Nissan Micra 1.6 C+C im Test

Micra-Pille

Foto: Hans-Dieter Seufert 13 Bilder

Der kleine Klappdach-Nissan Micra 1.6 C+C verspricht sorgloses Offenfahren ohne nennenswerte Risiken und Nebenwirkungen.

Demokratie hat Konjunktur. Pragmatische Lösungen ebenso. Mögen Traditionalisten mit einem Faible für Ästhetik gequält aufheulen, manchmal folgt die Form eben der Funktion. Etwa beim Nissan Micra C+C: für die einen bloß ein weiterer optisch wenig ansprechender Cabrio-Coupé-Klon mit Klappdach, für die anderen konsequente Inkarnation des ganzjahrestauglichen Budget-Cabrios.

Als 1.6 Premium mit 110 PS und Komplettausstattung inklusive Teillederpolstern, Stereoanlage, Klimaautomatik und schlüssellosem Zugang 20 590 Euro teuer, verspricht er eine Koalition aus munterer Wendigkeit und emotionaler Offenfahr-Komponente. Ohne Abstriche im Alltag, denn missgünstigen Verdeck-Schlitzern hält der Micra trutzig sein Metall-Glasdach entgegen. Sicher, die stürmische Art konventioneller Stoffdach-Streuner geht ihm damit ab, aber zum unbeschwerten Cabriofahren ist es den meisten im Sommer doch ohnehin zu heiß, ansonsten zu kalt. Ganz abgesehen von der Geruchsbelästigung beim Passieren güllegetränkter Agrargebiete. Da ziehen sich sensitive Automobilistinnen und Automobilisten doch lieber gleich in ihren pollengefilterten, ganzjährig auf 22 Grad klimatisierten Coupé-Kokon zurück.

Ein Rückzug, der spätestens seit dem Erscheinen des Klappdach-Trendsetters Peugeot 206 CC kein Privileg mehr von Besserverdienenden und deren Korona ist. Das Kleinwagen- Cabrio als Erfolgsrezept – wenn die Basis stimmt.

Von der sich der C+C optisch spürbar distanziert: Bis auf Motorhaube und vordere Kotflügel blieb kein Fetzen seines Kleides unverändert. Heraus kam eine bei nahezu unverändertem Radstand zwölf Zentimeter längere und zehn Zentimeter niedrigere Karosse.

Neue, solidere A-Säulen, Verstärkungen an den Seitenschwellern sowie spezielle Querträger und Kreuzverstrebungen am Boden sollen den Verlust von rund 80 Prozent der Steifigkeit gegenüber einer geschlossenen Struktur wettmachen. Mit mäßigem Erfolg, jedenfalls bei geöffnetem Dach. Dezentes Zittern auf gepflegter Piste kumuliert auf welligen Oberflächen trotz des komfortabel abgestimmten Fahrwerks und eines Schwingungstilgers im Kofferraum zu einem veritablen Walken, unter dem neben dem Wohlbefinden auch die Zielgenauigkeit leidet. Erst wenn das von Karmann entwickelte, direkt im britischen Nissan-Werk Sunderland produzierte und montierte Dach geschlossen wird, verwandelt sich der Zappler wieder zum wohlerzogenen Kurvenkratzer. Städtische Reviere erobert der wendige Micra ebenso flott und sicher wie winklige Landstraßen.

Obwohl die geschwindigkeitsabhängige, elektrisch unterstützte Servolenkung speziell bei höherem Tempo synthetisch wirkt, gelingt dank dem sicheren, untersteuernd ausgelegten Eigenlenkverhalten dennoch eine saubere Linie. Unter dem Schutz des serienmäßigen elektronischen Stabilitätsprogrammes und der kräftigen, standfesten Bremse, unterstützt vom muskulösen 1,6-Liter-Motor. Im Gegensatz zur zumeist blutleer agierenden Konkurrenz reagiert er zackig auf Gas, zieht kraftvoll durch und treibt die Tachonadel auf der Autobahn bergab sogar aus ihrer bis 220 km/h reichenden Skalierung.

Da sei ihm der wegen des Keyless-Go mit Zündknubbel umständliche Startvorgang und das ab 4500/min anschwellende metallische Röhren ebenso verziehen wie das zwischen dem vierten und fünften Gang widerspenstig hakende Getriebe.

Die Übersicht beim Fahren geht in Ordnung, spätestens beim Einparken blickt man vorn jedoch lediglich auf die Krokodilaugen-Knubbel der Scheinwerfer, während sich das Rucksackheck völlig der Peilung entzieht. Mit 457 Litern bietet es bei geschlossenem Dach Platz für einen kreditkartenmordenden Boutiquen-Beutezug, das doppelstöckige Handschuhfach plus weitere Ablagen schlucken Accessoires.

Ein i-Pod-Anschluss oder eine MP3-Abspielmöglichkeit ist allerdings nicht vorgesehen. Dafür taugen die Rücksitze als zusätzlicher Stauraum. Sitzen? Nur für Liliputaner oder geschmeidige Schlangenmenschen, die ihre Beine bequem hinter dem Kopf verschränken können. Auf den kleinen, unergonomisch geformten Vordersitzen mit weit hinten postierten Kopfstützen ist erst ab rund 1,80 Metern Schluss mit lustig. Größere Insassen haben wegen des massiven Frontscheibenrahmens ein Brett vor dem Kopf, außerdem schränkt die niedrige Dachlinie des C+C die Kopffreiheit stark ein. Also Dach öffnen? Im Prinzip ja: Auf Knopfdruck faltet sich das zweiteilige Hardtop mit Glasteil innerhalb von 22 Sekunden zusammen, und das sogar bis Schritttempo.

Die große Freiheit sieht dennoch anders aus. Nur ein Hans-guck-in-die-Luft erspäht den Himmel, zudem werden Insassen rigoros von Verwirbelungen hinten am Kragen gepackt. Manchmal sogar länger als gewünscht, das Dach des Testwagens zickte jedenfalls bisweilen (siehe Spotlight). Bei niedrigen Außentemperaturen ist nicht nur bei solchen Notfällen eine große Zwangs-Koalition gefragt.

Denn Nissan hat sich eine neue Spritzform für die Mittelkonsole gespart und neben dem Knopf zur Dachöffnung lediglich einen Schalter für die Sitzheizung links und rechts installiert. Demokratie und Pragmatismus haben eben Konjunktur, auch wenn dabei manch bittere Pille zu schlucken ist.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • –akzeptables Platzangebot vorn –praxisgerechte Ablagen
  • –unübersichtliche Karosserie –geringe Kopffreiheit –Sitzraum hinten extrem knapp –bei offenem Dach zittrig –störender Scheibenrahmen
Fahrkomfort
  • –guter Federungskomfort
  • –kleine, unergonomische Sitze –mäßiges Offenfahrgefühl
Antrieb
  • –gute Fahrleistungen –ordentlicher Durchzug –spontanes Ansprechverhalten
  • –laut bei hohen Drehzahlen –hakelige Schaltung
Fahreigenschaften
  • –sicheres, untersteuerndes Kurvenverhalten –gute Wendigkeit
  • –inhomogene Lenkung –offen eingeschränkte Präzision
Sicherheit
  • –kräftige, standfeste Bremsen –ordentliche Sicherheitsausstattung
Umwelt
  • –angemessener Verbrauch
Kosten
  • –umfangreiche Serienausstattung –drei Jahre Garantie
  • –hohe Versicherungseinstufung

Fazit

Der gewöhnungsbedürftigen Optik des Micra C+C stehen einfache Bedienung und gute Wendigkeit bei niedrigem Tempo gegenüber. Deutliche Defizite bei der Praktikabilität, eingeschränktes Offenfahrgefühl.

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Technische Daten
Nissan Micra 1.6 C+C Premium
Grundpreis 21.740 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3806 x 1668 x 1418 mm
KofferraumvolumenVDA 457 l
Hubraum / Motor 1598 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 81 kW / 110 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 190 km/h
0-100 km/h 10,3 s
Verbrauch 6,7 l/100 km
Testverbrauch 8,5 l/100 km
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