VW Golf 2.0 Comfortline im Test

Nicht alles Gold was glänzt

VW Golf 2.0

Der VW Golf ist optisch und technisch attraktiver denn je. Doch wie so häufig bei VW weckt auch hier der Schöne Schein Erwartungen, die im Alltagsbetrieb nicht immer erfüllt werden. Das zeigen 100.000 Kilometer in 18 Monaten.

So sehen Erfolgstypen aus: strahlende Augen, glänzendes Äußeres, stilsicheres Auftreten. Was Menschen beeindruckt, zeigt auch in der Autogesellschaft Wirkung.

Kein Wunder also, dass der VW Golf blendend ankommt. Der strapazierte Begriff vom Bestseller ist hier wirklich einmal angebracht: 2,1 Millionen Exemplare der vierten Generation Golf wurden seit der Markteinführung im Herbst 1997 weltweit abgesetzt, davon allein in Deutschland 830 000. Dieses Votum gleicht einem Gütesiegel wertvoller als eine frische TÜV-Plakette. So viele Käufer können sich nicht irren. Oder?

Stephan Wolff aus Aachen hat den Kauf „oft bereut. Er hält die Qualität des Golf IV für “mehr Schein als Sein„. Damit steht er nicht allein. Image-Untersuchungen von auto motor und sport zeigen für VW einen herben Rückgang der Nennungen unter den Rubriken “hohe Zuverlässigkeit` und „gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“.

Das braucht nicht zu verwundern. Immer seltener halten neue VW-Modelle in puncto Problemlosigkeit und Langlebigkeit das, was die Kunden seit Käfer-Zeiten von einem Volkswagen (,Läuft und läuft und läuft„) erwarten. Miserable Dauertest-Bilanzen für Sharan (Heft 19/98) und Passat Variant (Heft 24/99) belegen das.

Grund genug also, auch den Golf IV einem Langzeittest zu unterziehen. Schließlich war der Dauertest des Golf III als VR6 ein Desaster.

Das Positive zuerst: Die Bilanz für den Golf IV 2.0 fällt viel besser aus als für den sechs Jahre zuvor geprüften Vorgänger. Das Ernüchternde: Der neue Golf rangiert im Dauertest-Index von auto motor und sport an vorletzter Stelle der Kompaktklasse – gerade mal einen Platz höher als der VR6.

Doch der Reihe nach. Am Anfang war eitel Sonnenschein. Den frischen Eindruck vom Dauertestwagen, der am 29. März 1999 anrollte, beschreibt der erste Eintrag auf der Bordkarte: “Schönes Auto.„ Der blau wie das Mittelmeer an einem Sommertag schillernde Perleffekt-Lack (760 Mark Aufpreis), die wie Juwelen in einer Vitrine hinter Klarglas ausgestellte Scheinwerferoptik, die von Maßarbeit im Rohbau zeugenden engen Karosseriespalte sowie die Liebe zum Detail verratende Qualitätsanmutung im Innenraum lassen den Golf auf dem Grabbeltisch der Kompaktklasse als Schmuckstück erscheinen.

Diesen Eindruck macht er 18 Monate und 100 000 Kilometer später immer noch. Bis auf ein paar Schmutzränder auf den hellen Sitzbezügen und einige Gebrauchsspuren in Form von Kratzern auf den Kunststoffplanken der Heckklappen-Innenverkleidung wirkt der Golf nahezu so neu wie am ersten Tag – kein Vergleich jedenfalls zum Audi A3 (Dauertestbericht in Heft 26/98), bei dem der Softlack von der Türverkleidung abblätterte und die Armaturentafel unappetitlich einstaubte.

Auch das Fahren mit dem Golf ist nach wie vor eine Zier. Die weiche Federung lässt den Fronttriebler mit Winterreifen oder bei Beladung zwar etwas schwammig wirken, filtert aber Bodenunebenheiten wirksam weg. Die Servolenkung arbeitet so leichtgängig und exakt, dass sich der Golf mühelos und zielgenau dirigieren lässt – sei es beim Einparken oder bei der Hatz über kurvenreiche Straßen.

Die Sitze der Comfortline-Ausführung bieten genügend Seitenhalt und sind straff gepolstert. Von den Redaktionsmitgliedern wurden sie teils als zu hart, teils als gerade richtig empfunden – einig waren sich aber alle darüber, dass man in ihnen auch sehr lange Tagesetappen entspannt zurücklegen kann. Ein Garant dafür ist auch die Sitzposition, die sich wegen des in Höhe und Tiefe einstellbaren Lenkrads nahezu jeder Statur optimal anpassen lässt.

Hinten jedoch reisen die Passagiere im Golf nur zweiter Klasse. Wegen des kurzen Radstands ist der Beinraum knapp; und wer Kindersitze montieren will, muss die Gurtschlösser darunter hervorfummeln, so schmal ist die Fondbank.

Ein moralischer Vorteil des meistgekauften VW ist sein klassenloses Image. In diesem Auto kann sich jeder überall sehen lassen. Ein Golf wirkt nirgendwo deplatziert: weder bei Aldi noch vor dem Golf-Platz.

So schön, so gut. Doch arm darf man angesichts der stolzen Preise nicht sein, um sich einen Golf leisten zu können. Und auch hoch fliegende Erwartungen in Bezug auf Langzeitqualität und Zuverlässigkeit sollte man sich sparen. Denn am Golf ist beileibe nicht alles Gold.

Für eine Marke wie VW, die sich so gern mit dem Etikett Premium schmückt, ist es schon beschämend, dass offensichtlich auch der Bestseller des Hauses den Anforderungen eines Dauertests nicht gewachsen ist und es stets die gleichen Mängel sind, mit denen sich VW-Fahrer quer durch alle Klassen herumschlagen müssen: quietschende Sitze, Karosserieklappern, defekte Fensterheber, rubbelnde Bremsen, unzuverlässige Elektrik und Getriebeschäden.

Das alles serienmäßig zu einem Preis der Extra-Klasse: orderte Dauertestwagen, wovon 33 300 Mark auf den Grundpreis entfielen. Heute wären für das gleiche Auto sogar 47 914 Mark fällig, wobei ESP nun serienmäßig ist, viele andere Extras im Preis aber deutlich angehoben wurden.

Besonders teuer ist das, was gern bestellt wird: vier Türen (1760 Mark), Klimaautomatik (2768 Mark), Radio Gamma mit Soundpaket (2356 Mark), elektrisches Schiebedach (1486 Mark). Vieles davon, das zeigte sich im Dauertestbetrieb, kann man sich schenken: In der Soundanlage steckt kaum ein wirklich besserer Klang, die Sitzheizung (im Winterpaket für 694 Mark) spricht selbst in der höchsten Stufe so träge an wie ein aus dem Winterschlaf erwachendes Murmeltier, und auch der Regensensor (269 Mark) für die Scheibenwischer reagiert unsensibel.

Das Resultat bei Nebelnässe oder Nieselregen: Wischen impossible. Wirklich empfehlenswert ist die Climatronic, die den Innenraum sommers wie winters auf der gewünschten Temperatur hält. Allerdings neigt das Gebläse zu lautstarkem Brummen, und das Bedienfeld ist im Cockpit viel zu tief angeordnet.

Ohnehin lässt die Funktionalität an vielen Stellen zu wünschen übrig. Die blaue Instrumentenbeleuchtung wirkt zwar effektheischend, ermüdet aber auf Dauer die Augen. Der rechte Außenspiegel ist zu klein. Die Scheinwerfer sind zwar schön, leuchten aber fleckig die Fahrbahn aus, und die Glühlampen lassen sich nur in der Werkstatt wechseln. Das Klacken der Zentralverriegelung ist so laut, dass man damit die halbe Nachbarschaft aufwecken kann.

Ebenfalls nervig sind die Knistergeräusche im Radio beim Anlassen des Motors, das Knacken der Vorderachse bei vollem Lenkeinschlag, das Beben, das die Golf-Karosserie jedes Mal erfasst, wenn eine Tür beim Öffnen ins Scharnier fällt sowie das Rütteln des Motors im Leerlauf, das die Werkstatt nie abschütteln konnte.

Überhaupt ist der 115-PSBenziner, für den sich nur vier Prozent der TDI-orientierten Golf-Käufer entscheiden, keine Offenbarung. Zwei Liter Hubraum lassen vor allem mehr Durchzugskraft erwarten. Aber viel unangenehmer ist das Dröhnen, das auf der Autobahn jenseits von 130 km/h als Reisebegleiter mit an Bord ist.

Einmal lief die Maschine gar nicht erst an, der Golf musste abgeschleppt werden. Ursache: ein korrodiertes Anlasserkabel – ein Schaden, der an die siebziger Jahre erinnert.

Auch der Benzinverbrauch ist mit durchschnittlich 9,4 Litern pro 100 Kilometer nicht mehr zeitgemäß. VW setzt das noch zweiventilige Triebwerk vor allem deshalb ein, weil es in der Herstellung kostengünstig ist und eine sehr niedrige Schadstoffemission aufweist.

Die ärgerlichsten Posten in der Dauertestbilanz sind der Liegenbleiber, sechs außerplanmäßige Werkstattbesuche und 17 Tage Standzeit. Sie gehen in erster Linie auf das Konto eines Getriebeschadens, angeblich durch Metallrückstände aus der Produktion verursacht.

Dazu kommen immer wiederkehrende Mängel wie eine klappernde Mittelarmlehne, Scheibenwischerprobleme (Welle), Wassereintritt an den Türen auf Grund fehlerhafter Dichtungen sowie Bremsvibrationen beim Verzögern aus hohen Geschwindigkeiten, was trotz mehrmaligem Austausch von Belägen und Scheiben nicht beseitigt werden konnte. Weil die meisten Reparaturen per Garantie oder Kulanz abgegolten wurden, hielten sich die Kosten dafür ebenso in Grenzen wie Reifenverschleiß und Ölverbrauch.

Grenzenlos enttäuschend aber bleibt das nun zum dritten Mal nach Sharan und Passat Variant schlechte Abschneiden eines neuen Volkswagens im auto motor und sport-Dauertest. VW sollte den gebetsmühlenartig vorgetragenen Qualitätsbeteuerungen endlich einmal Taten folgen lassen.

Vor- und Nachteile

  • Bequeme und verschleißfeste Sitze
  • Komfortable Federung
  • Geringer Reifenverschleiß
  • Sehr gute Handlichkeit
  • Optisch sehr guter Qualitätseindruck
  • Übersichtliche Karosserie
  • Strapazierfähige Innenausstattung
  • Hohe Defektanfälligkeit
  • Mit zunehmender Kilometerleistung nachlassende Karosseriesteifigkeit
  • Brummiger Motor mit schütteligem Leerlauf und
  • hohem Verbrauch
  • Vibrationen beim Abbremsen aus hoher Geschwindigkeit
  • Wenig Platz auf den Rücksitzen
  • Hakelige Schaltung
Technische Daten
VW Golf 2.0 Comfortline
Grundpreis 20.235 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4149 x 1735 x 1444 mm
KofferraumvolumenVDA 330 bis 1184 l
Hubraum / Motor 1984 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 85 kW / 115 PS bei 5200 U/min
Höchstgeschwindigkeit 195 km/h
Verbrauch 7,9 l/100 km
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