Großer Winterreifentest 2011

Bieten Premium-Marken Premium-Sicherheit?

Winterreifentest, Schneelandschaft Foto: Reinhard Schmid 35 Bilder

Winterreifen von 14 Marken stellen sich dem großen Vergleichstest auf Schnee, bei Nässe und auf trockener Straße. Sind die teuersten Pneus auch die besten?

Im Internet nach dem geeigneten Reifen suchen, ist empfehlenswert. Hier wird das Ergebnis nach Preisen sortiert, außer es wird eine andere Rangordnung angeklickt. Die Billigsten stehen ganz oben. Der Verbraucher will es offensichtlich so, der Euro spielt bei der Reifenwahl in den meisten Fällen eine dominierende Rolle.

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Bei auto motor und sport ist das anders: Wir nennen zwar die üblichen Marktpreise, beziehen sie aber nicht in die Wertung mit ein. Da zählen nur klassische Qualitätskriterien, wobei die sicherheitsrelevanten Eigenschaften am höchsten bewertet werden.

160 Euro lassen pro Winterreifensatz sparen

Allerdings: Der Blick auf die Preise enthüllt Unterschiede, die einen nachdenklich stimmen können. Während die Premiumprodukte in der getesteten Dimension 205/55 R 16 sich einheitlich um 130 Euro bewegen, werden für die Vertreter weniger renommierter Marken Preise im 90- Euro-Bereich aufgerufen. 160 Euro weniger ausgegeben bei einem Satz – da lohnt sich schon genaueres Hinsehen. Zumal manche der Billigvertreter von etablierten Konzernen kommen. So entsteht der Sava-Reifen etwa bei einer zu Goodyear gehörenden Firma.

Ganz neu im Vergleich ist der Apollo aus Indien, der mit vergleichsweise bescheidenen Erwartungen ins Rennen geht. „Wenn wir im Mittelfeld landen, sind wir vorerst zufrieden“, sagt Apollo-Techniker Peter Becker, der früher bei Dunlop gezeigt hat, wie vertraut ihm das Thema Winterreifen ist. Die Platzierung im Test macht zwar deutlich, dass an den Schnee- und Nässe-Eigenschaften des Apollo noch gearbeitet werden muss, aber immerhin positioniert sich dieser Reifen deutlich vor dem japanischen Falken und dem aus Indonesien stammenden GT Radial. Der erzielt allein auf trockener Fahrbahn brauchbare Ergebnisse, aber bei Nässe offenbaren sich Schwächen.

GT Radial als Winterreifen nicht empfehlenswert

Auf Schnee schließlich beweisen unbefriedigende Traktion und ein zu langer Bremsweg, dass der Verbraucher in diesem Fall am falschen Ende sparen würde. Das auto motor und sport-Prädikat „Empfehlenswert“ erhalten unter den preisgünstigeren Winterreifen der japanische Toyo, der Sava sowie der Fulda, der ebenfalls zur großen Goodyear-Familie gehört. Beide überzeugen mit ausgezeichneten Schnee-Eigenschaften, kommen aber sowohl auf nasser als auch trockener Straße nicht an die Testresultate der Premium-Gilde heran. Hier sind es jeweils die zu langen Bremswege auf nasser und trockener Straße, die wegen der hohen Gewichtung der Bremskriterien das Punktekonto belasten.

Auch der Vredestein sortiert sich bei den Empfehlenswerten ein, was für die indische Apollo-Company einen Erfolg darstellt. Denn die hat sich die niederländische Firma einverleibt.

Die Kunst, im Reifentest ganz nach vorne zu kommen, besteht darin, unter allen Straßenbedingungen ein optimales Ergebnis zu erreichen. Oder zumindest in einem Bereich derart nachhaltig zu glänzen, dass in der Punktewertung leichte Schwächen unter bestimmten Bedingungen ausgeglichen werden können.

Winterreifen Nokian WRD 3 mit kürzestem Bremsweg

Das beste Beispiel dafür ist der neue finnische Nokian-Reifen vom Typ WRD 3, der zwar auf nasser Straße vor allem wegen dürftiger Aquaplaning-Resultate nur ein vergleichsweise bescheidenes Ergebnis erzielt, aber auf Schnee mit dem kürzesten Bremsweg, der besten Traktion und einem höchst gutmütigen Fahrverhalten klar die Maßstäbe setzt: 100 von 100 möglichen Punkten für den Nokian, der auf dem schneebedeckten Handlingkurs nicht nur die beste Rundenzeit erzielt, sondern sich dabei auch besonders mühelos und präzise fahren lässt.

Als nahezu perfekter Allrounder präsentiert sich der ebenfalls neue Ultra Grip 8 von Goodyear. Er kommt auf den Schneeprüfungen sehr dicht an den dominierenden Nokian heran, leistet sich aber auch auf nasser und trockener Straße keine nennenswerten Schwächen. Ein bis in den Grenzbereich leicht beherrschbares Fahrverhalten zeichnet den Goodyear aus, als einzigen Schwachpunkt können die Tester nur den auf trockener Straße nicht optimalen Bremsweg ermitteln.

Goodyear vor Continetal und Michelin

Sehr ausgewogen zeigt sich auch der Continental TS 830. Auf Schnee kommt er zwar nicht ganz an das Spitzenniveau heran, aber auf Nässe beweist er erstklassige Fahrqualitäten. Gegenüber dem Goodyear handelt sich der Continental einen deutlichen Punkterückstand ein, er schlägt damit nur ganz knapp die Nummer drei, die ebenfalls zu den Neuentwicklungen gehört. Sie stammt von Michelin, was insofern bemerkenswert ist, als die Reifen der französischen Firma in der Vergangenheit nicht unbedingt durch ungewöhnlich gute Schnee-Eigenschaften auffielen. Der Michelin Alpin 4 hat hier einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht, ohne die traditionelle Michelin-Stärke der sehr guten Fahreigenschaften bei trockener Straße zu vernachlässigen.

Zu den besonders Empfehlenswerten gesellt sich schließlich noch der Dunlop D4, der den Kreis der aus dem Goodyear-Konzern stammenden Reifen auf vier erhöht. Er leistet sich keine Schwächen, brilliert aber auch nicht in einzelnen Disziplinen wie sein jüngerer Goodyear-Bruder, der beispielsweise bei Aquaplaning neue Maßstäbe zu setzen vermag.

Die Preisfrage allerdings stellt sich in diesem Fall nicht. Sowohl Goodyear als auch Dunlop gelten als die Premium-Marken im Konzern, was sich in nahezu identischen Preisen niederschlägt. Zu den teuren Pneus, wen wunderts, gehören beide. Gemein ist ihnen auch ein nahezu identischer Rollwiderstandsindex. Dessen Messung, die auf einer Trommel erfolgt, beweist im Übrigen, dass an einem weit verbreiteten Vorurteil nichts dran ist: Winterreifen weisen keinen höheren Rollwiderstand als Sommerreifen auf, doch gibt es gerade in diesem für den Verbrauch wichtigen Kriterium recht große Unterschiede. Der Pirelli markiert hier die Spitze, der Bridgestone LM 32 trotz neuerlicher Überarbeitung das Schlusslicht. Da wird es Zeit für einen Nachfolger, damit nicht nur der Preis im Premium-Segment liegt.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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