BMW 1er im Praxistest: Heckantrieb, kurvenrutschen, querstehen

BMW 120d Sport Line, Nasshandling

Der neue BMW 1er soll sein Hinterradantriebs-Feuer bewahren, bei Komfort und Sicherheit aber zulegen. Hat der 120d damit das Zeug zur glatten Kompaktklasse-Eins?

Ob BMW bei der Unesco wohl schon den Antrag gestellt hat? Thema: der BMW 1er als Weltkulturerbe. Was Carl Benz mit der Würdigung seiner Patentschrift recht ist, könnte den Münchnern als hehre Hüter des Hinterradantriebs in der Kompaktklasse schließlich billig sein.

Nun ja, billig ist vielleicht das falsche Stichwort, bereits die eine Million Mal verkaufte erste Baureihe des BMW 1er ließ sich ihr Anderssein kräftig honorieren. Design-Revoluzzer Christopher Bangle durfte sich bei ihr so richtig austoben, weckte mit den herunterhängenden Seitenwangen selbst bei Veganern Assoziationen zum Hängebauch-Tierchen. Wegen der längs eingebauten Motoren knapp, aber körpernah geschnitten, bildete der Einsteiger-BMW einen hartnäckigen Gegenpol zum Einerlei von Quermotor mit Vorderrad- oder Allradantrieb.

Neuer BMW 1er um neun Zentimeter gewachsen

Die zweite Generation setzt erneut auf den BMW-Standardantrieb, neu sind fast neun Zentimeter mehr Länge außen, mehr Technik und ein Tick mehr Fondraum innen, sowie ein nochmals intensiviertes Marketing obendrüber. Kennzeichen dafür sind die neuen Optik-Linien Urban Move sowie Sport, mit der der BMW 120d zum Test antritt. Macht schon mal 1.900 Euro extra zu den 29.250 Euro Startpreis - bei dem der Fahrer noch zum PUR-Kunststoff-Lenkradkranz greifen müsste.

Wir haben es besser, unser Wagen besitzt so ziemlich alles vom Auffahrwarner über Soundsystem bis Xenonlicht, macht unterm Strich 51.400 Euro. Ja, was denken Sie denn, mit Schleuderpreisen schafft man keine 14 Prozent Rendite, und an so einem Basis-1er ist nicht allzu viel verdient. Aber: Auch der Fahrer bekommt eine Rendite - in Form von Fahrspaß. Freude, um nichts anderes geht es beim BMW 1er. Kofferraum-Ausliterer, Preisfüchse und Garantiefetischisten dürfen woanders gucken, Dieselknauserer müssen das nicht.

Der BMW 120d wirbt nicht nur mit 184 PS und 380 Newtonmetern auf dem Papier, sondern ergänzt sie mit gleichmäßiger, stämmiger Kraftentfaltung und Drehfreude sowie ordentlichem Sparpotenzial in der Praxis. Mit bis zu 1.800 bar kommt der Diesel an den Magnetventilen an, und der beim Beschleunigen etwas brummige Zweiliter geht bei Bedarf ziemlich sparsam damit um. Im teils dynamisch absolvierten Test sind es im Schnitt 6,8 L/100 km mit dem BMW 1er, doch es geht schon mit weniger als fünf Litern ordentlich voran - unter freundlicher Mithilfe von geregelter Lichtmaschine, Start-Stopp-System und der hervorragenden Achtgangautomatik, die eine breite Gangspreizung (für 100 km/h genügen 1.500/min) mit engen Sprüngen verbindet.

Sogar Eco-Programm macht im BMW 1er Spaß

Und dann gibt es noch das Eco-Pro-Programm. Es lässt sich am so genannten Fahrerlebnisschalter an der Mittelkonsole aufrufen und konkurriert dort mit Comfort, Sport und Sport Plus. In Sport rückt der BMW 1er spürbar näher an seinen Piloten heran, vergleichbar mit Flirt, kurz bevor es zum Clinch kommt. Straffere Dämpfereinstellung, weniger Servo an der elektrisch unterstützten Lenkung, spritzigere Gasannahme, veränderte Automatik-Schaltpunkte.

Wer mehr Distanz verlangt, liegt mit der sanfteren "Comfort"-Position richtig - oder gleich mit Eco Pro. Zarte Pedalkennlinie, frühes Hochschalten und reduzierte Klimatisierung helfen ebenso beim Sparen wie die Tipps im Display. Und die sind streng: Wer zu kräftig aufs Pedal tritt, wird optisch zu einem leichteren Gasfuß aufgefordert inklusive Top-Speed-Mahnung. Abgesehen davon bereitet so ein BMW 1er aber selbst im Eco-Programm mehr Fahrfreude als manch anderer Kompakter im Normalmodus.

Trotzdem keine Lust, ständig mit Renate Künast im Nacken herumzufahren? Der ganze Öko-Spuk lässt sich abwählen - mit ihm allerdings auch die virtuellen Bonus-Kilometer, die man später guten Gewissens verblasen könnte. Was mit dem sportiven BMW 1er im Praxistest besonders leichtfällt. Selbst wenn die 18-Zöller des Testwagens (40er-Querschnitt vorn und 35er hinten) flauschigem Abrollen entgegenstehen, arbeitet das Optionsfahrwerk mit Adaptivdämpfern (1.100 Euro) akribischer als das konventionelle des Vorgängers - inklusive größerer Reserven bei Beladung und auf zerfurchten Straßenoberflächen.

Wo der alte BMW 1er bei harten Aufgaben in Stress kam, nach gezielten Lenkkorrekturen verlangte, bleibt der Neue auf Linie. Wolke sieben gibt es immer noch nicht, dafür Dynamik ohne Reue. Überdies gönnt sich der BMW 1er als Kompaktklasse-Unikum den Luxus, Lenkung und Antrieb zu trennen. Ergo: keine Antriebseinflüsse sowie ein sehr transparentes Gefühl am Gasfuß beim Kurvensurfen.

Kurvenrutschen, ESP und Quersteher

Ruck, zuck ist man mit dem BMW 1er verwachsen, genießt die passend servounterstützte mechanische Aktivlenkung mit unterschiedlich verzahnter Lenkstange. Sie reagiert um die Mittellage wie gewohnt, danach direkter. So marschiert der BMW 1er agil in Kurven, wo er bei entsprechendem Engagement des Fahrers nach einer kurzen Phase des Rutschens über alle viere seinen G-Punkt erreicht - den Moment also, wenn der 1,5-Tonner Grip aufbaut, neutral wird und daraufhin beginnt, leicht mit dem Heck zu drängen. So liebt es die BMW-Gemeinde, dafür kauft sie einen hinterradgetriebenen Kompakten und genießt je nach ESP-Stellung selbstbestimmt auch mal zünftige Quersteher auf rutschigen Pisten.

Doch den Alltag beherrscht der BMW 120d ebenfalls. Vorn auf körpergerechten Sportsitzen positioniert, mit Blick auf die aufwendigen Instrumente mit neuem Farbdisplay sowie den 8,8-Zoll-Mittenbildschirm, schaffen zuvorkommende Klimatisierung, solide Verabeitung, griffsympathische Materialien und das angenehme Geräuschniveau solide Rahmenbedingungen.

Abgesehen davon beweist der BMW 1er, dass Bedienung richtig Spaß machen kann. Von der Stereoanlage über das Andocken per Bluetooth, Musikstreamen bis zur App-Nutzung und den Online- sowie Internet-Funktionen - alles bekommen Interessierte ohne allzu langes Handbuchstudium hin.

Überdurchschnittlich knappe Beinfreiheit im BMW 1er

Im Fond endet die Großzügigkeit des BMW 1er, obwohl die Bayern mit dem längeren Radstand dort rund zwei Zentimeter mehr Platz schufen. Der Normsitzraum, also die Beinfreiheit, zählt nach auto motor und sport-Messungen zu den knappsten der Klasse. Dennoch können zwei Erwachsene dort ohne Stützstrümpfe und Thrombosegefahr auf Überlandfahrt gehen.

Das Gepäckvolumen des BMW 1er (360 bis 1.200 Liter) erreicht Kompakt-Standard, das Umklappen der Lehnen verläuft mühelos, die Sitzflächen sind nicht aufstellbar, und unter dem Ladeboden wartet statt Extrastauraum die Batterie. Der Einstieg speziell nach hinten fällt etwas schwer, der Blick zurück wird von den C-Säulen und der kleinen Heckscheibe eingeschränkt, also Klappkopfstützen ordern (60 Euro).

Nach vorn linst der BMW 1er per Kamera, die Schilder lesen, Fahrbahnmarkierungen registrieren und Vorausfahrende beobachten kann. Beim Spurverlassen vibriert das Lenkrad, bei zu dichtem Auffahren warnt ein zunächst optisches Signal, bei Gefahr piept es. Beides kommt allerdings so spät, dass der Fahrer des BMW 1er fix reagieren muss, um einen Unfall zu verhindern. Zumal das System zwar die Bremsbeläge leicht anlegen, aber nicht autonom verzögern kann. Immerhin hilft auch die BMW-Lösung, Kollisionen zu vermeiden und nervt im Gegensatz zu manchen Systemen der Konkurrenz nicht durch Fehlwarnungen.

Wäre ja auch noch schöner, wenn der Fluss der Geschwindigkeit an Bord des geschmeidigen Kompakt-BMW durch Gepiepse und Gebimmel gestört werden würde. Womit sich der BMW 1er den Unesco-Titel redlich verdient hätte - wenn der Nachfolger keinen Vorderradantrieb bekäme.

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Jörn Thomas

Autor:

auto motor und sport, Heft 21 / 2011

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