Rote Gewalt

Im Ferrari 360 Spider ist das Verdeck purer Luxus. Es funktioniert hervorragend, wird aber kaum gebraucht. Denn offen macht weniger die Luft, dafür umso mehr der Motor die Musik.

Zu den vornehmsten Eigenschaften moderner Cabrios gehört, dass sie auf Knopfdruck die Welt verändern können: schwarzer Verdeckhimmel weg, Firmament her – als würde Gott vom Fahrersitz aus persönlich den Schöpfer spielen.

In Jahreszeiten wie diesen schätzt die Klientel sündteurer Cabriolets die umgekehrte Wirkung. Wolken, Wind und Regentropfen lassen sich wegzappen. Löst der November-Himmel trotz seiner metallischen Farbpalette aus Blei-, Aluminium- und Titangrau das dringende Bedürfnis aus, ein festes, dichtes und lei-
ses Cabrio-Verdeck verschwinden zu lassen wie Claudia Schiffer ihren Zauberer David Copperfield, kann es dafür nur einen Grund geben: einen Ferrari 360 Spider.

Beim 360 Spider gilt die Emilia-Romagna-Variante von „Zeit ist Geld“ – Tempo ist Genuss – auch für die Verdeck-Betätigung. Dementsprechend hat Ferrari dem mit über 290 km/h Höchstgeschwindigkeit schnellsten Spider der Welt ein ebenbürtiges Verdeck konstruiert. In der Zeitspanne von
20 Sekunden kann der Mittelmotor-Zweisitzer einerseits von null auf 225 km/h und andererseits das Dach mit sieben elektrohydraulischen Stellmotoren in den Verdeckkasten und umgekehrt beschleunigen.

Dach und Deckel legen dabei die beste Kür der Branche hin. Das Verdeck samt den seitlichen Ausläufern werden wie ein Einstecktuch drei Mal zusammengefaltet und dann tat­sächlich in einen schmalen Schlitz gesteckt, der zwischen Überrollbügel und Motorraum nicht viel größer ist als die ­Brusttasche eines Sakkos.

Im Verdeck steckt die handvernähte akribische Qualität eines ebenso altmodischen wie
meisterlichen Schneidermeis­ters. Moderate Windgeräusche und der dichte Abschluss zur Windschutzscheibe sowie den rahmenlosen Seitenscheiben lassen fast den Verdacht auf­keimen, Ferrari hätte zwischen den Stofflagen ein Hardtop ­versteckt.

Wer mit den Sinnen sechs und sieben, dem Ferrari- und dem Spider-Sinn, gesegnet ist, lässt sich weder von Herbsttemperaturen noch Tiefdrucktropfen davon abhalten, das Verdeck zu öffnen. Denn es genügen schon wenige Meter in einer Tiefgarage oder einem Tunnel, um festzustellen, dass es noch Besseres gibt als einen geschlossenen Ferrari 360: den Spider offen.

Trotzdem ist der Spider kein Roadster für notorische Frischluft-Fanatiker. Er ist eine Hommage an die Ferrari-Rennsportwagen der sechziger Jahre, den 250 LM Berlinetta Scaglietti, den 365 P, den Dino
206 P und den kühnen dreisitzigen 365 P Berlinetta Speciale.

Zum Genießen dieser Nostalgie hüllt Ferrari die beiden Insassen in teure Materia­lien und moderne Technik. Chassis, Karosserie, der 3,6-­Liter-V8-Motor, Mittelkonsole und Armaturenbrett sind aus Aluminium; Connolly-Leder ummantelt nicht nur Sitzschalen und Armaturenbrett, sondern sogar die Überrollbügel.

Jede Bodenwelle bestätigt Ferraris stolze Behauptung von der besten Torsionssteifigkeit eines offenen Seriensportwagens. Auch auf heimtückischen Bodenwellen zuckt bestenfalls die Augenbraue des Fahrers
vor angenehmer Überraschung, aber kein Teil der Karosserie. Erst nahe der Höchstgeschwindigkeit lösen die hiesigen Plattenfahrbahnen der Autobahn ein Vibrieren aus, das sich von den Radaufhängungen aufs Chassis überträgt.

Der Fahrer – früher eine Art notwendiger Ballast – wird im 360 Spider dennoch verwöhnt wie ein Stammgast in den bes­ten Restaurants Modenas. Er wird von Leder eingehüllt, als wäre er ein Überrollbügel, und hat zwischen Alu-Pedalerie und Sitzlehnen sogar mehr Spielraum als die Golftasche, die quer hinter die Sitze passt.

Die tiefe Sitzposition entrückt beide Passagiere dem Fahrtwind und platziert sie dort, wo die Kraftströme des Ferrari 360 Spider wie Starkstrom elektrisieren: nahe an Schwerpunkt und Motor. So wünscht man sich jede Sitz­position, ob im eigenen Auto, bei der Formel 1-Grand-Prix-Übertragung vor dem Fernsehgerät oder beim Videospiel der Formel 1-Saison: das längs- und höhenverstellbare Lenkrad senkrecht vor der Brust, den linken Ellbogen entspannt auf der entsprechenden Stütze der Tür, und Sitze, die Taille und Hüfte des Fahrers im Griff haben wie eine Tango-Tänzerin mit einer Haut aus Leder und Aluminium.

Feste Windschotts in den Überrollbügeln und ein demontierbares dazwischen verhindern im Cockpit Luftzug von hinten, und von der flachen Windschutzscheibe wird die dezente Abrisskante an der Motorhaube besser angeströmt als die Frisur der Insassen.

Trotzdem lässt sich im offenen Ferrari 360 Spider Natur genießen wie sonst nur beim Tiefschneefahren oder Wellenreiten: die Natur des Motors. Der 3,6-Liter-V8 bündelt all seine fantastischen Eigenschaften – Nennleistung, Leistungsentfaltung, das breite nutzbare Drehzahlband – in eine einzige Soundorgie. Technisch ist die Geräuschkulisse mit einem variablen Ansaugsystem erklärbar, das mit steigender Drehzahl immer mehr Klappen öffnet; musikalisch mit dem Eingeständnis des Dirigenten Herbert von Karajan an Enzo Ferrari, dessen V12-Motoren würden wie Sinfonien klingen.

Da der Maestro den 3,6-Liter-V8 nicht mehr erlebte, darf in seinem Sinne ergänzt werden: Dieser Motor klingt wie die Italienische Sinfonie Nr. 4 A-Dur von Felix Mendels-sohn-Bartholdy, aufgeführt von Streichinstrumenten mit Resonanzkörpern aus Aluminium und Streichbögen aus Titan. Die Logenplätze im Cockpit offenbaren kongeniale Klang- und Resonanzverhältnisse, die nur noch vom Großen Saal des Wiener Musikvereins übertroffen werden. Bei so viel Musik im Ohr kommt der Fahrer flott ins Geigen, liegt das Lenkrad doch wirklich wie ein kleines lederüberzogenes Musikinstrument in der Hand, das sich sogar hervorragend zum Dirigieren eignet.

Für einen an sich nervösen Mittelmotorsportwagen mit einer Gewichtverteilung von 42:58 Prozent zwischen Vorder- und Hinterachse gibt sich der 360 Spider beeindruckend gelassen. Ein zwar hartes, aber nicht ruppig abgestimmtes Fahrwerk und der gute Geradeauslauf begleiten den Fahrer gern bis in den Grenzbereich, der seinen Schlagbaum dann öffnet, wenn das Heck wegdriftet. Bevor der Schleuderkurs ge­fährlich werden könnte, greift natürlich die Antriebsschlupfregelung ASR ein, und wer sie ausschaltet, sollte dann tatsächlich ein Virtuose am Volant sein.

Für trainierte Sportwagen-Fahrer greift
das ASR im Normal­modus zu früh in den Fahrspaß ein. Auch diese Realität lässt sich per Knopfdruck ändern: Im Sport­programm gestattet ASR doch kon­trolliertes Sliden, allerdings verschlechtert sich damit auch die Dämpferabstimmung ins übertrieben harte Rennstrecken-Setup.

Dort scheinen die Bremsen beinahe serienmäßig daheim. Bei den Messungen in Hockenheim wurde auch beim zehnten Bremsversuch aus Tempo 100 der Eingangswert von 10,4 m/s2 erreicht.

Noch nie ist Ferrari ein derart hemmungsloses Genussmittel gelungen wie dieser Spider, bei dem nicht nur Verdeck-Betätigung und Musik
auf Knopfdruck funktionieren. Mindestens so betörend wie die Klangwolke sieben ist die innere Qualität, die sich von den sandgestrahlten Alu-Teilen im Cockpit bis zur Lederummantelung der Überrollbügel zieht.

Ein Manko – wenigstens – muss kritisiert werden: Die Sicht nach schräg hinten ist
bei geschlossenem Verdeck bescheiden – speziell dann, wenn die beiden Außenrückspiegel auch noch so justiert sind, dass sie hauptsächlich die Ansaug­löcher zeigen, die eine Hom­mage von Pininfarina an sich selbst sind.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • hohe Torsionssteifigkeit gute Verarbeitungsqualität sehr gutes Verdeck funktionelle Serienausstattung
  • schlechte Übersichtlichkeit
Fahrkomfort
  • zufrieden stellender Federungskomfort sowohl Serien- als auch Sportsitze mit sehr guter Seitenführung einfache Bedienung
  • Sportsitze auf längeren Reisen zu hart
Antrieb
  • sehr drehfreudiger Sportwagenmotor breites nutzbares Drehzahlband eng gestuftes Sechsganggetriebe leichtgängige Kulissen-Schaltung
Fahreigenschaften
  • ausgezeichnete Bodenhaftung hohe Kurvengeschwindigkeiten gut kontrollierbares Eigenlenkverhalten sehr handlich durch kleinen Wendekreis
  • Vibrationen bei hohem Tempo
Sicherheit
  • sehr gute, standfeste Bremsen steifer Space-Frame-Alu-Rahmen zwei Frontairbags zwei Überrollbügel
  • keine Sidebags
Umwelt
  • Voll-Alu-Karosserie recyclebar
  • hoher Benzinverbrauch schadstoffarm nur nach Euro 3
Kosten
  • geringer Wertverlust zwei Jahr Neuwagen- und Mobilitäts-Garantie
  • hoher Anschaffungspreis hohe Wartungskosten

Fazit

Die faszinierendste Fahrmaschine von Ferrari ist durch das Cabrio-Verdeck noch reizvoller geworden. Das Stoffdach ist geschlossen angenehm leise und bietet beim Öffnen eine grandiose Show. Offen wirkt der Spider fast wie ein Rennwagen, nur deutlich komfortabler.

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Technische Daten
Ferrari 360 Spider
Grundpreis 146.200 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4477 x 1922 x 1235 mm
KofferraumvolumenVDA 220 l
Hubraum / Motor 3586 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 294 kW / 400 PS bei 8500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 293 km/h
0-100 km/h 4,6 s
Verbrauch 17,9 l/100 km
Testverbrauch 18,1 l/100 km
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