auto motor und sport Logo
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Twintec-Euro 6-Nachrüstung

Erstes Nachrüstsystem serienreif

Twintec Euro6-Nachrüstung BNOx SCR System Foto: Twintec

Dieselmodellen, die nicht die Euro 6-Abgasnorm erfüllen droht künftig in verschiedenen Metropolen ein Fahrverbot. Abgasspezialist Twintec hat ein Nachrüstsystem entwickelt, das Euro 5-Diesel auf Euro 6 trimmt. Jetzt ist das ersten Nachrüstsystem serienreif.

12.03.2018 Uli Baumann

Die Autoindustrie hadert noch mit einer möglichen Nachrüstung von Euro 5-Dieseln auf Euro 6-Niveau. Technisch zu aufwändig, zu teuer oder schlicht nicht machbar heißt es. Abgasspezialist Twintec zeigt nun mit seinem System, dass es doch geht.

System bereit zur Seriennachrüstung

Auf Basis einer für für Land- und Baumaschinen entwickelten Abgasnachbehandlung mit AdBlue-Einspritzung hat Twintec zunächst einen Prototyp für den Pkw-Einbau vorgestellt. Verbaut wurde der Prototyp in einem VW Passat TDI aus dem Baujahr 2014, der die Euro 5-Abgasnorm erfüllt. Jetzt meldet das Unternehmen, dass die Entwicklung des BNOx-Systems zur Stickoxidreduktion bei Diesel-Pkw für die Seriennachrüstung des volumenstarken VW Passat erfolgreich abgeschlossen wurde. Weitere Systeme sind für mehrere Volumenmodelle auch anderer Hersteller in Vorbereitung. Twintec rechnet damit, dass diese Systeme nach Vorliegen der Zulassungsrichtlinien in rund sechs Monaten ebenfalls für eine Nachrüstung in Serie bereitstehen können.

Umrüstkosten liegen bei rund 1.500 Euro

Zentrales Element des Systems ist die neue Harnstoffeinspritzanlage. Vereinfacht besteht das BNOx SCR-System also aus einem Generator, welcher NH3 Gas direkt in den Abgasstrang eindosiert. Während bei werkseitig eingebauten Anlagen das Additiv direkt in die Auspuffanlage eingespritzt wird, nutzt Twintec einen im Motorraum verbauten elektrischen Generator der das Additiv in gasförmiges Ammoniak verwandelt, bevor es dem Abgas zugeführt wird. Damit reduziert Twintec die für die Schadstoffreduzierung notwendigen Temperaturen, denn der Generator erzeugt bereits ab Abgastemperaturen von 150 Grad Ammoniak, während herkömmliche AdBlue-Anlagen erst ab 220 Grad aktiv werden. Zudem kompensiert er eine motorferne Anordnung des SCR-Kats.

Nach Angaben von Twintec soll das BNOx-SCR-System die Stickoxide um 99 Prozent auf dem Prüfstand und um 94 Prozent unter realen Bedingungen auf der Straße reduzieren. Damit soll sogar sogar die ab 2020 gültige Euro-6d-Norm erreichbar sein. Die Kosten für eine Umrüstung sollen bei rund 1.500 Euro liegen. Eine mögliche staatliche Förderung ist derzeit nicht in Sicht, die Kosten würde damit komplett der Fahrzeughalter tragen.

ADAC-Test bestätigt Funktion

Der ADAC hatte den Twintec-Prototypen auf seinen Prüfstand gestellt und nachgemessen. Ergebnis: Der Stickstoffdioxid-Ausstoß (NOx) eines dafür geeigneten Euro-5-Dieselmotors konnten um bis zu 90 Prozent reduziert werden. Bevor jedoch Nachrüstsätze angeboten werden können, seien noch zahlreiche Fragen zu klären. Nicht zuletzt müsste die Gesetzgebung angepasst werden.

ADAC Messung Twintec Nachrüstung Euro 6 Foto: ADAC
ADAC-Messergebnisse Twintec Nachrüstung Euro 6.

Um die NOx-Emissionen unter dem Euro 6-Grenzwert zu halten, verbrauchte der Prototyp etwa zwei Liter AdBlue pro 1.000 Kilometer. Die Abgasexperten des ADAC gehen auch auf Basis dieser Messung davon aus, dass je nach Größe, Gewicht und Motorisierung des Fahrzeugs für einen durchweg sauberen Betrieb zwischen 1,5 Liter und drei Liter AdBlue auf 1.000 Kilometer nötig sind. Die zusätzlichen Kosten für das AdBlue belaufen sich somit im ungünstigsten Fall auf etwa 20 Cent pro 100 Kilometer (bei einem Verbrauch von drei Litern AdBlue pro 1.000 Kilometer und einem Literpreis von 65 Cent). Dazu kommt ein Mehrverbrauch von etwa 5 %, da die Lichtmaschine je nach Temperatur und Fahrprofil über 400 Watt zusätzliche Energie für das Heizmodul liefern muss.

Auch wenn die Messungen positiv stimmen, gibt es für den ADAC noch unbeantwortete Fragen, die vor dem Serieneinsatz geklärt werden müssen: Kosten mit Einbau, Systemeinbindung in das Fahrzeug (u.a. Fehlerüberwachung), Dauerhaltbarkeit und Betriebssicherheit. Auch müsste sichergestellt sein, dass durch die Nachrüstung solcher Systeme nicht neue umweltschädliche Stoffe freigesetzt werden. Denn eine Überdosierung von AdBlue kann für einen erhöhten Ausstoß an Ammoniak sorgen – ein bisher unlimitierter Schadstoff. Hierfür fehlen noch schnell reagierende Sensoren.

Nicht zuletzt bleibt die Frage, ob ein solches System überhaupt flächendeckend in viele unterschiedliche Fahrzeugmodelle nachgerüstet werden kann. Oftmals fehlt es schlicht an Bauraum, um die Systemkomponenten unterbringen zu können.

Neuester Kommentar

Auf meine Nachfrage gab Twintec an, erst dann weitere Katalysatoren zur Serienreife zu bringen, wenn die Politik sich zur blauen Plakette entschieden hat, eine Nachrüstung also unumgänglich ist. Verständlich, denn eine frühe Produktplatzierung würde den Leidensdruck und damit den möglichen Umsatz verringern.

Volker Tantow 28. März 2018, 12:56 Uhr
Neues Heft
WhatsApp Newsletter
WhatsApp Newsletter
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden