VW Multivan 2.0 BiTDI im Test: Das Raumwunder mit neuem Motor

VW Multivan 2.0 BiTDI

Seit fünf Generationen gilt der VW Bus als eines der großen automobilen Universalgenies. Jetzt wurde der T5 mit einer Nasenkorrektur und einem neuen Biturbo-Diesel aufgefrischt.

VW Busse schaffen Erinnerungen. Im Fall des Autors an 21 Umzüge, zwei Entrümpelungen (du ahnst erst, wie viele Menschen dich kennen, wenn du einen Bulli hast), an eine epische 20.000-Kilometer-Europatour mit Schnee in Edinburgh, Räubern in Verdun und der Orangenblüte in Sevilla, an eine zugige Dezembernacht mit einem schlecht gelaunten spanischen Grenzer und seinem noch schlechter gelaunten Drogenhund. Und an 50 Diesel-PS, die den T3 zu einem Tempo verführen, das knapp über dem einer Kontinentalverschiebung liegt.

Der neue VW Multivan wird von einem Zweiliter-Common-Rail-TDI angetrieben

Sein Phlegma legt der Diesel-Bulli erst 1996 in seiner vierten Generation ab, als er den 2,5-Liter-TDI unter die verlängerte Haube gesetzt bekommt und mit dem Fünfzylinder endlich einen angemessenen Motor erhält. Den nimmt ihm VW jetzt weg. Das zuletzt maximal 174 PS starke und per Pumpe-Düse-Prinzip direkteinspritzende Triebwerk wird aussortiert - zu teuer in der Herstellung, lediglich nach Euro 4 abgasrein und nur in T5 und VW Touareg zu gebrauchen - und ersetzt durch den neuen Zweiliter-Common-Rail-TDI. Es ist der gleiche Vierzylinder, der VW Golf, VW Passat und Co antreibt.

Zwei in Reihe geschaltete Turbolader bringen das Multivan-Aggregat auf 180 PS und 400 Nm

Seine vorerst stärkste Variante bekommt als Erster der VW Multivan hinter seine neue Golf VI-Lookalike-Nase gepackt: den BiTDI, den zwei in Reihe geschaltete Turbolader auf 180 PS und 400 Nm plustern. Dabei wird es nicht bleiben, darauf deutet der TDI-Schriftzug hin. Bisher sind nur das D und das I rot eingefärbt. Alle Buchstaben in Rot trägt immer das stärkste Modell - gut 200 PS dürften es mal werden. Es reicht aber schon jetzt. Die Bedenken der Fünfzylinderfans, ob zwei Liter Hubraum nicht ein bisschen mickrig seien für den bis zu drei Tonnen schweren Multivan, fegt der Biturbo mit maximal 1,9 bar Ladedruck hinweg. Ab dem Leerlauf ragt die Drehmomentkurve so steil empor wie die Eiger-Nordwand und errichtet ihr Gipfelkreuz auf einem breiten Plateau von 400 Nm.

Der neue Motor ist hochkultiviert, verliert aber bei der Beschleunigung

Wie seine mit nur einem Lader ausgerüsteten Common-Rail-TDI-Kollegen verteilt auch der Biturbo seine Kraft - bis auf kleine Durchhänger bei starkem Beschleunigen - homogen und verzichtet darauf, den Passagieren mit Wucht und ohne Vorwarnung in den Hintern zu treten, wie es noch der Pumpe-Düse-Diesel tat. Den übertrifft der Bi auch mit seinem hochkultivierten Lauf deutlich, nur bei den Fahrleistungen gelingt ihm das nicht. Eine Sekunde fehlt bei der Beschleunigung von null auf 100 zu seinem Vorgänger - und zur eigenen Werksangabe.

Der Verbrauch sinkt gegenüber dem Vorgänger um 1,7 L/100 km

Das ist im Alltag aber von einer ungeheuren Belanglosigkeit, ebenso wie jedes Gezeter über die schwächere Viertelmeilen-Sprintkompetenz des Biturbo. Vor allem, wenn man sich an die alten Saugdiesel-Zeiten erinnert, in denen man das Verb "überholen" ausschließlich in der Passivform benutzte. Der Biturbo motorisiert den Multivan in Kooperation mit dem leichtgängigen und präzise schaltbaren Sechsganggetriebe nicht nur ebenso souverän, sondern dazu noch viel sparsamer als der alte Motor. Statt wie versprochen um 0,8 unterbietet er den Fünfzylinder um 1,7 Liter/100 km. Für diesen leer 2,5 Tonnen schweren Riesenkasten dürfen gut zehn Liter/100 km als angemessen sparsam gelten. Wegen der großen Stirnfläche des Bulli steigt der Konsum ab 140 km/h stark an - noch so ein Problem, das es früher nicht gab.

Bequemer als der Multivan bringt kein anderer Van sieben Passagiere unter

Andere Traditionen dagegen setzt der geliftete T5 fort - was schon daran liegt, dass außer Motor und Nase bei der Überarbeitung nicht viel überarbeitet wurde. So federt der weich abgestimmte Bulli weiterhin mit großer Sorgfalt, kommt dabei mitunter ein bisschen ins Schunkeln und Nicken, was empfindliche Passagiere auf kurvenreichen Straßen bisweilen seekrank macht. Ansonsten betüddelt er sie - vor allem in der teuren Highline-Variante. Dort fächelt ihnen die Dreizonen-Klimaanlage kühle Luft zu. Dazu ist der Fond mit zwei drehbaren Ledersesseln möbliert, einem runden Tisch und der breiten Dreiercouch, die sich zum Doppelbett umbauen lässt. Außerdem gibt es zahllose Ablagen und clevere Details wie Sonnenrollos oder Armlehnen. Bequemer als der Multivan bringt kein anderer Van sieben Passagiere unter.

Die Größe des VW Multivan stört im Verkehrs-Alltag kaum

Soll die gute Stube ausgeräumt werden, wird es mühsam. Die Sitze rücken nur widerwillig auf ihren Schienen, wer sie allein herauswuchten will, sollte Bandscheibenvorfällen gegenüber aufgeschlossen sein. Das schmälert die Umzugsbegehrlichkeit des Multivan - was für die Besitzer erfahrungsgemäß nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Dass hinter dem Fahrerhaus ein Kasten mit 4,3 Kubikmeter Volumen hängt, stört im Alltag kaum, obwohl Bus-Neulinge zunächst eher nach Bauplätzen als nach Parklücken suchen, wenn sie den Bulli abstellen wollen. Und noch immer stehen sich Parkhäuser und der Multivan zu Recht mit einer gewissen Grundskepsis gegenüber.

Der kompakte Wendekreis beschert dem VW Multivan eine ausgeprägte Handlichkeit

Aber so riesig ist der T5 nun auch nicht - 1,6 Zentimeter kürzer gar als ein Opel Insignia Sports Tourer. Dank der hohen Sitzposition, der eckigen Form, großen Außenspiegeln und sensiblen Parksensoren lässt sich der VW mit etwas Übung zentimetergenau rangieren. Der kompakte Wendekreis sorgt zudem für ausgeprägte Handlichkeit. Die bleibt auch auf Landstraßen erhalten, zumal der VW Multivan als Highline serienmäßig mit der Servotronic kommt. Sie passt die Lenkkräfte harmonisch an und ermöglicht gute Präzision, ohne Hektik zu verbreiten oder die Rückmeldung dramatisch zu vernachlässigen. So fährt der T5 mühelos und wendig, nur der Hütchenspielerei beim Slalom kann er nicht viel abgewinnen. Die fadingfrei, aber mäßig verzögernden Bremsen sind die einzige Einschränkung der ansonsten tadellosen Fahrsicherheit.

Auch die gehört schon lange zu den Charaktereigenschaften des VW Bus. Wie der hohe Preis, der dafür sorgt, dass man ihn sich nicht leisten kann, wenn man ihn an meisten braucht, und dann nicht mehr braucht, wenn man ihn sich leisten könnte. Wem dies dennoch gelingt, der bekommt den mal wieder besten Bulli, an den man sich erinnern kann.

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Sebastian Renz

Autor:

auto motor und sport, Heft 25 / 2009

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