Opel Astra 1.9 CDTI TwinTop im Test

Lach-Falten

Foto: Hans-Dieter Seufert 21 Bilder

Knapp 30 Sekunden, und er hat sein Blechdach aus der Versenkung gefaltet. Trotzdem trägt der neue Opel Astra Twin Top keinen pummeligen Po mit sich herum – und einen brauchbaren Kofferraum hat er dazu auch noch.

Niemals ist nicht nur ein Wort. Es gibt einfach Dinge, die man nicht tut – das gilt zumindest für Menschen, die nicht schon als Angeber zur Welt kamen. Niemals also würden sie vor Publikum mit dem tollen, fernsteuerbaren Dachmechanismus ihres Cabriolets angeben. Keine Schaut-mich-bitte-alle-an-Show vor der Eisdiele abziehen. Nie. Bis sie es doch tun. Ausnahmsweise – deshalb zum Beispiel, weil sich vierjährige Töchter einfach nicht sattsehen können an der Offenbarungs-Zeremonie eines Opel Astra Twin Top. Und weil der komplexe Mechanismus vom Fahrersitz einfach nicht in vollem Umfang zu sehen ist.

Zwei Dachteile, die Heckscheibe, diverse Plastikverkleidungen, fünf Elektromotoren, acht Hydraulikzylinder, 13 Sensoren, 14 Gelenke, ein mattschwarz lackiertes Geäst aus filigranen Gestängen, durchwirkt von Leitungen; ein Sirren und Summen, zum Schluss ein Bestätigungs-Piepsen, wenn das Klappdach im Heck nach 30 anmutigen Sekunden verschwunden ist. Im Eiscafé halten sie den Typ mit dem offenen Opel für einen pubertären Spinner und wissen nicht, dass er es gleich noch einmal tun wird: drei Straßen weiter, in der abendlichen Verschwiegenheit des Industriegebiets.

Für Opel ist die große Dach-Show richtig nützlich,denn im Programm hat ein Typ wie dieser bisher gefehlt. Tigra? Passt eher zu Abi-2006-Aufklebern als zu Geheimratsecken. Speedster? Toller Image-Booster, aber viel zu extrem. GT? Geduld. Antara? Später. Dabei braucht das Marken-Image nicht nur gute Autos, sondern auch charmante. Es geht doch, der Astra Twin Top zeigt es. Sein Dach faltet sich so platzsparend, dass ihm – anders als den französischen Konkurrenten Peugeot 307 CC und Renault Mégane – das Schicksal des dicklichen Hinterns erspart bleibt. Dabei pflegt er eine Designlinie ohne Aufregung, um ja nicht in die Kurzlebigkeit zu entgleiten: dezente Keilform, klassischer Coupé- Dachbogen, knackiger Heck-Abgang, dazu betonte Radläufe und diskreter Umgang mit Chrom. Das Cabriolet ist zur Zeit der bestgekleidete Typ der ganzen Familie. Das fällt ihm leicht, weil er mit einer Länge von 4,48 Metern fast die Maße des Astra Caravan erreicht. So erklären sich auch respektable 440 Liter Kofferrauminhalt.

Bei versenktem Dach sind es 205 Liter, genug zum Verstauen zweier Reisetaschen, wobei die Easy Load genannte Einladehilfe assistiert (siehe Spotlight). Es reicht für den Kurzurlaub, und auch Kinder dürfen mit.

Als vollwertiger Viersitzer dagegen geht der Astra nicht mehr durch, weil es selbst für mittelgroße Fond-Insassen an Beinfreiheit fehlt. Und bei geschlossenem Dach ist das Einsteigen trotz Easy- Entry-Funktion mehr eine Yogaübung. Vorne lebt sich’s unbeschwert, auf stramm gepolsterten, aber gut geformten Sitzen, die sich vielfach verstellen lassen, und mit einer Kopffreiheit, die auch große Astralogen nicht in Bedrängnis bringt.

Das Cockpit entspricht dem der geschlossenen Astra-Typen, mit klarem Layout und gut ablesbaren Instrumenten, aber auch der Abwesenheit brauchbarer Ablagen. Cupholder gibt es gar nicht, und die schmalen Türtaschen sind bereits mit drei CDs gut gefüllt. Zum Trost: Ebenfalls astratypisch ist das gute Finish und der Einsatz ordentlicher Materialien. Auch der Motor des Astra ist konzernbekannt: Im Testwagen arbeitet der weit verbreitete Common-Rail-Diesel mit 150 PS.

Er geht seiner Arbeit leise und mit dem Druck von 320 Newtonmeter Drehmoment nach, ist aber mit fast 1,7 Tonnen Leergewicht beschäftigt und euphorisiert seinen Benutzer somit weniger als in den gewohnten Astra-Typen. Das Cabriolet ist sogar noch rund 30 Kilogramm schwerer als der gleich motorisierte Vectra Caravan, dessen Beschleunigungs- und Elastizitätswerte er knapp unterbietet. Sie hinterlassen zwar kein Armuts- Aroma, aber auch nicht das „Wow!“ des sportlichen Autos, weshalb der Diesel-Twin Top eher als anständig motorisierter denn als bulliger Typ durchgeht.

Immerhin liegen seine Verbräuche selbst dann noch im Neun-Liter- Bereich, wenn er alles gegeben hat; 7,9 sind es im Testschnitt. Der 105 PS starke Basis-Benziner mit 1,6 Liter Hubraum, so viel wird klar, dürfte keine lustfördernde Wahl sein.

Die Agilität des Normal-Astra erreicht die Diesel-Variante auch im Handling nicht: Beim Einlenken reagiert die Cabrio- Version einen Tick unwilliger, um schnelle Kurven begibt sie sich weniger leichtfüßig als die geschlossenen Typen. Dafür ist das Cabriolet der komfortablere Opel, der speziell kurzen Wellen etwas geschmeidiger begegnet – und trotzdem Wünsche offen lässt: Speziell bei langsamer Fahrt spricht er hölzern auf Frostaufbrüche und Kanaldeckel an, und schnell aufeinander folgende Autobahn-Wellen beantwortet er mit trockenem Stuckern.

Sein Gesamtkomfort lässt ihn dennoch mehr Touren-Typ als Landstraßen- Kracher sein. So kann auch bei längeren Autobahnetappen das optionale Windschott (265 Euro) in seinem Fach unter dem Kofferraumboden bleiben: Bis etwa 160 km/h bieten die ebenso große wie flache Windschutzscheibe und geschlossene Seitenfenster ausreichenden Schutz.

Kein Gegenmittel hilft jedoch gegen das leise Zittern des Vorderwagens auf zernarbten Pisten: Trotz des hohen Zusatzgewichts könnte der offene Astra etwas steifer sein. Ein ernsthaftes Problem ist das nicht, weil er sich akustische Untermalungen verkneift – das Klappern des geschlossenen Dachs beim Testwagen aber sollte ein Einzelfall bleiben. Trotzdem ist er der coolste Opel dieses Frühjahrs – nicht nur vor der Eisdiele, wo sein Fahrer manchmal tut, was er nie für möglich gehalten hätte.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • –gutes Raumangebot vorne –cleveres Dachkonzept – problemlose Bedienung – praktische Beladehilfe – insgesamt guter Qualitätseindruck
  • –nicht sehr verwindungssteif – nach vorne und hinten unübersichtlich – knappes Platzangebot im Fond
Fahrkomfort
  • –guter Gesamtkomfort –körpergerechte Sitze – relativ leiser Motor
  • –Federungsschwächen auf kurzen Wellen
Antrieb
  • –ordentliche Fahrleistungen –knackige Schaltung
Fahreigenschaften
  • –problemloses Kurvenverhalten –zielgenaue Lenkung
Sicherheit
  • –standfeste Bremsen –gute Sicherheitsausstattung
Umwelt
  • –niedriger Verbrauch
  • –hohes Leergewicht
Kosten
  • –attraktiver Preis – komplette Serienausstattung – voraussichtlich gute Wiederverkaufschancen

Fazit

Ein Cabriolet, wie es Opel braucht: elegant, praxisnah, unprätentiös, in der Diesel-Version außerdem angemessen motorisiert und sparsam. Aber ein vollwertiger Viersitzer ist der Astra Twin Top nicht.

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Technische Daten
Opel Astra 1.9 CDTI TwinTop Cosmo
Grundpreis 31.680 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4476 x 1759 x 1411 mm
KofferraumvolumenVDA 205 bis 440 l
Hubraum / Motor 1910 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 110 kW / 150 PS bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 213 km/h
0-100 km/h 10,0 s
Verbrauch 6,1 l/100 km
Testverbrauch 7,9 l/100 km
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