Renault Scénic 2.0 RXT im Test

Prototyp des modernen Kompakt-Vans

Die Renault Mégane-Familie hat ein neues Mitglied. Der jüngste Spross heißt Scénic und verkörpert den Prototyp des modernen Kompakt-Vans. Das Rezept, nach dem künftig auch andere Hersteller verfahren werden: hochaufgeschossene Karosserie, variabler Innenraum und pfiffige Detaillösungen.

Der Neue verlangt nach Erklärung, nicht nur wegen des französischen Nummernschilds. „C’est la nouvelle Twingo?“, wird der Tester an einer Stuttgarter Tankstelle von einem Mann mittleren Alters gefragt, der neugierig um jenes Auto herumschleicht, das die anderen an den Zapfsäulen um einen Kopf überragt. Als sich der Tester als Deutscher zu erkennen gibt und das obskure Objekt der Begierde als einen direkt aus Frankreich überführten Renault Mégane Scénic ausweist, gibt sich der interessierte Mann als begeisterter Twingo-Fahrer aus. Er sei Kunstmaler und schätze den französischen Microvan vor allem wegen seines variablen und praktischen Gepäckraums, in dem sich Staffelei und Leinwand so problemlos wie in keinem anderen Kleinwagen transportieren ließen. Wegen der Familie suche er jedoch nach einem etwas größeren und komfortableren Automobil. Er wirft einen Blick hinter die große Heckklappe, und als er den für Kompaktwagenverhältnisse riesigen 410 Liter-Kofferraum entdeckt, scheint Renault den ersten der erwarteten 15 000 Scénic-Kunden gewonnen zu haben. Er wird sich noch bis Mitte Januar 1997 gedulden müssen.


Erst dann kommt der nach großem Espace und kleinem Twingo dritte Renault- Van in Deutschland auf den Markt. Kein anderer Automobilhersteller der Welt trägt dem Monospace- Konzept – darunter versteht man die Aufhebung der optischen Trennung von Motor-, Fahrgast- und Kofferraum – mit einer solchen Modellvielfalt Rechnung. Und keine andere Marke verfügt in der Kompaktklasse über einen solchen Artenreichtum wie Renault mit der Mégane-Familie (siehe Kasten oben). Seine Schöpfer sehen den Mégane Scénic – eine Wortkombination aus dem französischen scénique (bühnenhaft) und dem englischen Scénic (Panorama) – als „Begründer der Kompaktraumklasse“ und als „Van ohne Aber“. Doch die erste Einschränkung muß schon hier gemacht werden.

Denn ein echter Trendsetter wie Espace oder Twingo ist der Scénic nicht, auch wenn Mercedes mit der A-Klasse und Fiat mit dem Multipla erst in ein bis zwei Jahren auf der Kompaktvan-Welle surfen werden.

Schließlich gab es mit dem Nissan Prärie, dem Mitsubishi Space Wagon und dem Honda Civic Shuttle bereits vor über einem Jahrzehnt drei japanische Vorreiter, die ihrer Zeit wahrscheinlich zu weit voraus waren. Denn zum Höhenflug setzte keine dieser Hochdach- Limousinen an. Die inneren Werte des Scénic soll dies aber nicht schmälern, zumal es in puncto Variabilität und Raumangebot in dieser Klasse bislang wirklich nichts Vergleichbares gibt. Kaum zu glauben, daß der Scénic nur so lang (4,13 Meter) und breit (1,72 ) wie ein Mégane mit Schrägheck-Karosserie ist. Allein die Höhe von 1,60 Meter weist Gardemaß auf. Höher ist allerdings auch der Preis: Er liegt ausstattungsbereinigt etwa 2800 Mark über dem der Limousine. Die 18 zusätzlichen Zentimeter sorgen innen für ein erhabenes Raumgefühl, obwohl das Höhenwachstum wegen des ebenfalls angehobenen Wagenbodens nur in geringem Maß der Kopffreiheit zugute kommt. Es ist vor allem die um 16 (vorn) bis 18 (hinten) Zentimeter hochgerückte Sitzposition, die zusammen mit der großzügigen Verglasung und der nur durch die drei Kopfstützen im Fond nach hinten eingeschränkten guten Rundumsicht das Wohlbefinden hebt. Sie erhöht jedoch auch die Anstrengung beim Einsteigen, weil wie bei einem Geländewagen eine hohe Stufe überwunden werden muß.

Der Clou des Scénic ist seine Wandlungsfähigkeit im Innenraum. Im Gegensatz zu anderen Mégane- Modellen hat der Van anstelle einer durchgehenden Fondbank drei Einzelsitze, von denen der mittlere schmaler ist. Diese Sitze bilden die Verwandlungsbausteine. Alle drei sind zusammenfaltbar oder leicht (12,2 bis 14,5 Kilogramm) herausnehmbar. Dadurch wächst der Laderaum auf bis zu 1800 Liter. Der Mittelsitz läßt sich um 17 Zentimeter nach vorne rücken oder ganz entfernen, damit die äußeren je acht Zentimeter weiter zur Mitte geschoben werden können. Bleibt der mittlere Sitz installiert, läßt sich seine Rückenlehne zum Tisch umklappen. Der Gepäckraum kann durch eine in der Höhe variierbare Abdeckung in zwei Ebenen unterteilt werden. Staufächer unter den Sitzen sowie Ablagen in den Türen erleichtern den Transport von Flaschen oder Kleinteilen. Eigentlich mangelt es an nichts, und doch fehlt etwas Entscheidendes: Sitzkomfort.

Denn wegen der begrenzten Karosseriebreite sind die Rücksitze so schmal geschnitten, daß sich allenfalls Kinder darin wohl fühlen. Als Erwachsener hockt man außen wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein; der noch engere Mittelsitz ist völlig unbrauchbar. Selbst für die Montage eines handelsüblichen Kindersitzes ist der Fond nicht geeignet, weil die Sitzschale die Gurtschlösser zudeckt. Da bleibt nur der Griff zum Scénic-Zubehörprogramm (siehe Kasten links), das Kindersitze für alle Altersstufen bereithält. Der Federungskomfort dagegen ist über alle Zweifel erhaben.

Ob mit maximaler (565 Kilogramm) oder geringer Zuladung, der Scénic rollt geschmeidig ab, und seine Federung hält Fahrbahnunebenheiten von den Insassen fern. Für den Fahrer läßt sich der Van dank serienmäßiger Servolenkung mühelos wie eine Limousine dirigieren, wenngleich die Handlichkeit durch den höheren Schwerpunkt und die stärkere Seitenneigung in Kurven etwas eingeschränkt ist. Auch die hohe Sitzposition kann nicht verhindern, daß sich die Motorhaube beim Rangieren den Blicken entzieht. Unter ihr steckt je nach Wahl ein 1,6 Liter-Benziner mit 75 PS (Basisversion RN für knapp 29 000 Mark), ein 1,6 Liter mit 90 PS, ein gleich starker 1,9 Liter-Turbodiesel oder wie beim Testwagen ein Zweiliter- Vierzylinder mit 114 PS. Er harmoniert sehr gut mit dem gegenüber der Limousine 110 Kilogramm schwereren Van, sorgt auch unter Ausnutzung aller Platzreserven noch für gute Fahrleistungen, benötigt aber wegen des höheren Gewichts und der schlechteren Aerodynamik fast zwei Liter mehr (Testverbrauch 11,1 L/ 100 km) als das gleich motorisierte Schrägheck-Modell. Auch die Bremsanlage zeigt die Grenzen des Van-Sinns auf.

Obwohl der Scénic serienmäßig mit ABS ausgerüstet ist und die Bremsscheiben vergrößert wurden, bringen die Bremsen schon kalt nur eine mäßige Verzögerung (8,2 m/s2). Bei höherer Beanspruchung bauen sie spürbar ab (auf 7,3 m/s2). Speziell die schwachen Bremsen, aber auch der hohe Verbrauch und der eingeschränkte Sitzkomfort im Fond zeigen, daß der Scénic bei allen Raumvorteilen gegenüber konventionellen Autos auch noch viel Raum für Verbesserungen lässt.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • sehr gutes Raumangebot
  • hohe Variabilität und Zuladekapazität
  • viele Staufächer
  • umfangreiche Serienausstattung
  • funktionelle Bedienung
  • guter Qualitätseindruck
  • schlechte Sicht nach hinten (nicht umklappbare Fondkopfstützen)
  • etwas beschwerlicher Einstieg
Fahrkomfort
  • leer und beladen guter Federungskomfort
  • komfortable Fahrer-Sitzposition
  • geringe Bedienungskräfte
  • niedriges Innengeräuschniveau
  • gute Klimatisierung dank serienmäßiger Klimaanlage
  • Stark eingeschränkter Sitzkomfort hinten wegen zu schmaler Sitzfläche
Antrieb
  • durchzugsstarker Zweilitermotor
  • auch beladen noch zufriedenstellende Fahrleistungen
  • leichtgängige und exakte Schaltung mit gut angepasster Übersetzung
  • bei höheren Drehzahlen lautes Motorbrummen
  • leichtes Motorruckeln im Teillastbetrieb
Fahreigenschaften
  • guter Geradeauslauf
  • untersteuerndes Kurvenverhalten ohne Lastwechselreaktionen
  • limousinenhafte Handlichkeit
  • trotz ABS (Serie) Bremsen mit nur mäßiger Kaltverzögerung und deutlichem Fading bei hoher Beanspruchung
  • starke Seitenneigung in Kurven
Sicherheit/Umwelt
  • serienmäßig Airbag für Fahrer und Beifahrer
  • Gurtstraffer vorn
  • drei Kopfstützen hinten
  • Dreipunktgurte für alle fünf Sitzplätze
  • doppelter Boden als Schutz vor Seitencrash
  • sehr hohes Leergewicht (1.335 kg)
  • zu hoher Benzinverbrauch
  • noch keine Sidebags lieferbar
Kosten
  • in Relation zum Ausstattungsumfang attraktiver Preis
  • 8 Jahre Garantie gegen Durchrostung
  • lange Serviceintervalle (15.000 und 60.000 Kilometer)
  • relativ hohe Wartungs- und Ersatzteilkosten
  • ungewisse Wiederverkaufsaussichten
Technische Daten
Renault Mégane Scénic 2.0 RT
Grundpreis 19.480 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4134 x 1719 x 1600 mm
KofferraumvolumenVDA 410 bis 1800 l
Hubraum / Motor 1998 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 84 kW / 114 PS bei 5400 U/min
Höchstgeschwindigkeit 185 km/h
0-100 km/h 11,4 s
Verbrauch 9,3 l/100 km
Testverbrauch 11,1 l/100 km
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