Opel Astra gegen VW Golf

Klasse-Treffen

Foto: Hans-Dieter Seufert

In der Neuauflage treten die beiden Kompaktklasse-Wagen gegeneinander an. Der Golf mit 115-PS-FSI-Triebwerk, der Astra mit 105 PS starkem Twinport-Motor.

Nicht alle Doppeltests von auto motor und sport bergen so viel Spannung und Erwartung. Neuer Golf gegen den neuen Astra hat etwas vom Duell des Jahres. Von dem einen Kombattanten weiß man schon etwas mehr als vom anderen. Der Golf V hat ein paar Monate Vorsprung auf dem Markt und die auto motor und sport-Tests mit Bravour bestanden. Der Glanz im Verkauf steht dagegen noch immer aus. Vielleicht hat es auch mit dem Styling zu tun. Noch nie wurde ein neuer Golf so wenig beachtet, und ganz bewusst zeigt das neue Modell ja optisch keine wirklich neue Linie.

Opel war hier mutiger beziehungsweise weniger gebunden. Wenn die Designer einen neuen Astra machen, können sie das alte Modell getrost vergessen. Er ist das optisch interesssantere Produkt geworden, nicht unbedingt das schönere. Kompaktklasse heißt das Segment, in dem die beiden neuen Rivalen agieren, aber wenn das mit dem Längenwachstum so weitergeht, muss man sich bald eine neue Bezeichnung ausdenken. Gewachsen sind sie beide, der Astra sogar noch etwas mehr auf stattliche 4,25 Meter (Golf: 4,20).

Wer sich im Golf beim Rückwärtsfahren nach hinten umdreht, glaubt in der optischen Masse fast ein Mittelklasse-Auto zu sehen. Nichts ist mehr zu spüren von den kümmerlichen Anfängen. Auch der Astra hat nichts mehr mit dem Kadett alter Tage zu tun. Das gilt besonders für die Anmutung. Der Golf ist hier schon lange eine Art Vorbild, und auch der jüngste Opel vermeidet partiell nicht jenen unpassenden Eindruck von Billigkeit, der vor vielen Jahren in dieser Klasse stillschweigend geduldet wurde. Die Materialien im Armaturenbereich wirken ärmlich, manches ist nicht entgratet, und auch die Auskleidung des Kofferraums ist von sehr einfacher Machart.

An der Funktionalität gibt es jedoch wenig auszusetzen. Beim Golf sind die Instrumente etwas besser ablesbar, aber da wie dort gibt die Bedienung keine Rätsel auf. Schwer sind sie geworden, und zwar beide. 1350 Kilogramm bringt der Golf auf die Waage, der Opel ist mit 1288 Kilogramm nur etwas leichter. Auch das zeigt, wohin die Reise geht. Die Kompaktklasse ist eigentlich schon Mittelklasse beziehungsweise das, was man von einem solchen Auto erwartet. Ausreichend Innenraum zum Beispiel, bequemen Platz für vier Personen und Gepäck. Im Kofferraumvolumen liegen die beiden so dicht beisammen, als hätten sich die Konstrukteure abgesprochen. 350 Liter da wie dort, beim maximalen Laderaum nach Umlegen der Rücksitzlehne hat der Golf mit 1305 Litern etwas die Nase vorn (Astra: 1270). Auch in der Zuladung praktisch Gleichstand, 460 Kilogramm beim Golf, 452 beim Astra, doch dieser ist durch einen starken Einzug im Klappenbereich schlechter zu beladen. 

Wie ist man untergebracht? Das wohnlichere Ambiente mit der besseren Qualitätsanmutung bietet immer noch der Golf, der hier in Comfortline- Ausstattung gegen den Astra Enjoy Punkte im Karosserie- Bereich sammelt. Vor allem im Fond offeriert er auch das bessere Raumgefühl und mehr Sitzkomfort. Und schließlich hat er ein paar Extras, die beim Astra Aufpreis kosten. Am wichtigsten ist hier die Klimaanlage, aber es gibt auch elektrische Fensterheber hinten und einen Tempomat. Die Liste der aufpreispflichtigen Extras ist sehr lang und kann die beiden Konkurrenten mühelos so teuer machen, dass sie eigentlich nicht mehr in ihre Klasse passen. Verzicht ist also angesagt, und das ohne Not. Gute Sitze gehören in beiden Fällen zur Serienausstattung, wobei das Golf-Gestühl sowohl vorne als auch hinten aufgrund weicherer Polsterung etwas mehr Bequemlichkeit verspricht.

Auch die Position am Lenkrad ist im Golf entspannter. Pluspunkte für den Golf also im Karosseriebereich – das war zu erwarten. Unterwegs auf der Straße wandelt sich das Bild, wobei der erste Eindruck in Fahrt schon eine Generalrichtung vorgibt. Im Astra fühlt sich alles leichter, unbeschwerter an.

Der Golf, im direkten Vergleich mit seinem Vorgänger das deutlich agilere Produkt, sieht sich nun einer neuen Art von Fahrdynamik gegenüber, die es bislang in dieser Klasse nicht gegeben hat. Die Gefühle der Leichtigkeit im neuen Astra haben verschiedene Ursachen und sind das Ergebnis eines guten Zusammenspiels aller fahrrelevanten Kriterien. Auch der Motor spielt dabei eine entscheidende Rolle – beim Opel ein 1,6 Liter großer Vierventiler, der auf den schönen Namen Twinport hört. Mit einer hohen Abgasrückführungs- Rate von bis zu 25 Prozent und einer Drall-Steuerklappe in jeweils einem der beiden Einlasskanäle wird eine Verwirbelung des abgemagerten Gemischs erreicht und damit unter bestimmten Betriebszuständen eine Verbrauchssenkung.

VW hat beim direkt einspritzenden FSI-Motor gleichen Hubraums, aber höherer Nennleistung (115 statt 105 PS), Ähnliches im Sinn. Schon in der Vergangenheit haben die FSIMotoren nicht durch Spontanität und besonders günstigen Verbrauch geglänzt. Hinzu kommt, dass der Direkteinspritzer des Golf Super Plus benötigt, während der Astra mit regulärem Superbenzin zufrieden ist. Im Motorbereich entscheidet das Twinport-Triebwerk des Opel die Sache klar für sich. Zwar erreicht der stärkere Golf die besseren Beschleunigungswerte (null auf 100 km/h in knapp elf statt 12,2 Sekunden), doch Ansprechverhalten und Laufkultur sind beim Astra besser.
Auch die sechs Gänge, die beim Golf serienmäßig sind, erweisen sich im Fahrbetrieb nicht als Vorzug, zumal sie in der Endstufe mit einer schlechteren Elastizität einhergehen und zwangsläufig mehr Schaltarbeit erfordern.

Auf der Autobahn muss man nach Verzögerung im Golf oft zwei Gänge zurückschalten, um rasch wieder auf das gewohnte Reisetempo zu kommen. Positiv erscheint nur das niedrigere Drehzahl-Niveau des Golf FSI, das bei gleich bleibendem Tempo für mehr subjektive Zufriedenheit sorgt. Der Astra dreht zwar immer etwas höher, aber die gute Laufkultur und das subjektiv erfreuliche Laufgeräusch kompensieren das. Auch die messbare Lautstärke ist im Opel bei Autobahn-Tempo insgesamt geringer.Er ist das leisere Auto. Ist er auch das sparsamere? Die zurückhaltend gefahrene Verbrauchsrunde von auto motor und sport absolvieren beide mit dem gleichen Resultat, 6,4 Liter pro 100 Kilometer. Im Testverbrauch ist der Unterschied ebenfalls nicht groß. 8,8 Liter genehmigt sich der Golf FSI, beim Opel sind es 8,9 Liter pro 100 Kilometer.

Auch im Kapitel Fahrsicherheit geht der neue Astra in Führung. Er tut es nicht, weil er besser beherrschbar ist als der Golf. Hier, im Grenzbereich, nehmen sie sich nichts, sind auch in schwierigen Situationen gutmütig. Der Punktevorsprung resultiert wie schon beim Motor aus der Leichtigkeit des Seins. Ganz gleich ob bei den Fahrdynamik- Prüfungen oder im Handling – überall und immer wirkt der Golf schwerfälliger und behäbiger, zeigt beim Slalom auch ein stärkeres Herausdrehen mit dem Heck. Hinzu kommt beim Astra ein besser abgestimmtes ESP und eine noch feinfühligere, leichtgängigere Lenkung. Sie spricht allerdings sehr direkt an und verlangt von der Seite her etwas mehr Gewöhnung. Auch die Golf-Lenkung ist präzise, benötigt aber mehr Kraftaufwand. Gute Bremsen hat der Golf ebenfalls, aber der Astra verzögert noch wirkungsvoller.

Eine eindrucksvolle Vorstellung also gerade im fahrdynamischen Bereich, die Opel mit dem Astra bietet, denn der Konkurrent ist ja nicht irgendwer, sondern der neue gute Golf. Im Federungskomfort etwa hat das Wolfsburger Kompaktauto in jeder Generation gut abgeschnitten, und die Komfortsteigerung gegenüber dem Vorgänger ist zwar nicht eklatant, aber fühlbar. Den Golf mit seiner aufwendigen Vierlenker- Hinterachse im Federungskomfort zu schlagen ist also nicht einfach, aber durchaus möglich. Groß sind die Differenzen in der Federung nicht. Es ist vor allem das noch feinere Ansprechen des Astra-IDS-Plus-Fahrwerks mit elektronischer Stoßdämpferregelung, das erwähnenswert ist, hinzu kommen ein geschmeidigerer Langsamfahr- Komfort und geringere Karosseriebewegungen. Auch der brummigere FSI-Motor des Golf kostet ein paar Komfort- Punkte, ebenso der höhere Innengeräuschpegel.

Der neue Golf in der Defensive – wer hätte das gedacht? Er ist es umso mehr, als auch das Kostenkapitel für den Astra spricht. Hier fällt vor allem der niedrigere Preis ins Auge, der um rund 3600 Euro unter dem des Golf liegt. Das ist ein Wort in jener automobilen Kaste, die man Golf- Klasse nennt. Schwer zu glauben bei der Popularität des Golf, dass man irgendwann einmal von der Astra-Klasse sprechen wird. Aber dass der Astra wirkliche Klasse hat, steht nach der Begegnung mit dem alten Primus außer Frage. 

Fazit

1. VW Golf 1.6 FSI Comfortline
498 Punkte

Der Klassenprimus ist auf den zweiten Platz verwiesen worden. Der FSI-Motor hat dran Schuld, ebenso das schwerfälligere Handling und der höhere Preis. Im Qualitätsgefühl setzt der Golf immer noch Maßstäbe.

2. Opel Astra 1.6 Twinport
516 Punkte

Die Rüsselsheimer haben mit dem neuen Astra einen Volltreffer gelandet – mit besten Fahreigenschaften, gutem Komfort und einem agilen Triebwerk. Die Innenanmutung könnte freudvoller sein, der Preis ist günstig.

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Technische Daten
VW Golf 1.6 FSI Comfortline Opel Astra 1.6 Enjoy
Grundpreis 21.125 € 16.995 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4204 x 1759 x 1485 mm 4249 x 1753 x 1460 mm
KofferraumvolumenVDA 350 bis 1305 l 380 bis 1300 l
Hubraum / Motor 1598 cm³ / 4-Zylinder 1598 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 85 kW / 115 PS bei 6000 U/min 77 kW / 105 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 192 km/h 185 km/h
0-100 km/h 10,9 s 12,2 s
Verbrauch 6,5 l/100 km 6,6 l/100 km
Testverbrauch 8,8 l/100 km 8,9 l/100 km
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