Vier Mittelklasse-Limousinen

Bürger King

Foto: Hans-Dieter Seufert 53 Bilder

Größer, schöner, moderner: Die Neuauflage des VW Passat bringt Schwung ins bürgerliche Lager um Ford Mondeo, Opel Vectra und Toyota Avensis. Vergleich der Limousinen mit Zweiliter-Benzinmotor.

Der Bart ist ab – zumindest beim Schlüssel des neuen VW Passat. Ein cool designter Sender ersetzt den vertrauten Metallstift. Und das vertraute Ratschen der Handbremse ist ebenfalls passé. Es weicht einem leise summenden elektromechanischen Stopper, der auf Knopfdruck reagiert. Irgendwie muss man sich schließlich von der Konkurrenz abheben.

Auch im Lager der Bürgerlichen, jener hartleibigen Limousinen-Enklave, die neuzeitlichen Crossover- Klonen und Raumkonzept- Attacken die Stirn bietet. Allerdings setzt man hier lieber auf kleine Schritte als radikale Brüche.

So fügt sich auch der neue Passat trotz Längenzuwachs auf satte 4,77 Meter wieder ins gängige Mittelklasse-Raster. Und das, obwohl sein Kofferraum mit 565 Liter Volumen bereits oberklassig ausfällt und er damit Ford Mondeo und Opel Vectra (je 500 Liter) und Toyota Avensis (520 Liter) in die Röhre gucken lässt.

Allen gemeinsam ist die Bereitschaft, es auch mal mit Sperrigem aufzunehmen. Sowohl Durchlade-Öffnungen in der Mittelarmlehne als auch serienmäßig geteilt umklappbare Rücksitzlehnen erweitern das Transportspektrum und rücken damit manch knapp geschnittenem Lifestyle-Kombi auf die Pelle.

Selbst zwei Fahrräder finden zur Not Asyl. Leider schwingt die Heckklappe des Passat zwar showträchtig per Knopfdruck am Schüssel auf, erfordert zum Schließen jedoch zuviel Kraftaufwand. Im Gegensatz zum Fahren selbst: Mühelos lässt sich der lange VW mit seiner elektromechanischen Servolenkung dirigieren. Bei niedrigen Geschwindigkeiten leichtgängig, nimmt sie die Unterstützung bei hohem Tempo dosiert zurück.

Allerdings wünschte man sich etwas präziseres Ansprechen und innigeren Fahrbahnkontakt. Mit dem kann die Mondeo- Lenkung dienen. Sie vermittelt viel Rückmeldung, lässt auf schlechten Straßen aber Stöße durchkommen.

Eine Spur weniger Gefühl für die Straßenoberfläche vermitteln Vectra und Avensis. Vor allem der Toyota erkauft sich sein gediegenes Abrollverhalten und geräuscharmes Parieren kleiner Unebenheiten mit ausgeprägten Wankbewegungen, speziell auf langen Wellen.

Der Opel kann es etwas besser, auf groben Wellen gerät er jedoch in heftige Vertikalbewegungen. Leider ist das elektronisch geregelte Fahrwerk (690 Euro Aufpreis), bei dem sich die Dämpferhärte kontinuierlich der Fahrweise anpasst, für den 2,2-Liter-Benziner nicht erhältlich.

Mondeo und Passat bringen bereits serienmäßig eine straffe Abstimmung mit, die sie bei niedrigem Tempo etwas steifbeinig über Kanaldeckel und kleinere Unebenheiten stoffeln lässt.

Trotz der mittels eines Hilfsrahmens von der Karosserie entkoppelten Vierlenker- Hinterachse kommen beim Passat noch vernehmliche Poltergeräusche hinzu. Bei höherem Tempo und auf ungepflegten Pisten wandelt sich das Bild. Ordentliche Absorption insbesondere langer Wellen ohne störende Vertikalbewegungen ermöglicht eine entspannte Fahrweise, verbunden mit einer feinen Portion Agilität.

Weitgehend neutrales Eigenlenkverhalten mit zartem Heckschwenk beim Gaswegnehmen hilft beim Passieren enger Kurven. Wo Vectra und vor allem Avensis kräftig zum Außenrand schieben, um von ihren elektronischen Stabilitätsprogrammen eingebremst zu werden, halten Mondeo und Passat sauber die Linie. Ein Eindruck, den der Fahrdynamik- Test untermauert. Ob Slalom oder Ausweichgasse, der Avensis benötigt beim Fahren am Limit die größte Aufmerksamkeit. Er wirkt indifferenter und träger als Mondeo und Vectra.

Chef im Pylonen- Park ist jedoch der Passat: Ruhig und exakt absolviert er den Parcours, liefert zudem die besten Werte ab. Funktionell überzeugend wie das Fahrwerk fällt auch seine Innenraumgestaltung aus. Geschwungene Linien und mehrfarbige Oberflächen verabschieden das triste Heide- Design.

Okay, die chromumringten Höhleninstrumente und auch die Dekorleisten sind Geschmacksache. Üppiges Platzangebot vorn und hinten, körpergerechte Sitze, gut nutzbare Ablagen sowie die Anfassqualität von Schaltern und Hebeln überzeugen dagegen. Zudem gefallen Passat-Details wie der Schirmschacht in der Fahrertür oder der Platz sparend schwenkbare CD-Wechsler im Hand- schuhfach.

Extralob verdient das funktionelle Audio- und Navigationssystem. Mit 2460 Euro gerät es jedoch ebensowenig in Schnäppchenverdacht wie der VW insgesamt: 26 445 Euro sind in der Comfortline-Ausstattung fällig. Sie enthält neben einer halbautomatischen Klimaanlage Tempomat, Lichtund Regensensor.

Nettigkeiten wie Klimaautomatik, Radio, Lederlenkrad und Aluräder kosten extra. Mit 23 600 Euro ist der Ford Mondeo Trend günstiger, das lässt Spielraum für aufpreispflichtige Goodies wie Radio, Bordcomputer oder Tempomat. Das 2785 Euro teure Audio-Navigationssystem nervt mit seiner verworrenen Bedienung teils über Tasten, teils über den tief platzierten Berührungs- Monitor.

Für Entschädigung sorgen die serienmäßige Klimaautomatik, üppiges Platzangebot, komfortabel geschnittene Sitze und eine übersichtliche Instrumentierung.

Harte Stoffverkleidungen sowie der mäßige Qualitätseindruck von Schaltern und einigen Oberfächen dokumentieren allerdings offensichtlichen Sparzwang.

Den kaschiert Opel beim Vectra, in Edition-Ausstattung für 24 845 Euro mit CD-Radio, Alurädern und Lederlenkrad ausgestattet, gekonnter. Sein Interieur wirkt hochwertiger als das des Mondeo. Platzangebot und Sitzkomfort gefallen ebenso wie die großen Regler und Tasten sowie seine eingängige Menü-Struktur.

Störend: der nichtrastende Tipp-Blinkerhebel sowie der überladene Bedienblock für Spiegel und Fensterheber. Beim Avensis fordert das Navigationssystem (2400 Euro) mit zusätzlicher Sprachsteuerung etwas Eingewöhnung, danach kann man es sich an Bord gut gehen lassen. Für 25 350 Euro liefert die Executive-Version neben gepflegter Verarbeitung und gediegenem Ambiente mit stimmigem Holzdekor die üppigste Ausstattung im Test: Klimaautomatik, Stereoanlage, Tempomat, Sitzheizung, Xenonlicht und 17-Zoll-Aluräder. Neben dem üblichen Luftsackarsenal gibt es sogar einen Knieairbag.

Einziges Manko: die hohe Sitzposition mit zu kurzen Sitzflächen vorn. Die gemütliche Fondbank überzeugt hingegen. Keine Überraschungen liefern die Benzinmotoren, bis auf den Ford allesamt Direkteinspritzer, rund zwei Liter groß, um 150 PS stark. Wuchtiges Drehmoment überlässt man der Dieselfraktion, im Benziner- Lager zählen geschmeidige Laufkultur und eine homogene Kraftentfaltung.

Subjektiv am besten bekommt das der Zweiliter-FSI des Passat hin. Bei ihm kommt sogar ein Hauch Spritzigkeit auf, unterstützt vom eng gestuften, knochig-exakten Sechsganggetriebe. Dem gut gedämpften Motorgeräusch stehen allerdings hoher Verbrauch sowie Windgeräusche im Bereich der A-Säule gegenüber. Trotz seines akustisch präsenteren 2,2-Liter-Direkteinspritzers wartet der Vectra insgesamt mit einer angenehmunauffälligen Geräuschkulisse auf. Zudem setzt er sein kleines Hubraumplus in einen Vorsprung bei den Fahrleistungen um, ohne dafür nennenswert mehr zu verbrauchen.

Sympathien kostet lediglich die unexakte Fünfgangschaltung. Schalten lassen sich Ford und Toyota besser, dafür liegt einem der Sound des sparsamen Zweiliter-Motors im Mondeo aufdringlich in den Ohren. Avensis-Insassen werden dagegen bei hohem Tempo von stärkeren Windgeräuschen behelligt.

Der kultivierte Zweiliter- Direkteinspritzer harmoniert trotz seines eingeschränkten Temperaments jedoch insgesamt gut mit dem Komfortlimousinen- Charakter. Das rettet den Toyota dennoch nicht vor dem vierten und letzten Platz.

Knapp hinter Opel Vectra und Ford Mondeo, die nahezu gleichauf ins Ziel kommen, aber deutlich hinter dem VW Passat zurückbleiben.

Der holt sich mit durchweg guten Ergebnissen in allen Kategorien einen klaren Sieg

Fazit

1. VW Passat 2.0 FSI Comfortline
505 Punkte

Viel Platz, hervorragende Fahrsicherheit bei gutem Komfort sowie seine eingängige Bedienung bringen den neuen Passat klar nach vorn.

2. Opel Vectra 2.2 direct
474 Punkte

Der Vectra ist geräumig, leise, komfortabel, bediensicher und angemessen durchzugsstark. Ein Handlingund Verbrauchswunder ist er nicht.

3. Ford Mondeo 2.0i 16V
473 Punkte

Mit seinem agilen, komfortablen Fahrwerk kann der Mondeo punkten. Motor und Materialanmutung hinken der Konkurrenz aber hinterher.

4. Toyota Avensis 2.0 VVT-i
463 Punkte

Guter Ausstattung, gediegener Verarbeitung und Fahrkomfort stehen Schwächen beim Handling und der schlappe Motor gegenüber.

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Technische Daten
Toyota Avensis 2.0 VVT-i Executive Ford Mondeo 2.0 16V Trend Opel Vectra 2.2 direct Edition VW Passat 2.0 FSI Comfortline
Grundpreis 25.350 € 24.150 € 25.225 € 28.000 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4630 x 1760 x 1480 mm 4731 x 1812 x 1415 mm 4596 x 1798 x 1460 mm 4765 x 1820 x 1472 mm
KofferraumvolumenVDA 520 l 500 l 500 bis 1360 l 565 l
Hubraum / Motor 1998 cm³ / 4-Zylinder 1999 cm³ / 4-Zylinder 2198 cm³ / 4-Zylinder 1984 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 108 kW / 147 PS bei 5700 U/min 107 kW / 145 PS bei 6000 U/min 114 kW / 155 PS bei 5600 U/min 110 kW / 150 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 210 km/h 215 km/h 218 km/h 213 km/h
0-100 km/h 9,5 s 9,8 s 9,8 s 9,5 s
Verbrauch 8,1 l/100 km 7,9 l/100 km 7,7 l/100 km 8,2 l/100 km
Testverbrauch 10,1 l/100 km 9,4 l/100 km 9,8 l/100 km 10,4 l/100 km
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