Porsche Boxster (1996) im Test

Roadster mit dem Zeug zum Champion

In der Riege der neuen Roadster hat der Boxster das Zeug zum Champion. Er kommt mit Mittelmotor, reinster Sportwagentechnik und einem großen Namen. Die Frage ist nur, ob er hält, was er verspricht.

Soviel steht fest: Das Volk gerät nicht gerade in Aufruhr, wenn es des Boxsters gewahr wird. Die Reaktionen auf den neuen Porsche, den die Öffentlichkeit bisher nur auf Abbildungen zu Gesicht bekam, sind verhalten bis skeptisch. Den einen ist er zu fladig, andere finden ihn mit seinen ausufernden Scheinwerfern zu triefäugig. Geradezu vernichtend das Urteil eines gußeisernen 911-Fahrers: „Zu japanisch.“ Aber daß es der Boxster in dieser Beziehung nicht leicht haben würde, das war zu erwarten. Von jeher wurde die Produktentwicklung bei Porsche mit Argusaugen verfolgt. Nirgendwo sonst treffen neue Modelle auf eine derartige Front aus hochgesteckten Erwartungen und tief verwurzeltem Traditionalismus. Daß dem Boxster eine allseits begehrte, aber letztlich nicht praktikable Designstudie vorausging, macht dessen Startposition nicht besser. Sei’s drum.


Der etwas kühle Empfang wird eine anhaltende Freundschaft mit dem neuen Sproß des Hauses nicht verhindern können. Dazu steckt zuviel Porsche drin. Man spürt und sieht es überall. An den Instrumenten zum Beispiel: in der Mitte der Drehzahlmesser, dicht daneben die Anzeigen für Geschwindigkeit, Wassertemperatur und Benzinstand – kompakter und übersichtlicher geht’s nicht. Links davon – 911-Fahrer wissen Bescheid – der Zündschlüssel. Beispielhaft auch die Sitze: Sie verknüpfen guten Seitenhalt mit ausgezeichnetemKomfort. Typisch Porsche eben.

An das weniger Typische wird man sich gewöhnen. An die Mittelkonsole im verspielten Ovalstyling etwa, einem modischen Detail, mit dem nicht nur alte 911- Hasen ihre Probleme haben. Und an den spärlichen Stauraum. Ein Handschuhfach gibt es nicht, nur ein paar Ablagen in der Mitte und in den Türen. Hinter den Sitzen, wo beim 911 Platz für kleine Kinder und größere Reiseutensilien ist, arbeitet im Boxster der Motor. Immerhin bleibt zwischen Motorabdeckung und dem geöffneten Verdeck noch Raum für einen Satz Jacken, was den Porsche wohltuend von anderen New Wave-Roadstern unterscheidet. Das paßt zum Credo des Boxster.

Er soll nicht nur Freizeitgerät oder gar Schikkimicki- Accessoire sein. Porsche möchte den Markt mit einem vollwertigen Automobil erobern. Der Roadster für alle Tage und alle Fälle, da sehen die Zuffenhausener ihre Nische in der Nische. Dazu gehört ein reisetaugliches Ladevolumen. Der Boxster bietet 260 Liter, verteilt auf je einen Kofferraum im Bug und im Heck, wobei der vordere sogar zwei Getränkekisten verkraftet. Vergleichsweise großzügig sind auch die Platzverhältnisse.

Da mangelt es weder an Kopfraum noch an Schulterfreiheit, und weil die Radkästen den Fußraum kaum beschneiden, lassen sich auch lange Beine gut verstauen. Das kann man angesichts der Außenabmessungen erwarten. Im Vergleich zum Z3 oder SLK wirkt der Boxster wie ein Roadster im XL-Format. Mit 4,32 Metern ist er sogar acht Zentimeter länger als ein 911 und mit 1,78 Metern auch vier Zentimeter breiter. Die gute Nachricht: Beim Fahren sind die zusätzlichen Zentimeter schnell vergessen. Denn unter den neuen Roadstern, das stellt der Porsche auf Anhieb klar, ist er der wirkliche Sportwagen. Dafür sorgt schon seine technische Ausstattung.

Während andere größtenteils auf Großserienkonfektion zurückgreifen, bietet der Boxster maßgeschneiderte Sportwagentechnik. Und das bleibt dem Fahrer nicht verborgen. Angefangen beim Motor: Der neue und doch klassische Sechszylinder-Boxer ist ein Gedicht. Der Wechsel von Luft zu Wasser als Kühlmittel verhilft ihm zu gehobener Laufkultur, aber sein Talent zur vokalen Leistungsentfaltung hat er nicht verloren. Das reicht von einem Piano capriccioso im Leerlauf bis zum Fortissimo furioso bei 6700/min, wo der Drehzahlbegrenzer dem akustischen Genuß erst mal ein Ende macht – vorzeitig, wie es scheint, denn so locker, wie dieser Motor hochdreht, hätte er mindestens 500 Umdrehungen mehr verdient.

Eindrucksvoll ist auch die Abwesenheit von Vibrationen, nicht jedoch das Fehlen von Durchzug bei niedrigen Drehzahlen. Unter 3000/min spricht der 2,5 Liter-Motor zwar freudig an, aber erst darüber kommt Leben in den Boxster. Und knapp 5000/min braucht man, um das 204 PS-Aggregat von seiner besten Seite kennen zu lernen. Dazu paßt das eng gestufte Fünfganggetriebe. Da es sich auch leicht und exakt schalten läßt, steht dem häufigen Aufenthalt im schönsten Bereich nichts entgegen. Es sei denn, der Gedanke an die nächste Tankrechnung, denn die drehfreudige Fahrweise schlägt sich naturgemäß im Verbrauch nieder. Als Testdurchschnitt errechneten sich 11,8 Liter/100 km, was nicht gerade wenig ist, aber gemessen am Vergnügen auch nicht zuviel.

Zudem kann der Boxster mit adäquaten Fahrleistungen aufwarten. Seine Werte sind nicht von schlechten Eltern, auch wenn er sich damit in der Porsche-Hierarchie mit einem der hinteren Plätze begnügen muß. Im Feld der Neo-Roadster sichern sie dem Boxster jedoch eine angemessene Position. Im übrigen kommt es auch hier immer darauf an, was man daraus macht. Nur wenige Sportwagen vermögen Leistung derart sicher, souverän und zugleich kurzweilig in Geschwindigkeit umzusetzen wie der Porsche. Anders ausgedrückt: In der Summe seiner Qualitäten in puncto Fahrsicherheit, Handling und Federungskomfort setzt das Fahrwerk des Boxster Maßstäbe.

Da stimmt alles – die akkurate Lenkung, die feinfühlig kommuniziert, aber nicht stößt, die präzisen Reaktionen, die auch bei hohem Tempo und auf unebener Fahrbahn zentimetergenaues Fahren ermöglichen, die stramm gedämpfte Federung, die Grobzeug verläßlich schluckt und doch intensiven Fahrbahnkontakt vermittelt. Daß auch die Bremsen über jeden Zweifel erhaben sind, verdient bei einem Porsche kaum der Erwähnung. Die Angst vor dem Rausflug, bei Mittelmotorautos wegen der schweren Beherrschbarkeit im Grenzbereich die Regel, entkräftet der Boxster durch ausgeprägte Gutmütigkeit.

Im Eigenlenkverhalten beharrt er zunächst auf strikter Neutralität, woran auch heftige Lastwechsel wenig ändern, um dann im Extremfall in stabilisierendes Untersteuern zu wechseln. Freunde des gepflegten Powerslides kommen da kaum auf ihre Kosten. Dazu ist die Traktion der Antriebsräder zu gut, beziehungsweise das Antriebsmoment zu gering, zumal wenn die für 1490 Mark angebotene (abschaltbare) Antriebsschlupfregelung im Spiel ist. Für zusätzliche Haftung sorgt ferner die auf Wunsch (Aufpreis 1950 Mark) lieferbare 17 Zoll-Bereifung. Sie ist schon aus optischen Gründen zu empfehlen, denn unter dem ausladenden Boxster- Gewand wirken die serienmäßigen 16-Zöller viel zu mickrig. Bleibt noch der Roadster-Aspekt zu beleuchten. Zur Serienausstattung gehört ein elektrisch betätigtes Verdeck, das in Rekordzeit von zwölf Sekunden unter einer festen Abdeckung verschwindet, vorausgesetzt, es wird zuvor von Hand entriegelt.

Die Mühe lohnt sich: In Sachen Roadsterfeeling erteilt der Boxster der Konkurrenz kraft seiner niedrigen, weit nach vorn gebauten Windschutzscheibe eine Lektion, was sich von den erheblichen Windgeräuschen bei geschlossenem Dach allerdings nicht behaupten läßt. Am Gesamturteil vermag auch das nichts zu ändern. Unter den Roadstern der neuen Generation ist der Porsche zwar der teuerste, aber dafür ist er ja auch ein Champion.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • reiner Zweisitzer mit ausreichendem Platzangebot
  • angemessener Kofferraum
  • gute Funktionalität
  • elektrisch betätigtes Verdeck mit fester Abdeckung
  • gute Verarbeitung
  • schlechte Übersichtlichkeit
  • schwer zugänglicher Motor
Fahrkomfort
  • straffe, aber gut abgestimmte Federung
  • guter Abrollkomfort
  • bequeme Sitze mit gutem Seitenhalt
  • problemlose Bedienung
  • vibrationsarmer Motor
  • laute Windgeräusche bei hohem Tempo
  • unbefriedigende Entlüftung bei geschlossenem Dach
Antrieb
  • Sechszylinder-Boxermotor mit hervorragendem Drehvermögen und spontanem Ansprechverhalten
  • sportlicher Sound
  • gut angepaßtes, leicht schaltbares Fünfganggetriebe
  • gute Fahrleistungen
  • schwacher Durchzug im unteren Bereich
Fahreigenschaften
  • sicheres, über einen weiten Bereich neutrales Kurvenverhalten, leichtes Untersteuern im Grenzbereich
  • geringe Lastwechselreaktionen
  • präzise Lenkung
  • agiles Handling
  • kräftige, gut dosierbare Bremsen
  • guter Geradeauslauf
  • hohe Traktion
  • auf Wunsch Traktionshilfe erhältlich
Sicherheit/Umwelt
  • gute Sicherheitsvorkehrungen
  • Fahrer- und Beifahrer-Airbag serienmäßig
  • zusätzlicher Überrollschutz hinter den Sitzen
  • gemessen an Leistung und Gewicht akzeptabler Verbrauch
  • aufwendige Abgasreinigung
  • noch keine Seitenairbags lieferbar
Kosten
  • angemessener Anschaffungspreis
  • voraussichtlich hoher Wiederverkaufswert
  • vollverzinkte Karosserie
  • 2 Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung
  • 10 Jahre gegen Durchrostung
  • hohe Wartungs- und Reparaturkosten
  • teure Teilkaskoversicherung
Technische Daten
Porsche Boxster
Grundpreis 40.499 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4315 x 1780 x 1290 mm
KofferraumvolumenVDA 260 l
Hubraum / Motor 2480 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 150 kW / 204 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h
0-100 km/h 7,1 s
Verbrauch 9,7 l/100 km
Testverbrauch 12,3 l/100 km
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