Marathon Petroleum Corporation Marcel Sommer

Öl-Unternehmen in den USA unter Beschuss

Die größte Klage der Neuzeit

US-Amerikanische Regionen verklagen die großen Öl-Unternehmen. Ihnen wird vorgeworfen seit 1970 vom menschengemachten Klimawandel gewusst und dennoch keinen Kurswechsel vollzogen zu haben. Es geht um mehrere hundert Milliarden US-Dollar.

Lange, bevor die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg das Licht der Welt erblickte, gab es ihn: den von Menschen gemachten beziehungsweise beschleunigten Klimawandel. Das soll auch Big Oil, sprich den sieben größten Öl- und Gas-fördernden Unternehmen BP, Chevron Corporation, ExxonMobil, Royal Dutch Shell, Total und Eni sowie ConoconPhillips nicht entgangen sein. Genauer gesagt wird ihnen seit vielen Jahren von einigen US-Amerikanischen Regionen und Großstädten von New York bis San Francisco genau das vorgeworfen. Seit 1970 soll Big Oil vom Klimawandel gewusst, seine Kunden jedoch falsch informiert haben.

Die größte Angst der Big Oil ist eine Verlegung der Anklagen vor ein Geschworenengericht. „Natürlich tun die Ölfirmen alles, um das Ganze zu stoppen. Shell, Exxon und andere Ölkonzerne wollen nicht, dass ihre Führungskräfte unter Eid aussagen, warum die Unternehmen ihre eigenen Einrichtungen auf den Klimawandel vorbereitet haben, während sie öffentlich verkünden, dass der Klimawandel nicht stattgefunden hat“, weiß auch Ann Carlson, Shirley Shapiro Professor of Environmental Lawan der UCLA School of Law.

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Gute Chancen vor einem Geschworenengericht

Es wäre nicht das erste Mal, dass große Unternehmen nach einem Geschworenenurteil als Verlierer das Gerichtsgebäude verlassen. Vor allem dann, wenn die Unternehmen wussten, dass ihre Produkte zu Verletzungen führen würden. So ebneten staatliche Gerichte den Weg für die Rekordvereinbarung mit Big Tabacco über 246 Milliarden US-Dollar. Ein Farbenhersteller musste Schadensersatz zahlen, um die von ihnen verkaufte Bleifarbe zu beseitigen, die sie verkauften, obwohl sie wussten, dass Blei giftig ist.

Und die Chance wächst, dass genau dies nun auch Big Oil zustoßen wird, wie jetzt ein Bundesbezirksrichter im US-Bundesstaat Rhode Island zeigt. Richter William E. Smith entschied, dass die Klage gegen 21 Öl- und Gasunternehmen, darunter Exxon, Shell und BP, vor einem staatlichen Gericht verhandelt werden sollte. Bundesrichter in Nordkalifornien und Baltimore haben ebenfalls entschieden, dass diese Fälle vor ein staatliches Gericht kommen. Richter Smith bemerkte in seiner Stellungnahme: „Die Angeklagten haben die Konsequenzen ihrer Tätigkeit vor Jahrzehnten verstanden, als der Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energiequellen eine Welt voller Schwierigkeiten gerettet hätte. Anstatt jedoch Alarm zu schlagen, versuchten die Angeklagten, den entstehenden wissenschaftlichen Konsens zu verdunkeln und Änderungen, die jedoch existenziell notwendig sind, zu verzögern, die in keiner Weise ihre Milliardengewinne beeinträchtigen würden. Währenddessen bereiten sie heimlich ihr Unternehmen auf die bevorstehenden Auswirkungen vor.“

Ölpumpen
Kokhanchikov
Öl-Unternehmen wie ExxonMobil betreiben seit Jahrzehnten bezahlte Propaganda.

Bezahlte Verleugnung des Klimawandels

Gemeint sind zum Beispiel Ölplattformen, die vor stärkeren Stürmen und dem Anstieg des Meeresspiegels aufgrund steigender Temperaturen verstärkt wurden. Gleichzeitig zeigt eine Studie der Harvard Universität, dass ExxonMobil in den Jahren 1977 bis 2014 bezahlte Anzeigen (Preis je 31.000 UD-Dollar) schaltete, aus denen klar hervorgeht, dass man noch nicht wisse, welche Rolle vom Menschen verursachte Treibhausgase bei der Erwärmung des Planeten spielen könnten – obwohl sie es nachweislich besser wussten. „Exxon Mobil führte die Öffentlichkeit über den Zustand der Klimaforschung und ihre Auswirkungen in die Irre“, schreiben die Studienleiter Geoffrey Supran und Naomi Oreskes in ihrem abschließenden Urteil.

Eine Studie der George-Washington-Universität bekräftigt nun die Hoffnung auf wissenschaftlich untermauerte Urteile. Soziologin und Leiterin der Studie Sabrina McCormick erklärt: „Wir haben herausgefunden, dass es einen Trend gibt. Gerichtsurteile stützen sich in zunehmenden Maßen auf wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel. In den 90er Jahren war das nur ganz selten der Fall. Um 2006 herum hat sich das geändert. Heute ziehen US-Gerichte bei ihren Entscheidungen sehr häufig die Wissenschaft heran.“

Küstenregionen stehen vor Milliarden-Ausgaben für Schutzmaßnahmen

Marvin Nauman
Hochwasserregionen wie Oklahoma fordern Milliarden Schadensersatz von den Öl-Unternehmen.

Es wundert nicht, dass vor allem Küstenregionen sich nun vehement für eine Klage entschließen. Eine kürzlich vom Center for Climate Integrity durchgeführte Studie ergab, dass Küstengemeinden in den USA allein in den nächsten fünf bis zehn Jahren mindestens 400 Milliarden US-Dollar ausgeben müssen, um Eigentum vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu schützen. Geld, was die Kommunen am liebsten direkt aus den Händen der in ihren Augen Verursacher des Anstiegs bekommen würden.

Schon im Jahr 2017 heißt es in einem Statement der Stadt San Francisco gegen ExxonMobil: „San Francisco plant eine Verstärkung seine Dämme, um sich vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu schützen. Kurzfristige Lösungen sollen mehr als 500 Millionen US-Dollar kosten, langfristige Anlagen fünf Milliarden.“ Experten rechnen mit einem Anstieg in diesem Gebiet von bis zu 20 Zentimetern bis zum Jahr 2030. Die Stadt Santa Cruz rechnet mit einer 98-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass bis zum Jahr 2050 eine 90 Zentimeter-Flut über sie hereinbrechen wird. Die Chancen stehen sogar bei 22 Prozent, dass dies schon im Jahr 2030 der Fall sein könnte. Allein dieser Schaden wird auf 742 Millionen beziffert. Der durch verstärkte Waldbrände zu erwartende Schaden soll ebenfalls einige hundert Millionen US-Dollar groß sein.

Die Vereinigten Staaten stellen sich gern als weltweite Führungsnation bei der Reduzierung von Emissionen dar. Die energiebezogenen CO2-Emissionen sind nach eigenen Angaben zwischen 2005 und 2017 um 14 Prozent (von 5.990 Millionen auf 5.131 Millionen Tonnen) gesunken. Das ist soweit auch korrekt. Allerdings stiegen die CO2-Emissionen im vergangenen, dem zweiten Jahr der Regierung von US-Präsident Donald Trump wieder auf 5.268 Millionen Tonnen.

Fazit

Ob die Klagen gegen die großen Öl- und Gas-Unternehmen Erfolg haben werden, steht noch in den Sternen. Fest steht jedoch, dass einige, wenn nicht alle dieser Unternehmen, schon in der Vergangenheit vieles dafür getan haben, um den von ihnen beschleunigten Klimawandel zu vertuschen.

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