Porsche 911 Carrera 4S im Test

Alles ein bisschen besser

Der Porsche 911 Carrera 4S macht die Elfer-Baureihe komplett. Ist die motorisch abgespeckte Version des Turbo eine ernsthafte Alternative zum Basis-Elfer?

Optisch macht der 4S viel her, denn er tritt in der Karosserie des Turbo an. Im Vergleich zum aktuellen Carrera werten ihn eine breitere Heckpartie und die Frontschürze mit den großen, nüsternförmigen Lufteinlässen auf. Als charakteristische Merkmale im Heckbereich fungieren das rote Leuchtenband zwischen den Rücklichtern, der 4S-Schriftzug und der vom Carrera übernommene, ab Tempo 120 automatisch ausfahrende Heckspoiler.

Für eine gute aerodynamische Balance legten die Techniker die Karosserie um zehn Millimeter tiefer und reduzierten mit der in der Mitte hochgezogenen Spoilerlippe am Bug die Auftriebskräfte an der Vorderachse. Zudem veränderten sie die Ausfahrposition des Heckspoilers geringfügig. Auch beim Fahrwerk stand der 420 PS starke Turbo Pate: Achskinematik, Aggregate-Lagerung sowie die üppige Bereifung stammen ebenso von ihm wie die komplette Bremsanlage mit den roten Vierkolben-Festsätteln. Turbolike auch die Kraftübertragung mit permanentem Allradantrieb, bei dem eine Visco-Lamellenkupplung im Vorderachsdifferenzial mindestens fünf Prozent der Antriebskraft stets nach vorne leitet. Bei zunehmendem Schlupf an den Hinterrädern erhöht sich dieser Anteil auf maximal 40 Prozent. Ziel dieser Technik sind nach Angaben von Porsche vor allem Vorteile im Kurven- und Fahrverhalten. Damit in solchen Situationen nichts schief geht, hat der S4 zudem serienmäßig PSM, das Porsche-ESP, an Bord.

Bei der Antriebseinheit ist dagegen – relative – Bescheidenheit angesagt: Unter dem Heckdeckel verbirgt sich der Sechszylinder-Boxer aus dem normalen Elfer mit 3,6 Liter Hubraum und 320 PS. Ist der betont muskulös auftretende S4 mit der normalen Carrera-Maschine überhaupt adäquat motorisiert? Keine Frage, er ist: Bei den Messfahrten unterbot er in der Beschleunigung von null auf 100 km/h mit 4,8 Sekunden die Werksangabe (5,1 s) sogar deutlich.

Eine wahre Freude für den Piloten, wie spontan der 3,6-Liter kleinste Bewegungen des Gasfußes in Vortrieb umsetzt und mit welch kraftvollem Elan er speziell ab 4000/min den S davonstürmen lässt. Auch musikalisch verwöhnte Ohren kommen auf ihre Kosten: Ab 5200 imitiert der Boxer bei Volllast die Trompeten von Jericho, ein betörendes Vergnügen, das günstigstenfalls 2000 Touren lang bis zum Einsetzen des Abreglers anhält.

Dass der temperamentvolle Sechszylinder sehr kultiviert und vibrationsarm läuft und mit einem guten Wirkungsgrad arbeitet, bringt ihm weitere Sympathien ein. 13,5 Liter auf 100 Kilometer genehmigte er sich durchschnittlich im Test, rund einen halben Liter mehr als im 911 mit Heckantrieb.

Sein wahres Können bringt der Carrera 4S aber erst zur Geltung, wenn es richtig zügig vorangeht. Im Vergleich zum heckgetriebenen 911 offenbart er dann feine Vorzüge, die das Vertrauen in seine Fahreigenschaften nachhaltig stärken. Das beginnt schon mit einem etwas stabileren Geradeauslauf. Und die etwas straffere Lenkung, die mit bemerkenswerter Spontaneität, sehr guter Präzision um die Mittellage und vorbildlichem Fahrbahnkontakt glänzt – und macht es leicht, den S4 spielerisch durch Kurven zu dirigieren. Sein neutrales Eigenlenkverhalten, das erst im hoch angesiedelten Grenzbereich von leichtem Untersteuern abgelöst wird, trägt ebenfalls zu den ausgewogenen Fahreigenschaften bei, die den Umgang mit dem S4 so reizvoll machen. Agilität und Fahrstabilität sind hier in einer Perfektion gemischt, die den guten Heckantriebs-Elfer spürbar auf Distanz hält. Quittiert der Porsche Übertreibungen des Fahrers mit dem Ausbrechen des Hecks, greift spät, aber noch rechtzeitig stabilisierend PSM ein.
Bei so sportlichem Fahrwerk tut man gut daran, Komfortansprüche rechtzeitig zu minimieren. Tatsächlich zeigt die Federung bei langsamer Fahrt wenig Neigung zur Arbeitsaufnahme. Ihr Ansprechvermögen bessert sich zwar mit zunehmendem Tempo, aber sie kann nicht verhindern, dass vor allem die S4-Hinterachse häufig kräftige Stöße austeilt. Und auch die schlecht konturierten Porsche-Sitze sind an dem unbefriedigenden Komfortergebnis beteiligt.

Mit Ausnahme von elektrischer Sitzverstellung und Lederausstattung entspricht das Interieur dem des klassischen 911 und die Serienausstattung der bei Porsche üblichen schwäbischen Sparsamkeit. Dennoch: Der harte Kern der Porsche-Gemeinde hat Grund zum Jubeln, denn der 87.000 Euro teure S4 ist der sportlichste Carrera unter den Elfern.

Fazit

Der 4S ist der sportlichste Vertreter der Baureihe 911 Carrera, was er in erster Linie den Fahrwerksanleihen vom großen Bruder Turbo und dem Allradantrieb verdankt. Überragende, sehr ausgewogene Fahreigenschaften und ausgezeichnetes Handling sind seine größten Vorzüge. Dass der Federungskomfort bescheiden ist, spielt bei so hochkarätigen Sportwagen eine untergeordnete Rolle. Deshalb verdient der 4S trotzdem fünf Sterne

Technische Daten
Porsche 911 Carrera 4S
Grundpreis 89.816 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4435 x 1830 x 1295 mm
KofferraumvolumenVDA 100 l
Hubraum / Motor 3596 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 235 kW / 320 PS bei 6800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 280 km/h
0-100 km/h 4,8 s
Verbrauch 11,4 l/100 km
Testverbrauch 13,5 l/100 km
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