Renault Scénic RX4 2.0 16V Luxe im Test

Mond-Süchtig

Einmal im Mondauto – Pink Floyd im Autoradio – über die kalte Oberfläche des Nacht-Planeten holpern. Oder wenigstens im Renault Scénic RX 4 die nächstgelegene Kiesgrube unsicher machen. Bei Vollmond.

Hut ab vor dem Innovationsdrang der Regie Renault. Nötig gehabt hätte man dort den RX4 nicht. Der BasisScénic verkauft sich wie warme Semmeln, und anstatt die süß verdienten Franc in die Entwicklung des Allrad-Scénic zu stecken, hätte man die Scheine einfach horten können. Nur aus schierem Vergnügen am Geldverdienen oder für den Fall, dass 2001 das Van-Coupé Avan-time nicht ganz so gut geht ... Davon abgesehen: Ein Volumenmodell dürfte der RX4 nicht werden. Zu schwer wiegen die 4150 Mark Aufschlag gegenüber einem Scénic in vergleichbarer Motorisierung. Und die paar Förster, Jäger, Alpinisten und Feldjäger hier zu Lande werden den RX4 nicht auf die vorderen Plätze der Zulassungsstatistik reißen. Aber: So erstklassig sich der pragmatische Fast-alles-Könner verkaufen mag, ein Herzensbrecher ist er nicht. Ein Scénic auf der Anschaffungslis-te markiert vielmehr die Wende zwischen Sturm und Drang, Sex, Drugs und Rock ’n Roll hinüber in die Welt der Einbauküchen und Baby-Fütter-Wickel-Transport-und-Besänftigungsutensilien. Allerdings – und das ist wirklich unangenehm – stempelt ein Scénic seine Besitzer somit zu reinen Familientieren. Der absolut geschlechtslose Kompaktvan hat es schwer in einer Welt voll schwellender Kotflügel, schwül-enger Leder-Sportsitze, verführerisch schimmernden Lacks und cool dreinblickender Xenon-Scheinwerfer. Die Lösung? Der RX4. Denn was dem braven Normalo-Van fehlt, das hat der hochbeinige Allradler: unrasierte, maskuline Lässigkeit. Er ist ein Naturbursche, ein treuer Kerl mit Familiensinn und ein wilder Hund. Zumindest was sein kraftstrotzendes Auftreten betrifft. Stämmige, grob profilierte Reifen sitzen in den von augenscheinlich unverwüstlichen Kunststoffplanken umgebenen Radhäusern, die Front kann zusätzlich mit einem bulligen Rammschutz bestückt werden, und an der Rückseite mit der burschikosen Hecktür sowie praktisch nach oben klappender Scheibe prangt rucksackhuckepack das Luis Trenker-Gedächtnisersatzrad.

Dabei wechselt der RX4-Stil je nach Lackfarbe zwischen Urwaldforscher, Anti-Terror-Einheit, Jurassic-Park und Mondauto. Die gedrungene Kisten-Form des Scénic verleitet regelrecht zu derartigen Assoziationen, wenn auch die tatsächliche Fahrkompetenz des RX4 weit diesseits von Tundra, Sahara oder tiefen Mondstaubs liegt. Der in Zusammenarbeit mit den österreichischen Allrad-spezialisten von Steyr-Daimler-Puch entwickelte permanente Allradantrieb macht aus dem RX4 angesichts der fehlenden Getriebeuntersetzung noch kein Offroad-Tier. Grobe Schotterstraßen, winterliche Straßenverhältnisse und schmierige Waldwege bereiten dem Survival-Scénic allerdings keine Mühe: Über eine Viscokupplung fließt bei aufkommendem Schlupf an den Vorderrädern das Motor-Drehmoment unmittelbar auch zur Hinterachse, die elektronische Traktionskontrolle zähmt Drehzahlunterschiede zwischen den Vorderrädern und hält so den Vortrieb aufrecht. Neben der Allradtechnik erhält der RX4 aber auch längere Federwege, eine um sechs Zentimeter erhöhte Bodenfreiheit, robustere Fahrwerksteile und einen Unterbodenschutz gegen grobes Geröll. Zusammen mit den Kunststoff-Planken, die in vier zum jeweiligen Lack passenden Farben erhältlich sind und rundum vor wüst prasselndem Steinschlag schützen, ist der 4T4-Renault ein passables Augen-zu-und-durch-Mobil. Dafür spricht auch die Aufteilung der RX4-Palette in das sachlich ausgestattete Basis- oder Bergbauern-Modell und den edlen RX4 Luxe, der mit serienmäßiger Lederausstattung, Leichtmetallrädern, in Wagenfarbe lackierter Reserveradabdeckung, Radio und diversen komfortablen Ausstattungsdetails den Stadt-Indianer mit Squaw und Eigen-Wigwam im Grünen anspricht. Für die nahezu komplett ausgestattete Luxe-Ausführung sind op-tional nur noch der vordere Rammschutz, eine Dachgalerie, Scheinwerferreinigungsanlage, Sitzheizung, zwei elektrisch bedienbare Glas-Schiebedächer, höher wertige Radiosysteme und ein mit Fünf-Zoll-Farbbildschirm ausgestattetes Navigationssystem erhältlich. Im Innenraum treffen Kenner des geräumigen Scénic ein mit der Standard-Version identisches Scénario an: gutes Raumgefühl, viele Ablagen, komfortable Sitze, die hinten für große Leute etwas schmal geraten sind, im Vergleich zu manchem Auto der Kompakt-Klasse aber immer noch entspanntes Reisen ermöglichen. Und über die vielfachen Möglichkeiten, den Frachtraum des Renault Scénic je nach Gusto als Umzugstransporter oder Flughafenzubringer zu nutzen, muss fast kein Wort verloren werden: 410 Liter Kofferraum hinter der letzten Sitzreihe oder massive 1800 Liter Ladevolumen mit komplett ausgebauten Sitzen und immense Variabilität zwischen den Extremen sprechen für sich. Mehr als ein Wort zur Lederausstattung des RX4 Luxe: Die Sitzbezüge erinnern deutlich an ihre tierische Herkunft.

Der intensive, zoologische Nashornhaus-Duft mag zum Safari-Flair des RX4 passen, vereitelt jedoch zuverlässig jegliche luxuriöse Wohlfühlatmosphäre. Erfreulicher: Der RX4 besitzt standfeste Bremsen und teilt die komplette Sicherheitsausstattung mit dem braven Basis-Scénic. ABS, Front- und Seitenairbags vorn, Dreipunktgurte und Kopfstützen auf allen Plätzen, Isofix-Kindersitzbefestigungen – einzig ein elektronisches Fahrstabilitätssystem fehlt dem hochbeinigen und hoch bauenden Allrad-Van. Trotz gutmütiger Fahreigenschaften ist das ein Manko, das nicht zuletzt auf winterglatten Straßen – mit dem RX4 im Skiurlaub – zusätzliche Sicherheitsreserven vermissen lässt. Über das flach liegende Lenkrad lässt sich der RX4 etwas indirekt steuern, schnell gefahrene Kurven nimmt er stark untersteuernd und mit gewaltiger Seitenneigung – der handfeste Feld-Wald-und-Wiesen-Van ist kein Sportler. Dafür aber sehr komfortabel. Das Fahrwerk schluckt auch grobe Fahrbahnunebenheiten lässig, rollt sanft ab und läuft sauber geradeaus. Der 138 PS starke Zweiliter-Benziner vibriert wenig, besitzt aber eine ausgeprägte Neigung zum Brummen. Besonders bei hohen Drehzahlen oder Autobahntempo plärrt der Vierventiler seine Bemühungen um temperamentvollen Vortrieb regelrecht hinaus. Resultat: Trotz des kürzer übersetzten Getriebes zieht der RX4 im letzten Gang mit 21 Sekunden von 80–120 km/h deutlich schwächer durch als der Standard-Scénic (15,5 Sekunden). Er beschleunigt schlechter (12,3 zu zehn Sekunden für 0–100 km/h), verbraucht mehr (10,6 statt 10,1 Liter) und erreicht mit 173 km/h bei weitem nicht dessen Höchstgeschwindigkeit (196 km/h): Die ständig mit laufende Allrad-Antriebstechnik, das grobe Reifenprofil und 175 Kilo Mehrgewicht wollen bewegt werden, die breitschultrige Silhouette steht selbstbewusst im Fahrtwind. Rational betrachtet ist der Scénic RX4 demnach eine schlechte Alternative zum in allen Belangen preisgünstigeren Zivil-Scénic. Allerdings taugt der kernige Offroad-Van in alpinen Regionen hervorragend als ungemein variabler, großzügiger Subaru-Konkurrent, und im direkten Vergleich dürfte der RX4 so manchen Soft-Geländewagen alt aussehen lassen. Aber was ist das gegen wirklich unterhaltsame Familien-Wochenenden in der nächsten Kiesgrube, kurz vor Tamanrasset oder eben auf dem Mond?

Fazit

Der RX4 verbindet Tugenden des Scénic – gutes Raumangebot, hohe Variabilität – mit allradbedingten Vorteilen bei schlechten Straßenverhältnissen. Der Aufpreis ist aber saftig, die Durchzugskraft des Motors leidet unter dem hohen Wagengewicht.

Technische Daten
Renault Scénic RX4 2.0 16V Luxe
Grundpreis 25.000 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4424 x 1775 x 1720 mm
KofferraumvolumenVDA 410 bis 1800 l
Hubraum / Motor 1998 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 102 kW / 139 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 178 km/h
0-100 km/h 12,3 s
Verbrauch 9,5 l/100 km
Testverbrauch 10,6 l/100 km
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