VW Golf 1.6 FSI gegen Renault Mégane, Peugeot 307 und Mazda 3

Foto: Hans-Dieter Seufert 6 Bilder

Aus der gesicherten Position des Erfolgreichen soll der neue VW Golf wieder Maßstäbe in der Kompaktklasse setzen und doch ganz der Alte bleiben. Reichen die inneren Werte der fünften Generation, um die ehrgeizigen Rivalen Mazda 3, Peugeot 307 und Renault Mégane nass zu machen?

Auch wenn man es bei VW nicht gerne hören mag: Neben vielen guten Autos gibt es bei Europas Nummer eins offenbar ebenso viele gute Gründe, diese links liegen zu lassen. Zu bieder, zu teuer, zu unzuverlässig lautet die Bilanz enttäuschter Besitzer. Allein das schlechte Abschneiden bei der auto motor und sport-Leserbefragung Car Check zeigt, dass die Zufriedenheit mit dem einstigen Musterschüler rapide schwindet. Sowohl die Marke wie ihr wichtigstes Modell rangieren nur noch im hinteren Drittel des Feldes, das Spaltmaß zwischen hehrem Anspruch und harter Wirklichkeit wächst. Zuverlässigkeit? Auf die Spitzenplätze sind längst die japanischen Hersteller abonniert. Sicherheit? Im Crashtest nach Euro-NCAP laufen die Fünf-Sterne-Autos von Renault der Konkurrenz den Rang ab. Preiswürdigkeit? Für weniger Geld gibt es fast überall mehr Ausstattung. Und das VW-Design konnte noch nie einen Blumentopf gewinnen, obwohl seine Bedeutung auch in der Kompaktklasse stetig zunimmt. All das soll der neue Golf auf einen Streich wettmachen und für die nächsten Jahre wieder jene Standards setzen, an denen sich die Wettbewerber zu orientieren haben. Formal wird ihm das kaum gelingen, denn obwohl kein Detail, keine Linie unverändert übernommen wurde, erkennt man sofort: Dies ist ein Golf. So ist das eben, wenn man zur Ikone der Beständigkeit wird und vier erfolgreiche Vorgänger-Generationen jeden forschen Jungdesigner unter das Joch der Firmen- und Typengeschichte knechten. Im Dienste statusneutraler Fortbewegung hat eine behutsame Evolution aber durchaus ihre Vorzüge. Schon der optische Auftritt suggeriert Besonnenheit, Vernunft und Intelligenz und trägt doch alle Zeichen der Zeit in sich, ohne sich ihren Moden auszuliefern. Da lehnt sich der scharf geschnittene Renault Mégane viel weiter aus dem Fenster, aber auch der Peugeot 307 fällt mit seinem vanartigen Vorbau stilistisch aus dem Rahmen. Selbst der athletische Mazda 3 zeigt mehr Charakter als alle seine Vorgänger zusammen. Er hat zugleich die mit Abstand größte Länge (4,42 Meter), zieht daraus allerdings wenig Gewinn. Das Platzangebot entspricht gutem Durchschnitt, während der Kofferraum eher klein ausfällt (300 Liter), wegen der großen Heckklappe, der niedrigen Ladekante und der leicht umlegbaren Rücksitzlehne aber gut zu nutzen ist. Auch die steife, sauber verarbeitete Karosserie, die klaren Instrumente sowie die leichtgängige Bedienung verdienen Lob. Besser schneidet in dieser Hinsicht allein der Golf ab, der all das mit gediegenen Materialien und dem Qualitätsgefühl einer höheren Klasse verbindet. Selbst wenn manche Oberflächen einen Rückschritt gegenüber dem Vorgänger erkennen lassen, beeindruckt die Liebe zum Detail, etwa bei der sauberen Auskleidung des Gepäckabteils oder der sehr feinstufigen Sitzverstellung. Nur die kleinen Außenspiegel und das zur Abdeckung der Scheibenwischer hochgezogene Cockpit, hinter dem sich der Vorbau nur erahnen lässt, stören. Auch der Peugeot macht beim Manövrieren wegen seiner großen Breite und der weit auskragenden Frontscheibe wenig Freude, vermittelt dadurch aber innen ein sehr luftiges Raumgefühl. Der Einstieg ist hinten so bequem wie vorne, und neben der Lehne lässt sich auch die Sitzfläche der Rückbank geteilt umklappen, was einen ebenen Ladeboden und das größte Stauvolumen (1328 Liter) schafft.

Diverse Klappergeräusche und billige, lose Plastikverkleidungen geben jedoch zu erkennen, dass nach mehr als zweijähriger Bauzeit noch immer Nonchalance vor Qualität geht. Der Renault ist da kaum geeignet, die Ehre der Franzosen zu retten. Unterschiedlichste Oberflächen und Farbtöne im Innenraum unterlaufen eher den Anspruch eines Designerstücks, die Fondbank aus Schaumstoff wirkt extrem weich und labil, und die scharfen Kanten an der Heckklappe können beim Öffnen schmerzliche Blessuren am Kopf hinterlassen. Doch auch bei der grobrastigen Sitzverstellung und an eigenwillig platzierten Schaltern wird sichtbar, dass die andere nicht immer die bessere Lösung darstellt. Vor allem das eingezogene, nach hinten absinkende Dach vermittelt im Fond ein Gefühl der Enge, das nicht ganz der Realität entspricht. Denn wie bei den Außenmaßen liegt der Mégane auch innen praktisch gleichauf mit dem Golf, obwohl die gute Kopffreiheit hinten mit einer niedrigen Sitzposition und stärker angewinkelten Beinen erkauft wird. Überzeugen kann er hingegen mit seiner reichhaltigen Serienausstattung, die sich zu günstigen Konditionen ins Luxuriöse steigern lässt. Im Gegensatz zum Mazda erfüllen auch Peugeot und VW gegen Aufpreis fast jeden Sonderwunsch. Doch während der 307 Tendance für 17 550 Euro neben den klassenüblichen Extras selbst Klimaanlage, Bordcomputer und Lederlenkrad vorweisen kann, wird man für all das beim 3000 Euro teureren Golf Comfortline nochmals zur Kasse gebeten. Selbst seine Alufelgen und der Tempomat können nicht darüber hinwegtäuschen: Der Klassenprimus ist vor allem beim Preis eine Klasse für sich. Erfreulicherweise gilt das auch in anderer Hinsicht, wobei besonders das komplett neu entwickelte Fahrwerk positiv herausragt. Mit seiner aufwendigen Vierlenker-Einzelradaufhängung hinten schafft es beste Voraussetzungen, den Spagat zwischen Komfort und Fahrsicherheit auf ein höheres Niveau zu heben. Der Erfolg macht sich spätestens beim häufigen Wagenwechsel während einer Vergleichsfahrt bemerkbar: So unbeeindruckt, schluckfreudig und leise gleitet keiner der Rivalen über Schlaglöcher und Bodenwellen hinweg. Dass man dabei selbst beim munteren Wedeln mit einem Minimum an fahrerischem Aufwand auskommt, geht ganz wesentlich auf das Konto der elektrischen Servolenkung. Sie arbeitet frei von Antriebseinflüssen und mit höchster Präzision, ohne nervös zu wirken.

In Verbindung mit der geringen Seitenneigung und dem auch mit ausgeschaltetem ESP völlig problemlosen Fahrwerk sorgt dies für Gelassenheit in kritischen Situationen, und den Spaß an flotten Kurven gibt es obendrein. Hingegen irritiert der Renault – analog zum Design – mit einem gewagten Wechselspiel aus Schärfe und Sanftmut. Er fegt zwar neutral ums Eck und zeigt auch in der Wedelgasse keine Tücken, überrascht den Fahrer aber mit einem ausgeprägten Eigenleben. Vor allem die extrem diffuse, übereifrige Elektrolenkung wirkt völlig losgelöst von der Straßenrealität und so virtuell wie in einem Videospiel. Da präsentiert sich seine weiche, geschmeidige Federung trotz ihrer Neigung zum Torkeln klar verbindlicher. Allein: Der Peugeot kann das alles etwas besser, bleibt bei Kurskorrekturen ruhiger und hat dazu die bequemeren Sitze. Auch die Lenkung flößt mehr Vertrauen ein, weil sie gleichmäßig und exakter arbeitet. Aber Agilität oder Handlichkeit gehört – verständlich angesichts seines hohen Schwerpunkts und des vanartigen Fahrverhaltens – nicht zu den Tugenden des 307, und beim Bremsen kommt er erst später als die Konkurrenten zum Stillstand. Mit seinem straffen Fahrwerk, das die Verwandtschaft zum Ford Focus erkennen lässt, setzt der Mazda ganz andere Akzente. Er giert scheinbar nach Kurven, obwohl er etwas beherzter als der Golf herangenommen werden will und mangels Traktion kräftig über die Vorderräder schiebt. Dazu findet man sicheren Halt in den gut konturierten Sitzen und eine passende Position hinter dem Lenkrad. Wegen seiner stößigen Federung und störender Fahrwerksgeräusche wirkt das Auto jedoch weit weniger komfortabel als die Konkurrenz. Für gehobene Ansprüche an Antriebskultur ist in der 1,6-Liter-Klasse ohnehin wenig Platz. So liegen die vier in Leistung und Temperament nah beieinander, im Verbrauch fällt nur der Mazda aus dem Rahmen. Selbst der einzige Benzin-Direkteinspritzer im VW ist kein echter Knauser, und das serienmäßige Sechsganggetriebe senkt zwar bei konsequenter Nutzung den Spritkonsum und das Laufgeräusch, aber zugleich das Durchzugsvermögen. Das kostet ebenso Punkte wie die nicht mehr zeitgemäße Einstufung nach D4-Abgasnorm beim Peugeot. Im Gegenzug schneidet er mit der günstigsten Kostenbilanz in dieser Runde ab, die ihm auch der Mégane mit seinen niedrigen Festkosten nicht streitig machen kann. Dass beide am Ende überholt werden, liegt weniger an groben Patzern oder nachlassender Form, sondern an der ehernen Regel, nach der das Bessere der Feind des Guten ist. Der Mazda beweist es mit seiner beinahe sportlichen Ausrichtung und einer sehr soliden Machart, für die sich der Hersteller mit einer Dreijahres-Garantie verbürgt. Auch VW stünde eine solche Maßnahme gut an, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und die neu erworbenen Qualitäten zu untermauern. Denn so, wie er jetzt dasteht, kann man nur sagen: Golf, klasse.

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Technische Daten
Peugeot 307 110 Tendance Renault Mégane 1.6 16V Luxe Privilège Mazda 3 MZR 1.6 Sport Exclusive VW Golf 1.6 FSI Comfortline
Grundpreis 17.950 € 19.700 € 18.790 € 21.125 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4202 x 1730 x 1510 mm 4209 x 1777 x 1458 mm 4420 x 1755 x 1465 mm 4204 x 1759 x 1485 mm
KofferraumvolumenVDA 341 bis 1328 l 330 bis 1190 l 300 bis 1272 l 350 bis 1305 l
Hubraum / Motor 1587 cm³ / 4-Zylinder 1598 cm³ / 4-Zylinder 1598 cm³ / 4-Zylinder 1598 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 80 kW / 109 PS bei 5800 U/min 82 kW / 112 PS bei 6000 U/min 77 kW / 105 PS bei 6000 U/min 85 kW / 115 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 190 km/h 192 km/h 182 km/h 192 km/h
0-100 km/h 10,4 s 11,2 s 11,4 s 11,2 s
Verbrauch 7,2 l/100 km 6,8 l/100 km 7,2 l/100 km 6,5 l/100 km
Testverbrauch 8,3 l/100 km 9,5 l/100 km 8,6 l/100 km
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