Sportscars & Tuning 2018 Dorf Reportage
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Sportscars & Tuning 2018 Dorf Reportage 15 Bilder

Tuning-Szene abseits der Metropolen

Fresse polieren für die Karre

Die Headline klingt dramatisch, oder? Glaubt man den Szene-Schwarzmalern, ist die Tuning-Gemeinde aber auch in einer dramatischen Lage. Oder gibt es noch ein Stück tiefergelegte, heile Welt?

Die gute Nachricht vorne weg: Es gibt sie, man muss halt nur ein bisschen suchen. Weg von den glitzernden Metropolen, in denen sich neureiche Yuppies einen Vinyl-Streifen auf den Lambo pappen und bereits von Tuning sprechen. Weg von den AMG-, M GmbH- und Audi Sport-optimierten PS-Protzen mit Hersteller-Garantie. Es geht auf’s Land – genauer gesagt in den Kraichgau; eine 1.630 km² große Hügellandschaft im Nordwesten von Baden-Württemberg. Dort, zwischen den Mittelzentren Bruchsal und Bretten, pulsiert sie noch, die Tuning-Szene. Und wir sprechen hier längst nicht mehr nur von Klarglas-Rückleuchten an Dreier-Gölfen mit schiefen Riesen-Endrohren. Hier lebt eine aktive Communitiy, die sich professionalisiert hat.

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Patrick Lang
Die Faszination an unscheinbaren Autos, die so aufgemotzt sind, dass man damit Porsche-Fahrer in eine Existenzkrise jagen kann – das ist es, was den Reiz am Tuning für die jungen Existenzgründer ausmacht.

Perfekt illustrieren lässt sich das an den Brüdern Dominik und Kevin Hunzinger, die gerade die Werkstatt mit dem unscheinbar braven Namen „SK Reifenservice“ übernommen haben. „Der Trend in der hiesigen Szene geht immer mehr zu extremen Umbauten. Tief, tiefer und noch tiefer muss es sein, und das bedienen wir natürlich“, grinst Werkstatt-Chef Dominik. Der 31-Jährige hat zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt, und das Geschäft läuft schon jetzt so gut, dass sie über eine Erweiterung ihrer Räumlichkeiten nachdenken. Die Faszination an unscheinbaren Autos, die so aufgemotzt sind, dass man damit Porsche-Fahrer in eine Existenzkrise jagen kann – das ist es, was den Reiz am Tuning für die jungen Existenzgründer ausmacht. Filme wie die Fast & Furious-Reihe tun ihr Übriges; und so hat sich zur Eröffnungsfeier eine illustre Schar an modifizierten Autos in der breiten Einfahrt versammelt.

Wild und professionell

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Patrick Lang
„Die Szene ist auf dem Dorf noch viel wilder, würde ich sagen. Du fährst hier durch Käffer, die aus vier Häusern bestehen, und dann steht da trotzdem immer ein GT86 mit riesen Flügel oder ein asozial tiefer Golf“, scherzt Sebastian.

Ein besonders auffälliges Exemplar gehört dem 24 Jahre alten Sport- und Fitnesskaufmann Sebastian Schneider aus Bretten. Der aufwändig folierte Audi S3 hängt dank Airride-Fahrwerk so tief über dem Asphalt, dass die ausgedruckte Liste der TÜV-eingetragenen Umbauten vermutlich nicht mehr drunter passt. Auf besagter Liste finden sich neben diversen Carbon-Anbauteilen natürlich standesgemäße 19-Zöller und eine Leistungssteigerung auf 380 PS. „Die Szene ist auf dem Dorf noch viel wilder, würde ich sagen. Du fährst hier durch Käffer, die aus vier Häusern bestehen, und dann steht da trotzdem immer ein GT86 mit riesen Flügel oder ein asozial tiefer Golf“, scherzt Sebastian, der laut eigener Aussage nie in eine Stadt ziehen würde. Rund 10.000 Euro hat er in das Tuning seines S3 investiert. Das wird teilweise durch eine Instagram-Partnerschaft mit dem Tuner refinanziert. Müsste er gar nicht auf’s Geld schauen, stünde ein Lamborghini in seiner Einfahrt.

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Patrick Lang
Wie sie sich so einen Schlitten leisten könne, fragen wir. „Mit Fresse polieren“, antwortet die Zahnarzthelferin strahlend.

Bei Michael Schmitteckert dagegen sind Komfort und Alltagstauglichkeit zwei – hier zugegebenermaßen unübliche – Anforderungen an sein Auto. Weil der 33-jährige Landwirt hin und wieder auf’s Feld raus muss, hat er seinen Kia Ceed GT mit einer Anhängerkupplung ausgestattet und nicht gar so tief abgesenkt. „Ich habe ein Vmaxx-Fahrwerk verbaut, mit dem komme ich imme rnoch gut überall hin. Da macht die Bastuck-Abgasanlage schon mehr auf Krawall“, erzählt uns der ehemalige Golf GTI-Fahrer. So ist das halt auf dem Land – da müssen Leidenschaft und Nutzwert bisweilen Hand in Hand gehen. Gerade, als sich diese Erkenntnis im Bewusstsein manifestiert, rollt ein bodentiefer weißer Audi A5 mit RS-Felgen auf den Platz. Am Steuer sitzt die 25-jährige Daniela Sauter. Wie sie sich so einen Schlitten leisten könne, fragen wir. „Mit Fresse polieren“, antwortet die Zahnarzthelferin strahlend. Charmant. Zum Tuning habe sie über ihren Freund gefunden, eben jener ruft uns zu, dass da eigentlich noch ein Airride-Fahrwerk reingehört, und Schalensitze und ein Käfig dazu. „Nix da, dann hab ich ja keinen Kofferraum mehr. Jetzt werden erstmal die Felgen roségold und dann schauen wir weiter“, verrät uns die Audi-Pilotin.

Speed Buster BMW M5
Tuning


Etwas weiter hinten unter einem Pavillon sitzt die Truppe von AFS Strahltechnik – ein weiteres Indiz für die Professionalität der ländlichen Tuning-Szene. „Zu uns kommen oft Leute, die ihr Auto auf den ersten Blick tipptopp aufgebaut haben. Und dann macht ihnen der TÜV-Prüfer einen Strich durch die Rechnung, weil der Unterboden vor sich hin gammelt“, berichtet Inhaber Andreas Friebolin. Sein Unternehmen hat sich auf die Fahrzeug-Sanierung mit Trockeneis spezialisiert. Eine Technik, mit der sich laut eigener Aussage fast jede Karosse retten lässt, natürlich gefolgt von einer sachgemäßen Wiederaufbereitung der betroffenen Teile.

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Arturo Rivas
Ein Blick übers Areal: BMW E30, Baby-Benz, Gölfe verschiedener Generationen – die Jungs sind markenoffen, wer mitmachen will, muss vor allem menschlich passen.

Auffallen im Straßenverkehr

Szenen-Wechsel – also geografisch, nicht inhaltlich. Direkt an der Bundesstraße 35 bei Bretten strahlt das Neonlicht einer Tankstelle blau in die Dämmerung. Freitagabend ist die Aral der Treffpunkt für die Tuning-Freaks aus der Region. „Wer beim Speedbump an der Einfahrt nicht aufsitzt, hat hier nichts verloren“, stellt Bastian Schmidt aus Oberderdingen lachend fest. Satt ihre Kohle in der Kneipe zu verjubeln, versammeln sich die Mitglieder von Bodylowtion hier mit Energydrinks bewaffnet um ihre Autos. 36 feste Mitglieder sind es mittlerweile, der Einzugsbereich reicht von Heilbronn bis Vaihingen Enz. Ein Blick übers Areal: BMW E30, Baby-Benz, Gölfe verschiedener Generationen – die Jungs sind markenoffen, wer mitmachen will, muss vor allem menschlich passen. Diskriminierungen wegen Herkunft oder Religion gibt es nicht – für so was ist bei Bodylowtion kein Platz.

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Arturo Rivas
Einmal pro Jahr veranstaltet die Crew ein Treffen – natürlich dient auch hier die Aral-Tankstelle als Location. Die Eintrittsgelder werden traditionell gespendet.

Im persönlichen Gespräch wird sofort klar, das ist eine extrem lässige Truppe. Wer aber nur einen schnellen Blick auf die Typen mit den lauten Karren, den Snapbacks und Hoodies wirft, könnte eventuell lieber spontan die Straßenseite wechseln wollen. Da fragt man sich, wie es so ankommt, wenn ein ganzer Trupp abends die Tankstelle bevölkert. „Wir kommen eigentlich ganz gut an. Mit Frau da Silva, der Tankstellen-Pächterin, verstehen wir uns gut und wir sind sehr dankbar, dass wir uns auf ihrem Gelände treffen dürfen“, beschreibt der 37-jährige Fuat Taflan das harmonische Miteinander. Kein Wunder, denn wenn mal ein Tankstellen-Kunde Probleme mit dem Auto hat, sind die Jungs gleich mit helfender Hand zur Stelle. So sieht Image-Pflege in der Tuning-Szene aus, und es kommt noch besser: Einmal pro Jahr veranstaltet die Crew ein Treffen – natürlich dient auch hier die Aral-Tankstelle als Location. Die Eintrittsgelder werden traditionell gespendet. Kindergärten, die Lebenshilfe, Kirchen, Moscheen, ein Kinder-Hospiz – auch bei den Empfängern spielt Gesinnungs-Diskriminierung keine Rolle. „Wir haben dieses Jahr für alle Erstklässler in der Region kleine Warnwesten machen lassen, damit sie in der dunklen Jahreszeit sicher zur Schule kommen“, erzählt Fuat nicht ohne Stolz. Auf den Westen steht „Bodylowtion – Auffallen im Straßenverkehr“ – auf der Coolness-Skala schon einige Punkte oberhalb von ABC-Schützen-Mützen.

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Arturo Rivas
Der Grundstein für die Community wurde schon 2013 gelegt, damals noch mit überschaubaren drei Leuten.

Die Umbauten an den Autos machen die meisten Mitglieder der Bodylowtion-Truppe selbst. „Wir haben einen Lackierer bei uns und ein paar Leute mit Gewerbeschein, die etwas billiger an Fahrwerksteile kommen. Sonst könnte man das ja gar nicht alles bezahlen“, verrät Bastian. Der Grundstein für die Community wurde schon 2013 gelegt, damals noch mit überschaubaren drei Leuten. Befreundete Clubs haben dann mit Verlinkungen in den sozialen Netzwerken zum Wachstum beigetragen. Beim diesjährigen Treffen kamen rund 1.000 Besucher auf das Aral-Gelände und den Parkplatz des angrenzenden Graf-Hardenberg-Autohauses. Wer Gefallen findet, kann über Facebook sogar Merchandise kaufen, oder einfach mal selbst freitags zur Aral-Tankstelle in Bretten kommen. Dort treffen sich Leute, die so erfrischend viel Leidenschaft für ihre Autos haben, dass man am liebsten selbst direkt per Smartphone 20-Zöller bestellen möchte. Da können sie mit ihren beklebten Supersportwagen gerne auf den Stadtautobahnen der Metropolen bleiben. Hier auf dem Land muss die Karre schleifen – wenn eine Hand drunter passt, dann ist es ein Bus. Und genau da haben wir’s: das Stück tiefergelegte heile Welt.

Techart Panamera Hybrid Grand GT Porsche
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