Morgan Aero 8

Knorriger Brite, bayerischer Akzent

Der Morgan Aero 8 ist die erste Neuentwicklung des britischen Kleinherstellers seit 65 Jahren. Sein 286 PS starker V8-Motor stammt aus dem BMW-Regal und entwickelt im Aero 8 zwar Bärenkräfte, aber nicht das typische Morgan-Feeling.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Auch wenn dieser Morgan ein völlig neuer Morgan ist – wer vom Aero 8 die Allroundqualitäten zeitgenössischer High-Tech-Sportwagen erwartet, der sollte weiterblättern.

Den über Jahrzehnte eisern verteidigten Grundwerten der Marke bleibt er nichts schuldig. Er ist der Filterlose unter den Gefilterten, der Hartgesottene unter den Weichgekochten, die Klinge unter den Trockenrasierern – scharf, intensiv, effektiv, aber nicht immer bekömmlich. Jedenfalls nicht für jeden.

Deshalb darf man sich auch nicht wundern, dass beim Aero 8 der Fortschritt anders aussieht als bei gewöhnlichen Autos. Er verfügt weder über ABS noch über ASR geschweige denn ESP, ja nicht einmal über Airbags. Stattdessen investierte man in ein steifes Aluminiumchassis, in ein rennmäßig ausgeführtes Fahrwerk und in eine Karosserie, die den markentypischen Stil mit ausgefeilter Aerodynamik vereint.

Für Charles Morgan ist dieser Verzicht Teil der Markenphilosophie. Zwar wird an einer Airbagbestückung gearbeitet, aber von elektronischen Geistern im Fahrwerk will der Chef des in Familienbesitz befindlichen Unternehmens nichts wissen. Schließlich sei der Aero 8 ein Sportwagen, und der Sport, so Morgans Antwort auf diesbezügliche Anfragen, lebe nun mal von der Herausforderung.

Da ist was dran, wobei schon der Einstieg die erste Herausforderung darstellt. In Anbetracht der extrem breiten Türschweller vor den schmalen Sitznischen muss jeder Versuch, in den Innenraum einzudringen, sorgfältig geplant werden. Dabei ist es nicht unwichtig, die Füsse schon während des Hineingleitens richtig zu sortieren, denn später kann es zu spät sein. Am engsten ist der Aero 8 nämlich im Fußraum.

Dort angekommen erwartet den Insassen ein Quartier, das sich von den Normen des modernen Automobilbaus gründlich unterscheidet. Fahrer und Beifahrer sitzen Schulter an Schulter, ihr Blick voraus fällt durch eine schmale Scheibe auf die schier endlose Motorhaube, flankiert von riesigen Kotflügeln – für Romantiker einer der schönsten Ausblicke, den die Welt der Autos zurzeit bieten kann.

Dazu passt die Ausgestaltung des Cockpits. Die wenigen Bedienungselemente befinden sich ebenso wie die Instrumente auf einer schlichten Aluminiumtafel. Der für Kleinsthersteller wie Morgan unvermeidliche Griff zu fremder Großserienware beschränkt sich im sichtbaren Bereich auf die Lenkstockhebel, die von BMW stammen.

Ansonsten sieht man handwerklich verarbeitetes Leder und Eschenholz, das nicht nur als Ziermaterial dient (wahlweise in drei verschiedenen Beiztönen), sondern nach alter Sitte auch als Gerüst für die Alukarosserie. Bequeme Sitze mit weitem Verstellbereich ermöglichen auch groß gewachsenen Passagieren eine entspannte Position, vorausgesetzt, sie sind schlank genug.

Aber auch für Überraschungen ist gesorgt. So stößt man beim näheren Studium der Bedienungselemente unversehens aufSpuren von High Tech – eine kleine Digitalanzeige etwa, auf der sich der aktuelle Reifendruck abrufen lässt, und auf zwei Tasten, die auf ein für Morgan-Verhältnisse geradezu revolutionäresKomfortextra hinweisen: elektrische Fensterheber.

Eine weitere Sensation entdeckt man tief unter dem Armaturenbrett. Drei Ausströmer fächeln dort bei Bedarf gekühlte Luft in den Fußraum, was, wie sich beim Fahren schnell herausstellt, in Anbetracht der enormen Aufheizung kein Luxus, sondern eine schiere Notwendigkeit ist. Mangels Defrosteröffnungen an den Fenstern verfügt der Aero 8 darüber hinaus über beheizbare Scheiben rundum.

Gestartet wird per Knopfdruck, was sich in der Folge als wenig erquicklich herausstellt. Statt brabbelndem V8-Sound vernimmt man das Säuseln eines BMW-Triebwerks, an dem der Umzug aus dem 540i in den Aero 8 akustisch offenbar spurlos vorüberging.

Auch die Sechsgangschaltung ist mehr BMW als Morgan: leichtgängig und präzise, aber mit Schaltwegen, die im engen Cockpit aerobicähnliche Bewegungen erforderlich machen. Typisch hingegen die Kupplung, die den Eindruck erweckt, es gelte einen Betonklotz zu verrücken.

Nimmt der Aero 8 sodann Fahrt auf, sind diese anfänglichen Irritationen freilich bald vergessen. Denn die Bärenkräfte, die der BMW-V8 an seinem neuen Arbeitsplatz entwickelt, hätte man ihm nicht zugetraut. Schon bei niedrigsten Drehzahlen ist er dienstbar, um den Morgan anschließend mit großer Gelassenheit und noch größerem Nachdruck in höchste Geschwindigkeitsbereiche zu befördern. Wie oft man schaltet, liegt dabei ganz im eigenen Ermessen, dem Motor ist es ziemlich egal.

Eine maßgebliche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das geringe Gewicht. Zwar übertraf der Testwagen mit 1.187 Kilogramm die Werksangabe, aber auch damit hat das 286 PS starke BMWTriebwerk leichtes Spiel. So kommt es, dass sich der Aero 8-Fahrer beim Beschleunigen selbst mit einem Porsche Carrera nur kurzzeitig aufhalten muss.

Dass die hohen Fahrleistungen auch auf anspruchsvollen Strecken problemlos reproduzierbar sind, ist für den Kenner der Marke das eigentlich Epochale am Aero 8. Verblüfft stellt man fest, dass die Räder nun selbst unter widrigsten Bedingungen hartnäckig am Boden haften, dass dieser Morgan präzise und willig der Lenkung folgt und dass er obendrein keinerlei Anstalten macht, den Fahrer beim Überfahren von Bodenwellen aus dem Sitz zu katapultieren.

Zwar ist er im Grunde immer noch ein hartes Auto, aber eben kein zu hartes. Außerdem ermöglicht es das neue Fahrwerk, in Kurven selbst im ungewohnt hoch angesiedelten Grenzbereich mit minimalen Lenkkorrekturen auszukommen – zumal wenn man mit dem Gas etwas nachhilft, was dank reichlichem Drehmoment und kräftiger Differenzialsperre kein Problem ist.

Leichtfüssigkeit sollte man vom Aero 8 indessen nicht erwarten. Bei Tempo 50 schaltet die ohnehin spärliche Servounterstützung der Lenkung ab, so bleibt auch dieser Morgan wie seine Vorfahren ein Fall für Hinlanger. Aber auch der Komfortzuwachs hat seine Grenzen: Spätestens ab Tempo 160 erreichen die Windgeräusche unter dem umständlich zu bedienenden Stoffdach Phonzahlen, die auf Dauer nur schwer zu ertragen sind.

Womit denn auch das größte Ärgernis dieses Autos angesprochen wäre: Für ein Auto vom Kaliber des Aero 8 ist ein solches Verdeck eindeutig zu primitiv, zumal wenn einem dabei auch noch der Preis einfällt.

Immerhin kostet das exklusive Stück (300 Exemplare pro Jahr) 174.468 Mark, womit sich dann auch die Frage nach dem Gegenwert erübrigt. Es gilt, was bei Morgan schon immer galt: Ein Auto wie dieses kann man nur mögen oder weit von sich weisen.

Fazit

Nicht nur hinsichtlich seines Äußeren entzieht sich der Aero 8 üblichen Maßstäben. Er bietet die Fahrleistungen und die Fahreigenschaften eines Supersportwagens, doch Funktionalität und Ausführung entsprechen einer vergangenen Ära. Das gilt auch für die Abwesenheit von ABS und ESP.

Technische Daten
Morgan Aero 8
Grundpreis 89.646 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4089 x 1753 x 1092 mm
Hubraum / Motor 4398 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 210 kW / 286 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 5,2 s
Verbrauch 11,0 l/100 km
Testverbrauch 13,2 l/100 km
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