Ein Tag im Leben eines Car2go-Autos

Car2go Tagebuch

Car2go-Auto, Impression, Tagesablauf Foto: Dino Eisele 10 Bilder

In den meisten deutschen Großstädten gehören Carsharing-Autos längst zum Alltag. Doch wie der Alltag der kleinen Mobilmacher aussieht, das weiß kaum jemand – bis jetzt.

5.06 Uhr: Mein Bordcomputer zeigt vier Grad Außentemperatur und 38 Prozent Batterieladung. Seit Stunden stehe ich am Stuttgarter Flughafen, der Regen zieht dünne Fäden. Meinem Akku passen diese Temperaturen überhaupt nicht – und mir auch nicht. Die nasse Kälte sitzt mir zwischen den Polstern und den Radmuttern. Zwei Prozent Ladung habe ich zudem schon verloren. Ohne einen Meter gefahren zu sein. Hoffentlich komme ich hier bald weg. Wenn Sie es noch nicht gemerkt haben, ich bin ein Auto – ein Smart der Car2go-Flotte.

5.48 Uhr: Der erste Flieger landet jeden Moment und mit ihm die Passagiere. Gespannt warte ich, was jetzt kommt – und wer. Mit meinem schwachen Akku habe ich gute Karten auf die erste Fahrt. Paradox. Ist aber so. Menschen sind bisweilen komisch. Wenn der Fahrer mich mitnimmt und auflädt, gibt es Freiminuten.

Solardächer? Das wär's!

7.15 Uhr: Es funktioniert. Die zweite Reservierung ging an mich, und es ist meine erste Fahrt heute in den Stuttgarter Süden. Weinsteige. Herrliche Aussicht und ziemlich nobel hier. Nur der rasante Fahrstil des Nutzers stört mich. Ich zeige zwar gern, was in meinem kleinen 55-kW-E-Motor steckt, aber er hat doch gesehen, dass mein Akku fast leer war.

Und dass der Kerl wie wild auf meinem Touchscreen rumdrückt, hätte auch nicht sein müssen. So ein Grobmotoriker. Egal, ich verzeihe ihm, als er mich an eine Ladebuchse anschließt. Mit 29 Prozent wäre mir sonst bald die Puste ausgegangen. Die Sonne kommt raus – was gibt es Schöneres als ein Frühstück bei Sonnenschein. Bis ich voll geladen bin, nehme ich keine Buchungen an und genieße die wärmenden Strahlen. Ob wir wohl irgendwann Solardächer bekommen? Das wär’s jetzt!

Kevin Spacey?

10.02 Uhr: Eben trat eine junge Frau an meine Kotflügel und legte zaghaft ihre Chipkarte über den Sensor auf meine Windschutzscheibe. Wie es scheint, ist das ihre Jungfernfahrt mit einem meiner Sorte. Verdutzt schaut sie sich um, als ich sie nach dem Türöffnen mit "Willkommen bei Car2go" begrüße, und antwortet lachend: "Das ist ja die Stimme von Kevin Spacey!" Sie wirft ihre schwere Tasche mit Büchern auf den Beifahrersitz und dreht die Heizung voll auf. Nächster Halt: Mailänder Platz, Bibliothek – mit einem kleinen Umweg über die Wolframstraße. Dank dieser Baustellen rund um den Bahnhof ist es auch ein Chaos.

10.38 Uhr: Ganz schön was los hier, dabei hat die Einkaufsmeile nebenan doch erst vor einer guten halben Stunde ihre Pforten geöffnet. Aber kurz vor Weihnachten muss das wohl so sein. Von den Kollegen warten auch schon drei auf den nächsten Einsatz.

Über die "Theo" Richtung Stadtmitte

11.33 Uhr: Huch, es zieht. Ich glaube, mein Kofferraum ist offen. An den Mietstart und das Öffnen per App habe ich mich noch immer nicht gewöhnt. Das ist so unpersönlich, wenn die Leute sich nicht mehr die Zeit nehmen, sich von Angesicht zu Angesicht – oder viel mehr von Chipkarte zu Sensor – anzumelden. "In unserer schnelllebigen Branche müssen wir aber mit der Zeit gehen", sagte mal ein Programmierer zu mir. Das ist eben der Fortschritt.

Durch die offene Heckluke wandern zwei Einkaufstüten in den Kofferraum und durch die beiden Türen ein bärtiger junger Mann und eine hübsche junge Dame auf die Sitze. Gemeinsam rollen wir gemütlich über die Theodor-Heuss-Straße in Richtung Stadtmitte, während er sich fortwährend am Kinn kratzt. "Du musst zum Barbier", sagt sie zu ihm. "Den Bart stutzen lassen."

14.20 Uhr: Auf der Theodor-Heuss-Straße dirigiert mich der Anzugträger zielsicher auf einen E-Auto-Parkplatz mit Ladesäule. Komisch, ich habe doch noch über 50 Prozent Akku. Er muss mich doch noch nicht laden. Moment mal, wo geht er denn jetzt hin? Hier darf ich doch nicht stehen bleiben, wenn ich nicht am Strom hänge. Das gibt sicher wieder einen Strafzettel, und ich bin wieder einmal das Gespött der Truppe. Vielen Dank auch.

Endlich Feierabend

15.01 Uhr: Prima, da hängt er unter dem Wischer. Sagt den Leuten mal, dass ich hier nur parken darf, wenn ich geladen werde.

16.54 Uhr: Eine junge Frau steigt ein, zupft Kopfhörer aus dem Ohr. Inzwischen ist es dunkel, wir steuern Plieningen an, während der steile Weg, die Heizung und das Licht an meinen Batteriereserven zehren.

17.35 Uhr: Endlich angekommen – und Feierabend. Lange wäre das nicht mehr gut gegangen. Ich war schon bei unter 20 Prozent Ladung. Aber sie holt das Kabel aus dem Kofferraum. Dann sage ich für heute auf Wiedersehen. Morgen geht’s weiter.

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