Kartellamt prüft Benzinpreise

Keine Absprachen, überhöhte Preise

VW Golf TDI Blue Motion Tankstelle Foto: Achim Hartmann

Die großen Fünf im bundesdeutschen Tankstellenmarkt bilden ein marktbeherrschendes Oligopol. Das Bundeskartellamt will jetzt bei der Fusionskontrolle eine ganz harte Linie fahren und fordert auch Unterstützung von der Politik.

Die großen Mineralölunternehmen in Deutschland sprechen ihre Preise nicht ab - aber, sie können laut Kartellamt stillschweigend ein höheres Preisniveau als nötig durchsetzen. Das ist das zentrale Ergebnis der "Sektoruntersuchung Kraftstoffe", die Kartellamts-Präsident Andreas Mundt am Donnerstag in Bonn vorstellte.

"Die Unternehmen verstehen sich ohne Worte. Das führt zu überhöhten Preisen", sagte Mundt. Die Wettbewerbsbehörde geht auf Grundlage ihrer Untersuchung davon aus, dass die fünf großen Konzerne Aral/BP, Shell, Jet, Esso und Total ein marktbeherrschendes Oligopol auf den Tankstellenmärkten in Deutschland bilden.

Härtere Fusionskontrolle

Dieser Befund sei von grundlegender Bedeutung für die kartellrechtliche Arbeit im Kraftstoffsektor, sagte Mundt. "Aufgrund unserer Erkenntnisse werden wir eine weitere Konzentration der Tankstellenmärkte verhindern und darauf achten, dass die Oligopolisten ihre Marktmacht nicht missbräuchlich ausnutzen." Bei der Fusionskontrolle werde eine äußerst harte Linie verfolgt.
 
Rund 65 Prozent des Kraftstoffabsatzes entfällt bundesweit auf die großen Fünf. Nicht die Pächter der Tankstellen sondern die Konzerne bestimmten die Preise. Dabei informierten sie sich nicht gegenseitig, sondern beobachteten die Preisentwicklung. "Das ist erlaubt", sagte Mundt.
 
Von Januar 2007 bis Ende Juni 2010 hat das Bundeskartellamt die Daten aller Preisänderungen an über 400 Tankstellen von 19 Mineralölunternehmen in den Großräumen Hamburg, Leipzig, Köln und München erfasst und ausgewertet. Daran lasse sich nachweisen, dass die Marktstruktur es den Mineralkonzernen ermögliche, die Preise an der Tankstelle nahezu einheitlich zu bewegen. Es ergäben sich präzise Preissetzungsmuster.
 
In nahezu allen Fällen seien Aral oder Shell der Vorreiter bei flächendeckenden Preiserhöhungen. Exakt drei Stunden später passe das jeweils andere Unternehmen seinen Preis an. Die übrigen Oligopolisten folgten ebenfalls in festen Zeitkorridoren.

Gesetzgeber muss eingreifen

Das Bundeskartellamt kündigte an, einige Verfahren einzuleiten, um konkret nachweisbare Rechtsverstöße aufzugreifen. Der Gesetzgeber wurde aufgefordert zu prüfen, ob mit Blick auf die oligopolistischen Preismechanismen Verbesserungen für die Verbraucher durch regulative Eingriffe erzielt werden können.
 
Die Kartellwächter hätten das Gefühl, Schiedsrichter in einem Spiel zu sein, bei dem sie aber nicht viel tun könnten, sagte Mundt. "Vielleicht sollten die Spielregeln ein wenig geändert werden."

Als eine Möglichkeit, Unruhe in das Oligopol zu bringen, führte Mundt ein Beispiel aus West-Australien an. Dort müssten jegliche Kraftstoffpreise am Vortag angekündigt werden. Sie seien dann ab 6 Uhr morgens für 24 Stunden gültig. Für solche oder ähnliche Modelle zur Begrenzung der Preisgestaltung seien aber gesetzliche Grundlagen erforderlich, die der Gesetzgeber schaffen müsse.
 
Für eine 24-Stunden-Regelung sprach sich SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber aus. Der Bundeswirtschaftsminister könne die Preise von heute auf morgen durch eine Verordnung regulieren, sagte er.
 
Eine klare Trennung von Produktion und Vertrieb in der Kraftstoffbranche forderte FDP-Parlamentsgeschäftsführer Christian Ahrendt. Das Tankstellennetz solle von den Ölkonzernen getrennt und unabhängigen Betreibern überlassen werden, sagte er. In der Telekommunikationsbranche habe die Liberalisierung die Preise deutlich gedrückt. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sagte, das Bundeskartellamt solle die Befugnis erhalten, die Konzerne im Interesse der Verbraucher notfalls zu entflechten.

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