Wiesmann GT MF4-S im Test

Der Gecko-Blaster kann mehr als nur Brüllen

Wiesmann GT MF4-S, Frontansicht Foto: Rossen Gargolov 13 Bilder

Der Wiesmann GT MF4-S macht mit BMW M3-Achtzylinder und Edelstahl-Abgasanlage ordentlich Musik. Doch das Kleinserien-Coupé mit 420 PS und Doppelkupplungsgetriebe kann mehr. Der Automobil-Gecko aus Dülmen im Einzeltest.

Milde 25 Grad und einsetzende Dämmerung. Die meisten seiner Artgenossen erwachen jetzt erst richtig. Langsam kriecht die wohl seltenste unter den rund 700 Gecko-Arten aus ihrem Versteck. Nicht zischelnd, sondern V8-raunend. Nicht Insekten vertilgend, sondern Super Plus schlabbernd. Nicht tag- oder nachtaktiv, sondern allzeit bereit. Der Wiesmann GT MF4-S ist anders und doch im Zeichen des Geckos unterwegs.

Auch auf dem erstmals auf dem Genfer Autosalon 2010 präsentierten S-Modell der MF4-Baureihe findet sich das für Wiesmann-Boliden charakteristische Logo mehrfach wieder. Eine zusätzliche Frontlippe, ein auf Knopfdruck oder ab 120 km/h automatisch aufklappender Heckflügel sowie ein modifiziertes Beleuchtungsdesign heben den Wiesmann GT MF4-S von seinem kleineren Modellbruder optisch ab. Unter der Karosserie aus glasfaserverstärktem Verbundwerkstoff arbeitet ein Mix aus bewährter Technik und neuen Komponenten.

MF4-S mit BMW M3-Achtzylinder

Das bereits im Rahmen des 24-Stunden-Rennens 2002 auf der Nordschleife in einem Wiesmann GT-Rennfahrzeug erprobte und bis heute in allen Wiesmann MF4 und MF5 verbaute Aluminium-Monocoque liefert auch das Grundgerüst für den Wiesmann GT MF4-S. Anders als im MF4 agiert im MF4-S nicht der 4,4-Liter-V8 mit Biturbo-Aufladung und 407 PS, sondern der Vier-Liter-Sauger aus der aktuellen BMW M3-Baureihe mit 420 PS.

Doch bevor der Startknopf den ersten Funken versprüht, um das anschließende Hochdrehzahl-Feuerwerk zu entfachen, will die elegante Coupé-Schönheit erst einmal geentert werden. Man muss zwar nicht den gleichen Yoga-Akrobatik-Kurs wie Lotus Elise-Piloten besuchen, um das knapp über Lkw-Radnaben schnüffelnde Gefährt zu besteigen, Gelenkigkeit ist aber auch beim Einstieg über den breiten Türschweller und durch die enge Türluke des Wiesmann GT MF4-S von Vorteil.

Enges Cockpit im edlen Gecko

Wer in seiner Freizeit des Öfteren Formel-Monoposti bewegt, fühlt sich im Edel-Exoten Wiesmann GT MF4-S sofort wohl. Wer zuvor nur Hummer mit einer scheinbaren Zeitzonenverschiebung zwischen Fahrer- und Beifahrersitz gefahren ist, dem sei gesagt, dass es sich in der Wiesmann-Kanzel deutlich enger lebt. Die gewölbte Dachpartie, die Türverkleidungen und der breite Getriebetunnel umschließen Fahrer und Beifahrer so eng wie eine Bauchbinde eine Zigarre.

Einmal Platz genommen, passt der Wiesmann GT MF4-S wie ein perfekter Schuh. Dicht über dem Asphalt hocken die Insassen in perfekt geformten Sportsitzen (Aufpreis 2.375 Euro). Die tiefe Sitzposition schafft Renn-Ambiente, während der Blick über die massiv gewölbten Kotflügel und die Motorhaube in die Sportwagen-Ära der sechziger Jahre zurückversetzt. Retro-Flair verbreiten auch die für Wiesmann typischen analogen Rundinstrumente für Tankfüllung, Wasser- und Öltemperatur, Öldruck und Außentemperatur (statt Analoguhr, Aufpreis 240 Euro) sowie Drehzahlmesser und Tachometer.

Von Null auf 100 in vier Sekunden

Digitale g-Kraft- Anzeigen wie im Nissan GT-R sind im Wiesmann GT MF4-S so weit weg wie der Wiesmann-Produktionsstandort in Dülmen vom Nissan Headquarter im japanischen Yokohama.  Und noch etwas aus einer lang vergangenen Autoepoche streichelt im Wiesmann GT MF4-S die Fahrerseele. Kein nervtötendes Bimmeln für Parkpiepser, Licht und Gurte stört hier die Harmonie zwischen Fahrer und Fahrzeug. So eine Ruhe ist im Elektronik-Zeitalter heute leider in kaum einem Neufahrzeug noch zu finden. Klick, Anlasserrasseln, zurück in der Neuzeit. Ein verchromter Wiesmann-Startknopf erweckt den Gecko zum Leben.

Bei der nächsten Ausfahrt lassen wir für alle BMW M3-Fans der E90-V8-Baureihe ein Aufnahmegerät mitlaufen. Dämmmattenfrei, ungefiltert, sexy-heiser brüllt der Wiesmann GT MF4-S die Achtzylinder-Hymne durch die zweiflutige Edelstahl-Abgasanlage. Doch das BMW-Herz sorgt nicht nur akustisch für eine feine Wiesmann-Symphonie. Mit 4,0 Sekunden von null auf 100 km/h unterbietet das 1.363 Kilogramm schwere Coupé nicht nur seine Werksangabe um vier Zehntelsekunden, sondern schlägt seinen Organspender M3 ebenfalls deutlich (schnellster Serien-M3 mit DKG im sport auto-Test: 5,0 Sekunden).

MF4-S schlägt vergleichbaren BMW M3

Nach 13,6 Sekunden sprintet der Wiesmann GT MF4-S auf Tempo 200. Ein motor- und getriebetechnisch vergleichbarer M3 rennt da gerade einmal über die 180-km/h-Marke – der besseren Aerodynamik und des Gewichtsvorteils von knapp 300 Kilogramm sei Dank. Das für 6.465 Euro Mehrpreis erhältliche Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe fügt sich dabei angenehm in die MF4-S-Choreographie ein. Entweder entspannt im automatisierten D-Modus cruisen oder manuell per Schaltwippen oder Wählhebel schalten – für jeden Einsatz ist das Coupé gerüstet.

Eine emotionale Momentenüberhöhung beim Schalten im Sportmodus, feurige Zwischengassalven beim Runterschalten und aufblitzende Schaltbalken im Display sorgen auch ohne das serienmäßige, manuelle Sechsganggetriebe für kerniges Sportwagenflair im Wiesmann GT MF4-S. Stichwort „kernig“: Wer das früh regelnde DSC abschaltet, den erwartet ein Sportwagen mit längst vergessenen Sitten.

Provozierter Gecko zuckt mit dem Heck

Bei der Fahrt gen Grenzbereich sollte die Regelelektronik besser nur auf Rennstrecken mit entsprechenden Auslaufzonen deaktiviert werden. Wer den Wiesmann GT MF4-S nach dem zackig-direkten Einlenkverhalten mit dem kleinsten Lastwechsel provoziert, wird vom Gecko mit einem aufgeregt zuckenden Heck bestraft. Gas lupfen ist im Wiesmann eine Sünde. 

Das Einknicken des schmucken Hinterteils vermeidet der Fahrer am besten durch einen kontinuierlich unter Last gehaltenen Fahrzustand. Dann tendiert der Wiesmann GT MF4-S sogar leicht zum Untersteuern. Cup-Pneus statt der aufgezogenen Michelin Pilot Super Sport-Bereifung könnten das Gripniveau und die Traktion noch weiter verbessern. Für die Fahrt auf der Landstraße oder bei Nässe hingegen sollte das DSC wieder aktiviert werden.

Wiesmann ist ein rasendes Kunstwerk

Noch ein Kuriosum: Der Wiesmann GT MF4-S läuft serienmäßig ohne ESP aus der Manufaktur in Dülmen. Ein gut gemeinter Ratschlag unsererseits: Bei Interesse am Automobil-Gecko die Dynamic Stability Control für saftige 2.985 Euro auf jeden Fall mitbestellen. Mit deaktiviertem DSC umkurvt der Wiesmann GT MF4-S den Kleinen Kurs von Hockenheim mit einer Rundenzeit von 1.13,2 Minuten genau eine Sekunde schneller als der letzte von sport auto gemessene Serien-BMW M3 (Heft 7/2010).

Der Münchner Organspender punktet dabei mit einer deutlich entspannteren Fahrbarkeit im Grenzbereich als der Kleinserien-Exot. Im Wiesmann-Portfolio reiht sich der Wiesmann GT MF4-S zeittechnisch direkt zwischen seinen Verwandten Roadster MF3 mit Michelin Michelin Pilot Sport (1.15,2 min) und dem 507 PS starken Roadster MF5 mit Cup-Bereifung (1.12,7 min) ein. Doch mal ehrlich: Die Faszination steht oder fällt bei einem Wiesmann nicht mit dem einen oder anderen Zehntel auf der Rennstrecke.

Über 400 verschiedene Lederarten, diverse Ziernähte oder individuelle Lackierungen – fast ausschließlich in Handarbeit entsteht mit dem Wiesmann GT MF4-S in 350 Stunden ein seltenes Automobil-Kunstwerk. Ob bei Tag oder bei Nacht – den fahrenden Gecko trifft man im Straßenbild so selten an wie hierzulande seine lebenden Artgenossen.

Technische Daten
Wiesmann GT MF4-S Coupé 4.0 V8
Grundpreis 186.475 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4220 x 1860 x 1200 mm
Hubraum / Motor 3999 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 309 kW / 420 PS bei 8300 U/min
Höchstgeschwindigkeit 293 km/h
0-100 km/h 4,4 s
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