Opel Astra 1.8 16 V

Der wichtigste Konkurrent für den VW Golf ließ auf sich warten. Nun ist der Astra da - nagelneu und hohe Erwartungen weckend. Kann er sie erfüllen? Im Test der Zweitürer mit einem ebenfalls neu entwickelten 1,8-Liter-Vierventilmotor und 115 PS.

David J. Herman, Amerikaner und Opel-Boß in Rüsselsheim, ließ es sich nicht nehmen, in eine Rede vor Journalisten anläßlich der Astra-Präsentation patriotische Züge einfließen zu lassen. Doch sie galten nicht der eigenen Nation respektive der allmächtigen General Motors-Mutter, sondern dem German Engineering und somit auch dem Standort Deutschland. „Wir sind alle stolz auf den Astra“, sagte der Amerikaner, und er meinte die Leistung seiner deutschen, oftmals sogar hessischen Entwicklungsmannschaft.

Was sie in rund vierjähriger Arbeit auf die Räder stellte, hat formal mit dem im Vergleich recht verstaubt wirkenden Vorgänger – weltweit fast vier Millionen mal verkauft – nicht mehr das Geringste zu tun. Im Gegensatz zum Erzrivalen aus Wolfsburg, bei dem immer streng darauf geachtet wurde, daß Golf Golf bleibt, wirkt der neue Astra losgelöst von solchen Styling-Zwängen. Ganz offensichtlich lautete die Aufgabe, alle Ähnlichkeiten mit dem Vorgänger abzubauen. Das ist zweifellos geglückt. In der Länge auf 4,11 Meter gewachsen, wirkt vor allem die zweitürige Version mit der gewollten Coupé-Anmutung zunächst einmal überhaupt nicht wie ein Opel. Der in die kurze Motorhaube integrierte Chrom- Blitz rückt die Dinge dann wieder etwas gerade, die Gesamtanmutung mit den sehr kurzen Überhängen und dem ungewöhnlich langen Radstand von 2,61 Metern liefert das spontane Bild eines Muscle Car, das sich in der Silhouette von dem nur wenig längeren BMW Compact kaum unterscheidet.

Den muskulösen optischen Auftritt verdanken die stärkeren Astra-Versionen auch dem 15 Zoll-Radformat, das ab 75 PS serienmäßig ist, und sportiv wirkenden Kotflügelansätzen. Ein Luftwiderstandsbeiwert von nur 0,30 rundet das Bild ab, liefert aber natürlich keine Erklärung dafür, daß der formal total veränderte Opel wenig wahrgenommen wird. Kaum einer dreht sich nach ihm um – ein Phänomen besonderer Art, an dem auch der Klassenkamerad Golf bei seinem jüngsten Debüt litt. So zieht man denn im Astra seine Bahn, unbeachtet, aber schon auf den ersten Kilometern spürend, daß man offensichtlich wenig für die Nachbarn, aber viel für sich selbst getan hat. Denn mindestens genauso neu wie der optische Auftritt ist das Qualitätsgefühl, das die mit nahezu verdoppelter Torsionssteifigkeit versehene Kompakt-Karosse vermittelt. Gewiß, auch beim Vorgänger verlor man nicht die Türen oder die Rücklichter. Doch der Unterschied ist massiv spürbar – auch akustisch untermalt durch ein sattes Türschliessgeräusch. Nichts knistert, nichts knackt, hinzu kommt ganz im positiven Sinne eine geglückte Ergonomie. Die Raumverhältnisse haben ebenfalls gewonnen. Durch die weit nach vorne gerückte Windschutzscheibe entsteht vorne ein für das Wagenformat sehr gutes Raumgefühl, die Verhältnisse hinten sind mit ausreichender Kopffreiheit und genügendem Beinraum befriedigend.



Von erstaunlichem Volumen ist der Kofferraum. 370 Liter sind in der Kompaktklasse ein sehr guter Wert, wobei die Glattflächigkeit das Verstauen erleichtert. Die Sportsitze, in der getesteten Sportive-Version Serie, zeigen nicht nur ein deutliches Profil, sondern bieten es auch wirklich. Der Sitzkomfort ist vorne sehr gut, wobei es vor allem der gute Seitenhalt ist, der für die nötige Verschmelzung mit der Straße sorgt. Die Armaturen zeigen sich mit modischer Weiß-Unterlegung und bieten keine Überraschungen. Zu loben ist, daß Opel bei aller Innovationsfreude bestehende gute Lösungen nicht um des Änderns willen änderte. Alles liegt an der richtigen Stelle, die Mittelkonsole mit der Heizungsbetätigung bietet die klassischen Drehschalter, die keine Rätsel aufgeben. Auch an Ablagen fehlt es nicht; das Handschuhfach fällt trotz Airbag voluminös aus, allein die Huptasten im Lenkrad sind im Falle der Hup-Not nicht so ohne weiteres zu treffen. Ein Interieur also, das insgesamt stimmt, auch wenn beim Zweitürer die Gurte schwer zu angeln sind und die Vordersitze mangels Memory- Funktion nach dem Vorrücken nicht in ihre Ausgangsposition fahren. Die Verarbeitungsqualität macht einen guten Eindruck, und es wird Aufgabe der Qualitätshüter sein, den gesetzten Standard in der Serie über Jahre durchzuhalten. Daß die neu entwickelte Astra-Karosse erstmals in der Opel-Historie eine Vollverzinkung und damit eine zwölfjährige Garantie gegen Durchrostung erhielt, rundet die Bemühungen um ein gutes Preis-Leistungs- Verhältnis ab. Wie der Astra im Offset- Crash abschneidet, wird auto motor und sport noch feststellen – die Vorkehrungen zur passiven Sicherheit sind jedenfalls gut. Gurtstraffer gibt es vorne serienmäßig, ebenso Fahrerund Beifahrer-Airbag sowie zwei Sidebags. Der Automatikgurt in der Mitte hinten ist ein Posten der Sonderausstattung. Die neue Triebwerkslagerung, im GM-Jargon Neutral Torque Axis genannt, steht nicht in der Aufpreisliste und dient ebenso wie Versteifungsmaßnahmen im Karosseriebereich der Steigerung des Qualitäts- Gefühls. Eine Optimierung der Lagerpunkte unterdrückt drehmomentbedingte Motorbewegungen und lästige Schüttelneigungen. Tatsächlich konnte die Leerlaufdrehzahl um 15 Prozent abgesenkt werden, was sich nicht nur im Komfortsinne, sondern auch über eine Verbrauchsreduzierung bemerkbar macht. Was sich da so elegant und wirkungsvoll abstützt, hat 1,8 Liter Hubraum und 115 PS. So bekannt diese Kennziffern auch vom Vectra her sind – der Astra-Vierzylinder entstand neu auf dem Reißbrett. Mit einem Bohrung-Hub-Verhältnis von 80,5 zu 88,2 mm ist er langhubiger ausgelegt als der ebenfalls vierventilige Vorgänger. Sein Gewicht liegt zehn Kilogramm unter dem des Vorläufers, leichtere Kolben und Pleuel machen ihn agiler. Durch Reibungsoptimierung konnte der Gesamtverbrauch abgesenkt werden, neben dem verbesserten Ansprechverhalten ein angenehmer Nebeneffekt. Auf der Straße erfüllt der neue Vierzylinder, dessen Zahnriemen aufgrund höherer Materialgüte nun nur noch alle 120 000 Kilometer gewechselt werden muß, auch hohe Erwartungen. Er dreht leichtfüssig hoch, entwickelt dank Schaltsaugrohr ein sehr gutes Durchzugsvermögen und zeigt eine Dynamik, die den braven Astra zur echten Sportlimousine aufwertet. In nur neun Sekunden spurtet der quirlige Vierzylinder- Opel auf Tempo 100, schon bei 2000 Touren kommt mächtig Dampf in die langhubigen Töpfe.


Mit verantwortlich für die guten Elastizitätswerte (80 auf 120 km/h in 8,9 Sekunden im vierten Gang) ist die insgesamt recht kurze Übersetzung. Bei schneller Autobahnfahrt liegt das Drehzahlniveau deshalb hoch, ohne daß dies von der Laufkultur oder vom Geräusch problematisch wäre. Der Vierventiler bleibt zwar, nicht zuletzt dank geringer Windgeräusche, akustisch immer präsent, stört aber nicht. Nur im Bereich um 2500 Touren dringt, speziell bei Teillast, ein leichter Brummer ins Cockpit – klarer Hinweis darauf, daß der Achtzehnhunderter im Gegensatz zum neuen Zweilitermotor ohne Ausgleichswellen auskommen muß. Der temperamentvolle und mit einem Testverbrauch von 8,4 Liter pro 100 Kilometer sehr sparsame Motor verlangt natürlich nach einem adäquaten Fahrwerk. Neu sind nicht nur die Achskonstruktionen vorne und hinten, sondern auch die Verwendung von Leichtmetall, so zum Beispiel für Federbeinrohre und Federteller vorne. Das Überraschendste im Fahrverhalten des neuen Astra ist die verblüffende Handlichkeit, an der die elektrohydraulische Servolenkung maßgeblich beteiligt ist. So wird der Eindruck der Mühelosigkeit, die der kräftige Motor erweckt, in perfekter Form umgesetzt – mit nötigenfalls sehr hohen Kurvengeschwindigkeiten respektive sehr hohen Reserven. Das Fahrverhalten ist weitgehend neutral, und dank serienmäßiger Traktionskontrolle, die ihrer Arbeit sehr einfühlsam nachgeht, kann das Leistungspotential auch in engen Biegungen genutzt werden. Lastwechselreaktionen gibt es nicht – nur ein sanftes Leichterwerden des Hecks, wenn bei hohen Seitenkräften plötzlich vom Gas gegangen wird. Mit den breiten 195er-Pneus in der getesteten Sportive-Version, die auch eine straffere Dämpferabstimmung beinhaltet, macht die Federung nur im Abrollkomfort kleine Einschränkungen nötig. Ansonsten präsentiert sich der Astra als gut abgestimmtes, mit einem befriedigenden Federungskomfort versehenes Automobil, das sein Komfortniveau selbst unter Ausnutzung der sehr hohen Zuladekapazität nicht einbüsst. Die Opel-Entwickler haben also gute Arbeit geleistet, David Herman darf ruhig stolz sein. Losgelöst von hierarchischen Einstufungen heißt der beste Opel im aktuellen Programm nämlich Astra.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • gutes Raumangebot gute Karosseriesteifigkeit funktionelle Bedienung gute Ausstattung
  • umständliche Gurtbedienung
Fahrkomfort
  • geringe Windgeräusche geringe Bedienungskräfte befriedigendes Schluckvermögen auch mit Sportfahrwerk
  • Abrollkomfort eingeschränkt
Antrieb
  • Gute Leistungscharakteristik sportliche Fahrleistungen ausreichend exakte Schaltung gutes Durchzugsvermögen
  • Dröhnneigung bei 2500/min
Fahreigenschaften
  • sehr sicheres Kurvenverhalten präzise, leichtgänge Lenkung ausgezeichnete Handlichkeit keine Lastwechselreaktionen guter Geradeauslauf
Sicherheit
  • gute Bremsen Gurtstraffer vorne Fahrer- und Beifahrer-Airbag zwei Sidebags vorne
Umwelt
  • Einsatz wasserlöslicher Lacke schadstoffarm nach D3-Norm geringer Verbrauch
  • keine Rücknahmegarantie
Kosten
  • gutes Preis-Leistungs-Verhältnis günstige Kaskoeinstufung voraussichtlich günstiger Wiederverkauf 12 Jahre Garantie gegen Durchrostung

Fazit

Mit dem neuen Astra hat Opel eine glückliche Hand bewiesen. Mit einer hohen Karosseriequalität, sehr guten Fahrleistungen und sehr sicheren Fahreigenschaften hat er das Zeug, zum Golf-Konkurrenten Nummer eins zu werden.

Technische Daten
Opel Astra 1.8 16V Sportive
Grundpreis 15.927 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4111 x 1709 x 1425 mm
KofferraumvolumenVDA 370 bis 1180 l
Hubraum / Motor 1796 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 85 kW / 115 PS bei 5400 U/min
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
0-100 km/h 9,0 s
Verbrauch 7,8 l/100 km
Testverbrauch 8,4 l/100 km
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