Jochen Knecht (Chefredakteur Digitial) zum Tempolimit 130 Jana Piehl / Blickwinkel

Meinung: Tempo 130

Wir müssen endlich miteinander reden!

Mit maximal 130 km/h über die Autobahn? Hurra, das Thema allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung ist wieder da. Das kommt nicht überraschend, hilft in der aktuellen Situation aber nur Populisten und Parolen-Rittern, meint Digital-Chefredakteur Jochen Knecht.

Nach Diesel-Fahrverbot(en) und Harakiri-CO2-Grenzwerten kommt jetzt die allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung um die Ecke. Mal wieder. Daran kann man sich jetzt abarbeiten. Und genau das passiert gerade. Überall. In den Medien. An den Stammtischen. Im Büro. Zu Hause. Im Auto. Und beinahe überall geht die Saat derer auf, die uns diese gesellschaftliche Zeitbombe in den Vorgarten geschmissen haben: Lobbyisten, Populisten, Parolen-Ritter. Die wissen ganz genau, dass bei dem Thema die Emotionen hoch kochen und die einzelnen Interessengruppen sofort die ganz großen verbalen Geschütze aus der Garage schieben. Wem das hilft? Zumindest keinem, der ernsthaft über das Thema reden will. Und das Thema heißt eben nicht „Tempo 130“, sondern: Wie können wir als Gesellschaft auch in Zukunft mobil bleiben? Möglichst individuell. Möglichst effizient. Möglichst kostengünstig. Und natürlich möglichst ökologisch.

Tempo 130 bekämpft Probleme, wo wir keine haben

Tempolimit 130 S-Klasse Autobahn
Politik & Wirtschaft

Und sorry: Einfache Antworten kann und wird es dazu nicht geben. Trotzdem bin ich hier und heute entschieden gegen die Einführung eines allgemeinen Tempolimits. Unter anderem deshalb, weil Tempo 130 Probleme bekämpft, wo wir sie gar nicht haben. Auf der Autobahn nämlich. CO2 und NOx sind dort nämlich kein Problem. In den Innenstädten und Ballungsräumen aber schon. Und genau dort müssen wir Lösungen suchen. Finden. Und mit uns reden lassen. Dann sind wir aber ganz schnell beim Thema „Mobilitätswende“ und müssen darüber sprechen, dass wir meiner Meinung nach gewaltige Investitionen in allen Bereichen der Mobilitäts-Infrastruktur brauchen. Kurz gesagt: Investitionen statt Ver- und Gebote.

Investitionen statt Verbote

Verbrenner Motor Verbot Länder 2019
Politik & Wirtschaft

Ein Beispiel: Wer als Pendler heute auf die Bahn umsteigen will, tut vor allem eines: er steht. Erst vor völlig überlasteten Park-and-Ride-Parkplätzen; dann im Regen auf alten, gammeligen Bahnsteigen; dann in komplett überfüllten, uralten Zügen und zum Schluss vor defekten Rolltreppen in Bahnhöfen. Das Thema Schiene lässt sich auch ganz hervorragend auf den Güterverkehr ausweiten, wo Deutschland europaweit maximal Schlusslicht darin ist, Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Und natürlich müssen wir darüber reden, dass die legendäre „German Autobahn“ längst nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Die Brücken marode, die Hauptverkehrsadern chronisch überlastet, milliardenschwere Großprojekte viele Jahre hinter dem Zeitplan. Tempo 130? Davon träumen alle staugeplagten Autobahn-Kriecher in den Dauerbaustellen der Republik. Und es kann mir keiner erzählen, dass so ein Drei-Spuren-Stau-Wurm auf der Autobahn ökologisch eine gute Idee ist. Stauforscher Michael Schreckenberg sagte gegenüber der Stuttgarter Zeitung: „Staus durch ein Tempolimit zu vermeiden ist Quatsch. Die Entstehung von Staus ist nicht primär davon abhängig, ob ich 120 oder 160 fahre.“ Er plädiert stattdessen für geregelte Geschwindigkeitsbegrenzungen durch variable Anzeigen, wenn der Verkehr dichter wird. Bislang ist allerdings nur ein Bruchteil der Autobahnen mit dynamischen Verkehrsinformationssystemen ausgestattet.

Rücksicht, Respekt und Verantwortungsbewusstsein

Um da aber bitte nichts auszulassen: Schnell fahren zu dürfen und es auch zu können bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst. Seine Familie. Und alle anderen, mit denen man die Autobahn teilt. Rücksicht und Respekt sind bei hohen Geschwindigkeiten genauso wichtig, wie moderne Assistenz- und Sicherheitssysteme. Ein Freibrief für Raser kommt in meiner Welt nicht vor.

Umfrage

Wie stehen Sie zu einem generellen Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen?
5780 Mal abgestimmt
Ein Tempolimit auf Autobahnen hilft uns nicht weiter!
Ich bin für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen!
Wir brauchen heute Investitionen in Mobilität. Und irgendwann vielleicht ein Tempolimit.

Fazit

Autofahrer zu bestrafen, weil sie versuchen mobil zu sein, kann und darf nicht der richtige Weg sein. Wir brauchen keine Sündenbock-Diskussionen, keine Polemik und keine einfachen Wahrheiten. Es geht um leistungsfähige Verkehrssysteme, einen Verbund exzellent ausgebauter Verkehrswege und Mobilitätslösungen. Das ist eine Herkules-Aufgabe, die nur im Schulterschluss aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu stemmen ist. Dort einzelne Zielgruppen herauszugreifen und an den Pranger zu stellen, ist nicht nur unfair, sondern der Sache nicht dienlich. Also: Reden wir miteinander. Bringen wir die Zukunft auf den Weg. Dann werden die Autofahrer sicher die Letzten sein, die sich sinnvollen Diskussionen verschließen!

Sie sehen das ähnlich? Oder anders? Dann schreiben Sie mir! Sie erreichen mich unter jknecht@motorpresse.de

Verkehr Politik & Wirtschaft Tesla Gigafactory Twitter Reaktionen Netzreaktionen zur Gigafactory in Berlin Tesla Twitter-Gewitter

Das Netz reagiert auf den geplanten Tesla-Gigafactory-Bau in Deutschland.