Mercedes Sprinter 4x4

Großer Allrad-Kasten

Mercedes Sprinter 4x4 Foto: Daimler 19 Bilder

Mit dem neuen Sprinter 4x4 ist das Allrad-Angebot bei den Mercedes-Vans komplett. Wir gingen mit dem großen Allrad-Kastenwagen auf Tour und haben uns auch seine kleinen und großen Brüder angesehen.

Mercedes und Allrad – das hat nicht erst seit dem G-Modell Tradition. Das Geschäft mit allradgetriebenen Transportern allerdings überließen die Stuttgarter in der Vergangenheit zu einem beträchtlichen Teil externen Anbietern wie Iglhaut, wo den Kastenwagen nachträglich das überlegene Antriebskonzept eingebaut wurde.

Diese Umsätze möchte man inzwischen gerne selbst machen. Mit der neuen 4x4-Option für die Sprinter-Baureihe ist jetzt die letzte Lücke geschlossen, vom kompakten Großraum-Van Vito bis zum Riesenkasten Vario gibt es nun Allrad für alle.

Mercedes Sprinter 4x4: Ungewöhnliches Allradsystem

Eines wird allerdings gleich zu Beginn klar: die Umrüster werden auch künftig ihre Nische haben, denn Mercedes bedient mit dem neuen Allradsystem vor allem gemäßigtere Ansprüche. Wer extreme Klettertauglichkeit mit kräftiger Geländereduktion und deftiger Höherlegung wünscht, muss nach wie vor den Weg zum Drittanbieter gehen.

Doch den meisten Anwendern wird die nun verfügbare 4x4-Option ab Werk genügen, denn die ist auch nicht ohne. Sie besteht aus einem zuschaltbaren Permanent-Allrad und einer optionalen Getriebeuntersetzung, wobei besonders ersteres einer näheren Erklärung bedarf. Im normalen Leben lässt sich der 4x4-Sprinter wie seine gewöhnlichen Kollegen mit Heckantrieb bewegen. Wird die zusätzliche Traktion benötigt, kann bis zu einer Geschwindigkeit von 10 km/h die Vorderachse per Knopfdruck zugeschaltet werden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Zuschalt-Systemen bleibt das Verteilergetriebe dabei jedoch „offen“, es entstehen keine Verspannungen bei Kurvenfahrt.

Auch die Kraftaufteilung ist unkonventionell, sie liegt bei 35:65% zwischen Vorder- und Hinterachse. Statt Differentialsperren greift das 4ETS-System auf die Bremsen zu, wenn einzelne Räder durchdrehen, und stellt so die Traktion wieder her. Die zuschaltbare Getriebeuntersetzung um den Faktor 1,4:1 ist relativ milde abgestuft, bringt aber dennoch ein entsprechend erhöhtes Drehmoment-Potential für schwierigen Untergrund.

Mercedes Sprinter 4x4: Beachtliche Höherlegung

Die Bodenfreiheit gewinnt beim Allrad-Sprinter deutlich. Elf Zentimeter an der Vorderachse, acht Zentimeter an der hinteren beträgt die Zusatz-Luft gegenüber den Standard-Modellen. Das schafft für viele Situationen den ausreichenden Freigang und verbessert vor allem den Rampenwinkel drastisch von 17 auf 25 Grad, was beim überfahren von steilen Kuppen Welten sind. Die Wattiefe gibt Mercedes mit 610 Millimeter frei, da darf sich mancher „echte“ Geländewagen verstecken.

Verfügbar ist der Allrad in den kräftigeren Dieselversionen 313/316 mit Vierzylinder und 2,1 Liter Hubraum und im 319 mit dem Dreiliter-V6 (sowie in den Fünftonner-Versionen 513 bis 519). Nur die als Pkw zugelassenen Kombi-Sprinter müssen bislang noch mit den bisherigen Euro-4-Motoren (311 und 315, 109 bzw. 150 PS) auskommen.


Ein besonderes Schmankerl im Angebot ist dabei natürlich der stramme V6-Diesel im 319er Kastenwagen, mit dem wir auch auf Testfahrt gingen. Bemerkenswert, wie der Dreiliter-Commonrail-Motor den Riesenkasten auf Touren bringt – zumindest mit dieser Motorisierung trägt der Sprinter seinen Namen zu Recht. 190 PS und 440 Newtonmeter Drehmoment spendiert der kettengetriebene V-Motor, den man neben der Sechsgang-Schaltung auch mit einer Fünfgang-Automatik kombinieren kann.

In der Kombination V6 und Automatik kommt der Großraum-Kasten herkömmlichen Vans in Sachen Fahrkomfort bereits sehr nahe, Leistungsmangel herrscht zu keinem Zeitpunkt. Besonders aufwändig betrieb Mercedes dabei das Kapitel Fahrsicherheit: das „ADAPTIVE ESP“ wurde komplett neu auf den Allradantrieb abgestimmt und bleibt in allen Antriebssitautionen aktiv. Über eine komplexe Berechnungslogik unter anderm über Gierraten und Beschleunigungssensoren ist das ESP sogar in der Lage, die Beladung des Sprinter zu erkennen und regelt dementsprechend unterschiedliche Kurven für ein leeres oder voll beladenes Fahrzeug. Auf einem Fahrsicherheitsgelände mit Handlingkurs konnten der Sprinter im Fahrbericht die hohen Ansprüche unter Beweis stellen – das Fahrverhalten verdient trotz des ungünstig hohen Aufbaus das Prädikat „narensicher“.

Eine ausgedehnte Gelände-Exkursion bewältigte der Mercedes Sprinter 4x4 im Fahrbericht relativ unbeeindruckt. Die Bodenfreiheit ist für die meisten Fahrsituationen völlig ausreichend, die Kraftreserven mit V6, Automatik und Untersetzung gewaltig. Lediglich die unkonventionelle Kraftaufteilung zu Gunsten der Hinterachse macht sich speziell bei Bergauffahrten auf losem Untergrund bemerkbar, wo man sich von vorne mehr Beteiligung wünscht, ohne dass das ETS über die Bremsen eingreifen muss.

Fazit: Mit dem Sprinter-Allrad ab Werk lassen sich die meisten Anwendungen vom Baustelleneinsatz bis zur Fernreise abdecken, nur für extreme Offroad-Einsätze ist er nicht geeignet. Hier gerät allerdings auch mit massiveren Umbauten das Kastenwagen-Konzept generell an seine Grenzen. Leider ist der Werks-Allrad kein billiges Vergnügen. Er ist nur in den stärkeren, teureren Versionen (Basis: 313 CDI ab 37.420 Euro) zu haben und kostet inklusive Gelände-Untersetzung 10.300 Euro Aufpreis. Die Fahrsicherheit sowie  Fahrkomfort und Kraftentfaltung sind speziell beim V6-4x4-Sprinter der Maßstab in dieser Klasse – der kostet allerdings auch als Kasten mindestens 60.000 Euro.

Details zum Sprinter 4x4 und seinen Allrad-Kollegen Vito und Vario finden Sie in der Fotoshow.

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