Skoda Octavia 1.8 SLX im Test

Neu entwickeltes Modell nach VW-Übernahme

Die tschechische Marke Skoda will das graue Image der Vergangenheit abstreifen. Der Octavia ist das erste völlig neu entwickelte Modell nach der Übernahme durch VW und soll neue Maßstäbe im Markt der preisgünstigen Familienautos setzen.

Die Methoden von VW-Konzernchef Ferdinand Piëch sind für die betroffenen Personen bisweilen furchtbar, für die behandelten Produkte jedoch fast immer fruchtbar. Kein technisches Detail ist dem Lenker des größten europäischen Autoherstellers zu nebensächlich, und genauso unermüdlich betreibt er ein strenges Kostenmanagement durch weitgehende Verwendung gleicher Teile. Das neueste Beispiel für Piëchs Durchsetzungskraft liefert nun eine Marke, die zumindest in Westeuropa bislang ein tristes Schattendasein fristete: Skoda. Die unter Piëch-Vorgänger Carl H. Hahn zugekaufte tschechische Traditionsmarke genoss früher nur jenseits des Eisernen Vorhangs einen guten Ruf und kam selbst nach dem Mauerfall nicht über die Rolle des Mauerblümchens hinaus.

Doch die graue Maus hat sich gemausert: Skoda fährt mittlerweile wieder in der Gewinnspur und produziert nicht mehr Low Tech, sondern High Tschech. Den Aufschwung Ost verkörpert der neue Octavia – eine viertürige Schrägheck- Limousine, die sich an Familien mit niedrigem Einkommen, aber hohen Ansprüchen wendet. Das klingt zwar widersprüchlich, aber der Octavia bringt die gegensätzlichen Anforderungen ohne faule Kompromisse unter einen Hut. Denn er ist billig, ohne billig zu wirken – angesichts des Preisvorteils gegenüber der Konkurrenz könnten sogar eingefleischte Ost-Verächter auf den Geschmack kommen. Auch VW-Händler werden sich fragen, warum der preisgünstigste Vento (75 PS) trotz einer weniger umfangreichen Serienausstattung 3.200 Euro teurer ist als der gleich motorisierte Basis-Octavia (11.500 Euro). Selbst beim Spitzenmodell für 15.250 Euro, dem hier getesteten 1.8 SLX mit dem von Audi bekannten Fünfventilmotor (125 PS) und einer Ausstattung, die von ABS über Doppelairbag, elektrische Fensterheber, Aluräder, Schiebedach bis hin zur Zentralverriegelung nahezu alle Extras beinhaltet, die der Käufer zwar gern mitnimmt, aber ungern extra bezahlt, beträgt der Preisabstand zum Vento – wohlgemerkt mit nur 115 PS und weder mit Leichtmetallrädern noch mit elektrischen Fensterhebern hinten ausgerüstet – 2.700 Euro.

Mit dem Octavia hat es Skoda zwar mehr auf die Konkurrenten aus Japan (Preisvorteil gegenüber einem vergleichbaren Mitsubishi Carisma 2.250 Euro) und Korea (bei besserer Ausstattung rund 250 Euro billiger als ein Hyundai Lantra mit 128 PS) abgesehen, aber das Preisgefälle innerhalb des VW-Konzerns wird schon dafür sorgen, dass der Ost-Bote auch in Golfs Revier hausieren geht. Einen Seat Toledo (115 PS) unterbietet der Octavia noch um 750 Euro, den Audi A3 1.8, auf dessen Plattform der neue Skoda basiert, sogar um 1.500 Euro – was kann dem Verkaufserfolg da noch im Weg stehen? Skoda selbst. Das triste Markenimage und das dürre Händlernetz (190 in den neuen und 300 in den alten Bundesländern) werfen Schatten auf ein glänzendes neues Auto – deshalb fallen die Erwartungen von Skoda Deutschland auch zurückhaltend aus: Mit 9.000 verkauften Octavia wäre man dieses Jahr schon zufrieden; immerhin würde dadurch der Gesamtabsatz von 21.611 (1996) auf 30.000 steigen. Da sich aber – wie das Beispiel Audi zeigt – ein Markenimage durch bessere Produkte kontinuierlich steigern lässt, hat Skoda mit dem Octavia den richtigen Weg eingeschlagen.

Denn mit Ausnahme der wenig geschmackvollen Sitzbezüge erinnert nichts mehr an ihm an graue Skoda-Vorzeit. Ganz im Gegenteil: Wäre an Karosserie und Lenkrad statt des Skoda-Emblems das VW-Zeichen angebracht, der Octavia würde glatt als Volkswagen durchgehen. Dabei spielt nicht nur das propere Styling, das die langen Karosserieüberhänge geschickt kaschiert und dem Octavia von hinten ein wenig Passat Ähnlichkeit verliehen hat, eine Rolle, sondern vor allem der Qualitätseindruck. Alles was man greifen, tasten, fühlen, sehen und riechen kann, ist typisch Volkswagen und muss, was die Funktionalität betrifft, nicht einmal den Vergleich mit Audi scheuen. Auch die Karosserie wirkt vom Türgriff über die Passgenauigkeit der Hauben bis hin zur Verwindungssteifigkeit auf schlechten Straßen unerschütterlich solide – für so viel Sorgfalt bis ins Detail gebührt dem Octavia in dieser Klasse der Nobel-Preis. Obwohl der Octavia drei Zentimeter länger als ein Ford Mondeo ist, kommt er bei der Beurteilung des Raumangebots nicht so gut weg. Vorne herrscht zwar kein Platzmangel – allenfalls vermisst man ein paar zusätzliche Ablagefächer –, aber im Fond ist durch den knappen Radstand die Bewegungsfreiheit der Beine doch ein wenig eingeschränkt. Dafür tut sich nach dem Öffnen der Heckklappe ein Kofferraum im S-Klasse-Format (528 Liter) auf, der sich durch Umklappen der geteilten Rücksitzlehnen samt Bank auf 1.328 Liter erweitern lässt.

Dafür allerdings müssen jedes Mal die hinteren Kopfstützen entfernt werden. Ansonsten ist die Bedienung praxisgerecht und selbst für Leute, die zum ersten Mal im Octavia Platz nehmen, sofort durchschaubar. Die Sitze sind bequem gepolstert, vermitteln genügend Seitenhalt in Kurven und ermöglichen eine entspannte Position hinter dem Lenkrad. Auch beim Fahren wirkt der Skoda wie ein VW oder Audi – schließlich ist er ein Produkt der Baukastenphilosophie des Konzerns. Das bringt überwiegend Vorzüge, jedoch auch ein paar Nachteile. Das Positive zuerst: Der Octavia ist absolut fahrsicher. Ob nur mit dem Fahrer an Bord oder bis zum zulässigen Gesamtgewicht (492 Kilogramm tatsächliche Zuladungskapazität) vollgepackt – der Fronttriebler bleibt in Kurven selbst dann noch ein harmloser Untersteuerer, wenn der Fahrer vor Schreck abrupt vom Gas geht. Auch auf die Bremsen ist Verlass. Sie verzögern in jeder Situation spurtreu und wirksam und lassen selbst bei höchster Beanspruchung (zehnmaliges Abbremsen aus 100 km/h mit voller Beladung) kein bisschen Fading erkennen. Die serienmäßige Servolenkung ist angenehm leichtgängig und ausreichend direkt, aber nicht ganz frei von Antriebseinflüssen und Stößen, die durch Schlaglöcher hervorgerufen werden.

Die straffe Auslegung von Federung und Dämpfung ist im Hinblick auf die hohe Zuladekapazität sicher sinnvoll, wirkt sich aber unbeladen durch eine spürbare Querfugenempfindlichkeit und lautes Abrollen negativ aus. Zwiespältig sind auch die Eindrücke vom Motor. Der 1,8 Liter-Fünfventiler riss schon im Audi A3 und A4 keine Bäume aus und hinterlässt auch im Octavia keinen ganz zufriedenstellenden Eindruck. Nicht zuletzt dank einer guten Abstufung des leicht schaltbaren Fünfganggetriebes lassen die Fahrleistungen zwar keine Wünsche offen, wohl aber die Akustik und der Verbrauch. Brummfrequenzen begleiten die Passagiere phasenweise sowohl im unteren als auch im oberen Drehzahlbereich, wo der Fünfventiler unerwartet zäh wirkt und längst nicht den Temperamentseindruck vermittelt, den die reinen Messwerte widerspiegeln. Beim Benzinverbrauch will sich ebenfalls kein Fortschritt durch Technik einstellen – knapp zehn Liter pro 100 Kilometer sind in dieser Leistungs- und Gewichtsklasse heutzutage schon etwas zu viel. Das Gros der Interessenten dürfte sich ohnehin den sparsamer motorisierten Versionen mit 75 PS und 90 PS (TDI) zuwenden, die wie die später im Jahr folgenden SDI- und 100 PS-Varianten allesamt aus anderen Konzernmodellen bekannt sind. Aber auch diese Octavia- Käufer werden erleichtert feststellen: Skoda ist nicht mehr das, was es einmal war.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • sehr großer, variabler Kofferraum
  • reichhaltige Serienausstattung
  • gute Verarbeitungsqualität
  • wenig Knieraum im Fond
Antrieb
  • gute Fahrleistungen
  • exakte Schaltung
  • gute Getriebeabstufung
  • brummiger Motor
  • etwas zu hoher Verbrauch
Fahrkomfort
  • bequeme Sitze
  • gute Heizung/Lüftung
  • niedriges Innengeräusch
  • etwas zu straffe Federung
Fahreigenschaften
  • gute Traktion
  • tadelloser Geradeauslauf
  • gutmütiges Kurvenverhalten
  • gute Handlichkeit
  • auf groben Bodenwellen stoßempfindliche Lenkung
Sicherheit
  • wirksame, standfeste Bremsen mit ABS
  • 2 Airbags serienmäßig
  • 4 Kopfstützen
  • keine Sidebags lieferbar
Kosten
  • sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • preisgünstige Extras
  • lange Wartungsintervalle
  • 10 Jahre Garantie gegen Rost
  • eingeschränkte Wiederverkaufschancen
  • dünnes Servicenetz
Umwelt
  • schadstoffarm nach Euro 2
  • keine Rücknahmegarantie
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Technische Daten
Skoda Octavia 1.8 SLX
Grundpreis 16.194 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4511 x 1731 x 1429 mm
KofferraumvolumenVDA 528 bis 1328 l
Hubraum / Motor 1781 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 92 kW / 125 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 201 km/h
0-100 km/h 10,7 s
Verbrauch 8,6 l/100 km
Testverbrauch 9,7 l/100 km
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