Volvo S80 V8 AWD im Test

Schwedisch für Ford-Geschrittene

Foto: Hans-Dieter Seufert 19 Bilder

Auch wenn er sich die technische Basis mit dem Galaxy und S-Max der Konzernmutter Ford teilt: Volvos neues Topmodell S80 V8 AWD will ein Charakter-Darsteller sein. Ganz besonders mit der Spitzenmotorisierung, dem 315 PS starken Achtzylinder.

Irgendwann wurde, streng wissenschaftlich natürlich, Folgendes ermittelt: Die 43 Muskeln unseres Gesichts sind in der Lage, 18 verschiedene Arten von Lächeln hervorzubringen. Und 60 Ausdrücke der Verärgerung. Bei Autos könnte es ähnlich sein. Auch sie reißen böse das Maul auf wie der Chrysler 300 C, lächeln dezent wie der Peugeot 607 oder kneifen die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen wie Citroëns C6 – um gleich mal bei drei Konkurrenten des Volvo S80 zu bleiben.

Der wiederum zeigt, dass sein Vorgänger kantiger war, strenger. Die Front lässt den Neuen sehr souverän wirken, auch wenn er sich freundlich gibt. Der Rest des Wagenkörpers ist eine spannende Mischung – manchmal soft, dann wieder robust. Muskulös die Schulterlinie an der Seite, dramatisch die Leuchten am Heck.

Aber grazil das coupéartig gewölbte Dach. Der S80 will kein Auto für Leute mit Allerwelts-Geschmack sein. Dieses Ziel hat das bisherige Modell durchaus erreicht: Vergangenes Jahr fanden sich in Deutschland insgesamt nur 1314 Individualisten, die Volvos betagte Großlimousine in ihrem achten Produktionsjahr bestellten.

Audi verkaufte vom A6 beinahe so viel – allerdings pro Woche. Womit klar wird, dass Deutschland für Volvo ein typischer Kombi-Markt ist. Die großen Limousinen taten sich hier immer schwer.

Doch die Entscheidung für den seltenen Schweden muss man weder scheuen noch bereuen. Das zeigt sich ziemlich bald, nachdem der Fahrer den Wählhebel der Sechsstufen-Automatik auf „D“ gerückt hat. Der V8 mit 4,4 Liter Hubraum, mit Yamaha entwickelt und bereits im SUV XC 90 zu haben, passt auch vom Klang gut zum neuen Auto: Wenn er arbeiten muss, lässt er das zwar hören.

Aber nie so, dass man die Lust verliert, ihn arbeiten zu lassen. Er hängt gut am Gas, beschleunigt die fast 1,9 Tonnen schwere Limousine spontan und gibt erst auf, wenn die Nadel den Tachoendwert von 260 km/h schon fast erreicht hat. Beim Spurt von null auf 100 km/h bleibt er jedoch eine halbe Sekunde hinter der Werksangabe zurück.

Die Automatik vom Zulieferer Continental Automotive Systems wechselt dabei feinfühlig zwischen den sechs Gängen und verstärkt den Eindruck, den der S80 auch sonst hinterlässt: Ein Audi A6 4.2 FSI Quattro mag sportlicher sein, der E 500 von Mercedes brachialer. Volvos Großer aber verwöhnt in erster Linie mit Komfort.

Das fängt bei der Federung an. Die 1500 Euro Aufpreis für eine aktive Fahrwerksregelung kann man getrost in einen Kurztrip zu den schwedischen Schären investieren. Der Testwagen ohne dieses „Four C“ genannte System rollt nämlich geschmeidig über sämtliche Pisten. Nur die Abrollgeräusche und manchmal ein leichtes Poltern von der Hinterachse stören.

Sie schmälern das Vergnügen der Fondpassagiere etwas, die sich dafür über reichlich Platz freuen dürfen. Dass sich der S80 beim schnellen Richtungswechsel spürbar zur Seite neigt: kein Problem. Mit der neuen Ford-Plattform ist der Volvo ungleich agiler unterwegs als der halsstarrige Vorgänger.

Doch im Vergleich zu einem Fünfer-BMW wird klar: Ein Fahrdynamik- Wunder zu kreieren, war im Lastenheft der Schweden kein Muss. Was sonst nicht sein muss? Der fehlende Seitenhalt in den ansonsten bequemen Sitzen. Die geringe Rückmeldung der Lenkung, deren Servounterstützung unnötigerweise auch noch in drei Stufen zu variieren ist.

Zudem dürften die Bremsen gerne wirkungsvoller sein. Zwar bleiben sie selbst nach der zehnten Vollbremsung standfest. Doch der Bremswert aus 100 km/h liegt, wenn der Volvo beladen ist, nahe an jenen 42 Metern, die gerade noch als „gut“ gelten.

Ein Mercedes E 500 kommt drei Meter früher zum Stand. Ein bisschen schade, da Volvo ansonsten höchsten Wert auf Sicherheit legt: Für optimales Crashverhalten liegt der enorm kompakte Achtzylinder nicht längs, sondern quer im Motorraum.

Ein Zylinderwinkel von nur 60 Grad macht’s möglich. Und vom Schleudertrauma-Schutz bis zum Bremsassistenten ist serienmäßig vieles an Bord, was das Leben leichter oder länger macht. Bei der V8-Variante sogar der Allradantrieb.

Stellen wir die großen und kleinen Sinnfragen. Widersinnig ist, dass inmitten des schönen, skandinavisch-coolen Innendesigns die Luftverteilung sehr einfach per Druck auf ein groß dimensioniertes Fahrer-Männchen geregelt werden kann, gleichzeitig aber 33 weitere Tasten auf der Mittelkonsole verstreut sind und den Blick ablenken.

Unsinnig ist die Bedienung des Navi-Systems: umständlich per Fernbedienung, noch umständlicher durch Tasten – darauf muss man erst einmal kommen –, die hinter dem Lenkrad versteckt sind. Sehr sinnig ist dafür der Zentralgriff im Kofferraum. Mit einem Zug lässt sich die Rücksitzlehne umlegen und jede Menge Platz schaffen. Alles in allem stimuliert der S80 die Gesichtsmuskulatur seiner Fahrer aber klar in eine Richtung – zu einem der 18 möglichen Lächeln.

Vor- und Nachteile

Karosserie
  • –großzügige Platzverhältnisse –solide Verarbeitung –großer Kofferraum
  • –unpraktische Bedienung des Navigationssystems
Antrieb
  • –sehr gute Traktion –hohe Laufkultur –gutes Ansprechverhalten –sanft schaltendes Automatikgetriebe
Fahrkomfort
  • –insgesamt guter Federungskomfort
  • –laute Abrollgeräusche –Sitze mit wenig Seitenhalt
Fahreigenschaften
  • –sicheres Fahrverhalten –geringe Lastwechselreaktionen
  • –starke Seitenneigung –gefühllose Lenkung – großer Wendekreis
Sicherheit
  • –gute Sicherheitsausstattung
  • –nur durchschnittliche Bremsleistung
Kosten
  • –Wartung drei Jahre inklusive
  • –hoher Anschaffungspreis –hoher Wertverlust
Umwelt
  • –hoher Benzinverbrauch
Technische Daten
Volvo S80 V8 AWD Geartronic Summum
Grundpreis 62.460 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4851 x 1861 x 1493 mm
KofferraumvolumenVDA 480 l
Hubraum / Motor 4414 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 232 kW / 315 PS bei 5950 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
0-100 km/h 7,0 s
Verbrauch 12,1 l/100 km
Testverbrauch 14,2 l/100 km
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