NASA Crawler Hans und Franz

Mit ihnen fängt jeder Raketenstart ganz langsam an

NASA Crawler NASA Crawler NASA Crawler Bob Myers, a crawler systems engineer with United Space Alliance, stands beside the driver's console inside a Crawler-Transporter cab. Credit: NASA/KSC 22 Bilder

Seit über einem halben Jahrhundert bringen an der Ostküste Floridas Mega-Transporter mit den Kosenamen Hans und Franz Raketen zur Startrampe. Anders als nach dem Start bewegen sich die bis zu 111 Meter langen Weltraumgefährte auf den Crawlern ganz langsam: Mit 1,2 km/h nähern sie sich stehend ihrem ersten Ziel. Alles über ihren fahrbaren Untersatz.

Die zweitgrößten Landfahrzeuge dieses Planeten (auf Platz eins liegen die Schaufelradbagger aus dem Tagebau) wiegen je 2.857 Tonnen, so viel wie 1.000 Pickup-Trucks. Entwickelt und gebaut wurden Hans und Franz, oder wie sie technisch korrekt heißten „CT-1“ und „CT-2“ (Crawler Transporter), um die fast 3.000 Tonnen schwere Mondrakete Apollo Saturn V von ihrer Produktionshalle im Kennedy Space Center zur 6,76 Kilometer entfernten Startrampe 39B zu transportieren. Aktuell können sie bis zu 10.000 Tonnen Last transportieren. Und das mit einer heutzutage lasergestützten Genauigkeit von bis zu 6,35 Millimetern. Ihren ersten Arbeitstag hatten sie im August 1967 (unbemannte Apollo 4-Mission).

Während ihrer jahrzehntelangen Arbeit haben die Crawler sieben unterschiedliche Raketen-Typen, einschließlich der Saturn V und alle fünf Space-Shuttles transportiert. Jede Apollo Mond Mission begann mit einem Crawler-Ritt zur Startrampe, genau wie jede Shuttle Mission. Soll heißen: Ohne Crawler keine Mondlandung.

Zwei fahrende Baseball-Felder

NASA Crawler Foto: NASA
Die Crawler sind wahre Lastenesel.

Die 39,9 Meter langen und 34,5 Meter breiten mobilen Monster verfügen über eine 752 Quadratmeter große Transportfläche – praktisch genau so groß wie ein Baseball-Infield, der sogenannte Diamant (exakt 752,51 Quadratmeter). Das dürfte selbst bei den sportverrückten Amerikanern Zufall sein. Für Europäer: Auf einem Crawler könnte entweder ein Handballspiel (800 Quadratmeter) oder 4,5 Volleyball-Matches zur selben Zeit durchgeführt werden. Problematisch wird es allerdings am Spielfeldrand: Er leigt in einer Höhe von bis zu 7,9 Metern. Dafür könnten die Ballspiele auch während der Fahrt stattfinden, denn die Höchstgeschwindigkeit beträgt nur beruhigende 3,22 Kilometer pro Stunde. Möglich macht das eine Getriebeübersetzung von 168:1.

Wer jetzt meint, dass bei solchem Schneckentempo ein humaner Spritverbrauch zu erwarten ist, der irrt gewaltig. Bei einem Spritpreis von 1,50 Euro pro Liter würden nach 100 Kilometern 58.215 Euro fällig werden. 38.810 Liter auf 100 Kilometer beziehungsweise 388,1 Liter pro Kilometer verbrauchen die Kolosse. Angesichts des Treibstofftankvolumens von 18.927 Litern, wird schnell klar, dass derlei Entfernungen nicht auf dem Einsatzplan stehen. An der Tankstelle würde zudem der Satz „Vollmachen bitte“ mit einer 28.391 Euro hohen Rechnung beantwortet werden.

39 Seiten-Handbuch zum Thema „Anlassen“

NASA Crawler Foto: NASA
Rund zehn Stunden dauert die 6,76 Kilometer lange Fahrt. Hier kommt das Space-Shuttle Discovery an Startrampe 39A an.

Um die Rakete aufzunehmen, fahren die Crawler unter die Startplattform inklusive Rakete, verbinden sich mithilfe der 16 JEL (Jacking, Equalizing, Leveling) Hydraulik-Zylinder an vier Punkten mit ihr und schleichen dann 5,47 Kilometer gen Startrampe 39A oder 6,76 Kilometer zur Startrampe 39B. „Über 5.400 Kilometer (CT-1 1.915 km, CT-2 3.600) haben die beiden Crawler bereits zurückgelegt“, schwärmt NASA Shuttle Processing Director Michael Wetmore auf der Website der NASA. „Das liegt nicht etwa daran, weil wie eine 8.000 Kilometer- oder 50 Jahre-Garantie abgeschlossen haben, sondern am Ehrgeiz der Männer, die diese Maschinen am Laufen halten“, erklärt er weiter. Allein das Handbuch für den Anlass-Vorgang eines Crawlers umfasst 39 Seiten.

Vier verschiedene Systeme entwickeln die Leistung für den Antrieb der vier Trucks an jeder der vier Ecken des Crawlers und für seine Hydraulikanlage. Zwei 2.788 PS starke 16 Zylinder-Lokomotiv-Dieselmotoren und vier 1.000 Kilowatt starke Generatoren erzeugen Gleichstrom. Für den Wechselstrom sorgen zwei weitere 16 Zylinder-Dieselmotoren mit je 2.220 PS und zwei 1.500 Kilowatt starke Generatoren. Im Jahr 2012 wurden die Dieselmotoren von CT-2 durch zwei 2.040 PS starke Dieselmotoren ersetzt. Um den im Dezember 2019 geplanten Start der SLS 1/EM-1 und aller weiteren Mars-Test- und der endgültigen Mars-Missionen zu ermöglichen, erhöhten die Ingenieure kurz darauf die maximale Tragkraft des CT-2 von 5.443 Tonnen auf fast 10.000 Tonnen (oder 20 vollgeladene Flugzeuge des Typs Boing 777).

Die größten Schuhe der Welt

Bob Myers, a crawler systems engineer with United Space Alliance, stands beside the driver's console inside a Crawler-Transporter cab. Credit: NASA/KSC Foto: NASA/KSC
Bob Myers, ein Crawler System-Ingenieur, steht in einem der Cockpits eines NASA Crawler.

Am Vortrieb der Crawler maßgeblich beteiligt sind 456 Glieder der insgesamt acht Antriebsketten (an jeder der vier Ecke befinden sich je zwei Ketten). Ein Kettenglied, bei den Crawlern „Schuh“ genannt, ist 2,3 Meter lang, 46 Zentimeter breit und bringt 998 Kilogramm auf die Waage. Bis zum Jahr 2004 kamen die „Schuhe“ von der Marion Power Shovel Company. Die aktuellen, insgesamt 1.060 Schuhe stammen aus dem Hause ME Global Manufacturing in Duluth, Minnesota.

Im Cockpit eines Crawlers herrscht Minimalismus: Ein kleines, rotes Lenkrad im Go-Kart-Format befindet sich im Zentrum. Direkt dahinter ist der Tacho zu finden. Er reicht von 0 bis 3,22 Kilometer pro Stunde (0 bis 2 Meilen pro Stunde). Die Geschwindigkeit selbst wird per Knopf an der linken Seite kontrolliert. Anzeigen auf der rechten Seite spiegeln die Höhe, den Lenkwinkel und den Status des Laser-Dockings-Systems. Die Sitze der Fahrer haben drei Einstellungen: Sitzen, Anlehnen, Stehen.

So fährt sich ein legendärer Gigant

Die große Frage ist natürlich, wie fährt sich solch ein Ungetüm eigentlich? Die Antwort darauf hat Sylvan „Skip“ Montagna, einer der wenigen (die Rede ist von einer Handvoll) Fahrer der Crawler: „Als wir die Apollo Raketen raus aus der gewaltigen Herstellungshalle die 6,76 Kilometer hin zur Startrampe gefahren haben, benötigten wir in Summe über zehn Stunden und rund 30 Ingenieure, davon drei Fahrer, mich eingeschlossen. Wir Fahrer rotierten alle drei Stunden.

NASA Crawler Foto: NASA
Auf der Plattform des Crawlers könnten (gestapelt) 20 Flugzeuge des Typs Boing 777 transportiert werden.

Diese Fahrzeuge zu fahren war sehr eintönig. Das Problem ist, dass es so langsam geht. Die Ingenieure sagten uns zwar, dass wir 1,6 km/h (1 Meile pro Stunde) schaffen können, doch nur, wenn es unbedingt notwendig sei. Wir fuhren also mit rund 1,2 Kilometer pro Stunde. So langsam auf solch einer Distanz unterwegs zu sein und dabei das Fahrzeug gerade auf der Straße zu halten, ist äußerst öde – zugleich aber sehr anspruchsvoll! Denn so ein Crawler liebt es, abzudriften. Du musst also ständig die Bedienelemente benutzen, um die ganze Zeit gegen diese Neigung zu arbeiten.

Hinzu kommt: Wenn du die fünf prozentige Steigung hoch zur Startrampe schleichst, musst du dich an irgendetwas orientieren. Heutzutage haben die Crawler ein computergesteuertes Leitsystem, das sie exakt dorthin navigiert. Wir hatten ein gelbes Seil. Das lag am Rand und wir mussten genau an diesem gelben Seil entlangfahren. Wir waren so etwas wie Dinosaurier. Gleichzeitig geht dir so eine stundenlange Fahrt unglaublich auf die Nerven, weil es sehr laut ist und du die ganze Zeit durchgeschüttelt wirst.“ Bob Myers, ebenfalls ein ehemaliger Fahrer der Crawler ergänzt: „Wenn Du allerdings über 8.000 Tonnen auf dem Dach hast, kommen dir die knapp 1,5 km/h verdammt schnell vor.“

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Die Anfänge der Crawler

NASA Crawler Foto: NASA
Im Juli 1964 fanden die ersten Crawler-Tests statt. Von links nach rechts: Richard L. Drollinger, Director of Engineering, Marion Power Shovel Co.; Theodor A. Poppel und Donald D. Buchanan, beide vom Kennedy Space Center; S. J. Fruin, Executive Vice President und Philip Koehring, Project Engineer, beide von Marion; und Kurt H. Debus, Center Director at Kennedy.

Es ist der 25. Mai 1961, als US-Präsident John F. Kennedy vor die Mikrofone tritt und verkündet: „Es ist an der Zeit, dass diese Nation eine klare Führungsrolle im Weltraum einnimmt.“ Warum er dies tat? Ganz einfach: Sechs Wochen zuvor, am 12. April 1961, absolvierte der 1,57 Meter kleine russische Kosmonaut Juri Gagarin eine Erdumrundung in 108 Minuten und landete anschließend unversehrt im Wolga-Gebiet. Für die Amerikaner Grund genug, Unsummen in das von Wernher von Braun geleitete Gemini-Projekt zu investieren. Am 21. Juli 1969 um 3:51 Uhr deutscher Zeit ist es dann soweit: Neil Armstrong betritt als erster Mensch unter den Augen von über 500 Millionen TV-Zuschauern und seines Präsidenten Richard Nixon den Mond. Ohne die Crawler hätte dieses Kapitel der menschlichen Geschichte wohl niemals geschrieben werden können.

Denn eine 110 Meter hohe Rakete mit 33.737,5 Kilonewton Schub zu entwickeln und zu produzieren ist das Eine. Sie von ihrer Geburtsstätte zur Startrampe zu transportieren, das Andere. Genau an dieser Stelle betritt Philip Koehring die Geschichts-Bühne. Denn als die Marion Power Shovel Company Anfang der 1960er Jahre mit der Aufgabe, die Crawler zu entwickeln beauftragt wird, wechselt der Projekt Manager vom Konkurrenzunternehmen Bucyrus-Erie zu den Crawler-Entwicklern nach Ohio. Ein Unternehmen, das bis dato mit den größten Landfahrzeugen der Welt zu tun hat: den Schaufelradbaggern. Seine Aufgabe: die gewaltigen Raupenfahrzeuge zu Raketen-Taxis umbauen. Die Ergebnisse dieser Aufgabe fahren nun seit über einem halben Jahrhundert im Sunshine State hin und her.

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