Vergleichskampf unter Brüdern

Der 115 PS starke BMW 316 ti Compact bekommt mit dem gleich starken und gar nicht mal so viel preiswerteren Mini Cooper Konkurrenz aus dem eigenen Konzern.

Die Wiedergeburt des Mini drängt den bisher kleinsten BMW, den 316 ti Compact, in die Rolle des großen Bruders, dem plötzlich nicht mehr so viel Aufmerksamkeit zuteil wird wie bislang. Alles dreht sich nur noch um den süssen Nachwuchs mit den Kulleraugen.

Ist die Eifersucht auf das Nesthäkchen begründet, oder braucht der Dreier sich gar keine Sorgen zu machen, weil er, nachdem die erste Mini-Euphorie verflogen ist, wieder die Anerkennung erhält, die ihm aufgrund seiner erwiesenen Qualitäten zusteht?

Fest steht, dass ein Dreier Compact wohl niemals wie ein Mini Auslöser spontaner Sympathie-Bekundungen sein wird. Trotzdem haben die beiden Kompakten mehr Gemeinsamkeiten, als es auf den ersten Blick scheint: Ihre Motoren leisten jeweils 115 PS, ihre Karosserien haben nur zwei Türen, und sie sollen beide viel Fahrspaß vermitteln.

Für sich betrachtet und im Vergleich mit seinen Klassenkameraden ist schon der Dreier ein sehr fahraktives Auto. Der Eindruck von Agilität und Fahrdynamik relativiert sich aber schnell, wenn man die ersten Kurven in einem neuen Mini umrundet hat.

So spontan reagieren sonst nur Mittelmotor-Roadster auf Lenkbefehle. Dabei ist der Mini vollkommen neutral und schiebt nur im Extremfall gleichmäßig über alle vier Räder. Auch bei Lastwechseln verhält er sich absolut gutmütig und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Dass der Mini bei der Fahrsicherheit trotzdem Punkte abgeben muss, liegt daran, dass in den ersten Monaten nach dem Verkaufsstart eine Fahrdynamikregelung überhaupt nicht lieferbar ist. Dabei kann ESP in unvorhersehbaren Situationen, vor allem bei plötzlich wechselnden Reibwerten in Kurven und im Winter, gerade für unerfahrene Mini-Lenker ein unentbehrlicher Rettungsanker sein. Das System soll erst Ende des Jahres – und dann auch nur gegen Aufpreis – verfügbar sein.
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Der Dreier Compact ist nicht nur wegen seines höheren Gewichts unhandlicher als der englische Neuling, sondern in erster Linie wegen der deutlich spürbaren Tendenz zum Untersteuern in schnell durchfahrenen Kurven.

Außerdem wankt der Dreier merklich mehr, als der beinahe ohne Seitenneigung durch jede Kurve wieselnde Mini. Die Lenkung des BMW agiert nach wie vor vorbildlich präzise, obwohl sie nicht ganz so direkt wie die schwergängige und leicht stößige Go-Kart-Lenkung des Mini ist.

Die Stärke des Mini liegt zweifellos in der überragenden Fahrdynamik, die darüber hinwegtröstet, dass der Motor zwar kultiviert ist, aber keinen sportlichen Biss hat. Gleichwohl verhilft er dem Mini zu etwas besseren Fahrleistungen, als sie der Dreier mit seinem 200 Kubikzentimeter größeren Aggregat erreicht.

Schon aus niedrigen Drehzahlen heraus beschleunigt das Triebwerk, das in einem Gemeinschaftswerk mit Chrysler in Brasilien gefertigt wird, den Mini gleichmäßig und kraftvoll. Allerdings entwickelt der Vierzylinder jenseits von 5.800/min ein nervendes Dröhnen.

Der Valvetronic-Motor des BMW wirkt insgesamt etwas schlapper. Seine Äußerungen beschränken sich allerdings auf ein dezentes, gleichmäßiges Brummen bis zur Drehzahlgrenze bei 6.500/min. Störend bei dem Dreier-Aggregat ist aber seine ausgeprägte Anfahrschwäche.

So setzt sich der 316 ti beim Ampelstart nur zögerlich und ruckelnd in Bewegung, solange man nicht vorausschauend den Motor auf erhöhte Drehzahl bringt und dann erst einkuppelt. In beiden Fällen ist die Getriebeabstufung gut gelungen. Die BMW-Boxist leichtgängiger zu schalten als das Mini-Getriebe, erfordert aber längere Wege. Außerdem rasten beim Mini die Gänge nicht immer auf Anhieb so exakt ein wie beim Compact. Insgesamt hat der Mini in der Antriebswertung aber die Nase vorn.

Dem BMW geschlagen geben muss er sich im Kapitel Fahrkomfort. Zwar ist auch der Dreier keine Sänfte, weil er vor allem kurze Unebenheiten nur widerwillig pariert. Aber der Mini spricht auf Querfugen noch unsensibler an und verfügt zudem über weniger Federwegreserven, was speziell bei voller Beladung zum Durchschlagen führen kann. Lange Wellen bei schneller Autobahnfahrt liegen beiden Kandidaten.

Zum Komforteindruck trägt auch das Wohlbefinden im Innenraum bei. Mit rund 64 Zentimeter mehr Außenlänge und über sechs Zentimeter mehr Breite ist das Platzangebot im Dreier deutlich größer, wenngleich absolut gesehen auch nicht gerade üppig.

Das betrifft vor allem den Fond. Dem Mini fehlen hinten sogar 30 Zentimeter Innenbreite, weshalb er auch nur als Viersitzer zugelassen ist. Richtig eng wird es aber für die Knie der Hinterbänkler. Nach oben bleiben dagegen sogar ein paar Millimeter mehr Platz, weil man im Mini bei identischer Außenhöhewie der Dreier zwar tiefer,aber doch recht kommod in den Sitzmulden hockt.

Vorne ist das Platzangebot im Mini besser als erwartet, obwohl die Frontpassagiere sich und den Türen geringfügig näher kommen als im Compact. Die steil stehenden Seitenscheiben und die weit vorgerückte Frontscheibe tragen zusätzlich dazu bei, dass sich in dem Retro-Auto vorne ein gutes Raumgefühl einstellt

Keine optimale Lösung ist das große Zentralinstrument. Nicht nur, dass es außerhalb der Blickrichtung liegt, auch die Ablesbarkeit ist schlecht. So erfordert es konzentriertes Hinsehen, um zu erkennen, ob nun 160 oder 180 km/h angezeigt werden. Außerdem sollten zumindest die Kontrollleuchten für Fernlicht und Blinker im direkten Blickfeld des Fahrers platziert sein. Darüber hinaus ist es fraglich, ob man in einer Notsituation auf Anhieb die viel zu kleinen Hupentasten findet.

Wie es besser geht, zeigt der Dreier. Der setzt mit seinem aufgeräumten Cockpit nicht nur in diesem Vergleich den Maßstab. Ähnliches gilt für den Qualitätseindruck. Dass lackiertes Hartplastik nicht so hochwertig und gediegen aussehen kann wie die fast edel anmutenden Materialien im Dreier, ist klar. Aber muss es deshalb überall im Mini klappern und knarzen?

Dazu kommen weitere Mängel an diesem Testwagen, die im Interesse späterer Käufer hoffentlich nur diese frühe Serie betreffen: Der Schalter für die Kartenleseleuchte des Beifahrers rastet nicht ein, der Stift für die Verriegelung der Tankklappe ist zu kurz, und der Ölpeilstab bleibt beim Rausziehen an einer schlecht sitzenden Motorabdeckung hängen.

Einen Vorwurf müssen sich Mini und Compact gleichermaßen gefallen lassen. Es ist unverantwortlich, auf den Einklemmschutz der per Komfortschaltung automatisch schließenden Seitenscheiben zu verzichten.

Bei dem überlegenen Sieg hat der Dreier nun wahrlich keinen Grund, eifersüchtig zu sein. In puncto Fahrdynamik passt der Mini schon sehr gut in die BMW-Familie. Hinsichtlich Funktionalität und Qualität sollte der Mini sich aber seinen großen Bruder zum Vorbild nehmen.

Fazit

1. Mini - Mini Cooper - 31266
483 Punkte

2. Mini Cooper: Den Nachteil der kleineren Karosserie kann der Mini auch mit seinem Vorsprung im Antriebs-, Kosten- und Umweltkapitel nicht ausgleichen. Seine Stärken sind die ungemein handlichen Fahreigenschaften. Das fehlende ESP kostet Punkte.

2. BMW 316ti Compact
514 Punkte

Der kleinste Dreier ist das erwachsenere Auto. Das gilt sowohl für das Platzangebot als auch für den hochwertigen, ausgereiften Qualitätseindruck. Den Sieg bei der Fahreigenschafts-Wertung erringt er nur wegen des serienmäßigen ESP.

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