Renault Kangoo 1.6 16V im Test

Keintransporter

Foto: Hans-Dieter Seufert 30 Bilder

Ließ der alte seine Besitzer noch einen Hauch herbes Malocher-Aroma kosten, schmeichelt der neue Renault Kangoo mit zeitgemäßen Manieren und viel Platz in einer allerdings deutlich gewachsenen Karosserie.

Wo ist das Ventil? Irgendwie muss Renault den Kangoo doch aufgepumpt haben. Schließlich sieht der Neue aus wie sein Vorgänger mit acht bar Überdruck. 18 Zentimeter länger und 16 Zentimeter breiter, sprengt er den Rahmen der ehemals umtriebigen Kompaktheit und begibt sich raumgreifend auf Konkurrenzniveau (siehe Spotlight). Schien Kangoo Nummer eins noch in gerader Linie vom R4 Kasten abzustammen, erscheint der Sprung zum Neuen ungefähr so krass wie der von de Gaulle zu Sarkozy. Zugegeben, ein nicht ganz gerades Bild, denn Kangoo bedeutet nach wie vor unprätentiös, uneitel und unaggressiv. Außerdem umgeben sich seine Besitzer ebenso selten mit Models wie sie mit Privatflugzeugen umherjetten. Stattdessen kümmern sie sich um ihre Kinder oder ähnliche platzund zeitintensive Hobbys. So erfreuen sich Kangoo-Nutzer etwa daran, ihren Emmaljunga-Kinderwagen am Stück im mächtigen Laderaum zu parken, während die Bekanntschaft aus der Krabbelgruppe immer noch damit beschäftigt ist, ihren Faltbuggy ins Limousinen- Heck zu bugsieren. Auch das Vertäuen des kindersitzabhängigen Nachwuchses ist (Iso-)fix erledigt – die hinteren Schiebetüren (Basisversion nur rechts) helfen dabei nicht nur in engen Lücken. Andere sortieren also noch ihre Ladung, wenn man beim Kangoo bereits die Türen geschlossen hat und Kurs auf das nächste Ziel nimmt. Was ruhig etwas weiter entfernt sein darf, denn Renault hat die verkrampft-aufrechte Sitzposition entsorgt und platziert Vornsitzende bequem hinter Panorama-Armaturenbrett und -Frontscheibe. Angesichts des voluminösen Innenraumes dürften sich HiFi-Jünger schon Gedanken über digitale Entzerrer machen, um den Hall in den Griff zu bekommen. Kangoo-Kenner registrieren dagegen erfreut, dass diesmal anscheinend ein echter Mensch und nicht bloß ein rückgratfreier Dummy Probe gesessen hat. Fußstütze links, akzeptable, horizontal verstellbare Lenkradposition, erhöht angebrachter Schalthebel mit Joystick-Charakter, Staubox als Armlehne: Die Ergonomie ist im 21. Jahrhundert angekommen. Ebenso wie die unproblematische Bedienung und Vordersitze mit genreüblich mäßigem Seitenhalt, aber bis auf die etwas kurze Fläche ordentlicher Polsterung. Schade nur, dass den Oberflächen diese schmeichelnde Weichheit fehlt. Renault gönnt suchenden Fingerkuppen nur in den Türverkleidungen etwas Stoff, verwendet ansonsten konsequent Hartplastik, teils in markenbewährter Maserung – geschmackssicher, solide und gleichermaßen augen- wie wischlappenfreundlich.

Kompletten Artikel kaufen
Einzeltest Renault Kangoo 1.6 16 V
Sie erhalten den kompletten Artikel (inkl. PDF, 4 Seiten)
1,99 €
Jetzt kaufen

Ein freundliches Verhältnis pflegt der Kangoo auch zum Stückgut. Ob 1,5-Liter- Flasche, Kaffeebecher, DIN-A4-Block plus Stifte (bonjour Kurierfahrer) – alles findet sein aus Hartplastik gespritztes Refugium in Türtaschen, Mittelablagen oder der Dachgalerie. Für Großes gibt es den Laderaum. 660 Liter packt der fünfsitzige Kangoo schon im Normalzustand bis zur Fensterlinie. Reicht nicht? Einfach an zwei Hebeln ziehen, und die spartanisch gepolsterte Rückbank macht sich flach. Buchstäblich, denn die Sitzflächen schwenken neuerdings per Mimik nach unten, was Teile-Origami und Gurtschloss- Gefummel verhindert. Nun stehen 1521 Liter, bei dachhoher Beladung (Trennnetz: 160 Euro) sogar 2688 Liter bereit. Sperrgut-Fans können je nach Ausstattung überdies den Beifahrersitz umlegen, was zu 2,50 Meter Ladelänge führt. Ganz klar, der Kangoo kokettiert mit seinen Transporter-Genen. Ablesbar an niedriger Ladekante, üppiger Ladehöhe und geradliniger Öffnung mit Euro-Paletten- Appetit – aber auch dem Verzicht auf weitergehende Variabilität. So steht eine verschiebbare Bank mit verstellbarer Lehne nicht auf dem Programm. Wohl aber optionale Hecktüren sowie eine Leiterklappe, die zum Kangoo gehören wie die Krümel zum Baguette. Vor allem wenn man weiß, dass Renault den Vorgänger zur Hälfte als klassischen Transporter (Rapid) und zur Hälfte als domestizierten Alltags-Ableger verkaufte – bisher 2,2 Millionen Mal. Kangoo zwei distanziert sich dennoch vom rohen Charakter der Erstauflage. Schimmerte dort noch ein Kunststoffboden im Laderaum, flauscht beim Neuen ein robuster Teppich. Auch vor zarter Querbeschleunigung schreckt der 1,81 Meter hohe Kombi nicht mehr zurück, nutzt dabei das Potenzial seiner Plattform mit Méganeund Scénic-Komponenten.

Die zielgenaue, etwas gefühlsarme elektrische Servolenkung trägt ebenso zum kalkulierbaren Charakter bei wie das sichere Eigenlenkverhalten, die akzeptable Seitenneigung sowie das mäßigend eingreifende ESP, das leider nicht serienmäßig und erst ab der Variante Expression für 300 Euro Aufpreis erhältlich ist. Bissig und standfest schnappt die Bremse zu und stoppt den vollbeladenen Kangoo nach der zehnten Bremsung aus Tempo 100 nach 39 Metern. Bis Tempo 100 dauert es etwas länger. Der 1,6-Liter-Benziner muss jedes seiner 106 PS aktivieren, um den 1,4-Tonner samt bremsender Stirnfläche zügig nach vorn zu schieben – ablesbar am relativ hohen Verbrauch. Dafür spricht er lebendig an, läuft zunächst kultiviert, kippt seine guten Manieren aber ab 4000/min über Bord. Kein Wunder, dass sich Renault den roten Bereich im Drehzahlmesser spart. Leider auch den sechsten Gang beim knochigen Getriebe: Auf längeren Reisen jenseits 130 km/h drückt das Motor-Röhren schwer auf die Ohren, während sich der Rest des Wagens bis auf konstantes Windrauschen akustisch einigermaßen zurückhält. Höhere Karosseriesteifigkeit sowie geräuschdämmende Einsätze und Matten zahlen sich aus. Was angesichts von günstigen 15 900 Euro Grundpreis durchaus für den ganzen Kangoo gilt: Die Suche nach Ventil und heißer Luft bleibt erfolglos.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • viel Platz für Passagiere
  • großer Laderaum
  • pflegeleichtes Interieur
  • zahlreiche Ablagen
  • einfache Bedienung
  • ordentliche Verarbeitung
  • Variabilität nur Durchschnitt
Fahrkomfort
  • insgesamt akzeptabler Federungskomfort
  • bequeme Vordersitze
  • bei hohem Tempo laut
  • stößig auf Querfugen
Antrieb
  • lebendiges Ansprechverhalten
  • befriedigende Laufkultur
  • ausreichende Fahrleistungen
  • im oberen Drehzahlbereich kernig
  • hakelige Schaltung
Fahreigenschaften
  • problemloses Kurvenverhalten
  • ordentlicher Geradeauslauf
  • gute Fahrsicherheit
  • etwas gefühllose Lenkung
Sicherheit
  • wirksame, standfeste Bremsen
  • befriedigende Sicherheitsausstattung
  • ESP nur gegen Aufpreis und für Basis nicht erhältlich
Umwelt
  • relativ hoher Verbrauch
Kosten
  • attraktiver Anschaffungspreis
  • günstiger Unterhalt
  • nur 2 Jahre Garantie

Fazit

Geräumig, unkompliziert, charmant: Der Kangoo bleibt auch in der zweiten Generation ganz der Alte, wirbt aber mit mehr Komfort, zeitgemäßer Fahrsicherheit und besserer Verarbeitung. ESP ist leider nicht Serie.

Technische Daten
Renault Kangoo 1.6 16V 105 Expression
Grundpreis 17.550 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4304 x 1829 x 1839 mm
KofferraumvolumenVDA 660 bis 2600 l
Hubraum / Motor 1598 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 78 kW / 106 PS bei 5750 U/min
Höchstgeschwindigkeit 170 km/h
0-100 km/h 13,4 s
Verbrauch 7,7 l/100 km
Testverbrauch 10,9 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Top Aktuell Racechip Hyundai i30 N - Tuning - Kompaktsportwagen Racechip-Hyundai i30 N im Test 320 Tuning-PS im Kompakten
Beliebte Artikel Renault Kangoo Campus Vorgänger bleibt Basis Peugeot Partner Doppelt attraktiv
Gebrauchtwagen Angebote
Anzeige
Sportwagen Speed Buster BMW M5 BMW 5er-Tuning Bis zu 747 PS im M5 sind möglich Mercedes E 400 Coupé, Frontansicht Sportwagen-Neuzulassungen Oktober Mercedes E Coupé vor Mustang
Allrad Toyota Tundra Kalifornien Toyota Tundra im Waldbrand-Einsatz Retten bis das Rücklicht schmilzt Range Rover Evoque 2 Range Rover Evoque 2019 Drahtmodell als Teaser
Oldtimer & Youngtimer Mercedes 280 SE 3.5 Cabriolet W111 (1970) Wiesenthal Mercedes-Auktion Wiesenthal Familiensammlung unterm Hammer Porsche Carrera GT Werksrestaurierung Porsche Classic Carrera GT 13 Jahre alt, aber jetzt fabrikneu
Promobil Mobile Menschen im Hymercar 323 Von der Auszeit zum Vanlife Zwei Vollzeit-Nomaden im Camper Hartnäckiger Schmutz Moos, Regenstreifen, Harz Tipps für hartnäckige Fälle
CARAVANING Tabbert Vivaldi 550 E Tabbert Vivaldi im Supertest Neues, modernes Design für 2019 Bleder Insel Caravan-Tour Slowenien Schöne Städte und Landschaften