Opel Speedster

Image-Feger

Der Speedster ist ein Suchtmittel auf vier Rädern. Sein geringes Gewicht ist für den 147 PS starken 2,2-Liter-Vierzylinder keine echte Prüfung.

Die raubtierhafte Präsenz des Speedster fasziniert, aber der Blitz am Bug irritiert. Die Bandbreite der spontanen Tankstellen-Reaktionen auf das Signet am Testwagen reicht von blankem Entsetzen bis hin zum lakonischen Vorschlag, den Blitz „doch einfach herunterzukratzen.“ Es könnte ein
weiter Weg werden, bis die Dy-
namik der scharf geschliffenen
Speedster-Klinge den übrigen Opel-Modellen das betuliche Image herunterhobelt.

Und das, wo sich die Opel-Zutaten zur Gemeinschaftsproduktion mit Lotus Engineering doch überhaupt nicht hinter
den Beiträgen der englischen Leichtbau-Apostel verstecken müssen: Der moderne, komplett aus Aluminium gefertigte Ecotec-Vierzylinder zählt zu den angenehmen Exemplaren seiner Gattung, und das Design aus Opel-Feder lässt auch für künftige Generationen von Astra, Vectra und Co. hoffen.

Wie ein in Bewegung erstarrtes Kristall füllt der Sport-Roadster den Raum, die aus der aggressiven Front drängenden Radhäuser setzen extrovertierte Akzente, und das klar geschnittene Heck sorgt mit der breiten Spur für einen eindrucksvollen Abgang. Explosiv, ein wenig gegen den Strich gebürstet, reich an Perspektiven und im vorausschauenden Sinne klassisch.

In der engen Pilotenkanzel weist der Speedster überdeutlich auf seine starke Verwandtschaft mit dem Lotus Elise hin: Hohe Schwellen behindern ernsthaft den Einstieg, überall blitzen die wuchtigen Strangprofile des Aluminiumchassis durch, die Schalensitze sind radikal auf den Aluminiumboden geschraubt, lediglich ein Mindestmaß an Komfort hat sich in Form von Ledersitzen (1950 Mark) und CD-Radio (1050 Mark) in das karge Cockpit eingeschlichen. Die pragmatische Atmosphäre ähnelt der im
Inneren eines Kunstflug-Tiefdeckers.

Okay für einen Lotus. In einem Opel würde man sich allerdings schon Fensterkurbeln wünschen, die nicht wackeln wie Lämmerschwänze, Türschlösser, deren Funktion auch ohne ständigen Zuspruch aus dem Ölkännchen gewährleistet ist, und ein Verdeck, das Regenwasser wirklich draußen hält.

Aus dem aufpreispflichtigen Sammelsurium an Alu-Zierrat macht angesichts der sockenkrempelnden Agilität des Speedsters eh nur die verstellbare Beifahrer-Fußstütze (180 Mark) Sinn – und die
rastet nicht fest genug in ihrer Führung, um verzweifelt mitbremsenden Anhalter-Füßen genug Widerstand zu leisten.

Womit das essenzielle Thema erreicht wäre. Fahren. Die Fortbewegung im Speedster darf ohne Abstriche zu den bewusstseinserweiternden Erlebnissen auf vier Rädern gerechnet werden. Das geringe Gewicht von 883 Kilogramm stellt für den 147 PS starken 2,2-Liter-Vierzylinder kein ernsthaftes Hemmnis dar, und so kennt der Speedster nur eine Reaktion auf Gasbefehle: unverzügliche, schwerelos wirkende Beschleunigung. Völlig gleich, welcher Gang des mit etwas langen Wegen zu schaltenden Fünfgang-Getriebes eingespannt ist – der Speedster drängt vorwärts.
Feurig in den unteren Gängen und nachdrücklich in der Mitte. In 6,5 Sekunden brennt der Opel von null auf 100 km/h, schiebt in nur 9,3 Sekunden
im fünften Gang elastisch von
60 auf 100 km/h.

Selbst bei Citytempo im letzten Gang nimmt das Leichtgewicht noch lässig Fahrt auf. Der Vierzylinder vibriert dank zweier Ausgleichswellen nur wenig und klingt zwar nicht unbedingt sportiv, aber selbst mit offenem Verdeck angenehm dumpf. Darüber hinaus rollen die 17 Zoll großen Räder nicht nur gut geradeaus, sondern auch sanft über Bodenwellen hinweg. Diese Souveränität
lässt Speedster-Fahren selbst bei niedrigem Tempo zu einer kultivierten Sache werden.

Hinaus auf die Landstraße. Der flache Roadster strömt in elegantem Rhythmus dahin, die extrem direkte Lenkung ohne Servo-Unterstützung macht hier ihre Parklücken-Schwergängigkeit vergessen. Wunderbar präzise reiht sie Radius an Radius und spielt Moderator im Zwiegespräch des Fahrers mit der Straße. Der Grenzbereich liegt geradezu Furcht erregend hoch. Kurven, die in gewöhnlichen Limousinen nur mit ordinär quietschenden Reifen bewältigt werden, durchmisst der Speedster fest an die Fahrbahn gesaugt. Die ungewöhnlichen Reifendimensionen (175/55-R17 vorne und 225/45-R17 hinten) erziehen den Roadster zu neutralem Kurvenverhalten.

Über die relativ schmalen Vorderreifen wird Geschwindigkeitsüberschuss sanft untersteuernd abgebaut. Erst bei harten Lastwechseln im Grenzbereich kann auch der Speedster das zu Zickigkeiten neigende Mittelmotor-Konzept nicht länger verleugnen, sein Heck bricht – wenn auch für geübte Fahrer kontrollierbar – kräftig aus.

Irgendwann liegt im Fahr-Rausch dann selbst bei zurückhaltenden Naturen die Fahrlizenz – symbolisch sozusagen – auf dem Tisch der Führerscheinstelle, und ein diensteifriger Beamter lässt den Reißwolf warmlaufen. Denn ein entfesselt bewegter Speedster kann im bodennahen Tiefflug ganz fürchterlich wüten: Unerhört hastig spult er das vor ihm
liegende Asphaltband auf. Wo verantwortungsbewusste Bürger vor engen Kurven bereits alle Anker werfen, kann im Speedster noch einmal hochgeschaltet werden.

Erst wenn dann das kleine Lenkrad auf harten Bodenwellen jede Bodenverwerfung ungefiltert in die Arme schlägt, die Reifen wegen der kurzen Federwege den Fahrbahnkontakt verlieren, das serienmäßige ABS beim Bremsen somit hektisch ins Stottern gerät und der Sport-Roadster ewige Sekundenbruchteile lang scheinbar ungebremst auf sich zuziehende Hundekurven zuschießt, dämmert dem adrenalinübersättigten Fahrer, dass derartige Tempi laut nach einem großzügigen Kiesbett in jeder Kurve schreien.

Denn Vernunft mag ja zur Debatte stehen, Sicherheit aber nicht. Mit dem Fullsize-Airbag im Lenkrad ist der Speedster für sein kompromissloses Konzept da noch überdurchschnittlich gut ausgestattet, ein rund-um sicheres Automobil ist er so aber ebensowenig wie eine
Alltags-Alternative zu domestizierten Roadstern wie dem Mazda MX-5.

Der an den Fahrleistungen gemessen akzeptable Testverbrauch von 9,1 Litern, das schnell und problemlos zu öffnende Verdeck sowie die angenehm zugarme Offenfahrt – das mag alles noch zu den kultivierten Seiten des Opel gehören. Und mit dem 206 Liter fassenden, keineswegs unpraktischen Kofferraum im Heck kann er sich sogar neben einem Toyota MR-2 sehen lassen.

Angesichts des Grund-
preises von knapp 60‑000 Mark stellen der nur 40 Liter fassende Tank, die unübersichtliche Kunststoff-Karosserie, das auf unebener Straße polternde Fahrwerk, laut in die Radhäuser klappernder Straßensplit und der im Alltagsbetrieb schnell nervende, fürchterlich unbequeme Einstieg in den
Speedster allerdings schnell und schmerzhaft klar, was der Opel sein will: ein radikales Statement pro Fahrspaß. Weniger darf ein Imageträger nicht sein.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • verwindungssteife Karosserie problemlose Verdeck-Abnahme
  • undichtes Stoffverdeck mühsamer Ein- und Ausstieg keine brauchbaren Ablagen im Innenraum unübersichtliche Karosserie kleiner Tank
Fahrkomfort
  • guter Abrollkomfort relativ leiser Motor
  • kaum gedämmte Fahrbahn-Geräusche harte Sitzschalen ohne Lehnenverstellung eingeschränktes Schluckvermögen der Federung
Antrieb
  • angenehme Leistungsentfaltung kultivierter Motorlauf gute Fahrleistungen
  • Getriebe mit zu langen Schaltwegen
Fahreigenschaften
  • sehr gute Traktion sehr gute Handlichkeit exakte Lenkung
  • früh regelndes ABS auf schlechter Fahrbahn
Sicherheit
  • sehr gute Bremsverzögerung kein Bremsfading gutes Abblend- und Fernlicht serienmäßiges ABS
  • nur Fahrer-Airbag
Umwelt
  • an den Fahrleistungen gemessen akzeptabler Verbrauch Motor erfüllt D4-Norm
Kosten
  • hoher Anschaffungspreis nur ein Jahr Garantie

Fazit

Die Stärken des Speedster: der kultivierte Motor, das agile Fahrverhalten, der akzeptable Komfort und der gebotene hohe Fahrspaß. Seine Schwächen: die mangelhafte Sicherheitsausstattung und die schlechte Alltagstauglichkeit.

Technische Daten
Opel Speedster 2.2
Grundpreis 32.500 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3786 x 1708 x 1117 mm
KofferraumvolumenVDA 206 l
Hubraum / Motor 2198 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 108 kW / 147 PS bei 5800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 217 km/h
0-100 km/h 6,5 s
Verbrauch 8,6 l/100 km
Testverbrauch 9,1 l/100 km
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