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Rolls-Royce Silver Seraph im Test

Der Mythos in Fahrt

Ein neuer Rolls-Royce schickt sich nun schon unter offizieller VW-Herrschaft an, die Reichen und Mächtigen zu verwöhnen. Als besonderer Leckerbissen unter Kennern gilt dabei der BMW-Zwölfzylinder, der noch unter der Haube steckt.

15.07.1998 Klaus Westrup

Notanruf des Chefredakteurs beim Silver Seraph-Tester zu abendlicher Stunde. „Wie“, so fragt die Stimme besorgt per Handy, „bekommt man den Zündschlüssel aus dem Schloss?“ Ja, wie? Auch beim Verfasser dieses Rolls-Tests hatte es mitunter ein wenig geklemmt. Was soll man empfehlen? Ein wenig ratlos kommt schließlich doch Rat. Einfach ein bisschen noddeln. Pause im Mobilfunknetz, dann Erleichterung. Der Chef kann den Seraph verlassen, den Schlüssel für einen der kostbarsten Tresore der Autowelt in der Hosentasche.

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Test Rolls-Royce Silver Seraph Hoch hinaus
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Nur zwei Tage später zerbricht die billige Bakelit-Umhüllung, und es gibt einen zweiten Fast-Notfall. „Nur die einfachen Dinge enttäuschen nicht“, sagte einst der Schriftsteller und Auto-Liebhaber Erich Maria Remarque. Der Silver Seraph ist nicht einfach. Gleichwohl stellt er das Topmodell des britischen und inzwischen unter VW-Fittiche geratenen Exclusiv-Herstellers dar. Schon der Name, anknüpfend an eine Silver-Trilogie, nämlich Cloud, Shadow und Spirit, verheißt höchstes automobiles Glück, denn er wird als himmlisches Wesen von hoher Reinheit und Leidenschaft definiert. Hinzu kommt die Stattlichkeit der Abmessungen, ohne die kein Rolls-Royce je Wirkung gezeigt hätte.

Hier sind es fast 5,40 Meter Gesamtlänge, annähernd zwei Meter Breite und etwas über 2,3 Tonnen Gewicht. Man braucht auch Masse, um Eindruck zu machen. Klobig wie die kleinere, noch aktuelle S-Klasse von Mercedes ist der Seraph dabei nicht geworden, mit seinen sanften Rundungen überall, dem eingezogenen Dachaufbau und dem eleganten Abschwung in der Heckpartie. Mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,37 ist zwar nicht gerade eine Meisterleistung geglückt, aber für Rolls-Verhältnisse doch ein recht neuzeitliches Maß erreicht. Vorne thront die berühmte Kühlerfigur Spirit of Ecstasy, das wahre Güte-Symbol, ohne das ein Rolls auch unter VW Herrschaft einfach undenkbar wäre. Die metallene Lady, im Volksmund auch Emily genannt, ist über die Jahre hinweg aus Sicherheitsgründen schreckhaft geworden und bestürzt den Tester, als sie nach etwas rüdem Schließen der Motorhaube offensichtlich irritiert in einem Schacht verschwindet und zunächst wenig Neigung zeigt, wieder den Fahrtwind zu zerteilen.

Der Stern von Mercedes leuchtet ja auch in den Pupillen seiner Besitzer, aber mit Emily vor der Nase in die Abendsonne zu schweben, ist mehr als eine schöne Illusion. Wie eine gute Auto-Fee scheint sie zu beobachten, was mit dem Seraph geschieht, und wenn es unstandesgemäße Dinge sind, verzieht sie verächtlich die silbernen Mundwinkel. Der Testbetrieb ist so ein Betätigungsfeld, wie es im Silver Seraph-Leben normalerweise kaum vorkommt. Emily findet es shocking, was da alles angestellt wird – weniger die Beschleunigung, die der fabelhafte BMW-Zwölfzylinder mit nur acht Sekunden auf 100 km/h und rasanten 18 Sekunden auf 160 ermöglicht.

Das unnatürlich scharfe Bremsen bereitet ihr Übelkeit, diese starke Verzögerung von neun Metern pro Sekunde im Quadrat, und das auch noch nach dem zehnten Mal, ganz ohne Fading. Dann die bangste Frage: Besteht der Seraph den VDA Ausweichtest? Auch dies geschieht, mit den vollgeladenen 2,8 Tonnen Gesamtgewicht, unspektakulär, wenn auch etwas behäbig. Die präzise Servolenkung vermittelt guten Bodenkontakt und sorgt im Zusammenspiel mit der elektronisch geregelten Stabilitätskontrolle und der adaptiven Dämpferabstimmung für ein großes Sicherheitspolster in jenen Situationen, in die ein Seraph mit nur geringer Wahrscheinlichkeit gelangen dürfte.

Man möchte so etwas lieber den forschen BMW-Limousinen überlassen, von denen man das Sahnestück, nämlich den Zwölfzylinder mit 5,4 Liter Hubraum und 326 PS, übernommen hat, ohne sich – nach der definitiven Übernahme durch VW – lange an der Vortrefflichkeit dieser Motor-Getriebe- Einheit erfreuen zu können. Wenn BMW-Chef Pischetsrieder, wie angekündigt, die Motorenlieferung stoppt, könnte der Seraph V12 zum raren Sammlerstück avancieren. Er hätte es verdient, denn einen besser motorisierten Rolls hat es nie gegeben. Auch Emily zeigt sich angetan. So forsch und sanft zugleich wurde sie noch nie durch den Fahrtwind gezogen, und dass sie in ihren zarten Schwingen nicht die geringste Erschütterung verspürt, ist eine noble Dreingabe.

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Trotz seiner stattlichen Abmessungen ist der Seraph eigentlich kein Chauffeurs-Automobil, sondern ein Rolls für den engagierten Selbstfahrer. Der BMW-Motor betont diese Akzentuierung, wobei sich das Zusammenspiel mit der ZF Fünfgang- Automatik als perfekt erweist. Durch das Zurücknehmen des Motordrehmoments beim Schalten werden Rucke völlig vermieden, und zusammen mit dem hohen Durchzugsvermögen entsteht ein Antriebskomfort, der dem Federungskomfort des Seraph überlegen ist. Hier sind es vor allem Schwächen auf kurzen Unebenheiten und beim Langsamfahren, die die Passagiere etwas beanspruchen – lange Wellen nimmt der 2,3-Tonner souverän und mit jenem charakteristischen Schwingen, das in der Magengrube meist freudige Gefühle auslöst.

Neu für das hochkarätige Publikum ist nicht nur das Temperament, sondern auch der Sound, der sich von dem dumpfen Grummeln der alten V8-Maschinen deutlich unterscheidet. Nun ist unter Last ein energisch klingendes Summen zu hören, kräftig, aber aufgrund geglückter Intonierung durchaus das Fahr-Erlebnis bereichernd. Der BMW-Motor prägt den Seraph also mehr als erwartet. Er wird nicht bleiben – ganz im Gegensatz zur Pracht des Interieurs, das seit Jahrzehnten den wahren Reiz des Rolls-Fahrens ausmacht und sich im Seraph zu neuer Blüte erhebt. Edle Hölzer, deren makellose Verarbeitung auch die Spaltmaß- Fetischisten eines Ferdinand Piëch beeindruckt, prägen das Bild.

Der Beinraum hinten ist absolut gesehen reichlich, doch gemessen an den Außenabmessungen eher bescheiden. Natürlich gibt es Klapptischchen, natürlich fehlt es nicht am „Staufach mit Sterling Silber Flachmann und drei Gläsern“, sofern man zum Grundpreis von 444 000 Mark noch einmal 7100, soviel wie für so manchen Gebrauchtwagen, zusätzlich investiert. Umsonst ist das Knarzen der schweren Leder-Fauteuils, und auch der Deckel der Mittelablage meldete sich während des Tests akustisch mit Wimmertönen. Es bleibt also, neben der Verbesserung des Langsamfahrkomforts, Raum für weitere Vervollkommnung – am Mythos ist ja wirklich nichts mehr zu verbessern. Der neue Seraph ist im Moment der beste Rolls- Royce. Das beste Auto der Welt ist er hingegen nicht.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • großzügiges Innenraumangebot
  • prachtvolle Ausstattung
  • bequeme Sitze
  • kleiner Kofferraum
  • schlecht ablesbare Instrumente
Fahrkomfort
  • sehr geringe Bedienungskräfte
  • insgesamt guter Federungskomfort
  • niedriger Innengeräuschpegel
  • Schwächen auf kurzen Wellen
Antrieb
  • sehr gute Fahrleistungen
  • hohe Laufkultur
  • perfekte Fünfgang-Automatik
  • angenehmes Laufgeräusch
  • gutes Drehvermögen
Fahreigenschaften
  • sicheres, neutrales Fahrverhalten
  • guter Geradeauslauf
  • exakte Servolenkung
  • gute Traktion
  • eingeschränkte Handlichkeit
  • großer Wendekreis
Sicherheit
  • gute, standfeste Bremsanlage
  • Fahrer- und Beifahrer-Airbag
  • Gurtstraffer
  • keine Sidebags lieferbar
Umwelt
  • Einsatz wasserlöslicher Lacke
  • hoher CO2-Ausstoß
  • hoher Benzinverbrauch
Kosten
  • lange Garantie (3 Jahre)
  • abnormer Preis
  • sehr hohe Kaskoeinstufung
  • kurze Inspektionsintervalle
  • sehr hohe Werkstattkosten

Fazit

Wie alle Rolls-Royce ist auch der Silver Seraph nicht ohne Schwächen. Windgeräusche und Einschränkungen in der Federung trüben den Genuss ebenso wie Nachlässigkeiten im Detail. Dennoch ist der Seraph der objektiv beste Rolls.

Technische Daten
Rolls-Royce Silver Seraph 5.4 V12
Grundpreis246.100 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe5390 x 1932 x 1515 mm
KofferraumvolumenVDA374 l
Hubraum / Motor5379 cm³ / 12-Zylinder
Leistung240 kW / 326 PS bei 5000 U/min
Höchstgeschwindigkeit225 km/h
0-100 km/h8,0 s
Verbrauch17,4 l/100 km
Testverbrauch17,3 l/100 km
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