Porsche 911 Carrera S Cabrio im Test

Windes Eile

Foto: Uli Jooß 12 Bilder

Schon wegen seiner Heckmotor-Konzeption ist das Porsche Carrera S Cabrio ein einzigartiger offener Sportwagen. Wer es fährt, entdeckt schnell, dass hier Maßstäbe gesetzt werden, nicht nur mit den 355 PS und der Höchstgeschwindigkeit von 293 km/h.

Die Preisliste der Firma Porsche liest sich wie der Wunschzettel des großen Jungen. Alle nur denkbaren Zusatzausstattungen werden da feilgeboten, vom hochkarätigen Musik-System bis zu belederten Stegen in den Austrittsdüsen der Klimaanlage. Da lässt sich trefflich schwelgen – und dabei den ohnehin respektablen Basispreis in die Höhe treiben wie Wendelin Wiedeking den Kurs der Porsche-Aktie. Jüngste Zutat zum Carrera-Menü ist das Cabriodach. Wer das ankreuzt, ist damit im Fall des hier getesteten Carrera S schon einmal 95 152 Euro los, 9976 Euro mehr als beim Coupé.

Kompletten Artikel kaufen
Einzeltest Porsche 911 Cabrio
Sie erhalten den kompletten Artikel (inkl. PDF, 3 Seiten)
1,49 €
Jetzt kaufen

Viel Geld, aber dafür, so darf man hoffen, auch ein nochmals gesteigertes Fahrvergnügen. Zumal das Cabrio, wenn es seine Haube aufgesetzt hat, auch die Rolle des Coupés übernehmen kann, obwohl es nicht dem derzeitigen Trend zum Klappdach aus Metall folgt. Es bleibt bei einem sehr hochwertigen Verdeckstoff, der ein Gerippe aus Aluminium und Magnesium überspannt. Vorteil dieser Konstruktion: Sie ist sehr leicht (42 Kilogramm), was gerade bei einem Sportwagen nicht zu unterschätzen ist. Denn Gewicht ist Gift für die Dynamik, vor allem, wenn es im Dachbereich den Schwerpunkt erhöht.

Im geschlossenen Cabrio fühlt man sich wie im Coupé, mit der einzigen Ausnahme, dass die Sicht nach schräg hinten schlechter ausfällt. Ansonsten: dank der erstklassigen Passform und der soliden Qualität nur unwesentlich erhöhte Windgeräusche. Selbst bei den hohen Tempi, zu denen der Porsche fähig ist, streicht der Fahrtwind ohne nennenswerte Geräuschbelästigung über die Karosserie. Dass das Verdeck absolut dicht ist, auch wenn es, was bei Stoffverdecken die Ausnahme bleiben sollte, dem Hurrikan einer automatischen Waschanlage ausgesetzt wird, gehört dabei zu den Selbstverständlichkeiten. Der Bewegungsmechanismus der zierlichen Mütze arbeitet vollautomatisch, bis hin zur Verriegelung am Scheibenrahmen. Ein Knopfdruck genügt. Zum Öffnen oder Schließen reichen 20 Sekunden, wobei die Verwandlung auch während der Fahrt (bis maximal 50 km/h) erfolgen kann.

Das mag manchem als überflüssiger Gag erscheinen, allenfalls geeignet, um beim Flanieren auf städtischen Boulevards Eindruck zu schinden. Aber wer einmal in einen sommerlichen Regenguss geraten ist und nicht sofort eine passende Stelle zum Anhalten fand, wird es zu schätzen wissen.

Einmal geöffnet überzeugt der Porsche durch Cabrio-Qualitäten, die in einer Zeit riesiger, flacher Windschutzscheiben fast vergessen schienen. Hier sitzt man noch im Freien und kann sich ganz nach Laune mehr oder weniger dem Fahrtwind aussetzen. Sind die Seitenscheiben unten, herrscht ein kräftige Brise, die aber nicht durch lästige Wirbel ergänzt wird, die an den Haarwurzeln zerren. Hochgefahrene Scheiben reduzieren das Sturmtief bereits beträchtlich, und ist zusätzlich noch das Windschott installiert, bleibt der Wind draußen – etwa so wie bei einem geöffneten Schiebedach.

Das ist dann Cabrio-Fahren light und somit, diese persönliche Einschätzung sei gestattet, nur noch das halbe Vergnügen. Puristen fahren ganz offen, lassen aber die Seitenscheiben ein paar Zentimeter nach oben summen. Dann trommelt der Sicherheitsgurt nicht mehr auf die Schulter. Apropos Sicherheit.

Bei der diesbezüglichen Ausstattung befindet sich der Porsche ganz auf der Höhe der Zeit. Neben den Sidebags in den Rückenlehnen gibt es auch noch in den Türen versteckte seitliche Kopfairbags. Zwei automatisch herausschnellende Überrollbügel können das Schlimmste verhindern, sollte einmal der Cabrio-Super- GAU des Überschlags eintreten. Auch auf der aktiven Seite der Sicherheit bietet der Porsche Höchstleistungen.

Dabei kann der Kunde diese bis ins Extrem treiben, wenn er seinen Carrera nicht mit den serienmäßigen Stahlbremsen, sondern mit Keramikscheiben ausrüsten lässt, wie sie auch der Testwagen besitzt.

Das ist sehr teuer (7830 Euro), was die Frage aufwirft, ob es sich um eine lohnende Investition handelt. Denn der Carrera gehört schon mit den Standardbremsen zu den Autos, die bei auto motor und sport regelmäßig Bestnoten einheimsen.

Nur: Die Keramikbremse kann es noch besser. Die früheren Unarten dieser Bauart, erhöhte Geräuschentwicklung und schwer dosierbares Ansprechen bei leichtem Bremsen, hat sie abgelegt. Und sie packt derart unbarmherzig zu, dass man bei einer Vollbremsung glaubt, die Augäpfel müssten aus ihren Höhlen springen. Fading? Null.

Selbst wenn der Porsche mehrfach aus Geschwindigkeiten von weit über 200 km/h abgebremst wird, ist kein Nachlassen der Wirkung zu beobachten. Das stramme Pedalgefühl ändert sich nicht im mindesten.

Nur ein leichtes Schabegeräusch deutet anschließend darauf hin, welch extremer thermischer Belastung die Bremse ausgesetzt ist. Aber auch das verschwindet nach einer kurzer Abkühlphase vollständig.

Der Bremsweg aus 100 km/h stellt mit 35 Metern einen absoluten Topwert da, der umso bemerkenswerter erscheint, als bei der Messung durch einen Sensor am Bremspedal auch die Ansprechzeit der Bremse erfasst wird. Ohne diese gipfeln die Verzögerungswerte in die Region von knapp zwölf m/s2.

Was das bedeutet, ist mit Worten schwer zu beschreiben. Der Porsche haftet auf dem Asphalt, als sei er mit Krallen ausgerüstet. Das Bremsvermögen ist noch weit eindrucksvoller als die Leistungsentfaltung des Motors. Und die ist gewiss nicht von schlechten Eltern (siehe Datenblatt). Die reinen Messwerte sagen dabei nicht alles darüber aus, wie viel Vergnügen der Sechszylinder- Boxer zu bereiten vermag.

Über den gesamten Drehzahlbereich herrscht Volldampf, oberhalb von 6000/min kommt ein spürbarer zweiter Wind hinzu, den das zunehmend aggressiver werdende Motorgeräusch trefflich untermalt. Die Frage, ob eine derart potente Antriebsquelle in einem offenen Auto wirklich Sinn macht, darf getrost als nebensächlich betrachtet werden.

Man wird das volle Kraftpotenzial des Carrera S nur selten nutzen können, aber allein schon die spontane Reaktion aufs Gas, das freudige Hochdrehen und der dank der Boxerbauweise vibrationsfreie Lauf sind eine Quelle ständigen Fahrvergnügens. Genau wie das erstklassige Fahrverhalten.

Auch hier bietet der Porsche weit mehr, als auf normalen Straßen vernünftigerweise ausgelotet werden kann. Extrem hohe Seitenführung, exakte Reaktionen auf kleinste Lenkbewegungen, trotz der Hecklastigkeit weit gehend neutrales Eigenlenkverhalten. Dazu ein sehr sauber abgestimmtes, die Fahrdynamik kaum beeinträchtigendes ESP und – mit der beim S-Modell serienmäßigen Dämpferjustierung – ein Federungskomfort, der für einen Sportwagen dieser Leistungsklasse extra der Erwähnung wert ist.

Ein Weltklasse-Cabrio also und deshalb bei auto motor und sport mit fünf Sternen versehen. Es wird seinen Besitzern auch dann noch Freude machen, wenn der gesalzene Preis längst vergessen ist.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • sehr hohe Verwindungssteifigkeit funktionelle Gestaltung solides, geräuscharmes Verdeck
  • eingeschränkte Übersichtlichkeit kleiner Front-Kofferraum
Fahrkomfort
  • ausgewogene Federung sehr gute Sitze gute Klimatisierung
  • Bedienungssicherheit durch zu viele Tasten eingeschränkt
Antrieb
  • drehfreudiger, klangvoller Motor gut abgestuftes Getriebe präzise Schaltung exzellente Fahrleistungen
Fahreigenschaften
  • sehr gutes Handling exakte Lenkung ausgewogenes Kurvenverhalten mit hohen Reserven erstklassige Traktion
Sicherheit
  • reichhaltige Sicherheitsausstattung enorm wirksame, fadingfreie Bremsen (mit Keramikscheiben)
Umwelt
  • Euro 4-Einstufung
  • erhöhter Benzinverbrauch
Kosten
  • hoher Preis hohe Unterhaltskosten

Fazit

Ein Cabrio der absoluten Spitzenklasse, bei dem man die Nachteile mit der Lupe suchen muss. selbst der stattliche Preis relativiert sich angesichts der einzigartigen Synthese aus Supersportwagen und Alltagsautomobil.

Technische Daten
Porsche 911 Carrera S Cabriolet
Grundpreis 102.548 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4427 x 1808 x 1300 mm
KofferraumvolumenVDA 135 l
Hubraum / Motor 3824 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 261 kW / 355 PS bei 6600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 293 km/h
0-100 km/h 4,9 s
Verbrauch 11,7 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Top Aktuell Racechip Hyundai i30 N - Tuning - Kompaktsportwagen Racechip-Hyundai i30 N im Test 320 Tuning-PS im Kompakten
Beliebte Artikel MTM-AUDI R8 V10 PLUS 802 SUPERCHARGED, Exterieur MTM-Audi R8 V10 Plus 802 im Test Am Limit des Machbaren Porsche 911 GT3 RS, Exterieur Porsche 911 GT3 RS im Test Mit Wolllust Richtung Begrenzer
Gebrauchtwagen Angebote
Anzeige
Sportwagen Mercedes E 400 Coupé, Frontansicht Sportwagen-Neuzulassungen Oktober Mercedes E Coupé vor Mustang 190 E, 3.2 AMG-C32, C43 AMG, Exterieur 190E 3.2, C 32, C 43 AMG AMG-Sechszylinder aus 3 Epochen
Allrad Jeep Gladiator Concept 2005 Jeep Wrangler Pickup Neuer Pickup-Jeep für 2019 Seat Ateca Schnee Winter SUV Die 30 billigsten 4x4-SUV Winter-SUV bis 30.000 Euro
Oldtimer & Youngtimer Porsche Carrera GT Werksrestaurierung Porsche Classic Carrera GT 13 Jahre alt, aber jetzt fabrikneu Renault 19 (1988) Renault 19 (1988-1995) 30 Jahre und fast verschwunden
Promobil Carado T 448 Dauertester Carado T 448 im Dauer-Test So war das Jahr mit Carlos Schlafsäcke Test Mantelschlafsäcke im Test Wohlig warm in der kühlen Zeit
CARAVANING Wohnmobile an Tankstelle Sprit sparen mit dem Gespann Tipps für eine sorgenfreie Reise Campingplatz Oakdown Campingplatz-Tipps Südengland Traumhafte Urlaubsorte