Kindersicherheit im Auto

Rückwärts gerichtete Kindersitze?

Kindersicherheit im Auto Foto: Britax

Immer häufiger parken in den Regalen der einschlägigen Fachmärkte Kindersitze, bei denen die kleinen Passagiere gegen die Fahrtrichtung mitfahren. Wir haben uns das Konzept von einer renommierten Sicherheits-Expertin erklären lassen.

Reboarder – schon mal gehört? Wir lange Zeit auch nicht, in diesem Beitrag werden Sie den Begriff aber häufiger lesen. Warum? Das Kunstwort ist deutlich handlicher als „Rearward-facing Child Seats“ oder „rückwärts gerichtete Kindersitze“. Jedenfalls sind Reboarder derzeit ein heißes Thema unter Eltern – Grund genug für uns, einmal ausführlich darüber zu berichten. Dazu reisen wir nach Schweden, denn hier wurden sie vermutlich erfunden.

Prototyp inspiriert von NASA-Sitzschalen

Bertil Aldman, Professor an der Chalmers Univer- sity of Technology in Göteborg, ließ sich dabei von jenen Sitzen inspirieren, die in den Raumkapseln der amerikanischen Gemini-Missionen die g-Kräfte bei Start und Landung gleichmäßig auf den Rücken der Astronauten verteilten. 1964 präsentierte Aldman seinen ersten Prototyp, gecrasht wurde er in einem PV 444. Sechs Jahre später brachte Volvo den ersten Sitz zur Marktreife, und inzwischen fahren über 90 Prozent der kleinen Schweden mindestens zwei Jahre länger rückwärts im Auto als der deutsche Nachwuchs, der nach der rückwärts gerichteten Babyschale meist gleich in den klassischen Kindersitz umzieht. Aus der Sicht von Lotta Jakobsson, technische Leiterin für Unfallvermeidung im Safety Center von Volvo und seit mehreren Jahrzehnten tief im Thema Kindersicherheit verwurzelt, ein Fehler: „Babys und kleine Kinder sollten so lange wie möglich – mindes- tens bis zu einem Alter von vier Jahren – rückwärts gerichtet transportiert werden.“

Kindersicherheit im Auto Foto: BMW
Nur wenige meist hochpreisige Autohersteller legen bislang Wert auf rückwärts gerichtete Sitze.

Um zu verstehen warum, muss man sich mit Crashszenarien und dem Körperbau von Kindern beschäftigen. Bei den häufigen Frontalcrashs wird der Kopf eines nach vorn gerichteten Passagiers mit erheblicher Wucht nach vorne geworfen, während der Körper von den Gurten gefangen wird. Das Einzige, was den Kopf zurückhält, ist der Nacken. Bei einem Erwachsenen kann dieser der Belastung halbwegs standhalten, die noch nicht vollständig ausgebildeten Wirbel und Muskeln von Babys jedoch nicht. Die Halswirbel bestehen hier noch aus einzelnen Knochenelementen, die nur durch weiche Knorpel verbunden sind. Das Skelett ist also noch sehr instabil. Erst in den folgenden drei Lebensjahren verfestigen sich Knorpel zu Knochen, wirklich abgeschlossen ist das Knochenwachstum erst nach der Pubertät.

Hinzu kommt noch, dass die Köpfe von Kleinkindern im Vergleich zum Rest des Körpers weitaus schwerer sind: Bei einem neun Monate alten Baby macht der Kopf rund 25 Prozent des Gewichts aus, bei einem erwachsenen Mann hingegen nur rund sechs Prozent.

Reboarder reduzieren die Verletzungsgefahr

Genau deswegen sind Reboarder so interessant: Ähnlich einem Schutzschild absorbiert die Sitzschale bei einem Frontalcrash die auftretenden Kräfte und verteilt sie zudem bestmöglich auf die stärkeren Körperteile des Kindes.

Vergleichende Tests mit Kleinkind-Dummys, die auch die Nackenbelastung erfassen, haben erwiesen, dass die Belastungswerte bei den nach vorne blickenden Passagieren bis zu sechsmal höher sein können. Dies ist auch auf den beiden Bildern eines Frontalaufpralls oben gut zu erkennen.

Kindersicherheit im Auto Foto: Volvo Cars
Volvo brachte 1972 den ersten Reboarder auf den Markt und kooperiert intensiv mit den Herstellern.

Nun aber zu den rückwärts gerichteten Sitzen selbst. Hierzu ist es wichtig, einen kurzen Blick auf die aktuell geltenden Normen zu werfen. Derzeit gelten zum einen die ECE R44/03 und 04. Sie unterteilen die Rückhaltesysteme nach dem Gewicht des Kindes in fünf Gruppen. Im Falle dieses Beitrags wäre es meist die Klasse I (9–18 kg). Zum anderen gilt seit 2013 parallel die erste Stufe der UN ECE R129, auch als i-Size betitelt, die die alte Norm ablösen wird, auf Isofix setzt und sich auf die Körpergröße des Kindes bezieht: Maximal ist eine Körperlänge von 105 Zentimetern erlaubt, mit einer Gewichtsbeschränkung auf 18,5 Kilogramm. Letztere ergibt sich aus der maximalen Belastbarkeit der Isofix-Halterungen im Fahrzeug von 33 Kilogramm. Verbunden mit der Norm ist die Pflicht, das Kind die ersten 15 Monate rückwärts zu transportieren.

Info: Was ist eigentlich Isofix?

Nein, die praktischen Kindersitzhalter haben nichts mit den Asterix-Comics zu tun, sie gehen auf die ISO-Norm 13216 zurück.

Bereits 1990 wurde das „Befestigungssystem für Kindersitze“ seitens der ISO (International Organization for Standardization) in der Norm ISO 13216 fixiert. Seit 2006 ist Isofix Pflicht für alle neu homologierten Pkw.

Die Verbindung besteht im Fahrzeug aus zwei sechs Millimeter starken Haltebügeln, die im Abstand von 280 mm im Spalt zwischen Lehnen- und Sitzfläche verschraubt sind. Der Kindersitz wird hier mittels Rastbügeln verhakt. Meist sind sie im Fond (links und rechts) und gegen Aufpreis auch im Beifahrersitz montiert. Das Risiko, dass der Sitz falsch festgegurtet ist und das Kind bei einem Unfall zu Schaden kommt, ist damit stark reduziert. Auch lassen sich die Sitze schneller einbauen.

Kindersicherheit im Auto Foto: Dino Eisele
Isofix verbessert die Kindersicherheit in Fahrzeugen durch ein starres Befestigungssystem für Kindersitze.

Bei einigen Fahrzeugen sind die Halterungen übrigens nachrüstbar, wenn die Bohrungen in der Karosserie vorhanden sind.

Die Sitzauswahl teilt sich in zwei Gruppen

In den Regalen im Fachhandel finden sich entsprechend Modelle nach Norm ECE R44 und R129. Die älteren Reboarder, übrigens überwiegend von schwedischen Anbietern, müssen meist klassisch mit Dreipunktgurt und weiteren Verzurrungen im Auto fixiert werden. Das kann mühsam sein und macht letztlich nur Sinn, wenn der Sitz dauerhaft im Auto bleibt. Interessant sind sie dennoch, da sie teils bis zu 25 Kilogramm schwere Kleinkinder transportieren dürfen. Das erhöht die Einsatzdauer im Vergleich zu den R129-Reboardern.

Die wiederum lassen sich dank Isofix einfacher ein- und ausbauen. Je nach Konzept besitzen sie zusätzlich zu den Isofix-Rastarmen einen ausklappbaren Stützfuß, der im Fußraum aufsteht, oder müssen mittels eines Gurtes an einer speziellen Halterung an der Rückseite der Fondlehne (Top Tether) fixiert werden.

Kindersicherheit im Auto Foto: Volvo Cars
Wenn Kinder rückwärts sitzen ist die Nackenbelastung bei einem Crash um ein vielfaches geringer. Der Körper wird in den Sitz hineingedrückt und der Kopf liegt geschützt am Polster an. Seitliche Wangen stabilisieren zusätzlich.

Zugleich bieten sie nette Features: So lassen sich einige um 180 oder gar um 360 Grad drehen, erleichtern so das Hineinsetzen des Nachwuchses oder erlauben auch vorwärts gerichtetes Fahren. Häufig sind diese deutlich teureren Ausführungen mitwachsend ausgelegt und die Liegefläche verstellbar, sodass sie sich oft von Geburt an bis zum Alter von vier Jahren nutzen ließen. Wir empfehlen anfangs dennoch eine Babyschale.

Auch Reboarder haben einige Nachteile

Der gravierendste Nachteil eines rückwärts gerichteten Sitzes ist sein Platzbedarf. Schließlich ragen dessen Lehnen gen Vordersitz, der je nach Fahrzeug entsprechend nach vorn gefahren werden muss. Da bleibt dem Passagier vorn teils nur wenig Kniefreiheit.

Tipp: Falls sich der Beifahrerairbag deaktivieren lässt, kann man eventuell den Beifahrersitz als Basis verwenden. Der Platz im Auto lässt sich so effizienter nutzen, und wer mit dem Kind alleine fährt, kann es einfacher „bespaßen“, wenn schlechte Laune aufkommen sollte. Kontaktfördernd sind auch Rückspiegel, die sich beispielsweise an der Kopfstütze hinten befestigen lassen.

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Als weiterer Nachteil gilt die Tatsache, dass größere Kinder mit angewinkelten Beinen sitzen müssen, was auf längeren Strecken unangenehm sein kann oder die Sitzlehnen durch das Schuhwerk strapaziert. Schutzmatten und längere Spielpausen können hier weiterhelfen.

Worauf gilt es beim Kauf zu achten?

Wir haben es bereits erwähnt: Ein Reboarder braucht Platz. Daher sollte man jeden Kindersitz beim Händler noch vor dem Kauf im eigenen Fahrzeug einbauen. Idealerweise ist das Kind zur Probe gleich mit dabei – denn nur, wenn es sich im neuen Gestühl wirklich wohlfühlt, bleibt es möglichst lange darin sitzen. Und genau das ist ja Sinn der Sache.

Interview: „So lange wie möglich!“

Sieben Fragen an Lotta Jakobsson, Technische Leiterin im Safety Center von Volvo. Die promovierte Ingenieurin ist Vorsitzende in verschiedenen ISO-Arbeitsgruppen und schildert ihre Erfahrungen.

Was ist für Sie das Wichtigste beim Fahren mit Kindern?

Zunächst einmal brauchen Kinder spezielle Sitze – der Gurt allein reicht nicht aus. Und der Sitz muss immer zu Größe, Gewicht und Alter des Kindes passen. Wächst das Kind über den Sitz hinaus, braucht es eben einen größeren.

Kindersicherheit im Auto Foto: Volvo Cars/ Kris Wood
Göteborg: Im Gespräch mit Lotta Jakobsson über Kindersicherheit im Auto.
Warum ist es für Babys und Kinder sinnvoll, rückwärts zu reisen?

Den meisten Eltern ist klar, dass die Nackenmuskulatur ihrer Kinder in den frühen Jahren schwach ist. Aber viele wissen nicht, dass auch das Skelett nicht voll entwickelt ist. Nach hinten gerichtete Sitze reduzieren das Verletzungsrisiko bei einer Kollision erheblich. Bei einem sehr heftigen Frontalaufprall ist es der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Wie lange sollte man Reboarder denn nutzen?

So lange wie möglich und am besten mindestens bis zum Alter von drei oder vier Jahren!

Was unternimmt Volvo, um die Fahrt mit Kindern sicherer zu machen?

Wir glauben, dass Automobilhersteller die Entwicklung von Sicherheitssystemen für Kinder als Teil des Fahrzeugentwicklungsprozesses sehen sollten. Daher bieten wir seit 1990 integrierte Sitzkissen in der Fondsitzbank an. Auch treiben wir die Zusammenarbeit zwischen Autoindustrie und Kindersitzherstellern voran und konzentrieren uns seit vielen Jahren auf klare Leitlinien, die unseren Kunden erklären, wie Kindersitze richtig genutzt und montiert werden.

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Wie kann man speziell die Reboarder den Eltern schmackhafter machen?

Wir müssen die Kindersitze leichter, flexibler und einfacher machen. Das bietet uns die Chance, mehr Eltern in allen Ländern dazu zu bringen, Kindersitze bestmöglich zu nutzen. Und die Sicherheit der Kinder leidet darunter nicht. Das können wir dank zahlreicher Crashtests mit entsprechenden Dummys belegen. Um ihre Sitze gut zu verkaufen, legen die Hersteller verständlicherweise aber leider mehr Wert auf schicke Features oder spezielle Formen. So werden die Sitze teils unhandlicher und schwerer.

Haben die Reboarder noch mehr Nachteile?

Ja, manche Kinder beschweren sich beispielsweise über die fehlende Beinfreiheit oder zu große Hitze durch die Polster. Auch wenn deren Eltern die Sicherheitsvorzüge der Reboarder klar sind, erlauben viele ihren Kindern zu früh, mit dem Gesicht in Fahrtrichtung zu sitzen.

Gibt es da eine Lösung?

Durchaus. Beispielsweise gibt es inzwischen Modelle, die über eine atmungsaktive Polsterung aus 80 Prozent Wolle verfügen, die bequem und widerstandsfähig zugleich ist. Wären die Sitze zudem schlanker designt, hätten die kleinen Passagiere auch wieder mehr Platz für ihre Beine.

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