst. Allzu häufig dürfte die Wandlungsfähigkeit der V-Klasse aber kaum in Anspruch genommen werden, denn ein kompletter Sitz wiegt rund 40 (Opel Sintra 17,25) Kilogramm. Das macht jeden Umbau zur kraft- und zeitraubenden Schwerarbeit. Am Steuer ist davon wenig zu spüren.


Obwohl man bullitypisch hoch hinter einem flachen Lenkrad sitzt, läßt sich der Mercedes insgesamt leicht bedienen und überschauen. Gewöhnungsbedürftig sind hingegen die hakelige Schaltung am Armaturenbrett, der große Wendekreis und der enge Fußraum, der von den breiten Radkästen und der Lenksäule beschnitten wird. Daß kein richtiges Mercedes-Feeling aufkommt, liegt allerdings eher an unförmigen Schaltern, billig wirkenden Kunststoffen und zu kurz geratenen Vordersitzen. Da schaffen selbst die beiden optionalen Designlinien kaum Abhilfe.

Für 8970 Mark bietet Ambiente noble Dinge wie Aluräder, Metallic- Lack oder Lederpolster, aber ein Holzdekor aus Plastik. Der Nutzwert von Fashion (1150 Mark) beschränkt sich auf den Klapptisch und nette Details (siehe oben), doch die demonstrative Farbigkeit wirkt aufgesetzt.

So ist das bereits serienmäßig mit zwei Airbags, ABS, Zentralverriegelung und elektrischen Fensterhebern ausgestattete Basismodell Trend die Wahl der Vernunft. Beim Fahrwerk gibt es ohnehin keine Unterschiede. An der Vorderachse kommen Mc- Pherson-Federbeine mit Dreieckslenkern zum Einsatz, die Hinterräder sind an Schräglenkern einzeln aufgehängt. Zwei luftgefüllte Gummibälge statt der beim Vito verwendeten Stahlfedern halten die meisten Bodenunebenheiten von den Insassen fern. Sie verhelfen der V-Klasse nicht nur zu einem guten Federungskomfort, sondern dank einem zusätzlichen Kompressor auch zu einer automatischen Niveauregulierung, die selbst einseitige Belastung ausgleicht.

Darüber hinaus stützt die Luftfederung den Wagen in Kurven besser ab und vermindert so die Seitenneigung. Trotz seines hohen Leergewichts (2043 Kilogramm) und der etwas schwergängigen Lenkung läßt sich der erste frontgetriebene Mercedes-Personenwagen damit erstaunlich flott und handlich bewegen und auch bei maximaler Zuladung (587 Kilogramm) nicht in seiner Gutmütigkeit erschüttern. Nur in schnellen Wechselkurven drängt das Heck nach außen. Die übliche Gangart ist das schon deshalb nicht, weil die beiden derzeit angebotenen Vierzylindermotoren mit dem Schwergewicht ihre liebe Not haben. Der 2,3 Liter-Turbodiesel mit Ladeluftkühler leistet zwar 45 PS weniger als der V 230 Benziner (143 PS), ist aber bei höheren Drehzahlen nicht so brummig und ganz auf Durchzug von unten ausgelegt. Nach dem üblichen Turboloch setzt ab 1500/min genügend Schub ein, um auch Berge zu erklimmen, doch über 4000/ min geht nichts mehr.


Das reicht im Alltag und für Autobahngeschwindigkeiten um 140 km/h, wobei Motorgeräusch und Vibrationen durchweg höher liegen als bei herkömmlichen Personenwagen. Gegenüber dem kraftvolleren und kultivierteren Caravelle TDI gerät der V 230 TD sogar doppelt ins Hintertreffen: Er konsumierte im Durchschnitt fast zwei Liter mehr Treibstoff auf 100 Kilometer (11,5 Liter). Für Abhilfe könnte höchstens der neue Fünfzylinder-Direkteinspritzer sorgen, der aber – ebenso wie die Sechs- und Achtzylinder-Benziner – nicht unter die vordere Haube paßt.

Die Aufstockung der Motorenpalette im nächsten Jahr erfolgt deshalb mit dem 2,3 Liter- Kompressor und einem 2,8 Liter- VR6-Motor von VW, dem Mercedes-Ingenieure derzeit mehr Laufkultur und maßvollere Trinksitten beibringen. Es wäre der V-Klasse zu wünschen, zeigt sie doch auf dem Antriebssektor ihre größten Schwächen. Mit den übrigen lasterhaften Tendenzen kann man hingegen leben, denn sie mindern weniger die mercedestypische Funktionalität als das markenübliche Preisgebaren. Für 53 130 Mark sollten sich die erwarteten 7000 Käufer pro Jahr in Deutschland finden lassen – schließlich ist nicht nur der Caravelle TDI ausstattungsbereinigt teurer, sondern auch der einfachste E 220 D.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • Großzügiger Innenund Gepäckraum, gute Verarbeitungsqualität, bequemer Einstieg, vielfältige Variationsmöglichkeiten, gute Übersichtlichkeit, durchdachte Details
  • Enger Fußraum vorn, Fondsitze schwer
Fahrkomfort
  • Guter Federungskomfort, auch bei voller Zuladung nicht unterdämpft, bequeme Sitze, wirksame Heizung und Lüftung, akzeptables Innengeräusch- Niveau
  • Vordersitze etwas kurz, Vibrationen und Brummgeräusche vom Motor
Antrieb
  • Vierzylinder-Turbodiesel mit ordentlichem Durchzug bei niedrigen Drehzahlen, gut abgestuftes Fünfganggetriebe
  • Bedingt durch hohes Gewicht und geringe Leistung mangelndes Temperament, hakelige Schaltung
Fahreigenschaften
  • a Gutmütiges, leicht untersteuerndes Kurvenverhalten, standfeste Bremsen, gute Traktion, geringe Seitenneigung, automatische Niveauregulierung
  • Großer Wendekreis, etwas schwergängige Lenkung, unpraktische Fußfeststellbremse
Sicherheit/Umwelt
  • Serienmäßig ABS, zwei Airbags und Sitze mit integrierten Automatikgurten, entschärfter Aufbau und Innenraum, Katalysator und Abgasrückführung
  • Hoher Kraftstoffverbrauch, sehr hohes Gewicht, lautes Außengeräusch nach Kaltstart
Kosten
  • Reichhaltige Serienausstattung, angemessener Kaufpreis (niedriger als Benziner), dichtes Servicenetz, vermutlich gute Wiederverkaufschancen
  • Kraftfahrzeugsteuer und Teilkasko-Versicherung (31) teuer, magere Garantieleistungen
Technische Daten
Mercedes V 230 TD Trend
Grundpreis 28.392 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4659 x 1880 x 1844 mm
KofferraumvolumenVDA 581 bis 4564 l
Hubraum / Motor 2299 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 72 kW / 98 PS bei 3800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 156 km/h
0-100 km/h 19,7 s
Verbrauch 8,8 l/100 km
Testverbrauch 11,5 l/100 km
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