Renault Scénic 1.6 16V im Test

Raumwunder im Golf-Format

Renault Scénic

100 000 Kilometer in knapp zwei Jahren: Wird der Renault Scénic seinem Ruf als führender Raumtransporter der Kompaktklasse gerecht? Das Arbeitszeugnis enthält gute wie schlechte Noten.

Auf die Frage, welche Wettbewerber ihnen derzeit am meisten Respekt abnötigen, antworten Bernd Pischetsrieder und Carl-Peter Forster, die Chefs bei VW und Opel , unisono: „Die Franzosen.“ Ein Blick in die Zulassungsstatistik zeigt, warum.

Während die deutschen Volumenhersteller Opel, VW und Ford im ersten Quartal 2002 Rückgänge zwischen 3,2 und 24 Prozent zu verzeichnen hatten, legten die französischen Importmarken Citroën , Peugeot und Renault um dicke zweistellige Prozentraten zu. Das Erfolgsgeheimnis beruht nicht allein auf den „um zehn Prozent günstigeren Kostenstrukturen “, die Opel-Boss Forster bei PSA & Co. ausgemacht haben will. Es stammt nicht allein von den teilweise großzügigen Kaufanreizen, sondern auch daher, dass die Franzosen den Massengeschmack der hiesigen Kunden einfach besser treffen: mit praktischen und preisgünstigen Autos, aber auch mit Konzepten, die der deutschen Konkurrenz Jahre voraus sind. Speziell Renault tut sich da rühmlich hervor: Man denke nur an den pfiffigen Kleinwagen Twingo (Verkaufsstart 1993), an den trendigen Kastenwagen Kangoo (1998) oder den aus der Mégane-Familie hervorgegangenen Scénic (1996) – erster europäischer Kompaktvan überhaupt.

Heute entfallen 60 Prozent aller Mégane -Zulassungen auf den Scénic , von dem in Deutschland bisher 215 000 Einheiten verkauft wurden. Insgesamt liefen schon mehr als 1,73 Millionen Einheiten der Room-Kugel vom Band. Populärste Motorvariante seit dem Facelift im Herbst 1999 ist der 1,6-Liter-Benziner mit 16 Ventilen und 107 PS. Auf ihn kommt fast die Hälfte (47,4 Prozent) aller Bestellungen, noch vor den 1,9-Liter- Dieseln (33,3 Prozent).

Mit der Wahl des Dauertestwagens, eines Scénic 1.6 16 V, lag die Redaktion in puncto Repräsentativität also richtig, hinsichtlich des Fahrvergnügens aber falsch. Denn der 107-PS-Vierzylinder – der Meinung schließen sich fast alle Besitzer dieser Variante an – ist so schwach auf der Brust, dass Bergstrecken, Überholmanöver oder der Versuch, auf der Autobahn die Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, zur Geduldsprobe werden. 148 Nm Drehmoment bei 3750/min – das ist schon mager und war zusammen mit dem unglücklich übersetzten Getriebe (Sprung zwischen erstem und zweitem Gang zu groß, fünfter zu lang ausgelegt) ein Hemmschuh, der die Reiselust verdarb.

„Mit dem Motor könnte man nicht mal ein Seifenkistenrennen gewinnen“, notierte Formel 1-Reporter Michael Schmidt auf der Bordkarte, „von 140 auf 160 km/h benötigt man im Fünften schätzungsweise fünf Minuten.“

Selbst wenn ein Kompaktvan nicht für Tempofahrten gedacht ist, sollte der Motor doch nicht so blutleer sein. Er zieht andererseits aber auch wenig Saft aus dem 60- Liter-Tank, so dass Reichweiten von 800 Kilometern möglich sind. Obwohl der 1600- er, der sich wie ein 1200er anfühlt, trotz lautem Brummen jenseits von 4000/min im Dauertestbetrieb häufig ausgequetscht wurde, lag der Durchschnittsverbrauch nur bei 8,6 Liter/100 Kilometer. Bei gemäßigtem Tempo fiel es nicht schwer, gar deutlich unter sieben Litern zu bleiben. Der drehzahlsenkende Fünfte trägt dazu sicher ein Scherflein bei, aber das Getriebe an sich ist ein Ärgernis.

Denn die Schaltung müsste Rührung heißen, so unpräzise lässt sich der lange He bel durch die breiige Kulisse führen. Zudem schlägt man beim weiten Ausholen zum Einlegen des fünften Gangs entweder das nachgerüstete Telefon aus der Halterung oder stößt mit der Hand gegen den Beifahrersitz. Das Getriebe war auch defektanfällig. Schaden Nummer eins verursachte bei Kilometerstand 29 720 einen Liegenbleiber auf der A 43. Die Halterung am Gehäuse war gebrochen, so dass die Antriebseinheit im Motorraum herumschlackerte. 20 000 Kilometer später veranlassten Rasselgeräusche im Leerlauf und ein Singen im fünften Gang den erneuten Tausch der Schaltbox.

Abgesehen von der Motor- und Getriebeschwäche wusste der Scénic zu gefallen – vor allem ein Verdienst des Karosseriekonzepts. Das Raumgefühl ist luftig, die herausnehmbaren hinteren Sitze machen das Transportieren ganzer Fahrräder möglich, und sogar bei voller Bestuhlung (fünf Sitze) bleibt genug Gepäckraum für die Baggage einer vierköpfigen Familie.

Der Federungskomfort ist, abgesehen von einer gewissen Querfugenempfindlichkeit, angenehm, die Handlichkeit dank hoher Sitzposition und guter Rundumsicht ausgezeichnet – nur der Wendekreis könnte kleiner sein. Störend auch die Seitenwindempfindlichkeit der 1,68 Meter hohen Karosse, noch mehr aber das Rappeln der Innenausstattung, das nur bei voll beladenem Auto verschwindet.

Soviel zum Scénic-Applaus. Aber längst nicht alles an dem 4,16 Meter langen Raumwunder wirkt durchdacht. Die Sitzposition hinter dem flach stehenden Lenkrad etwa erinnert an einen Lastwagen. Die aufpreispflichtigen, streng riechenden Ledersitze sind zwar pflegeleicht, was man spätestens dann zu schätzen weiß, wenn die Kinder das Mitfahren zum Kotzen finden, aber extrem rutschig: Bei scharfen Bremsmanövern muss man fürchten, in den Fußraum abzugleiten. Die Leistung der manuellen Klimaanlage ist dem Innenraumvolumen nicht gewachsen. Im Sommer halfen beim Lüften zwei elektrische Schiebedächer (Extra). Staufächer – eins davon klimatisierbar – sind zwar in großer Zahl vorhanden, aber sie sind klein und fummelig zu reinigen. Überhaupt machte das Interieur relativ schnell einen verwohnten Eindruck: Speckige und vermackte Kunststoffteile sowie abgeschrappte Lederbezüge zeugen von intensiver Nutzung der kompakten Raumfähre.

Hinzu kommen funktionelle Mängel. Besonders grotesk: Der Schalter für die Heizung des Beifahrersitzes kann nur von der Fahrerseite aus betätigt werden, die hinteren elektrischen Fensterheber nur vom Rücksitz aus. Die Drähte der heizbaren Frontscheibe glühen bei Frost nur schwach und stören dafür umso stärker bei Gegenlicht. Ein Tempomat ist auch gegen Aufpreis nicht zu haben. Die größte Zumutung bei einem für Familien konzipierten Auto ist die Kindersitzmontage im Fond. Da sind die Sicherheitsgurte so kurz, dass Reboard- Babyschalen (Typ Maxicosi) nicht befestigt werden können. Auch größere Kinder sind schwierig zu sichern, weil die Rücksitze schmaler als Kindersitze dimensioniert sind und die Gurtschlösser dadurch völlig verdeckt werden.

Dabei ist der Scénic sonst ein vernünftiges Auto, speziell was die Finanzen betrifft. Mit Extras kam der Dauertestwagen zwar auch auf 24 312 Euro, aber die Kilometerkosten liegen dank geringem Verschleiß sehr günstig.

Der Wertverlust ist ebenfalls niedrig. Die Gebrauchtwagenpreise werden erst sinken, wenn die nächste Scénic-Generation anrollt. Im Frühsommer 2003 soll die neue Raumkapsel an den Start gehen.

 

29.720
Ein Bruch der Getriebehalterung sorgte für einen Liegenbleiber. Später musste das Getriebe wegen lauter Geräusche nochmal getauscht werden. Es ist der gravierendste Schwachpunkt am Scenic
 
 
37.480
Mit Bremsbelägen ging der Scenic sparsam um. Sie mussten nur zwei Mal getauscht werden. Bei den Reifen war es ähnlich. Auf 100 000 Kilometern benötigte der schwach motorisierte Dauertestwagen nur eineinhalb Reifensätze

58.535
Weil beim Schließen verdächtige Knarrgeräusche auftraten, wurde der elektrische Fensterheber auf der Fahrerseite erneuert - wie fast alle Reparaturen ein Garantiefall, sonst sehr teuer: 362 Euro

Nach Gewöhnung an das flach stehende Lenkrad schätze ich die entspannte Sitzposition. Die Einzelsitze im Fond sind für unsere drei Kinder ideal. Weitere Pluspunkte: die hohe Variabilität, die komfortable Federung, die vielen Ablagen, die gute Verarbeitung und die reichhaltige Ausstattung. Minuspunkte: unübersichtliche Front, lauter Motor, starke Seitenwindempfindlichkeit und ungenaue Tankuhr.
Ed Reus, NL-3253 Ouddorp
 
Der 1,6-Liter-Motor gefällt durch niedrigen Verbrauch (7,5 L1100 km). Kritik verdienen das Motorbrummen, die kratzempfindlichen Kunststoffe sowie die dürftige Heizleistung im Winter. Ein defekter Scheibenwischermotor wurde kostenlos ausgetauscht.
Jens Knobloch, 31515 Wunstorf

Der schmale Mittelsitz hinten ist nur für Kinder geeignet. In der RXEAusstattung vermissen wir nur einen Tempomat. Der 1,6-Liter-Motor ist sparsam, aber Reserven für Überholmanöver sind nicht vorhanden. Zudem ist der Drehzahlsprung zwischen erstem und zweitem Gang zu groß. Siegmund Ziererr 84171 Weixerau
 
Die Variabilität beeindruckt.
Eine Woche Urlaub mit Kleinkind, zwei 26erFahrrädern und Gepäck: Einfach zwei Sitze raus, und alles passt ins Auto. Die Mängel: Ausfall Instrumentenbeleuchtung und Sitzheizung (Garantie).
Roland Wackemagel, 38448 Wolfsburg
 
Die Variabilität sucht in der deutschen Kompaktklasse ihresgleichen. Der penetrante Gestank der Lederausstattung und die Anmutung der Kunststoffe fallen da schon negativer auf. Und auf schlechten Straßen ist Knistern ein ständiger Begleiter.
Patrick Koch, 79282 Sollschweil

Nach über 40 Jahren Fahrpraxis habe ich 1997 erstmals einen Scenic 2.0 gekauft. Mit ihm legte ich 60 000 Kilometer zurück. Es ist das praktischste Auto, das ich je hatte: Ich reise mit vier Sitzen und zwei Fahrrädern im Innenraum. Auf Grund meiner Zufriedenheit bin ich auf das neue Modell 1.816 V umgestiegen. Von den zahlreichen Verbesserungen schätze ich den spritzigeren Motor und die wirksameren Bremsen am meisten.
Otto Hofer A-6890 Lustenau
 
Nach einem halben Jahr (10 000 km) fiel das Getriebe aus (abgeschleppt) - falsche Montage in der Produktion, Garantiefall. Nach 15 000 km Motorbefestigung lose (Schraube verloren), ebenfalls Garantie. Nach 17 000 km dann Stoßdämpfer und ScheinwerferWaschanlage undicht. Mein Scenic wird in Nordnorwegen bei Temperaturen bis minus 20 Grad eingesetzt. Bernhard Hiernerwadel, N-Alta
 
Wer ein preiswertes, sparsames, ordentlich verarbeitetes und gut ausgestattetes Auto mit hoher Sitzposition sucht, ist mit dem Scenic bestens bedient. Was mich stört, sind das nervtötende Motorgeräusch und die Sitzbezüge aus Omas Klamottenkiste.
H H Pfeffer 79618 Rheinfelden

Vor- und Nachteile

  • Hohe Innenraumvariabilität
  • Viele Staufächer
  • Gute Handlichkeit
  • Sparsamer Motor
  • Große Reichweite
  • Niedrige Unterhaltskosten
  • Schwachbrüstiger Motor
  • Unpassend übersetztes, defektanfälliges Schaltgetriebe
  • Unbequeme Sitze, im Fond zur Montage von Kindersitzen wenig geeignet
  • Teilweise unpraktische Bedienung
  • Unzureichende Innenraumklimatisierung
  • Karosserie mit Klappergeräuschen
Technische Daten
Renault Scénic 1.6 16V RT
Grundpreis 18.740 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4169 x 1719 x 1675 mm
KofferraumvolumenVDA 410 bis 1800 l
Hubraum / Motor 1598 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 79 kW / 107 PS bei 5750 U/min
Höchstgeschwindigkeit 182 km/h
Verbrauch 7,3 l/100 km
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