Porsche 911 Turbo Cabrio

Luft-Steigerung

Foto: Hans-Dieter Seufert 16 Bilder

Mehr Luft für mehr Lust: Das Porsche 911 Turbo Cabrio fängt den Sommer ein. Sein 3,6-Liter-Biturbo-Boxer lässt fliehenden Hochdruck-Gebieten kaum eine Chance. Dabei ist der offene Turbo sanft wie nie zuvor.

Irgendwann, mitten im Fränkischen, haben wir die Wolkenlücke dann doch gestellt. Schon den ganzen Vormittag hat sie uns genarrt, hat sich verschleiert, um sich an völlig anderer Stelle wieder hämisch leuchtend zu demaskieren. Hat auf dem Weg Richtung Osten durchbeschleunigt. Wir auch. Hat von der Autobahn weg Haken geschlagen. Wir auch.

Das 911 Turbo Cabrio hat alles gegeben. Wir auch. Abschütteln lassen? Niemals. 480 PS und 620 Nm geben nicht so schnell auf. Wir sind dran geblieben, ohne Wenn und Aber, haben uns vom Platzregen fast wegschwemmen lassen, uns wie ein nasser Pudel geschüttelt, aber wie ein Terrier in der Fährte verbissen. Man muss hartnäckig sein, wenn der Sommer auf der Flucht ist.

Nicht, dass es einem schwerfallen würde, im offenen Turbo. Er ist schnell auf der Autobahn, verdammt schnell. Springt mit drei Gasstößen auf Tempo 200 und bleibt dann langstreckenleise. Dem dreilagigen Stoffverdeck sei Dank – es ist gut gegen Lärm imprägniert. Und gegen Feuchtigkeit. Mag der Regen sein Free-Jazz-Solo noch so kreativ auf dem Stoffdach trommeln – das Wetter bleibt draußen.

Notfalls auch akustisch, denn die serienmäßige Bose- Anlage überstimmt Wind- und Fahrgeräusche locker. Fast schon behaglich ist es, lederumwoben im Trockenen zu sitzen, das Feuer der Sitzheizung unter dem Hintern. Heimelig, aber nicht zu eng; lediglich mitreisendes Gepäck leidet im hohlwangigen Kofferraum vorn an Platzangst.

Alles Wichtige sammelt sich im Turbo schließlich hinter der Vorderachse; Sperrgut reist auf dem, was Porsche euphemistisch Rücksitz nennt. Auch das ist Brauchtum. Dennoch ist der 911 Turbo alles andere als ein Puritaner, arrangiert sich erstmals mit den Komfort-Wünschen seiner Best-Age- Klientel, dehnt dabei die Tradition.

Die Stoßdämpfer des PASM-Fahrwerks passen sich selbständig dem Temperament des Fahrers an, lassen sich aber auch manuell in ihrer Grundkennung zwischen Normal und Sport umschalten. Typ gusseisern? Okay, dann die Sporttaste drücken, durchschütteln lassen und den guten alten Zeiten huldigen, als der Porsche-Pilot noch Rückgrat und Nerven aus Stahl besaß.

Und einen robusten Magen, der sich nicht einmal von ungefilterten Bodenwellen umstülpen ließ. Auf Stellung Normal ist das aktive Fahrwerk dagegen leicht verdaulich. Man muss nicht hart sein, um mit dem Turbo Cabrio der Sonne hinterher zu jagen.

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Es lebe die neue Weichheit – sie macht den Power-911 schnell, wo er am meisten Spaß macht: auf vernachlässigten Landstraßen. Dort schmiegt er sich an die Topographie, lässt sich nicht aushebeln oder ablenken, vermittelt ein Vertrauen in die Hinterhand, von der alte Turbo- Recken nur geträumt haben.


Dem permanenten Allradantrieb mit seiner elektromagnetisch gesteuerten Lamellenkupplung sei Dank. Prinzipiell ist er natürlich hecklastig gepolt – ja, man kann noch driften –, verschiebt das Drehmoment allerdings auch effektiv zur Vorderachse, wenn es Traktion oder Fahrstabilität erfordern. Kurvenradien lassen sich selbst dann noch verengen, wenn der Beifahrer bereits schwindelig die Augen verdreht.

Nur in Spitzkehren untersteuert der 4×4-Turbo porscheuntypisch: Man muss ihm per gezieltem Lastwechsel gut zureden, sonst greift ESP bremsend ein. Und wer will das schon, auf der Suche nach Sonne? Luststeigernd wirkt im 911 Turbo Cabrio dagegen die Flexibilität. Die variable Lamellenkupplung für endlose Traktion, die variablen Leitschaufeln der Turbolader für endloses Drehmoment, der variabel steigerbare Luftstrom für endlosen Sturm.

Erst bei 310 km/h wird der Wind zur Wand – wer offen in diese Geschwindigkeitsregion vorrückt, erlebt ein Naturereignis. Es sei denn, man hat das Windschott montiert. Es stuft den Orkan weitgehend zum lauen Lüftchen herab. Doch schließlich hat man über 150 000 Euro für Open-Airstatt Hallen-Tickets bezahlt. Also weg mit dem unsportlichen Luftableiter.

Keinen Filter. Wir wollen alles riechen, fühlen, hören, deshalb fahren wir offen. In einem Porsche. Weil wir in der Magie des offenen Feldes die Zwiesprache zwischen Auto und Fahrer lieben: die informative Lenkung, das mitteilsame Fahrwerk. Offen addiert sich das Schmatzen der Reifen hinzu, wenn sie sich bei Betriebstemperatur im Asphalt verbeißen. Oder das Scheuern der Bremsen, wenn sie sich in der letzten Rille einhaken, ohne dabei ins Schwitzen zu geraten.

Ohne Dach hört man auch die Wildheit des Motors, wenn er bei vollem Ladedruck seine Backen auf die Breite der Kotflügel aufbläst. Oder das Lastwechsel- Bollern beim schnellen Schalten. Nicht zu vergessen das zweistimmige Turbo-Fauchen, wenn die beiden Borg-Warner-Lader nach kurzem Luftholen im Overboost-Modus als Teil des Sport-Chrono-Pakets (1595 Euro) bis auf 1,2 bar Überdruck anblasen und für zehn Sekunden das Drehmoment auf 680 Newtonmeter dehnen dürfen.

Dass die Fahrdynamik-Werte des Cabrios leicht hinter denen des Coupés zurückbleiben, ist unerheblich, zumal die Verbrauchs-Rechnung mit 15,6 Liter auf 100 Kilometer dafür zumindest um einen Liter freundlicher ausfällt. Den offenen Turbo nimmt man deutlich seltener in die Mangel als den geschlossenen – obwohl sich die steife Karosserie niemals ächzend beschweren würde.

Lediglich in den Spalten der Mittelkonsole findet das Auge Anzeichen optimierungswürdiger Verarbeitung. Meist trägt der Wind den Drang nach forcierter Fortbewegung hinaus, kommt die Wärme von der Sonne statt von der Hitze des Gefechts. Auch wir können endlich von unserer Verfolgungsfahrt ablassen – die Wolkenlücke gibt auf und bleibt stehen.

Wir genießen den Abend, schwänzeln beschwingt durchs Hohenlohische zurück, flankiert von der dunkelroten Sonne, die beleidigt im milchigen Cirrostratus versuppt, und stellen das Porsche 911 Turbo Cabrio wieder ab. Es tickt zufrieden. Auftrag erfüllt, Wolkenlücke gestellt.

Fazit

Das Cabrio ist mit allem gesegnet, was einen Porsche 911 Turbo begehrenswert macht – erweitert um den Frischluft-Modus. Seine Zügellosigkeit ist mittlerweile auf echte Alltagstauglichkeit getrimmt.

Technische Daten
Porsche 911 Turbo Cabriolet
Grundpreis 153.956 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4450 x 1852 x 1300 mm
KofferraumvolumenVDA 105 l
Hubraum / Motor 3600 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 353 kW / 480 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 310 km/h
0-100 km/h 4,0 s
Verbrauch 13,1 l/100 km
Testverbrauch 15,6 l/100 km
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