Redner ams Kongress 2018 Ola Källenius Alexander Fischer

Dieter Zetsche ist jetzt Rentner

Das ist der 5-Punkte-Plan des neuen Daimler-Chefs

Börsenwert erhöhen, Rendite verbessern: Der Aufsichtsrat gibt Ola Källenius direkt große Herausforderungen auf den Weg. Um sie zu bewältigen, muss Daimler sparen, seine Allianzen vertiefen – und womöglich Personal abbauen.

Dieter Zetsches Augen schimmerten glasig, während der scheidende Daimler-Boss von seinem Aufsichtsratschef Manfred Bischoff das wortreiche Lob für seine Lebensleistung „beim Daimler“ bekam. Der Abschied fällt ihm anscheinend doch nicht so leicht wie gedacht. Zetsche hatte heute auf der Daimler-Hauptversammlung seinen letzten offiziellen Termin als Vorsitzender des Vorstands der Daimler AG und übergab die Konzernleitung in die Hände seines Nachfolgers Ola Källenius, den bisherigen Entwicklungsvorstand von Mercedes-Benz Cars.

Ein Unternehmen mit bröckelnden Gewinnen

Ola Källenius wurde vom Aufsichtsrat für die Dauer von fünf Jahren zum Konzernchef der Daimler AG und zum Leiter von Mercedes-Benz Cars bestellt. An seiner Seite in den nächsten fünf Jahren: Harald Wilhelm als neuer CFO, der seit April in seine Aufgabe als Finanzvorstand des Konzerns eingearbeitet wurde. Er wurde nur für drei Jahre verpflichtet, vielleicht weil er eigentlich frischen Wind von extern nach Stuttgart bringen soll. Aber Achtung: Zu frisch darf es den Betriebsräten rund um ihren Anführer Michael Brecht wohl doch nicht werden. Harald Wilhelm war zuvor Chief Financial Officer von Airbus.

Ähnlich wie Zetsche 2006 bei seinem Amtsantritt finden Källenius und Wilhelm bei Daimler ein Unternehmen mit bröckelnden Gewinnen und rasant wachsenden Ausgaben vor. Der Aufsichtsrat hat ihnen deshalb als Ziel mit höchster Priorität die Steigerung des Börsenwerts in die Zielvereinbarungen diktiert. Die Daimler-Aktie hat sich in den letzten 13 Jahren während der Zetsche-Ära schlechter entwickelt als die Börsenwerte von BMW und Volkswagen. Für ein Unternehmen mit dem Slogan „Das Beste oder nichts“ ist das völlig inakzeptabel. Källenius hofft, dass der Fahrzeugabsatz im Geschäftsjahr 2019 wieder leicht ansteigt. Trotzdem wird im Geschäftsfeld Mercedes-Benz Cars die Umsatzrendite nur zwischen sechs und acht Prozent liegen. Immerhin, sie lag schon deutlich darunter. Noch schlimmer ist es bei den Vans: Hier ist nur eine Rendite von null bis zwei Prozent in Planung. Um die Renditen zu erreichen, schiebt der neue Chef entsprechende Sparprogramme an: Sechs Milliarden Euro sollen bei Mercedes bis 2021 gespart werden, weitere zwei Milliarden bei den Trucks.

Ola Källenius AMS1317, Mercedes Entwicklungschef
Andreas Lindlahr
Der Schwede Ola Källenius war zuvor Entwicklungsvorstand und AMG-Chef.

Die 5 schwierigsten Aufgaben für Ola Källenius

Die Losung der Schwaben heißt: sparen, sparen, sparen. Aber die Entwicklungsausgaben haben sich allein in den letzten fünf Jahren jährlich um 50 Prozent erhöht. Die Elektrifizierungsstrategie schlägt mit zehn Milliarden Euro bis 2022 auf den Kassenstand. Die neue Aufstellung des Konzerns als Holding ab 2020 hat 600 Millionen Euro gekostet. Der Dieselskandal erforderte bisher den Rückruf von 740.000 Fahrzeugen und kostete schon „einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag“, so Zetsche. Und könnte noch mehr Kosten nach sich ziehen.

Mit diesen Plänen soll der Stuttgarter Konzern wieder mehr Geld verdienen:

1) Jobabbau

Källenius wird mittelfristig wohl etwa 10.000 Stellen der insgesamt knapp 300.000 Jobs streichen. Neue Jobs warten nur auf Softwareexperten, die bei der Entwicklung von neuen Mobilitätsdienstleistungen unterstützen und beispielsweise an der Programmierung von autonomen Fahrzeugen arbeiten. Eine besondere Stelle strich Källenius auch: Mitte April warf der designierte Einkaufsvorstand Wilko Stark das Handtuch und teilte seinem Chef und dem Aufsichtsrat mit, er werde das Amt als Einkaufsvorstand von MBC und künftig in der Mercedes-Benz AG nicht weiterhin ausführen. Laut interner Quellen wäre der einstige Chefstratege eigentlich eher gerne Entwicklungsvorstand geworden und fand den Bereich Einkauf wohl nicht so attraktiv. Er wird die Autoindustrie nicht verlassen, verriet aber seinen neuen Arbeitgeber noch nicht. Källenius wertete kurzerhand die neue Position von Markus Schäfer als Ressortchef für die Konzernforschung und die Mercedes-Benz Cars Entwicklung auf und machte ihn nun gleichzeitig zum Einkaufsvorstand. Er verantwortet somit gleich zwei Vorstandsbereiche. Das spart sicherlich auch entsprechende Bezüge ein.

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2) Kosten senken

Es drangen Gerüchte an die Öffentlichkeit, dass Källenius die Kosten in den Zentralbereichen des Autobauers um 20 Prozent senken möchte. Dies soll mehrere Milliarden Euro an Effizienzpotenzial heben. Dieser Plan heißt „Move” und soll schon recht weit ausgearbeitet sein. Bis zum Sommer soll das Sparpaket stehen und anschließend exekutiert werden.

3) Anpassung des Modellportfolios

Um für die Entwicklung von teilelektrifizierten und rein elektrischen Fahrzeugen Kapazitäten und Finanzmittel freizuschaufeln, wird die Modellvielfalt von über 40 Modellen und die hohe Varianz unter die Lupe genommen. Källenius will das breite Angebot an Ausstattungsvarianten eindampfen und auch Nischenmodelle überdenken. So feierte beispielsweise das zweisitzige Cabrio SLC bereits seine “Final Edition„. Der SL wird künftig von AMG entwickelt und wird technisch mit dem AMG GT verwandt sein. Bis 2030 soll jedes zweite Fahrzeug einen rein elektrischen Antrieb haben. Aktuell sind allerdings nur SUVs und Limousinen als rein elektrische Fahrzeuge in Planung.

4) Werksauslastungen steigern

Eine Milliarde Euro wollte Daimler in den Ausbau der Kompaktwagenfabrik im ungarischen Keskemet investieren. Im neuen Werksteil ist eine flexible Fertigung von Verbrenner und Elektroautos sowie von Fronantriebs- und Heckantriebsmodellen im Mix möglich. Källenius und Zetsche stoppten kürzlich die Inbetriebnahme des neuen Werksteils und verschoben sie um mindestens ein Jahr. Nach mehr als zehn Jahren des Wachstums lag der Absatz von Mercedes im April weltweit knapp fünf Prozent unter dem Vorjahr. Aus dem Unternehmen ist zu hören, dass es kontraproduktiv wäre, bei sinkenden Absätzen neue Kapazitäten aufzubauen. Der neue Werksteil ist für die Produktion von 150.000 Fahrzeugen pro Jahr ausgelegt. Bis die Kapazität ins Produktionsnetzwerk einfließt, werden lieber die existierenden Werke ausgelastet.

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5) Allianzen ausbauen

Källenius ist ein Teamplayer – und will auch den Daimler-Konzern zum Teamplayer machen. Die Zusammenarbeit mit dem Wettbewerber BMW, anfänglich nur beim Einkauf und seit März in einem Joint-Venture für Mobilitätsdienste, will er mit Nachdruck vorantreiben. Er möchte auch so bald wie möglich mit weiteren Projekten wie einer gemeinsamen Plattform für rein elektrische Kompaktwagen vorankommen. Für Entwicklungen in Richtung autonomes Fahren und einem gemeinsames Elektroniksystem stehen ebenfalls auf seinem Wunschzettel. Angeblich erwägt der neue Konzernchef Källenius auch einen Börsengang der neuen Mobilitätsallianz mit BMW. Das Joint-Venture wird von Analysten aktuell mit sechs Milliarden Euro bewertet. Källenius wird weitere Partnerschaften anstreben. Das scheint sicher. Bis auf die Kooperation mit Renault-Nissan zur Produktion von Smart- und X-Klasse-Modellen machen Källenius Win-Win-Geschäfte Spaß.

Fazit

Zum 1. November 2019 wird der Daimler-Konzern in eine Holding mit den drei selbstständigen Einheiten Mercedes AG, Daimler Truck AG und Daimler Mobility AG umgewandelt. Es ist ziemlich sicher, dass Källenius sich insbesondere beim Auf- und Ausbau der Daimler Mobility AG einbringen wird. Das sind die künftigen Geschäftsfelder, die durch die fortschreitende Digitalisierung überhaupt erst möglich werden. Für die Pkw-Sparte Mercedes AG hat Källenius mehr als ein Dutzend an Strategiegruppen ins Leben gerufen, die an einer „Mercedes-Benz Strategie 2030“ arbeiten.

Eine andere Strategie hat Ola Källenius schon zehn Tage vor seinem Amtsantritt vorgestellt: die Strategie „Ambition 2039“ will bis zum Jahr 2039, also innerhalb der nächsten drei Modellgenerationen, seine Neuwagenflotte so aufstellen, das sie CO2-neutral ist. Und schon 2022 will Mercedes seine Werke in Europa so umrüsten, dass sie alle Fahrzeuge CO2-neutral produzieren.

Der neue Konzernchef legt also auch selbst große Ambitionen an den Tag und scheut sich anscheinend nicht vor den riesigen Herausforderungen, die es kurzfristig zu lösen gilt.

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