VW Phaeton

Besser als die S-Klasse?

VW will mit dem Phaeton die Marktstrukturen in der Oberklasse aufbrechen. Ob dieses Ziel realistisch ist, zeigt ein erster Vergleich mit der S-Klasse von Mercedes.

Soweit läuft es bestens für den Phaeton. Das Auto ist in aller Munde, das Publikum nimmt gebührend Notiz, und selbst die skeptisch ein-gestellte Journaille nörgelt nur verhalten. Mag er bisweilen auch noch auf Unkenntnis („der neue Passat?“) oder Bosheit („Blähton“) stoßen, die Feuertaufe hat der teuerste VW aller Zeiten bestanden. Bleibt nur noch die Frage, ob er auch gegen jenen Konkurrenten anstinken kann, den sich Phaeton-Erfinder und Ex-VW-Chef Ferdinand Piëch ausgesucht hatte: die S-Klasse von Mercedes. S-Klasse-Qualitäten, aber zum günstigeren Preis, versprach dereinst Piëch, der Ehrgeizige, und im Fall des Phaeton W12 heißt das S 600-Niveau. Inzwischen ist zumindest eines klar: Von einem Sonderangebot kann keine Rede sein. Das Testauto mit der Chefsesselgarnitur (zwei Einzelsitze im Fond) kommt ohne weitere Extras auf 104‑100 Euro, soviel wie sieben Basis-Golf. Mercedes verlangt für den S 600 inklusive der aufpreisbehafteten Einzelrücksitze jedoch 118‑546 Euro – das ist zwar deutlich mehr, aber nicht so viel mehr, dass es in der Luxusklasse eine entscheidende Rolle spielte. Zumal Mercedes eine Menge Ausstattung hineinpackt – vom Navigationssys-tem bis zum integrierten Garagentoröffner, da ist viel drin, wenngleich auch der Phaeton-Käufer nicht zu kurz kommt. Der Rest findet sich bei beiden in der Liste teilweise exotisch anmutender Extras. Auf einen verlängerten Radstand muss man bei VW jedoch verzichten, dagegen liefert Mercedes den S 600 ausschließlich in der Langversion. 20 Zentimeter weniger Abstand zwischen den Achsen sind denn auch ein Handikap des Phaeton, dessen Auswirkung sich weder übertünchen noch wegdiskutieren lässt. Wer sich vorwiegend im Fond aufhält, ist mit dem gestreckten S 600 objektiv besser bedient. Einziger Nachteil: Die erhebliche räumliche Distanz erschwert schon mal die Kontaktaufnahme mit dem Fahrer. Fairerweise sei aber hinzugefügt, dass die Raumfülle des Mercedes den VW nicht automatisch zur Sardinenbüchse degradiert. Auch im Phaeton lässt es sich gut räkeln, zumal die elektrisch in alle Richtungen verstellbaren Sitze im Vergleich zum harten S-Klasse-Gestühl mit mehr Komfort und besserem Halt aufwarten. Was die Unterbringung von Hab und Gut betrifft, so gelten auch in der Luxusklasse bürgerliche Maßstäbe: Mehr als in einen VW Bora passt weder beim Phaeton noch beim S 600 in den Kofferraum (500 Liter), und auch bei den Goldbarren heißt es sich einzuschränken – Zu-ladung: 430 (VW) und 419 (Mercedes) Kilogramm. Ansonsten gilt: Luxus ist nicht nur Raum, sondern vor allem das, was auf neudeutsch Wellness heißt. Und wellness-mäßig gibt es zurzeit kaum ein Auto, das dem Phaeton das Wasser reichen könnte, nicht einmal die Königsklasse von Mercedes. Man muss nur hineinschauen – hier weiches Leder (das wie Leder aussieht), exquisite Ziermaterialien, raffinierte Details und elegantes Design, so weit das Auge reicht, da wahllos verteiltes Alibiholz (das wie Kunststoff aussieht), triste Funktionali-tät, verstreute Schalter und Taxi-Ambiente. Wo einsteigen? Keine Frage. Da trifft es sich gut, dass der Phaeton auch nach dem Platznehmen hält, was er optisch verspricht. Fahrer und Mitfahrer erwartet ein Komforterlebnis der Kategorie Abrahams Schoß.

Daunenweich und vornehm flüsternd rollt er los, selbst das auf den ersten Metern sonst übliche Blaskonzert der Klimaanlage ist piano. Weil einem die Luft über die ganze Cockpitbreite entgegenfleucht, wehen die Winde ungewöhnlich sanft, nur bei hohen Temperaturen verschiebt die Klimaautomatik Holzpa-neele im Armaturenbrett und bittet die dahinter verborgenen Ausströmer um Mithilfe – toll. Klar, dass hier auch die Insassen im Fond verwöhnt werden. Die so genannte Vierzonen-Regelung erlaubt es ihnen, das Klima für rechts und links individuell einzustellen. Der de Luxe-Komfort lässt auch dann nichts zu wünschen übrig, wenn man sich – was dank der 420 PS leicht fällt – in höheren Geschwindigkeitsbereichen aufhält. Geschmeidig und ungewöhnlich leise zieht der Phaeton des Weges, wobei es gefühlsmäßig keine Rolle spielt, ob mit Tempo 130 oder 200. Selbst beim elektronisch festgelegten Limit von 250 km/h dominiert Gelassenheit; gepflegter und komfortabler lässt es sich im Auto zur- zeit nicht reisen. Da muss sich auch der Mercedes geschlagen geben. Sein aktiv federndes ABC (Active Body Control)-Fahrwerk (Serie beim S 600) kann zwar viel, aber den Autobahnkomfort des luftgefederten Phaeton erreicht es nicht. Da wirkt der S 600 relativ straff und verschont die Insassen nicht vor kleineren Stö-ßen. Auch die Ohren werden hier stärker beansprucht, ebenso wie die Konzentration des Fahrers. Den unbeirrbaren Geradeauslauf des VW kann der Mercedes nicht bieten. Seine Trümpfe spielt er erst dann aus, wenn es gilt, anspruchsvolle Fahraufgaben abseits der Autobahnen zu bewältigen. Bei hohem Tempo auf kurvenreichen Strecken kann sein Hightech-Fahrwerk brillieren, und das umso mehr, je schlechter die Straßen sind. Manöver jeglicher Art absolviert er ohne spürbare Karosseriebewegungen, während die aktive Federung Schlaglöcher und Bodenwellen weitgehend einebnet. Nun zeigen sich auch die besonderen Komfortqualitäten des Mercedes: In keiner anderen Limousine kann der Passagier im Fond Fahrdynamik und den sportlichen Ehrgeiz des Chauffeurs so unbehelligt und kommod erleben wie im S 600. Nur trocken sollte es sein – andernfalls bereitet die Kombination aus 367 PS, wenig Traktion und einer gnadenlos einschreitenden Antriebsschlupfregelung dem Spaß ein frühes Ende.

Ganz anders der VW: Dank Allradantrieb lassen sich seine PS fast immer und überall problemlos in Vortrieb umsetzen – ein wesentlicher Vorzug, auch wenn man beim Phaeton das Angebot abseits gut ausgebauter Pisten gern auf sich beruhen lässt. In schnell gefahrenen Kurven plagt den kopflastigen Phaeton nämlich kräftiges Untersteuern, wobei die Neigung zum Geradeausschieben bei Nässe beängstigende Ausmaße annehmen kann. Auch die beschleunigte Fahrt auf ondulierten Fahrbahnen ist keine Lust, denn dann beeinträchtigen langhubige Vertikalbewegungen das Wohlbefinden, und aus den Tiefen der Radaufhängung dringen dumpfe Poltergeräusche (VW verspricht diesbezüglich Nachbesserungen an der Hinterachse). Der Griff zur serienmäßigen Dämpferverstellung hilft da wenig. Die beiden härteren der vier Wahlmöglichkeiten bieten zwar geringe Vorteile im Handling, ruinieren aber das Ansprechverhalten der Federung. Die Lösung: langsamer fahren und den Phaeton soft genießen. Im Übrigen bleibt die Gewissheit, dass man jederzeit könnte, wenn man wollte, denn in den Fahrleistungen liegen Phaeton und S 600 gleichauf. Warum es trotz der 53 Mehr-PS nicht für einen Vorsprung reicht, enthüllt die Waage: Mit satten 2420 Kilogramm macht der VW den größeren Mercedes (2041 kg) schon fast zu einem Vorbild an Leichtbau. Da braucht man sich auch über den strammen Appetit nicht zu wundern: Mit durchschnittlich 17,3 L/100 km verschlingt der Phaeton 1,5 Liter mehr als der S 600, dem obendrein die Tatsache hilft, dass im Teillastbereich sechs seiner zwölf Zylinder außer Kraft gesetzt werden. Das verdient Lob, aber es genügt nicht, weil der VW insgesamt mehr bietet: mehr Prunk, mehr Luxus, mehr angetriebene Räder und deshalb mehr Punkte, exakt das, was dem Mercedes fehlt – vorläufig. Im September kommt die verbesserte S-Klasse: mit mehr Prunk, mehr Luxus, Allradantrieb für Sechs- und Achtzylinder auf Wunsch und einem neuen 500-PS-V12-Biturbo.

Fazit

1. VW - Phaeton W12 4Motion 4-sitzig
521 Punkte

Der Phaeton ist nicht nur Luxus, er bietet auch Luxus: Reisekomfort und Ausstattung sind vom Feinsten. Hinzu kommt der Vorteil des Allradantriebs. Weniger erfreulich: der hohe Verbrauch und das träge Handling in Kurven.

2. Mercedes S 600 L
518 Punkte

Mehr Platz im Fond und bessere Fahreigenschaften sind seine wesentlichen Vorzüge. Aber der Qualitätseindruck enttäuscht, der Geräuschkomfort ist bescheiden, und mangels Traktion ist die Leistung nur bei schönem Wetter nutzbar.

Technische Daten
VW Phaeton W12 4Motion 4-Sitzer Mercedes S 600 L
Grundpreis 110.250 € 114.956 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 5055 x 1903 x 1450 mm 5158 x 1855 x 1444 mm
KofferraumvolumenVDA 500 l 500 l
Hubraum / Motor 5998 cm³ / 12-Zylinder 5786 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 309 kW / 420 PS bei 6000 U/min 270 kW / 367 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h 250 km/h
0-100 km/h 6,7 s 6,6 s
Verbrauch 15,7 l/100 km 13,5 l/100 km
Testverbrauch 17,3 l/100 km 15,8 l/100 km
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