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EU5-Diesel nachrüsten statt Fahrverbot

SCR-Kat bringt im ADAC-Test 50% weniger NOx-Emissionen

EU5 fahrverbot Diesel Foto: ADAC 48 Bilder

Die Emissionen von Euro-5-Diesel lassen sich per Hardware-Update erheblich reduzieren. Laut ADAC liegen die Teile für NOx-Speicherkats und SCR-Systeme für viele Modelle im Hersteller-Regal. Außerdem gibt es Nachrüstsysteme. Die hat der ADAC an gebrauchten Pkw und Transportern getestet. Ergebnis: Der NOx-Ausstoß nimmt so stark ab, dass bei flächendeckender Nachrüstung die Emissionen des Straßenverkehrs um 25 Prozent sinken würden.

20.02.2018 Henning Busse, Dirk Gulde, Andreas Of, Gerd Stegmaier

Der ADAC hat zusammen mit dem Ministerium für Verkehr in Baden-Württemberg zwei Gebraucht-Pkw, einen Opel Astra (J) und eine Mercedes B-Klasse (T245) sowie zwei weit verbreitete Transporter-Modelle, einen VW Bus T5 und einen Fiat Ducato, mit Prototypen-Nachrüstsätzen zur Reduzierung des Stickoxid-Ausstoßes (NOx) gemessen. Das Ergebnis hat der Club am 20.2. 2018 bekannt gegeben: Die NOx-Emissionen lassen sich durch ein nachgerüstetes SCR-System (Selective Catalytic Reduction) mit Harnstoffeinspritzung (Adblue) selbst bei ungünstigen Bedingungen deutlich verringern. Die Bandbreite der Reduktion reicht dabei je nach Modell und Testzyklus von 44 bis 78 Prozent. Da Euro 5-Diesel den Hauptanteil der hierzulande zugelassenen Selbstzünder stellen, könnte bei konsequenter Umsetzung ein NOx-Einsparpotenziale für den Gesamtverkehr von 25 Prozent erzielt werden.

Kosten für Nachrüstsysteme ab 1400 Euro

Der ADAC hat dabei vier Systeme verschiedener Hersteller getestet: Die Mercedes B-Klasse erhielt ein System von Dr. Pley, der Opel Astra eines von TwinTec, wie es auto motor und sport an einem VW Passat getestet hat, der VW T5 wurde mit einer Abgasreinigung von Oberland Mangold versehen, und den Fiat Ducato hat der ADAC mit einem HJS-System upgedatet. Die Kosten für die Systeme liegen laut ADAC inklusive Einbau bei 1400 bis 3300 Euro. Die Vorher-Nachher-Vergleichsmessungen ermittelte der Club wie auto motor und sport (Ergebnisse siehe Bildergalerie) mit mobilen Messgeräten (PEMS) im Straßenbetrieb inner- und außerorts ermittelt (Real Driving Emissions, RDE).

Ausgehend von den Testergebnissen hat der Automobilclub die Wirkung ausgerechnet: Würde man Euro 5-Diesel Pkw flächendeckend mit SCR nachrüsten, könnten die gesamten Emissionen des Straßenverkehrs um bis zu 25 Prozent sinken. „In Kombination mit den Software-Updates der Autohersteller, die neben Euro 5 auch Euro 6-Diesel umfassen, kann die Hardware-Nachrüstung eine NOx-Reduktion von über 50 Prozent bringen. Das reicht für die meisten Städte. Es geht, wenn man will. Die Bundesregierung muss nur den Weg frei machen für die Nachrüstung“, so der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann. Die Bundesregierung hatte bislang ihre Zweifel, ob die Nachrüstung machbar ist. Das Ergebnis zeigt nun, dass dies bei vielen Fahrzeugen möglich ist und eine deutliche NOx-Reduktion erzielt werden kann.

Stadtbusse mit enormem Einsparpotenzial

Aufschlussreich: Im Rahmen des Projekts wurde auch die Wirkung einer SCR-Nachrüstung an einem Stadtbus untersucht. Hier ist das Ergebnis noch eindrucksvoller: Die NOx-Emissionen von EURO-V-Stadtbussen lassen sich durch SCR-Nachrüstung um mehr als 95 % senken. Obwohl in der Stadt viel weniger Busse als Pkw unterwegs sind, könnten die Emissionen des Straßenverkehrs durch die SCR-Nachrüstung in diesem Fall regional um bis zu 3 Prozent verringert werden. Die Nachrüstung eines Busses soll zwischen 10.000 und 15.000 Euro liegen – ein Bruchteil dessen, was bei Neuanschaffungen fällig wird. Auch die oft geforderten Elektrobusse liegen bei mehreren 100.000 Euro, hinzu kommen Investitionen in die Ladeinfrastruktur.

ADAC nennt die Abwehrhaltung der Hersteller „Fake-News“

Die Automobilindustrie lehnt es weiterhin ab, alte Dieselautos nachzurüsten. Hardware-Lösungen seien zu teuer, komplex und langwierig, lautet die Begründung der Marken. „Der Test des ADAC Württemberg hat die Fake News der Industrie endgültig widerlegt: Hardware-Nachrüstung funktioniert“, erklärt Dieter Roßkopf, Vorstandsvorsitzender des ADAC Württemberg. Winfried Hermann sieht nun die Autohersteller in der Pflicht: „Sie haben immer gesagt: Geht nicht, funktioniert nicht, ist zu teuer. Jetzt müssen die Hersteller endlich ran, denn sie haben schließlich die Verantwortung für die Schlechtleistung bei Euro 5-Fahrzeugen und für die schlechte Luft in den Städten.“

Die volle Kostenübernahme lehnt die Autoindustrie kategorisch ab und auch auf Bundesebene sieht man die Kostenfrage anders. Ein Vorschlag sieht die Anschubfinanzierung über Steuermittel vor, andere Pläne eine Dreiteilung der Aufwendungen – ein Drittel soll der Bund zahlen, ein Drittel die Autohersteller und ein Drittel die Fahrzeugbesitzer. Was sich durchsetzen wird, steht noch nicht fest.

Die große preisliche Bandbreite der Nachrüstsysteme von 1400 bis 3300 Euro lässt sich durch Unterschiede bei der eingesetzten Technik erklären. So setzen einige Nachrüster auf ein zusätzliches Heizelement für die Umwandlung der AdBlue-Lösung in Ammoniak, wodurch die volle Reinigungswirkung unabhängig von den Abgastemperaturen funktioniert. Ammoniak entsteht erst bei Abgastemperaturen ab 120, besser 200 Grad, weshalb einfachere Systeme nach Kaltstarts oft nicht ihr volles Potenzial entfalten können.

Auch der Einbau gestaltet sich je nach Fahrzeug-Typ unterschiedlich kompliziert: Hier geht der ADAC von einer Bandbreite zwischen zwei und 15 Stunden aus. Vorgenommen werden könne die Umrüstung jedoch prinzipiell in jeder Fachwerkstatt, da es sich bei den meisten Teilen um Serientechnik handelt, die die Hersteller heute in ihren Euro-6-Dieseln einsetzen. Daher wären Umrüstungen auch kurzfristig durchführbar.

Alle Autos mit Euro 6d-TEMPDiese Modelle fürchten kein Fahrverbot

Leipziger Urteil zu Fahrverboten bringt vielleicht Bewegung

Vielleicht löst sich der Streit bald schnell auf. Sollte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig 22. Februar den Weg frei machen für Diesel-Fahrverbote, muss die Politik schnell reagieren. Auch wenn die Leipziger Bundesrichter nur die Urteile aus Stuttgart und Düsseldorf bestätigten, wirkt sich die Entscheidung auf die gesamte Republik aus. In rund 60 Städten laufen noch Verfahren zu diesem Thema. Auf das Leipziger Grundsatzurteil dürften sich die Gerichte berufen.

Dann sind schnelle gesetzliche Regelungen zur Nachrüstung und zur blauen Plakette nicht mehr fern. Vor allem die blaue Plakette würde den betroffenen Autofahrern einen Aufschub gewähren. Solange hätten sie Zeit zum Nachrüsten oder zum Autotausch.

Im Bundes-Verkehrsministerium hatten sich offenbar schon vor der Bundestagswahl die Befürworter einer Hardware-Nachrüstlösung für Euro-5-Diesel durchgesetzt. „Der Spiegel“ berichtet seinerzeit, dass „externe Sachverständige Dieselmodelle darauf überprüfen sollen, ob die nachträgliche Ausstattung eines Katalysators mit einer Harnstoff-Einspritzung (sogenanntes AdBlue) technisch möglich und finanziell sinnvoll ist.“ Damit solle Druck auf Autohersteller ausgeübt werden, einen Nachrüstsatz anzubieten.

EU-5-Nachrüstung soll Diesel-Fahrverbote vermeiden

Die Einigung sei in einer von vier Arbeitsgruppen erzielt worden, die anlässlich des Dieselgipfels im August 2017 eingesetzt wurden. Es sei aber noch nicht klar, wer für die Nachrüstung bezahle. Ein Teil der Kosten könnte auf die Kunden abgewälzt werden. Verpflichtend wäre der Umbau nicht - aber es soll einen anderen Anreiz dafür geben - die „Aussicht, um Fahrverbote herumzukommen“, berichtet das Nachrichtenmagazin. Wegen erhöhter Stickoxid-Werte in der Luft drohen in einigen deutschen Städten ab 2018 Fahrverbote für Diesel, die nicht die Euro-6-Norm erfüllen. Mit einer Nachrüstung könnten Euro-5-Diesel auf Euro 6 gebracht werden und wären von Fahrverboten ausgenommen.

ADAC: Hardware-Lösungen möglich

Der ADAC war schon lange vor seinem Test im Februar 2018 die Ersatzteillisten einiger Hersteller durchgegangen und hatte festgestellt: Bei Audi, BMW, Mercedes und VW liegen die Teile für eine bessere Abgasreinigung im Regal. Damit könnten einige Euro-5-Diesel per SCR oder NOx-Kat per Hardware-Update auf ein sauberes Abgasniveau gebracht werden.

„Das Argument, Autos könnten nicht mit wirksamen SCR-Systemen nachgerüstet werden, trägt zumindest für deutsche Hersteller überhaupt nicht“, sagt ADAC-Technikchef Reinhard Kolke. Viele gängige Diesel wurden schon vor Jahren gegen Aufpreis mit einer höherwertigen Abgasreinigung verkauft. „Diese Abgasreinigungssysteme liegen also im Ersatzteilregal, sind zugelassen und können verbaut werden“, sagt Kolke der ADAC Motorwelt. Und das sagen die Autohersteller:

BMW: eigenständige Euro-6-Modelle

BMW hat ab 2008 den 330d gegen Aufpreis als Euro-6-Version Blue Performance verkauft. Damit erfüllt der Sechszylinder-Diesel die Abgasnorm Euro 6. Auch 5er, 7er, X3, X5 und X6 konnten die Kunden gegen Mehrpreis mit Euro 6 bestellen, bevor sie ab September 2014 für neue Typzulassungen Pflicht wurde. BMW spricht von eigenständig entwickelten Pilotmodellen, die Technik könne nicht einfach nachträglich in die parallel im Markt angebotenen Euro 5 Serienmodelle „aus dem Ersatzteilregal“ verbaut werden. Neben einem erheblichen Aufwand würde das „auch eine Entwicklung, Absicherung und Neuzertifizierung bedeuten.“ Der Aufwand sei vergleichbar mit einer Umrüstung Heck- auf Allradantrieb, erklärt ein Sprecher des Unternehmens. BMW argumentiert damit, dass für die Hardware-Umrüstung Entwicklungskapazitäten gebunden würden und die Effekte einige Jahre später greifen als jene von Software-Updates.

Mercedes: Motor nicht identisch

Mercedes GLK 220 CDI, Frontansicht Foto: Hans-Dieter Seufert
Den GLK 220 Diesel bot Mercedes parallel mit Euro 5 und Euro 6 an.

Mercedes hat drei Modelle parallel mit Euro-5- und Euro-6-Abgasnorm angeboten. Der E 220 CDI wurde knapp ein Jahr lang parallel mit beiden Abgasnormen produziert, jedoch sei der Motor nicht identisch. Theoretisch umrüsten ließe sich der GLK 220 CDI 4Matic, den es auch als 220 Bluetec 4Matic gab. Beide Varianten leisten 170 PS und sind identisch.

Der Aufwand ist jedoch erheblich: Die komplette Abgasanlage und die Motorelektronik müssten getauscht, ein Adblue-Tank samt Förderleitung eingebaut und die Reserveradmulde umgebaut werden. Die Teile würden ohne Einbau und Mehrwertsteuer 9.500 bis 12.000 Euro kosten.

Euro-6-Varianten waren „kein Renner“

Der Bluetec-GLK war zwischen 2012 und 2015 im Angebot, gekauft haben ihn weniger als zehn Prozent der GLK-Kunden. Das dritte Modell ist der E 350 CDI, den es in zwei Leistungsstufen gab: Mit Euro 5 leistete der Dreiliter-V6-Diesel 195 kW, die Öko-Variante mit 155 erfüllte Euro 6. Bei einem fast identischen Preis war der Euro-6-Diesel kein Renner. Eine nachträgliche Umrüstung erschwert allein schon die Tatsache, dass beide Diesel unterschiedliche Zylinderköpfe haben.

VW: zwei unterschiedliche Autos

Diesel Nachrüstung SCR-Kat VW Passat EU6-Diesel-Nachrüstung im Test City-sauber dank SCR oder GPS-Software

Volkswagen antwortet auf die Frage nach der Möglichkeit des Umbaus eines Passat TDI auf die Technik des Blue TDI: „Es handelt sich um zwei verschiedene Fahrzeuge, es gibt gar keinen Nachrüstsatz.“ Die Abgasnachbehandlung und die Motorsteuerung seien komplett unterschiedlich, ein Umbau würde eine eigene Typzulassung benötigen. Der Grundmotor sei identisch. Laut VW sei der Umbau-Aufwand mit jenem von Diesel auf Benziner vergleichbar und damit nicht vertretbar. Auch der damals berechnete Aufpreis für den Blue TDI entspreche nicht dem, was heute ein Umrüstsatz kosten müsste – wenn es ihn denn gäbe.

Hermann: Hardware-Lösungen nötig

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann sagte der Süddeutschen Zeitung: „Die Software-Nachrüstung wird nicht reichen, um die Luftqualität in den Städten zu verbessern.“ Der Grünen-Politiker Hermann gehe davon aus, dass es auch hardwareseitige Lösungen brauche und dieses Thema nach der Bundestagswahl angegangen werde.

Der Verband der Deutschen Automobilindustrie und einige Politiker hatten Hardware-Updates ausgeschlossen und als zu aufwendig bezeichnet.

Ergebnisse von Real-AbgastestSprinter ist extrem sauber

Diesel mit SCR-Nachrüstung ab Werk

Die Aufpreise für die SCR-Systeme und NOx-Speicherkats lagen zwischen 1.190 und 1.990 Euro. Diese Preise entsprechen nicht den heutigen Ersatzteilpreisen für alle nötigen Komponenten wie SCR-Kat und Adblue-Tank. Sie heißen bei Audi Cleandiesel, bei BMW Blue Performance, bei Mercedes Bluetec und bei VW Clean TDI. Bei BMW handelt es sich um ein NOx-System, die anderen Hersteller nutzen einen SCR-Kat mit Harnstoffeinspritzung. Die Adblue genannte Lösung wird in den Abgasstrang eingespritzt und reduziert so den Stickoxid-Ausstoß.

In der Bildergalerie sehen Sie die aktuellen Ergebnisse der Real-Abgastests von auto motor und sport.

In der Tabelle: Diesel mit Hardware-Nachrüstung ab Werk

Diesel mit Hardware-Nachrüstung ab Werk

MarkeModelleBezeichnungBeispielmodellAufpreisSystem
AudiA4, A8 3,0 TDICleandieselA4 Avant 3.0 TDI (2011)1.350 EuroSCR
BMW1er, 3er, 5er, 7er, X3 20d, 30dBlue Performance320d (2011)1.190 EuroNOx-Speicherkat
BMWX5, X6 30dBlue PerformanceX6 30d (2011)1.990 EuroSCR
MercedesE, G, GLK, GL, M, R, S. 220 CDI, 250 CDI, 350 CDIBluetecE 350 CDI (2011)1.300 EuroSCR
VolkswagenCC, Passat, Tiguan 2.0 TDIBlue TDIPassat 2.0 TDI (2009)1.500 EuroSCR

Quelle: ADAC

Neuester Kommentar

frag mich sollte es wirklich zu einer Nachrüstung aller Deutscher Fabriken kommen,wer zahlt dann für asiatische,und den rest von Europa .

Niemandsland 22. Februar 2018, 07:11 Uhr
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